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Dr. AA^illielni Reim 



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Uie J unkt 



des Orgasmus 



-Neue Arbeiten zur ärztlicten PsYclioa&alyse 

Herau<gtgelieii von Pi^f. D«. jSigm. Fnudl 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Neue Arbeiten zur ärztliciien irsycnoanalyse 

McrausgejcDen von Prof. Dr. oigm. Treua 

Nr. VI 



JJie Jl unktion des Orgasmus 

2ur Psycnopatkologie luio zur 
Ooziologie des (jesaxleaitsleoeixs 



Dr.Willaelm ReiA 

Aaiutent tun Psj^oanalytüJien AraWlatonum 
in Vien 



19 »7 

internationaler Psyaioanalyti«ajer Verlag 

Xeipsig / Wien / Züridi 



f'OOüj^^ 



Alle Redite, 
insbesondere die der Überseliung, vorbehalten 

♦ 

Copyright 1927 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 
Ges. m, h. H.". Wien 



Urudc; Oirbtaph Heiisez's SShne Wien Y 



Jjileinem. Lehrer 

Professor Sigmund Freud 

in tiefer Verehrung 



InLalt 

Seite 

Vorwort 7 

/. Der neurotische Konuikt 11 

11. Die orgastische Potenz i8 

III, Die psycniscnen Störungen des Orgasmus SQ 

a) Die Herabsetzung der orgastischen Potenz (onanistischer Koitus, 

Onani«) jl 

hj Die Zersplitterung des Orgasmus (akute Neurasthenie) ... 54 

c) Die absolute orgastische Impotenz (Hypästhesie, Anästhesie) . 41 

4) Die Sexualerregung hei der Nymphomanie 50 

IV. Somatisclie loliidottauunj tin<I Angstaffekt 58 

a) Allgemeines üher Sbm, Tendenz und Quelle des neurotischen. 

Syniptoms 58 

bj Angst und vaso vegetatives System 65 

ej Sexualerregung und autonomes Nervensystem 68 

dj Die psychische Ätiologie der Aktualnenrose 75 

eJ Aus der Analyse einer Hysterie mit hypochondrischer Angst 81 

f) Befürchtung und Angstaffekt 87 

r- Psycho neurotische ocnicksale der Genitallitido 98 

ij Konversionssymptom und hysterische Impotenz 100 

2j Die zwangsneurotische Impotenz 106 

}) Die genitale Asthenie der chronischen hypochondrischen Neur- 
asthenie 1 ij 

^ Aus der Analyse einer chronischen Neurasthenie 115 

k) Die genitale Asthenie (Zwei Formen der ejaculatio praecox) 125 



G Die Xunktioti des Orgasmus 

S«Ue 

VI. 'Zur ■psycnoanalYtiiclien Genital tlieorie 133 

VII. Die AtLängigkcit des DestruLtionstrielies von. der Lioiaa- 

stauuRj 152 

VUI. ütet Jie soKiale Bedeutung der gemtalen Strctungeu . . . iSi 

a) Die Spaltung der genitalen Tendenzen in der GeseUscJiaft , 161 

b) Die Folgen der Spaltung der Geschlechtlichkeit für die Ehe 171 

c) Zur Frage der Abstumpfung der Gemtalität in der mono- 
gamen Ehe 176 

d) Der erolische und der soziale Wirklichkeitssinn i86 

Register 200 



Vorwort 

„Wir abet sag-eji uns, wer die Erziehung 
lur Wahrheit gegen sich, seihst nnit Erfolg 
dirrchge macht hat, der ist gegen die Gefahr 
der UDsittlichkeit dauernd geschützt, mag 
sein Maßstali der Sittlichkeit auch vos dem 
in der GeEellscliaft üblichen irgendwie ab- 
weichen." Freud 

Die theoretischen Probleme, die hier behandelt -werden, ergaben sich aus 
prahtiscken Fragestellungen bei der psychoanalytischen Behandlung seelisch 
Kranker. Es ivaren mir geivisse Zusa.7nmenhänge zwischen den positiven so- 
jvokt wie den negativen therapeutischen Reaktianen dieser Kranken und ihrer 
Genitaütät aufgefallen, die ich in der „Internationalen Zeitschrift ßir Psycho- 
aiuttfse" bereits teilweise behandelte.^ 

Bei der weiteren Verfolgung der theoretischen Fragen ließen sich gesetz- 
mitßige ursächliche Beziehungen zwischen den neurotischen Prozessen und den 
Störungen der Genitalfunktion feststellen, die jene therapeutischen Reaktionen 
erklär en, uns verstehen lassen, warum die Impotenz, beziehungsweise die 
Frigidität regelmäßige Begleiterscheinungen der Neurose sitid, und auch ver- 
ständlich machen, warum die Vorm der Neurose die der genitalen FunktioTis- 
störung bestimmt vnd umgekehrt. Im, Hinblick auf die Funktion des Orgasmus, 
der allmählich zum, Kernprahlem -wurde, erscheinen auch das Angstproblem, 
gewisse eheliche und soziale Phänomene wie auch die Frage der Neurosen- 
therapie in hlarerem. Lichte. Wenn sich attch diese Arbeit völlig auf der 
Freudschen Sezualtheorie und Neurosenlehre aufhaut, hann ich mir doch 
nicht anmaßen, die hier vertretene Auffassung der Dynamik der psycho- 
analytischen Therapie und ihrer Aufgaben ah von der Freudschen Schule 

i) Über Spezifität der Onaniefonnen, Int. Ztschr. t PsA., Bd. VIII (igai). — 
Über GenitalitSt Tom Standpunkt der psychoanalytischen Prognose imd Therapie, 
Bd. X (1924). — Weitere Bemerkungen üher die therapeutische Bedeutung der 
Geiiitallibido, Bd. XI (1935). — Über die Quellen der neurotischen Angst (Beitrag 
lur Theorie der psychoanalytischen Therapie), Bd. XII (1946), 



8 Die Funktion des Orgasmu« 

bereits angenommen hinzustellen; sie entspricht meinen eigenen Minischen, Er- 

Jicthrungen. Dessenungeachtet glaube ich, daß meine Auffassung von der Be- 
deutung der Genitalität, insbesondere des genitalen Orgasmus för die Theorie 
laid Therapie der Neurosen und der neurotischen Charaktere die grundlegen- 
den psychoanaly-tischen Theorien in gerader Linie /ortfuhrt und eine hon- 
sequentere Anwendung der Neurasenlehrs auf die Therapie ermöglicht. 

Mit dem Proilem, des Orgasmus hängen auch viele Fragen der Charakter- 
lehre und der Psychologie des Ichs aufs innigste zusammen. Ich war iestreht, 
diese so iveit möglich aus der DisJcussion auszuschalten, weil sonst die Em- 
heitlichheit des Themas m sehr gestört Tvorden wäre; aber auch die eigene 
artige Problematik der psyckoanalyi,iscken Charaiterlehre forderte ihren Aus- 
Schluß, Denn erstens ist ihre ilinische Grundlage noch nicht vollständig genug, 
zweitens enoeist es sich als notwendig, zur psychoanafyliscken Charahterlekre, 
deren systematische Grundlagen uns Freud in seinem Stiche „Das Ich und 
das Es eröffnet hat, von der Sexualtheorie aus im Detail vorzudringen. 
Das mußte vorgebracht werden, um dem Vorwurf zu begegnen, daß die 
Psychologie des Ichs vernachlässigt laurde. 

Durch die Abtrennung des großen Themas, das mÄ in einem, Kurse des 
Wiener Psy^oanalytiscken Lehrinstituts unter dem Titel „TriebpsychoUgie 
und Ckarakterlehre abzugrenzen versuchte und einer eigenen Ahhandlung 
tioriehalte, entstanden aber empfindliche Lücken in dieser Arbeit, die den 
AiHaß zu manchem Mißverständnis gehen könnten. Sextiaitheoretisch wurde 
in der Darstellung, soweit meine Erfahrungen es erlaubten, Vottsiändigkeit 
angestrebt; es ist mir bewußt, diese bei ujeitem nicht erreicht zu haben. So 
wurden die Störungen der Genitalfunktion bei der Stüyrriasis, der Epilepsie 
und den Psychosen trotz vereinzelter Befunde nicht hesprochen. Sofern diese 
Mißverständnisse sachlicher Natur sein iverden, hoffe ich sie später zu be- 
seitigen. Ich muß aber in Anbetracht der Eigenartigkeit des behandelten 
7l%emas aw^ auf affektiv begründete Einwände gefaßt sein. Die Publikati^m 
erfolgt im Bewußtsein, einen sehr „explosiblen Stoff behandelt zu haben,. 
Die Frage des Orgasmus und die Rolle, die er im. individuellen und sozialen 
Leben spielt, können nicht leicht unpersönlich und affektlos diskutiert werden. 
Dieses Thema hat allzuviel mit dem Erleben jedes Einzelnen zu tun. 

Daraus entsteht leicht die Gefahr einer subjektiven^ uieltanschauliAen 
Färbung oder Verzerrung sacMicher Urteile. Die Frage ist aber nicht, eh 
Oberhaupt eine Weltanschauung vorliegt, sondern welcher Art sie ist, oh 
etwa — wie speziell bei unserem. Thema — eine ethisch loertende Ein- 
stellung zum. Sexualproblem, van der Wahrheit wegfuhrt oder ob eine anders 
geartete moralische Stellungnahme gitr Erforschung der Wahrheit zwingt. 



t 



Vorwart 



Es ist femer ein wesentlicher Unterschied, ob man die Tatiachen des sexuellen 
Lebens an dem wiUkürKcken Maßstabe des unbeweisbaren „Gut" oder „Böse" 
mißt, oder ob man mit BesLug auf ein anethisches Ziel wertet, etwa fest- 
stellt, daß dieses oder jenss Tun des JvidivUiuums seiner seelischen Gesund- 
heit, d. h. seiher Liebes- und Arheiisfahigheit nützt oder schade. Ick glaube, 
uB'ef diese Art der Wertung von Se:rualfragen nicht hlnmägegangen zu 
sein, ivo ich Fragen d€s ehelichen Geschlechtslebens und der herrschenden 
Sexualmoral behandle. 

Da meines Wissens tine derartige Untersuchung noch nicht vorgenommen 
wurde, ja da es den Anschein hat, als wäre die Funktion des Orgasmus ein 
Stiefkind der Psychologie und der Physiologie, mögen die Ergebnisse selbst 
das Unternehmen rechtfertigen, und über die IVichtiglceit des Themas ent- 
scheide sachliche Kritih. Vor der Gefahr der Überschätzung schützen in erster 
Linie die Tatsachen; eine rohe Statistik über die Häufigkeit der hnpotenz 
mid Frigidität bei den Neurosen und einige ausführliche Krankengeschichten 
können nur ungefähr den Eindruck -ujiedergeben, den m.an in der Praxis 
bekommt, wenn man sich ihm nicht um jeden Preis versdilieJ3t, Überdies 
ist eine Unterschätzung der Sexualfunhtion derzeit noch immer viel loahr- 
scheinlicher und nachteiliger als unter Umstanden eine Überschätzung. 

Dem, ist es auch zuzuschreiben, daß sich das Problem, der som.atischen 
Grundlage der Neurosen, sofern es überhaupt angegangen ujurde, als 
unzugänglich erwies; nur scheinbar allerdings, denn der Weg dazu fiäirt 
aber die Frage nach dem Sexuallehen des „nertiiisen Menschen, die außer- 
kalb der Psychoanalyse nach -wie vor ängstlich vermieden u>ird. Es ist ge- 
schiehtlich interessant, daß, ivährend die Physiologen gegen die Theorie einer 
Psychogenie der Neurosen auftraten und vergebens nach der somatischen Gruni- 
lage forschten, der medizinische Psychologe Freud „den soTnatischen Kern 
der Neurose" mit Hilfe einer psychologischen Methode entdeckte, Ziviscken 
dem Zeitpunkt dieser Entdeckung und heute liegen dreißig Jahre psycho- 
analytischer Erfahrungen. Unsere Untersuchung der Funktion des Orgasmus, 
der ein psycho-physisches Phänomen ist, muß daher weit zurückgreifen und 
von den seelischen Äußerungen der somatischen Störungen des Sexuallebens 
ausgehen, die Freud ab „Aktualneurosen ' zusammenfaßte und den „Psycho- 
neurosen gegenüberstellte. Infolge der raschen Fortschritte, die die Psycho- 
analyse in der Erforschung der seelischen Ursachen der Neurosen Tnachte, 
verblaßte das Interesse an der „Lihidostauung", die ursprünglich ihrem 
Wesen nach somatisch gedacht ujar. Sie bedeutete im, Sinne der Freudschen 
Definition Anhäufung fhysio- chemischer Sexualstoffe, die körperliche Span- 
nungen erzeugen und sich als tT-iebhafter Drang zur Sexualbefriedigung 



Die Funktion ies Or^smus 



äußern („Ih-ei Ahhitndlungen zur Sexualikeorie" , Ges. Schriften, Bd. F), Und 
die Neurosen, „die sich auf Störungen des Sexuallebens zurückführen lassen, 
zeigen die größte Minische Ähnlichkeit mit den Phänomenen der Intoxihation 
und Abstinenz, welche sich durch JiabitueUe Einführung Lust erzeugender 
Giftstoffe ergehen" (Freud), Der Begriff der Libido beham dann, immer 
mehr die Bedeutung einer psychischen und biologischen Energie; darunter 
litt jedoch ungerechtfertigterweise das Interesse am »aktualneurotischen fd. h. 
soTnatiichen) Kern der Neurose". In den letzten zehn Jahren -war haum mehr 
davon die Rede. Freud selbst hält nach ivie vor an seiner TTieorie der 
Aktualneurasen fest („Hie Medizin der Gegenwart in Selhstdarstellungen" , 
1^24), obgleich sich seine Lehre seither nicht mehr mit dieser Seite des 
Neurosenprohlems befaßt hat. 

Mehrjähriges kontinuierliches Studium der Ursachen, Äußerungsf&rmsn 
und Wirkungen der somatischen Libidostauung hat mich zur Überzeugung 
gebracht, daß die Freudsche Theorie der Aktualneurosen, die auch vielen 
Einutäjiden von anofytischer Seite standhielt, nickt nur heuristisch wertvoll 
ist, sondern auch als Lehre von der physiologiscken Grundlage der Neurosen 
ein. unerläßliches Stüch der Psychopathologie und der Theorie der ana^ 
lyiischen Therapie ist. So verfolgt diese Arbeit auch den Z'u.'eck, in Erinne- 
rung zu rufen, daß Freud uns einen Weg zum, Problem der organischen 
Grundlage der Neurosen gezeigt hat, und nachzuiveisen, daß ■wir seine lange 
vernachlässigte Entdeckung theoretisch und praktisch erfolgreich auswerten 
können. 

Wien, im. Oktotet 19*6 Dr. W^lkelin Heidi 



I 

Der neurotiscKe JvonlUkt 

Freuds psychologische Entdeckung, die die gesamte Psychopathologie 
auf eine neue Grundlage stellte und ihr durch fruchtbare Fragestellungen 
neue Wege wies, wax; erstens, daß jedes scheinbar noch so sinnlose neuroti- 
sche und psychotische Symptom einen sinnvollen Inhalt hat, der sich in das 
Gesamterlehen des Eranken bei genauer Kenntnis desselben restlos einfügen 
läßt; zweitens, daß die neurotischen Symptome durch einen Konflikt 
zwischen primitiven Triefaansprüchen und moralischen Forderungen ent- 
sielien, die die Triebbeßciedigung verbieten. Die „innere Yersagung" der 
Triebbefriedigung, die wir bei Kranken imroer antreffen, leitet sich aus 
der äußeren Einsdhräakimg der Triebhaftigkeit ab, die der Kranke seiner- 
Ecil ds Kind durch die Ehern und ihre Stellvertreter erfuhr. Der 
Konflikt zwischen Trieb-Ich lond moralischßm Ich war also nrsprüng- 
lich ein solcher zwischen Trieb-Ich und A-üßenwelt und hat diesen 
Charakter bei manchen Psychosen (Freud) und triebhaften Psychopathen' 
dauernd beibehalten. Bei der Neu rase hingegen hat ein wichtiger Teil 
der Persönlichkeit die Realitätsanpassung zustande gebracht, während ein 
anderer Teil eine Entwicklungshemmung auf einer frühen Stufe der 
seelischen Entwicklung erfuhr, so daß ein Konflikt zwischen konträren 
Strebungen entstehen mußte. Es ist nun für die neurotische Persönlichkeit 
bezeichnend, daß das moralische Ich weder den Mut hat, die Tiieb- 
befriedigung in toleranter Weise zuzulassen, noch auch die Kraft aufbringt, 
die Tiieban Sprüche zu verurteilen oder in irgendeiner geeigneten Form 
zu erledigen, weil die erste Voraussetzung dazu, die Bewußtheit der Trieb- 

1} Vgl. Aichhorn; Verwairloste Jug-end (Internationale Psychoanalytische 
Biblioäiek Nr. XIX, igss), imd Reich: Der triebhafte Charakter (Neue Arbeiten 
zur Srstlicheii Psychoanalyse Nr. rV, igsj). 



Die Funktion des Orgasmus 



regungen, fehlt oder imvollständig ist. Das Ich erschrickt bei der leise- 
sten Andeutung einer „unmoralischen," Regung und entledigt sich ihrer 
durch den Akt der „Verdräniguag", der verschiedene Formen haben kann: 
vom einfachen Nichtwahrhaben wollen oder Vorbeisehen über die kompen- 
sative Betonung des Gegenteils der verpönten Trieb regung bis zur totalen 
Aussperrung der Vorstellung aus dem Bewußtsein (hysterische Amnesie) 
und Unterbindung jeder motorischen Erledigimg des entsprechenden 
Affektbetrages. Der verdrängte Triebaaspruch büßt aber keineswegs an 
Stoßkraft ein, sondern wird im Gegenteil durch die „Stauung" der nicht 
erledigten Triebenergie verstärkt; die Gefahr besteht nun darin, daß er der 
Kontrolle der bewußten Überlegung nicht mehr ausgesetzt ist. Er durch- 
bricht bei Anlässen, die entsprechende Situationen bieten, die „Gegen- 
besetzung , beziehungsweise den „Widerstand" des Ichs-, dieser „Durch- 
bruch der Verdrängung'', der den zweiten Akt des neurotischen Prozesses 
darstellt, kann aber nur kompromtßhaft erfolgen, weil auch das Ich 
sich in seiner Abwehr auf mächtige seelische Instanzen stützt, die naan 
mit dem Begriffe „Moral" im populären Sinne umfassen kann. Das 
Resultat ist eine verstellte Triebbefriedigung, die als solche vom 
Bewußtsein nicht erkannt oder, sofern sie weniger verhüllt erscheint, 
als nicht zum Ich gehörig, al$ Zwang empfunden und abgelehnt wird. 

Soweit wäre gegen die psychoanalytischen Ergebnisse Freuds nichts 
einzuwenden gewesen. Der heftigste Widerspruch erhob sich erst gegen 
die Lehre Freuds, daß die Sexualwiinsche ein regelmäßiger Bestandteil 
der verdrängten Triebregungen sind. Es nützte nichts, daß Freud denen, 
die gegen die Psychoanalyse den Vorwurf des „Pansexualismus" erhoben, 
entgegnete, daß erstens auch die sexualablehnende Moral des Menschen 
an der Bildung der Neurose beteiligt ist, ja, diese ohne den Widerspruch 
des Ichs gegen seine Triebe gar nicht zustande kommen kann, und zweitens, 
daß neben den sexuellen Wünschen auch egoistische, grausame und 
andere, nur nicht derart regelmäßig und nicht mit ebensolcher drän- 
genden Kraft an der Herstellung der Neurose beteiligt sind. Ein Teil 
der wissenschaftlichen Welt unterließ es, kritisch nachzuprüfen, was sie 
mit dem Schlagwort „Pansexualismus" abtun zu können glaubte. 

Andere verfolgen vorsichtig und langsam die psychoanalytischen Er- 
gebnisse, die anfangs als Hirngespinste hingestellt wurden, und akzeptieren 
sie teils als eigene (Neu-) Entdeckung, teils in abgeschwächter oder ver- 



zerrter Forni; die wenigsten bedienen sich des von Freud angegebenen 
Verfahrens der psychoanalytischen Technik, um sich von der Richtig- 
keit seiner Lehre zu überzeugen. 

Wir haben die Stellungnalime der Gegner der Psychoanalyse nicht 
ohne Absicht aufs neue vorgebracht. Da wir nämlich darangehen, die 
überragende Rolle nachzuweisen, die die Impotenz des Mannes und die 
Frigidität der Frau in der Neurose spielen, kommen wir auf den Versuch 
Freuds zurück, die affektive Ablehnung seinei Neurosenlehre dadurch 
zu mildem, daß er wiederholt eindringlichst betonte, sein Begriff der 
Sexualität sei weiter als der sonst übliche; daß „genital und „sexual 
niclit dasselbe bedeuten, sonst könnten Pexveirsionen wie die Koprophagie 
und der Fetischismus nicht Sexualerkrankiingen genaimt werden.^ Er wies 
nacli, daß neben der genitalen Sexualität Tendenzen bestehen, die mit 
der Genitalzone nichts zu tun haben (prägenitale Pai-tialtriebe), deren 
Ziel ist, durch Reizung gewisser „erogener Zonen" (Mund, After, Haut usw.) 
befriedigt zu weiden, und die als sexuell schon deshalb zu bezeichnen 
sind, weil sie in den „Vorluslakten beim normalen GeschlechtsverJcehr 
eine wichtige Rolle spielen und, sofern sie sich dem genitalen Primat 
nicht unterordnen, als Perversionen Anspruch auf ausschließliche Sexual- 
befriedigung erheben, Die Betonung des Unterschiedes der Begriffe „genital" 
und „sexual" klingt in den Freudschen Schriften manchmal vrie eine 
Beruhigung über die Folgen seiner Entdeckung; sie blieb ohne Erfolg, 
denn seine Lehre von der Säuglingssexualität und der Analerotik begegnete 
nicht geringeren und nicht weniger affektiven Widerständen, 

Auf Grund dieser Erweiterung des Begiiffes der Sexualität kam Freud 
zum Schlüsse, daß keine Neurose ohne den Sexualkonflikt* entstehen 
könne, d. h. daß nicht immer nur genitale Antriebe sondern auch die 
prägenitalen Partialtriebe als Symptome zum Vorschein kommen können. 

l) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1 Ges. Schtiften, Bd. V). 

4) Kronfeld, der am wenigsten hinter den Fortschritten der Psychoanalyse lu- 
rückgeblielenist \iniiihr großes Veistäninis entg-egeiigebracht hat, nimmt in seiner 
„Sesualpathologie" den Standpunkt ein, daß nicht jede Nenros« auf dem Sesual- 
konfltkt aufg-ehaut sei, der nach Freud einen unerläßlichen Bestandteil des neu- 
rotischen Mechanismus ausmacht, und bespricht eine von ihm so henaimte Gruppe 
der „SexualneuTDsen", womit impHiite g-esa^ ist, daß es Neurosen gibt, die nicht 
sexuell bedingt sind. Den Nachweis solcher Neurosen ist er uns schuldig geblieben. 
Dagegen findet man unter seinen „SeTualneurosen" alle bekannten und in der 
Freudschen Neurosenlebre einbezogenen Neurosenfonnen. 



ii( Die Funktiott des Orgasmus 

Damit war nur gemeint, daß die einzelnen neurotischen Symptome 
unmittelbar durch Verdrängung irgendeines Partialtrietes entstehen 

und seiner lar vierten Befriedigung dienen; so wirkt sum Beispiel ver- 
drängte Analität unmittelbar bei der nervösen Obstipation, die Oralerotik 
beim hysterischen Erbrechen, die Genitalitat beim arc de cercle, der 
Sadismus bei manchen Zwangshandlungen und zwangsneurotischen. Ver- 
meid ungsm aß regeln ; ein aktueller Konflikt kann bei entsprechender Dis- 
position auf jedem beliebigen Gebiete eine Neurose auslösen. Wir wollen 
nun nachweisen, daß sexuelle Konflikte im engeren Sinne, Hemmungen, 
Verdrängungen und Zersplitterungen der genitalen Tendenzen zwar 
nicht immer unmittelbar das neurotische Symptom und den neurotischen 
Konflikt verursachen, aber doch regelmäßig eine wichtige dyna- 
mische Rolle bei ier Herstellung der neurotischen Reaktions- 
basis spielen, auf der sich der neurotische Konflikt aufbaut; ferner, 
daß ihre Beseitigung zufolge ihrer Beziehungen zum kontinuierlichen 
neurotischen Prozeß bei der psychoanalytisclien Therapie der Neurosen, 
worunter wir in erster Linie Beeinflussung der neurotischen Reaktions- 
basis verstehen, eine entscheidende Rolle spielt. 

Als ersten Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht bringen wir die 
Tatsache vor, daß es keine Neurose ohne Störungen der Genital- 
funktion gibt. Die zwei folgenden Statistiken zeigen, daß diese Störungen 
in den allermeisten Fällen nicht etwa subtiler Natur sind, wie sie auch 
beim relativ gesündesten Menschen vorkommen, sondern elementare 
Funktionen der Kohabitation und die psychogenitale Einstellung im. all- 
gemeinen (betreffen. Am häufigsten findet man Sexualscheu und neu- 
rotische Abstinenz, femer alle in der sexuologischen Literatur bekannten 
Formen der erektiven Impotenz (vollkommene, partielle und fakultative 
Erektionsunfähigkeit), der Störungen der Ejakulation (ejaculatio praecox 
oder ante portas und impotentia ejaculandi) und der FVigidität (totale 
Sexualkälte, vaginale An- und Hypästhesie, Vaginismus usw.). Dabei 
zeigt es sich, daß die Schwere der Potenz Störung der Schwere der Neurose 
analog ist und daß auch monosymptomatische Neurosen mit schweren 
Störungen der Genitalfunfction einhergehen. Das gleiche 'gilt für sym- 
ptomlose Charaktemeurosen. Es ist bezeichnend, daß m.an unter Kranken, 
die unter den Erscheinungen des Klimakteriums schwer zu leiden haben, 
keinen findet, der über ein geordnetes Sexualleben aus der Zeit vor dem 



Klimakterium zu Ijerichten wüßte. Am Schlüsse dieser Übersicht seien 
noch die Fälle von Süchtigkeit und allen anderen Arten von Triebhaftig- 
keit genannt, deren Genitalltät stets gro1> gestört ist. 

Die erste Statistik umfaßt 338 Fälle, die das Wiener Psychoanalytische 
Ambulatorium im Verlaufe eines Jahres (November 1933 bis November 
1924) aufgesucht hatten.' 

Pmfcä einfache Anamnese erhobene Befunde 

P'on 166 mämlichat Patienten siTtd; Von pi weiblichen Patienten sindi 

angeblich potent 1? °^^ ya^inale Aü-tHjp-jÄsthesie . . o 

angeblich nur impotent 18 angeblich nur frigid 6 

neurotisch und abstinent 69 neurotisch und aistinent 97 

neurotisch und erektiv impotent , . 27 neurotisch und frigid 37 

neurotisch mit ejaculatio praecox , . 14 neurotisch wege-n. aktueller Ehe- 

pervers und erektiv impotent .... 9 konflikte und frigid 12 

Himakterisch 5 klimaiterisch 9 

aktualneuTotisch erkrankt bei coitus 
interruptus 7 

Bei den restlichen g6 Männern und 45 Frauen liegt kein anamnesti- 
sclier Befund über die Genitalfunktion vor. Zum großen Teil handelt 
es sich utn Fälle, die man wegen ihrer Scheu in der ersten Aussprache 
nicht danach fragen konnte. Nur unter den männlichen Patienten sind 17, 
die angaben, potent zu sein. Die m.eisten solcher Kranken erweisen 
sich, wenn sie in die Analyse kommen, als mehr oder minder erektiv 
impotent; die tatsächlich erektiv Potenten rekrutieren sich gewöhnlich 
aus Erythrop hoben, Zwangscharakteren und anderen narzißtisch-sadisti- 
schen Charakteren. 

Die zweite Statistik umfaßt die von mir analytisch hehandelten Fälle. 

Fön /fi männlichen Patienten sind; 

hysterisch imd ahstinant mit erettiTer Poteni 4 

I wangsne uro ti seil und abstinent infolge asketischer Ideologie 6 

hysterisch mit stark herab geseilter erektiv er Poteni 1 

iwangsneurotisch mit prektiver Impotenz 1 

i) Herrn Dr. £. Hitschmann, dem Leiter de» Ambulatoriums, bin ich für 
das Material, das er mir in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt hat, 

lu großem Dank verpflichtet. 



Die Funktion des Orgasmus 



hysterisch mit ejaculatio praecox > a 

hypochondrisch-neurastkeniscli mit genitaler Asthenie (ejaculatio praecox 
ante portas olme Erektion) ^ 

erythrophob und wegen Impoteazangst abstinent g 

moral insane (Hochstapelei und Süchtigkeit) mit ejaculatio praecox ... 2 

ileptoman mit erektiver Impotenz j 

neurartheniscli mit ejaculativer Impotcm 1 

nur impotent bei neurotischem Charakter 4 

postenoeplialiti'scli und erektiv impotent seit der Grippe i 

homosexuell und pervers mit crektivet Impoleni beim Weibe g 

triebhafter Charakter mit erektiver Impotenz i 

gesund ohne Potenz Störung' i 

er ektiv potent und nariißtiscK homosexuell, beim Akte tmbefriedigt . 1 

,1 „ Zwangs Charakter, beim Akte unhefriedigt .4, 

„ „ mit Satyriasis, heim Akte unbefriedigt 1 

Van ßl liieihlichen Patienten sind; 

hysterisch und wegen Sexualangst abstinent , , 7 

zwangsneurotiscih, sexual-ablehnend und abstinent • ■ 4 

hysterisch mit TSginaler Anästhesie , , . . , 9 

zwaagsnenrotisch und frigid . . . . , * • 5 

cyclothym mit chronischer hypochondrischer Neurasthenie, aaxualsclieu . 1 
triebhafte Charaktere, firigid, beiiehmigsweise vaginal anästhetisch . , , . 5 
Nymphomanie mit masocbistischer Ferrersion nnd vaginaler Anästhesie 

heim Akt i 

Spätepilepsie, frigid , 1 

Hysteroepilepsie mit Taginaler Anästhesie 1 

Paranoia, frigid . i 

ohne Störungen der Genitalfunkilon o 

Diese Befunde sprechen für sich. 

Stekels ^ngalne, AaS er unter seinen Patientinnen fünfzig Prozent 
Frigidität fand, kann sich nur auf die völlige Sexualk'älte beziehen. In 
ökonomischer Hinsicht — und welche andere Betrachtung der Impotenz 
hätte praktischen Wert? — ist es gleichgültig, ob eine PVau mehr oder 
weniger sexuell empfindet oder ein Mann erektiv potent ist oder nicht; 
wichtig ist nur, oh der Orgasmus gestört ist. 

Die Fieudsche Lehre von der Phantasietätigkeit des neurotischen 
Menschen läßt das regelmäßige Zusammentreffen von Neurose und Im- 
potenz als selbstverständlich erscheinen. Das Interesse an der Phantasie- 
welt, die der neurotische Mensch sich geschaffen hat, beeinträchtigt seine 



Realitäisfunktion, die erotische und die soziale Leistungsföhigkeit Die 
Pbaniasiewelt wurde aufgebaut und mit ankahendem Interesse besetzt, 
VffeÖ Sie yeale Welt den Ansprächen des Lustprinzips nicht genügen 
konnte und gewisse erotische und egoistische Anspriiche auf die unüber- 
windlichen Schranken sozialer und kultureller Normen süeBen, die weder' 
ubeTivunden noch akzeptiert werden konnten. In der Phantasie hingegen 
können alle Wünsche als erfüllt dargestellt werden. Regressiv werden 
nun typischerweiae die Wünsche aus der Zeit bevorzugt, in der das Kind 
seine ersten starken erotischen Interessen den Personen seiner nächsten 
Umgebung, den Eltern, älteren Geschwistern, Ammen, Dienstmädchen usw. 
zuwendete. Die sexuelle Phantasie und der Drang zur motorischen Ab- 
fuhr der von ihr erzeugten Spannung führen regelmäßig zur onanistischen 
Betätigung. So wird die Masturbation der Kristallisationspunkt aller Sexual- 
bestrebungen. Daß jeder Neurotiker einen großen, und zwar den wich- 
tigsten Teil seiner libidinösen Interessen realen Objekten entzieht und 
seinen Phantasiegestalten zuwendet, das allein bedingt bereits eine im 
Verhältnis zum. Realitätstüchtigen geringere Potenz im engeren und 
weiteren Sinne. Geringere Potenz oder geringeres Interesse an den Be- 
friedigungsmöglichkeiten, die in der Realität den sexuellen Tendenzen 
offenstehen, bedeutet aber noch nicht Impotenz. Kann eine Neurose auf 
sexuellen Triebkräften aufgebaut werden, die atißerhalb der Genitalsphäre 
Hegen, ohne daS die Genitalfunktion beeinträchtigt würde? Der Kranke 
wäre dann genitallibidinös befriedigt und hätte daneben unbefriedigte 
prägenitale Wünsche, die neurotische Ersatzbefriedigungen suchen. Die 
Erfahrung lehrt aber, daß die unbefriedigten und unsublimierten libi- 
dinösen Anspriiche, da sie sich in das Gesamtstrebea nicht einfügen lassen, 
mit der Zeit immer mehr Interesse an sich ziehen und dadurch die Ein- 
heitlichkeit des sexuellen Erlebens stören ; auch sonst kann nichts mehr voll 
erlebt werden, Das mag die sozialen Leistungen zunächst wenig beein- 
trächtigen, weil die meisten von ihnen dem persönlichen Erleben fern- 
stehen. Im Bereiche des sexuellen Erlebens, dessen Höhepunkt psychisch 
und physisch der Orgasmus ist, bedarf^ es hingegen der Fähigkeit zur 
Vereinheitiichung der sexuellen und der kulturellen Strehungen, Davon 
hängt die ökonomische Zweckdienlichkeit des Orgasmus ab. 



iitlch: Die Ponktlon des Orgaamva, 



II 

Die or^astiscJie xot&cis 

Unter der orgastischen Potenz werden wir die Fähigkeit eines Menschen 
verstehen, zu einer Befriedigung m gelangen, die der jeweiligen 
Libidos taiiiing adäquat ist; femer die Fähigkeit, vrdt häufiger zu 
dieser Befriecliguag gelangen zu können, als den Störungen der 
Genitalität unterworfen zu sein, die auch beim relativ Gesündesten 
den Orgasmus gelegentlich stören. Die orgastische Potenz kommt unter 
gewissen Bedingungen zustande, die man nur beim genufl- und leistungs- 
fähigen Menschen antrifft ; beim neurotischen Menschen fehlen sie oder 
sind nur mangelhaft gegeben. 

LäBt sich ein Typus der orgastischen Potenz beschreiben, trotz der 
Verschiedenheiten der individuellen Sexualhedüxfnisse? Es könnte der 
Einwand erhoben werden, daß wir einen Idealtypus beschreiben, der in 
Wirklichkeit auch nicht aimähemd vertreten sei. Wir bestieiten das; wir 
meinen vielmehr einen durchaus realen Tatbestand. Ich danke einigen 
Kollegen wärmstens dafür, daß sie mir eine phänomenologische Beschrei- 
bung ihres Sexualerlebens gaben, die es mir ermöglichte, einige Kriterien 
der orgastischen Potenz aufzustellen t fehlen sie, so kann man die orgastische 
Impotenz imabhän^g von den meist irreführenden Angaben der Kranken 
mit genügender Sicherheit nach Grad und Qualität, diagnostizieren. 

Von klinischer Seite wird die Aufstellung eines Typus der orgasti- 
schen Potenz dadurch gestützt, daß sich nach der Beseitigung der Potenz- 
störung die Kurve des orgastischen Lusterlebens automatisch der von uns 
beschriebenen Kurve der orgastischen Potenz mehr oder weniger an- 
gleicht,' 

i) Zur leichteren Übersicht wollen wir die Störungeii Art Orgasmus durch 
Kwven dwstelien. 



Die or^a$tisciic Potenz 



Wir lieginnen mit der Darstellung der Fortschritte, die ein Patient, 
fler unter anderem an ejaculatio praecox und exzessiver Masturbation 
litt, während der Analyse machte. 

Er onanierte sdt dem achten Lebensjahre täglich ein- bis dreimal ohne 

Schiddgefülil oder bewußte Angst, sich dadiurch zu ruinieren. Er pflegte 
eewöhnlich schon beim Nachtmahl oder wenn er zu Bette ging, ohne im 
geringsten erregt zu sein, daran zu denken, daß er onanieren müsse. Wenn 
er im Bette zu lesen begann, nahm er sich vor, in einer halben Stunde 
zu onanieren. Das Glied war im Beginne der Onanie schlaff und wurde 
durch manuelle Reizung erigiert. Dabei dachte er nach, \irem er die Onanie 
heute ..widmen" sollte; es wäre ^e eine „Messe gewesen, die er für jemand 
J^sen mußte". Ifte Erregung stellte sich dann durch irgendeine Phantasie 
ein und steigerte sich stetig. Seine Gedanken sch'weiften auf Nebensächliches 
ab, er dachte an sein Ge- 
schäft, an scheinbar banale Figur i : 
Begebenheiten des Tages usw. Ahlauf dtt Errtgung bti der Onanie 
Die Erregung verging, wenn 
er abschweifte, und stellte sich 
wieder ein, sobald er neuer- 
lich zu phantasieren begann. 
Das wiederholte dch ^nige 
Male und dauerte im ganzen 
durchschnittlich bis zu einer 
halben Stunde. Schließlich 
erreichte er cUe Akme, die 
somatischeErsdifitterung -war 
stark und die Be&iedigung 
brachte ihn in den Zustand 
der Unerregtheit zurück, in dem er Mch knapp vor der Onanie befunden 
hatte. Auf mein Ersuchen, mit den Verlauf der Erregung grapiiisch dar- 
zustellen, zeichnete er die oben wiedergegehene Kurve (Figur x). 

Bereits vor seiner Erkrankung an der Neurose (Erythrophobie) litt er 
an ejaculatio praecox, die sich seither bedeutend verschlimmert hatte, und 
war nur bei einer verh^ateten Frau relativ potent, die bestimmte Liebes- 
bedingungen erfüllte. Der Koitus pflegte ungefähr eine halbe Minute zu dauern^ 
die Vorlustakte wurden sehr verlängert; der Koitus endete mit stärkerer Be- 
friedigung als die Onanie, besonders dann, vsrenn die Frau mit ihm zugleich 
zum Orgasmus gelangte. Nachher blieb im Gegensatz zur Onanie ein Gefühl 
seelisch pn Beglücktseins zurück; nach dem Verkehr mit anderen Frauen, b« 
dem die Ejakulation immer kurz nach der Inurdssio erfolgte, empfand er nur 
Ekel und Abscheu. Die Kurve z stellt den Ablauf des Orgasmus bei der ge- 
Uebten Frau, die Kurve 5 die Erregung bei der ejaculatio praecox dar. 




a Unerregtheit; U unwillkürliche Unterbrechung 

der Phantasiearbeit -E willkürliches Widereinsetien 

der Phantasie und der Erregung ; A Akme ; S Sinken 

der Erregung 




Die lunktion des Orgasmus 




aUn Erregtheit; f protrahierte Vorluat; /iminissiD ; 

j( Akme; ji.E. Rest psychischer Erregiuig; Dauer 

von der Immissio an gerechnet ca. '/i Minute 



Figur 3: 
Kvrvt dir ejacjiiatio praeeox 



Pig^ 2 ; Zur Zeit, als er In die 

GtschUchuah mit fakultativer Potenz Analyse kam, verkehrte 

er mit wenig zensurierten 
homosexuellen Phantasien 
und ^ter erdttiver Potenz 
inter femora oder ad, natei. 
Dieses Verhalten hegrün- 
dete er damit, daß er 
die Frau nicht sch'wängem 
wolle. In Träumen war 
aber die Angst vor dem 
Eindringen in die Scheide 
so ausgesprochen; daß ich 
ihm klarmachen konnte, 
seine Begründung sei nichts 
als eine leere Rationali- 
sierung-. Er woUte mir be- 
TÄTcisen, daß ich imrecht 
hätte, und beim nächsten 
Koitusversuch „explodierte 
es , noch ehe er die Koitus- 
lage eingenommen halte. 
Die Analyse von Träumen, 
die diesem Fiisko folgteuj 
ergah, daß er sich vor 
einem gefährlichen nDln^" 
fürchtete, das er in der 
Scheide vermutete. Später 
deutete er seine ejaculatio 
praecox selbst als Ausdruck der Angst, zu lange in nder Höhle des Löwen 
zu verweilen". 

Als die Angst und einige wichtige, bisher unbewußt gewesene Inhalte 
bewußt wurden, führte er einen Koitus aus. Wie er sagte, hatte er solche 
Befriedigung noch nie erlebt. Er v^idmete den Vorlustakten bedeutend 
■weniger Zeit als früher, weU die Koitusangst geringer -war. Der Koitus 
selbst dauerte nach seiner Angabe ungefähr dreimal so lang (zirka ^ein- 
haU) bis zwei Minuten) als der mit der geliebten Frau vor seiner Erkrankung. 
Die Erregung w^ar zuerst langsam, dann immer rascher angestiegen ; er hatte 
zum ersten Male w^ährend des Aktes nicht phantasiert und war nachher 
im ganzen Körper angenehm müde gewesen, ohne jene schw^ere Müdigkeit 
„ina Kopf allein verspürt zu haben wie nach der Onanie oder nach einem 
Akte mit ejaculatio praecox. Dem Verlauf der Erregung entspricht die 
Kurve in Figur 4. 



C£ 




.... Vergleichslinie ; ÜE Übererregtheit; V pro- 

traMerte Vorlust; J Immissio Mnd flache Akme; 

U nachträgliche heftige Unltist 



IHc Oigastiadic Potens 



Fi^or 4: 
Kurve dts Errtgungtablta^es nach der Analyse der Angst 

A 



Einige Monate nach Abschluß der Analyse teilte er mir unter an- 
derem mit. daß er sich völlig potent und befriedigt fühle; der Akt 
dauere etwa fünf Minuten, ei phantasiere dabei nicht und fühle sich 
nachher nicht „öde". 

Beim Vergleich der Kurven sehen wir, daß die zweite Kurve im 
aufsteigenden Schenkel kürzer ist als die vierte. Das große Vertrauen ^ 
das der Patient zur geliebten Frau hatte, und bestimmte Liebesbedin- 
gungen ermöglichten zwar die erettive Potenz und eine relativ große 
Befriedigung, doch be- 
dingte die Koitusangst die 
Verlängerung der Vorlust- 
akte und eine beträchtliche 
Verkürzung der Fiiktions- 
zeit. Sie verlängerte sich 
am das Dreifache, ichon 
als die Koitusangt bewußt 
wurde. Bei der ejaculatio 
praecox fehlte die Friktions- 
zeit fast völlig, der Orgas- 
mus war niedrig und lang- 
gestreckt ; die geringen Lust- 
empfindungen wurden von 
intensiven ünlustgefühlen 
begleitet, was beim relativ angstfreien Geschlechtsakt nicht der Fall war. 

Die Intensität der Endlust im Orgasmus ist also (beim angst-, 
unlüst- und phantasiefreien Geschlechtsakt) direkt proportional der 
Größe der auf das Genitale konzentrierten Sexualspannung, 
d, h. sie ist um so intensiver, je größer und steiler das „Gefälle der 
Erregung ist. 

Die folgende phänomenologische Beschreibung des befriedigenden 
Geschlechtsaktes betrifft nur den Ablauf einiger typischer Phasen und 
Verbal tungs weisen. Eine Beschreibung der Physiologie des Geschlechts- 
aktes erübrigt sich mit Rücksicht auf die zahlreichen und guten Dar- 
stellungen, die man in der Literatur findet. Wir berücksichtigen auch 
die Vorlustakte nicht, die von den verschiedenen individuellen Bedürf- 
nissen bestimmt werden und keine Gesetzmäßigkeit aufweisen. Die Er- 




V Vorlustakte (küner) ; J Inunissio ; I laugsameres 

Ansteigen der Erregung; II steiler Anstieg lur 

Akme <A); ITI steiler Abfall der Erregung mit 

sanftem Verebben; Dauer ca. 2 Minuten 



r 



1 



Die Funktion Aaa Orgasmus 



regungsvorgänge am vaso vegetativen System werden, soweit sie phäno- 
menologisch zu erfassen sind, im IV. Kapitel behandelt werden. 

I) Phase der willkürlichen Beherrschung der Reizsteigerungp. 

i) Die Erektion ist nicht schmerahaft, sondern an sich lustvoll, 

ohne daß das Genitale übererregt wäre. Das Genitale der Frau wird 

hyperämisch und durch reichliche Sekretion der genitalen 

Drüsen schlüpfrig. Bei der Tmmissio kann die Klitoris die leitende 

Zone sein, aber bei de]- 
^^^^ S : orgastisch potenten Frau 

Die t^isehm Phasen des Gescklcöhtsahes mit orgastische,- übermittelt sie unTiüttelhar 
Potem bei beiden Oesshlichtern i .1 t^ 

darnach ihre trxegung 
der Schleimhaut der 
Vagina, ohne mit ihr zu 
konkurrieren. Ein wichti- 
ges Kennzeichen der orga- 
stischen Potenz des Mannes 
ist der psychomotorische 
Drang zumEindringen. 
Eis können nämlich Erek- 
tionen, auch auf bloß sensible 
Reize zustande kommen, 
ohne diesen Drang zu er- 
zeugen; das ist z. B. bei 
manchen erektiv potenten 
narzißtischen Charakteren 
der Fall. 

a) Der Mann ist zärtlich aggressiv. Als pathologische Abweichimgen 
von diesem Verhalten sind anzusehen; übertriebene Aggressivität, die 
sadistischen Impulsen entstammt, wie bei manchen Zwangsneurotikern 
ndt erektiver Potenz; die Inaktivität des passiv-femininen Charakters; 
beim „onanistischen Koitus" mit einem ungeliebten Objekt fehlt die 
Zärtlichkeit. Die Frau ist passiver als der Mann, ohne jedoch yölUg 
inaktiv zu sein, (Extreme Inaktivität z. B. infolge masochistischer Ver- 
gewaltigungsphantasien l) 

3) Die Lust, die sich während der Vor! u stakte auf ungefähr gleichem 
Niveau gehalten hat, steigert sich bei Mann und Frau in gleicher Weise 




r Vorlust i /Imtnissio; I PJiase der willkürlichen 

Beherrschung: der Reiiatei^erung und der noch 
imacliädliclien Protrahierung-; II (5a — d) Phase 
der unwiUkürlicken Muskelkoutraktionen und'der 
automatisclleii TVensteig^eriiiig; IH (7) plötalicher 
■und »teuer Anstieg zur Akme {A) ; IfiS) Orgasmus; 
F'{9 — 10) steileaSinken derEwegmig; EEimattung; 
Dauer ca. 5^ — ao Minuten 



Die orgastisJie Potcni 



plötzlich bei der Immbsio. Das Gefühl des Mannes, „hineingezogen" zu 
werden, entspricht dem der Frau, daß sie das Glied „einsauge". 

4.1 Der Drang des Mannes, recht tief einzudringen, steigert sich, olme 
■ doch die Form sadistischen „Durchbohren wollen s anzunehraen ivie 
bei Zwangs neurotischen Charakteren. Die Erregung konzentriert sich 
durch die beiderseitige, spontane und nicht angestrengte Frik- 
tion auf die Penisoberfläche und Glans, beziehungsweise die hin- 
teren Teile der Scheidenschleimhaut. Die charakteristische Emp- 
findung, die das Vordringen des Samens ankündigt und dann begleitet, 
fehlt noch vollkommen (im Gegensatz zur ejaculatio praecox). Der 
Körper ist noch weniger erregt als das Genitale, Das Bewußtsein ist 
völlie auf die Perzeption der Lustempfindungen eingestellt; das Ich 
ist dabei insofern aktiv beteiligt, als es versucht, alle Lustmöglichkeiten 
aussuschbpfen und eine recht hohe Spannung zu erzielen, ehe der Or- 
gasmus einsetzt. Das geschieht selhstverständlich nicht mittels vollbewußter 
Überlegungen, sondern automatisch auf Grund der vorangegangenen Ej- 
fahruagen individuell verschieden, durch Abänderung der Lage, der Art 
der Friktion, ihres Rhythmus usw. Nach übereinstimmenden Mitteilungen 
potenter Männer und Frauen sind die Lustempfindungen um so stärker, 
je langsamer und linder die Friktionen und je hesser sie aufeinander 
abgestimmt sind. Das setzt auch ein hohes Maß an Fähigkeit voraus, 
sich mit dem Partner zu identifizieren. Als pathologische Gegenstücke 
dazu finden sich der Drang zu heftigen Friktionen mit teilweiser Penis- 
anästhesie bei sadistischen zwangsneurotischen Charakteren, die an impo- 
tentia ejaculandi leiden, und die nervöse Hast der an ejaculatio praecox 
Leidenden. Erkundigungen ergaben, daß orgastisch potente Menschen 
Während des Geschlechtsaktes niemals lachen und — zärtliche Worte 
ausgenommen — nicht sprechen. Beides, Sprechen und Lachen, deutet 
auf schwere Störungen des Vermögens zur Hingabe hin, die ungeteilte 
Zuwendung zur Lustempfindxmg voraussetzt. 

5) In dieser Phase ist die Unterbrechung der Friktion teils an sich 
lustvoll wegen der besonderen Lustempfindungen, die sich in der Ruhe 
einstellen, und ohne seelischen Aufwand durchzuführen, teils wird da- 
durch der Koitus verlängert, indem in der Ruhe die Erregung wieder 
ein wellig sinkt, ohne jedoch, wie in pathologischen Fällen, ganz zu 
vergehen. Auch das Unterbrechen des Geschlechtsaktes durch Retraktion 



^ 



»4 Di^ Funktion des Orgasmus 

des Membrum ist jetzt noch gar nicht unlTistbetout, soforn es nach einer 
Ruhepause geschieht. Bei fortgesetzter Friktion steigert sich die Erregung 
stetig über das Niveau vor dei Unterbrechung hinaui und erfaßt all- 
mählich immer mehr und mehr den ganzen Körper, während das 
Genitale selbst mehr oder weniger gleichmäßig erre^ bleibt. Schließlich 
setzt infolge neuerlicher, gewöhnlich plötzlicher Steigerung der genitalen 
Erregung die 

II) Phase der unwillkürlichen Muskelkontraktionen ein. 

6) In dieser ist die willkürliche Beherrschung des Ablaufe der Er- 
regung nicht mehr möglich. Sie zeigt folgende Eigentümlichkeiten: 

aj Die Steigerung der Erregung kann nicht m.ehr reguliert werden; 
sie beherrscht vielmehr die gesamte Persönlichkeit und bedingt Puls- 
beschleunigung und frequentes Atmen. 

b) Die körperliche Erregung konzentriert sich vrieder mehr auf das 
Genitale, ohne daß die des Körpers dadurch geringer würde; es setzt 
ein Empfinden eit», das man am besten als Abströmen der Erregung 
auf das Genitale beschreiben kann, 

cj Diese Erregung bedingt zunächst reflektorische Kontraktionen 
der gesamten Genital- und Eeckenbodenmuskulatur. Sie laufen wellen- 
förmig ab: die Wellenberge fallen mit dem völligen Eindringen des 
Gliedes, die Wellentäler mit der Retraktion zusammen. Sobald aber 
die Retraktion eine gewisse Grenze überschreitet, setzen sofort 
krampfartige Kontraktionen ein, die den Samenerguß be- 
schleunigen. Beim Weibe kontrahiert sich in diesem Falle überdies 
die glatte Muskulatur der Scheide (Saugende Tätigkeit der Scheide nach 
H. Deutsch). 

dj In diesem Stadium ist die Unterbrechung des Aktes für Mann und 
Weib absolut unlustvoll : Die Muskelkontraktionen, die den Orgasmus 
sowie die Ejakulation beim Manne vermitteln, laufen anstatt rhythmisch 
krampfhaft ab; das bereitet heftigste Unlust und gelegentlich auch 
Schmerzempfindungen am Beckenboden und im Kreuz ; überdies erfolgt 
die Ejakulation infolge des Krampfes früher als bei ungestörter Rhythmik. 

Die willkürliche Verlangei-ung der ersten Phase des Geschlechtsaktes 
(eins bis fünf) bis zu einem gewissen Grade ist unschädlich und wirkt 
eher luststeigenid; dagegen ist das Unterbrechen oder willkürliche Ab- 
ändern des Ablaufs der Erregung in der zweiten Phase schädlich, weil 



Die or3ajtisdie Potenz 



sie bereits reflektorisch erfolgt und weil das Nervensystem selbst irritiert 
wird. Darüber wird im klinisclien Teile (Netirasthenie, Schädigung durch 
cojtus interruptus) noch zu sprechen sein. 

7) Durch weitere Verstärkung der unwillkürlichen Muskelkontraktionen 
und durch die Erhöhung ihrer Frequenz steigt die Erregung rasch 
und steil mr Atme an (ni bis A in der Kurve); diese fällt normaler- 
weise mit der ersten samenfördemden MuskeUtontraktion zusammen; 
jetzt setzt 

8) eine mehr oder weniger starke Trübung des Bewußtseins ein; 
die Friktionen verstärken, sich spontan, nachdem sie im Augenblick der 

spitzen" Aknae kurz ausgesetzt hatten und der Drang „ganz" einzu- 
dringen' wird mit jeder samenfördernden Muskelkontraktion intensiver. 
Bei der Frau laufen die Muskelkontraktionen in der gleichen Weise ab 
wie beim Manne; nur besteht psychisch der Unterschied, daß die gesunde 
Frau während und knapp nach der Akme „ganz aufnehmen" will. (Über 
die gegenseitigen Identifizierungen und weitere Unterschiede im Ver- 
halten beider Geschlechter soll an anderer Stelle noch gesprochen Verden.) 
Im Augenblicke der Akme wurde der Atem angehalten; jetzt wird er 
von heftigem Atmen abgelöst, das sich bei der Frau gewöhnlich in 
Schreien auflöst. 

9) Die orgastische Erregung teilt sich dem ganzen Körper mit und bedingt 
lebhafte Motorik der gesamten Körpermuskulatur, Selbstbeobachtungen 
von gesunden Personen beiderlei Geschlechts wie auch die Analyse 
gewisser Störungen des Orgasm.us zeigen, daß das, was wir die Lösung 
der Spannung nennen und als motorische Entladung empfinden (ab- 
steigender Schenkel des Orgasmus), vorwiegend ein Erfolg des Rück- 
st römens der Erregung auf den Körper ist. Dieses Rückströmen 
wird überdies als plötzliches Sinken der Spannung empfunden. 

Die Akme stellt somit den Wendeptmkt vom „genitopetalen" zum 
„genitofugalen" (Ferenczi) Ablauf der Erregung dar. Nur der 
genitofugale macht die Befriedigung aus, die zweierlei bedeutet : 
ömsetzung der Erregung und Entlastung des Genitales, 

i) Dieser Antrieb, den man phänoniEiioIogisch feststellen kann, dürfte ein 
Ausdruck der von Perencii ang-enommenen Muttcrieibsregrcssion sein, die sich 
im Koitus nach seiner Ansicht, wenigstens für den Mann, durch das Eindringen 
des Samens psychisch real vollzieht. 



Die Funktion des Orgasmus 



lo) Ehe der Nullpunkt erreicht ist, klingt die Erregung in sanfter 
Kurve aus und wird unmittelbar von angenehmer körperlicher und 
seelischer Schlaffheit abgelöstj zumeist stellt sich, auch ein starkes 
Schlafbedürfnis ein. Die sinnlichen Beziehungen sind erloschen, doch 
besteht eine „gesättigte" zärtliche Beziehung zum Partner fort, 
der sich gelegentlich das Gefühl der Dankbarkeit hinzugesellt. 

Im Gegensatze dazu empfindet der orgastisch Impotente bleierne 
Müdigkeit, Ekel, Abscheu, Überdruß und gelegentlich HaB gegen die 
Frau. Bei Satyriasis tind Nymphomanie ist die sexuelle Erregtheit 
nicht geschwunden. Frauen reagieren häufiger mit Schlaflosigkeit, die 
ein wesentliches Kennzeichen des Unbefriedigtseins ist. Hingegen darf 
man nicht ohne weiteres auf Befriedigtheit schließen, wenn der Kranke 
berichtet, daß er nachher sofort einschläft. 

Überblicken wir noch einmal die zwei Phasen de» Geschlechtsaktes, 
so zeigt es sich, daß die eiste überwiegend durch das sensorische, die 
zweite durch das motorische Erlebnis gekennzeichnet ist. 



Die Ansicht ist weit verbreitet, daß die Verspätung des Orgasmus 
beim Weibe physiologisch sei; es wurde sogar versucht, diese Tatsache 
biologisch zu erklären. Es sollte z. B. das spatere Einsetzen des weib- 
lichen Orgasmus den biologischen Sinn haben, eine zweite Ejakulation 
beim Manne zu erzielen, damit die Befruchtung um so sicherei erfolge 
(Urbach). Nun kommt es zwar überaus häufig vor, daß die Frau schwerer 
zum Orgasmus gelangt als der Mann. Man muß jedoch von den Fallen 
absehen, in denen eine (relative) Verspätung des weiblichen Orgasmus 
dadurch zustande kommt, daß der Mann die Akme zu früh erreicht. 
Füibringer ist in Anlehnung an Löwenfelds Standard von zehn 
Minuten der Ansicht, daß der normale Akt zvtrischen fünf und fünfzehn 
Minuten dauert. Das entspricht auch unserer Schätzung. Man kann es 
noch nicht pathologisch heißen, wenn ein Mann durchschnittlich schon 
nach ein bis drei Minuten ejaiuliert, wir werden ihn aber auch nicht 
als entsprechend potent bezeichnen, weil wir die Erfthrung machen, daß 
solche „zum Naturell gewisser ganz gesunder Männer gehörende verfrühte 
Ejakulation" (Fürbringer) ebenfalls auf psychischen Hemmungen be- 
ruht; wir erinnern an unseren Patienten, der vor der Analyse nach einer 



Die OTgaftüdie Potenz »^ 



halben Minute zu einem relativ befriedif enden Orgasmus gelangte und 
nacii dem Bewufltivetden seiner Koitosangst die Friktionszeit um mehr 
als das Doppelte verlängerte. Über weitere Gründe der noch nicht patho- 
logisch zu nennenden verfrühten Ejakulation wird im Kapitel über „die 
soäale Bedeutung der genitalen Strebungen" einiges vorgebracht werden. 

Sieht man davon ab, so bleiben genug Motive übrig, die die Ver- 
spätung des Orgasmus bei sonst gesunden Frauen bedingen und nur der 
^rau zukommen: die doppelte Geschlechtinioral, die dem Weibe weit 
mehr Verpflichtung zur Sexualablehnung auferlegt als dem Manne, und 
der Wunsch ein Mann zu sein, der das Zustandekommen der Befriedi 
gung zwar nicht vollständig zu verhindern braucht, wohl aber den glatten 
Ablauf der Erregung störend 'beeinflussen kann. Fallen auch diese 
Hemmungen weg, so unterscheidet sich der Ablauf der weiblichen 
Erregung nicht von iem der männlichen.^ 

Der Orgasmus fällt bei beiden Geschlechtern intensiver aus, wenn 
die Höhepunkte der genitalen Erregung zusammen fällen. Das kommt 
bei Menschen, die die zärtliche und sinnliche Strebung auf ein Objekt 
konzentrieren können und entsprechenden Widerhall finden, sehr häufig 
vor und ist die Regel, virenn die Liebesbeziehung weder innerlich noch 
äußerlich gestört ist. In solchen Fällen ist zumindest die bewußte 
Phantasietätigkeit restlos ausgeschaltet; das Ich erfaßt bloß die Lust- 
empfindungen, auf die es ungeteilt eingestellt ist. Die Fähigkeit, sich 
trotz mancher Widersprüche mit der gesandten affektiven Persön- 
lichkeit zeitweise auf das genitale Erleben einzustellen, wäre 
die phänomenologische Definition der orgastischen Potenz. 

Ob auch die unbewußte Phantasietätigkeit ruht, läßt sich nicht ohne 
weiteres entscheiden. Gewisse Anzeichen sprechen dafür, Phantasien, die 
nicht bewußt werden dürfen, können nur stören. Unter den Phantasien, 
die den Geschlechtsakt begleiten können, muß mein diejenigen unter- 
scheiden, die im Einklang stehen mit dem realen Sexualobjekt und dem 
Sexualerleben, und die, die ihnen widersprechen. War das reale Sexual- 
objekt imstande, alle libidinösen Interessen wenigstens momentan an 

ij Die Fra^e, ob es neben der sicher vorhandenen rein somatischen Erregbar- 
keit der Scheide eine ursprüngliche psychische Tendern beim Kinde gibt, die 
der späteren yog-inalen Einstellung mm Mann« entspricht, gehört ins Kapitel über 
die Genitaltheorie. 



I 



\ 



HO Die Fvinktiou des Orgasmus 

sich ZU ziehen, so erübrigt sich auch die unbewußte Phantasie; diese 
steht wesensgemäB im Gegensatz zum realen Erleben, weil man nur 

das phantasiert, was man real nicht haben kann. Es gibt eine echte 
Übertragung vom Urobjekt auf das Ersatzobjektt Das reale Objeit 
konnte das Objekt der Phantasie ersetzen, weil es sich in den Grund- 
zügen mit ihm deckt. Erfolgt hingegen die Übertragung der sexuellen 
Interessen, obgleich sich das reale Objekt mit dem phantasierten in 
den Gnin deigen Schäften nicht deckt, bloß auf Grund neurotischen 
Suchens nach dem Urobjekt ohne die Innere Fähigkeit zur echten Über- 
tragung, so vermag keine Illusion das leise Gefühl der Unechtheit in 
der Beziehung zu übertönen. Dort fehlt die Enttäuschung nach dem 
Akte, hier ist sie unausweichlich; hier hat, so dürfen wir annehmen, 
die Phantasietätigkeit während des Aktes nicht geruht, sondern vielmehr 
der Erhaltung der Illusion gedient, dort verlor das Urobjekt an Interesse 
und damit auch die phantasie erzeugen de Kraft; erstand es doch neu im 
realen Objekt. Bei der echten Übertragung bleibt die Überschätzung des 
realen Objektes weg; die Eigenschaften, die dem Urobjekt widersprechen, 
werden richtig eingeschätzt und toleriert; bei der unechten ist die 
Idealisierung übermäBig groß und die Ulusionen herrschen vor; die 
negativen Eigenschaften werden nicht wahrgenommen (verdrängt) und 
die Phantasietätigkeit darf nicht aussetzen, sonst ginge die Illusion ver- 
loren . 

Je angestrengter die Phantasie, die das reale Objekt dem Urobjekt 
angleicht, arbeiten muß, desto mehr büßt der Sexualgenuß an Intensität 
und sexualökonomischem Wert ein. Es kommt ganz auf die Art der 
Unstimmigkeiten an, die jedes länger dauernde Verhältnis zwischen 
Menschen zu begleiten pflegen, ob und in welchem Ausmaße sie die 
Intensität des Sexual erlebens herabsetzen. Die Herabsetzung wird um so 
eher zu einer pathogenen Störung, je stärker die Fixierung an das Ur- 
objekt und die Unfähigkeit zur echten Übertragung ist, je größer femer 
der Energieaufwand ist, dessen es bedarf, um die Ablehnung des realen 
Objektes zu überwinden. Damit kommen wir zu den neurotischen Stö« 
rungen der orgastischen Potenz. 



in 

Die psycniscnen Otörun^en des Orgasmu* 

Im Gegensätze zu. den Störungen der ereXtiven und ejakulativen Potenz 
sind die Störuagen der „Endlust" (Freud) oder „Detumesienz" (Moll) 
beim Manne wenig beachtet worden. Beim Weibe werden die weniger leicht 
unterscheidbaren Störungen der Geschlechtsfunktion unter dem Begriffe der 
„Dyspareunie" zusammengefaßt. Dazu gehört auch die raginaleAn- und Hyp- 
ästhesie. Nun findet man auch bei Frauen isolierte Störungen der Funktion 
des Orgasmus bei ungestörter Funktion der vorbereitenden physiologischen 
Abläufe. Wertvolle Beiträge vom gjmäkologischen Standpunkt zum Ver- 
ständnis der Störungen des Orgasmus beim Weibe und ihrer Bedeutung für 
die Entstehung organischer Krankheiten am weiblichen Sexualapparat Hndet 
man bei Kehr er. ^ Stekels Untersuchungen über „die Geschlechtskälte 
der Frau" und „die Impotenz des Mannes"^ bringen eine Fülle wertvollen, 
abei- nicht entsprechend ausgewerteten Materials; ohne die Berücksichti- 
gung und gebührende Einschätzung der kindlichen Sexualität, die nur 
mit der Freud scheu Technik erschlossen werden kann, läßt sich eben 
kein grundlegendes Verständnis eräelen. Das gilt auch für die im. übrigen 
sehr wertvollen Beiträge in der sexuologischen Literatur.3 In der engeren 

i) Ursachen und Behandlung der Unfinicbtbarkeit. Leipzig 1922. 
1) Berlin und Wien 1920 xmi 1921. 

3) Um eventuellen Vorwürfen, daß die nichtpsydioanalytische Literatur über 
dea Orgasmus übergangen ivurde, von vornherein «» tcgegnen, sei lur Klar- 
stellung vorgebraclit, daß meines Wissens eine zusammenfassende Hinische Ab- 
handlung über diesen Gegenstand nicht hesteht. In Marcuses wertvollem und 
sonst überaus geiMiu heatbeitetcm „Handbuch der Sexual Wissenschaft" haben die 
beiden Worte „Akme" und „Orgasmus" keine eigene Besprechung und auuh die 
verstreuten Bemerkungen in den Abschnitten über den Geschlechtsakt und die 
Impotenz zeigen, wie gering das wissenschaftliche Interesse für die Funktion des 



3o 



Die Funttion des Orgasmus 



psydioanalytUchen Literatur finden sich keine Beiträge zu unserem Problem. 
£ine {gewisse Scheu, über den Höhepunkt des menschlichen Sexual- 
erlehens zu sprechen und bei der Befragung oder Analj-se von Krajiken 
in die Details — mid nur diese geben uns die wichtigen. Aufschlüsse — 
einzudringen, mag dafür verantwortlich sein. Die Kranken kommen von 
selbst nie datauf lu sprechen. Als ich der Impotenz und Frigidität als 
regelmäßigen Begleiterscheinungen der Neurose bereits große Aufmerk- 
samkeit zuwendete, entgingen mir aus diesem Grunde die so mannig- 
faltigen Störungen des Orgasmus. Überdies Elvissen die wenigsten Kranken 
darüber Auskunft zu geben, ja, sie verstehen nicht, wonach man sie fragt. 

Im Verlaufe der Untersuchungen ergab sich die Notwendigkeit, dem 
Begriff der Potenz auch eine ökonomische Bedeutung 7,1a geben, was 
durch die Aufstellung des Begriffes: „orgastische Potenz", geschah.' Ich 
darf sagen, daß sich die Aufstellung und analytische Klärung des Problems 
in völlig unerwarteter Weise fruchtbar für das .ökonomische Problem 
der Neurose erwiesen hat. Dabei konnte ich mich auf die von Freud 
zum ersten Male ausgesprochene und bewiesene Ansicht stützen, daß 
dei Neurotiker an seiner mangelhaften Befriedigung erkranke und daß 
die somatische und psychische Libidostauung den Kern der Neurose aus- 
mache. Ich habe den Nachweis zu erbringen, daß die Sexualverdrängung 
überall dort, .wo sie nicht schon bei der Suche nach dem Sexualobjekt 
(Abstinenz) oder bei den Vorlustnicchanismen hemmend eingreift {erektive 
Impotenz, Anästhesie), die Endlust stört und dadurch den Ausgleich der 
libidinöten Erregungen verhindert. 

Die psychischen Störungen der Endlust lassen sich deskriptiv sämtlich 
als Abweichungen vom beschriebenen Durch schnittstypus der orgastischen 
Potenz begreifen. Unter „orgastischer Impotenz" verstehen wir die 



Orgasmus ist. In. der älteren sexuologiache» Literatur, in den Büchern Blocks, 
Havelock-Ellis', Molls, Krafft-Ebings, Poreis 11. a. ^konnte ich* nichts 
finden, das für iihset Thema von grundlegender Bedeutung wäre. Die Arbeiten 
ürbachs (Zeitschrift für Sexualwissenschaft, igzi, Bd. VIII) und Vaertings 
(Zeitschrift für Sexualwissensoliaft, 1915, Bd. II) behandeln das Problem de« 
Orgasmus mir vom eugcni sehen Standpunit, wie überhaupt die psychologische 
Betraclitung des Sexuallebens zugunsten der eugenischen und physiologischen 
vernachlässigt wird. 

1; R«iclt: Die therapeutische Bedeutung der Genitallibido. Internationale 
Zeitschrift ftir Psychoanalyse XI 191^). 



Die p^yctiäAen Störunje» des OrgAsrnvu 



nnere Unfähigkeit, auch unter den besten äußeren ßedin- 
ffunfien und dauernd zu einer der jeweiligen Libidostauung 
und den sexuellen Ansprüchen adäquaten Befriedigung zu ge- 
langen; da orgastisch impotente Menschen zumeist auch über relativ 
geringere Sublimierungsfahigkeit verfügen, kommt es zu dauernden patbo- 
loeischen Libidos tauungen. Sie sind in dieser Hinsicht sogar schlechter 
daran als abstinent Lebende oder solche, die über keine genitale Erreg- 
barkeit verfügen, weil sie sich infolge der unmittelbaren genitalen Reize 
ständig im Zustande relativ bedeutend höherer Spannung befinden, ohne 
den um so notwendigeren Ausgleich erzielen zu können. 

Man kann, die Intaktheit der vorbereitenden Funktionen vorausgesetzt, 
unter den Störungen der orgastischen Potenz vier Grundformen unter- 
scheiden : 

a) Die Herabsetzung der orgastischen Potenz: Der Orgasmus 
entspricht aus inneren Gründen nicht den libidinösen Ansprüchen, so 
daß somatische und psychische Libidostauung en verbleiben (Onanie, 
onanistitcher Koitus). 

b) Die Zersplitterung des Orgasmus: Der Ablauf der Eiregung 
^Ird während des Sexualaktes unmittelbar gestört (akute Neurasthenie). 

cj Die absolute Unfähigkeit, zum Orgasmus zu gelangen 
■{vaginale Anästhesie, Hypästhesie, genitale Asthenie). 

4) Die nymphomane Sexualerregung (Nymphomanie, Satjrlasis), 

aj Die Seraosetzung tUr orgastisclien Potenz 

Dauernd inadäquate Endbefriedigung trifft man in erster Linie bei 
Menschen an, die aus inneren Gründen das richtige Sexualobjekt nicht 
finden können: bei alten Onanisten, Sexualzynikern, larvierten Homo- 
sexuellen, alten Junggesellen, schizoid-introvertierten Menschen mit mangel- 
haften Objektbeziehungen; ferner bei Männern, die eine dauernde Spal- 
tung der genitalen Strebung In ihre zärtliche und sinnliche Komponente 
aufweisen, und solchen, die dauernd mit Prostituierten verkehren, sofern 
die Prostituierte nicht spezifisch dem Urobjekt entspricht. Nur die Herab- 
setzung der orgastischen Potenz, die sich bei Onanisten mit der Zeit ein- 
stellt, ist von klinischem Interesse. 

Bei der Onanie setzen die Anstrengungen, die Phantasie festzuhalten, 



Die Funlition des Orgasmus 



sie zu variieren, die LustempEndimgen., die beim Koitus erlebt werden, 
zu reproduzieren, die Befriedigung dermaßen herab, daß sie die vor- 
handene Spannung nur höchst un vollkommen zu lösen vermag. In dieser 
Hinsicht gleicht der „onanistische Koitus" (Ferenczi) mit ungeliebteu 
Objekten völlig der Onanie. Die psychischen Strebungen bleiben immer 
unbefriedigt. Zur psychischen Libidostauung (ungestillten Liebessehnsucht) 
kommt eine mehr oder weniger starke somatische Stauung hinzu, denn 
die Anstrengung bei der Phantasiebildung und das Unbefriedigtbleiben 
der seelischen Strebungen setzen auch die körperliche Befriedigung herab. 
Man kann Stekel nicht beistimmen, daß die Onanie die adäquate Be- 
friedifungsart mancher Menschen sei. Die analytische Erfahrung läßt 
keinen Zweifel darüber, daß derjenige, der über das physiologische Stadium 
der Pubertätsonanie nicht hinwegkommt, an Objekte aus der Kindheit 
fixiert ist und Angst vor dem Koitus hat. Nachdem sich der Hang zur 
Onanie auf diese Weise festgesetzt hat, bedingt er sekundär iininer stärkere 
und umfangreichere Regressionen zu infantilen Wünschen und Objekten; 
das erfordert wieder intensivere Abwehrmaßregeln. So kommt es, daß so 
viele Neurosen knapp nach der Pubertät ausbrechen und sich an den 
Kämpfen gegen die Onanie entfalten ; wird die Onanie völlig unterdrückt, 
so daß auch die somatische Stauung pathogen wird, so treten in der 
Psychoneurose die aktual neurotischen Merkmale stärker hervor. Abundante 
Tagträumerei, Reizbarkeit, Verstimmungen, Unruhe, Arbeitsstßrungen, 
PoUutionen, Schlaflosigkeit usw. sind gewöhnlich die ersten Anzeichen 
der endgültigen Erkrankung, Suggestive Beseitigung des Schuldgefühls 
und der Angst, sich geschädigt zu haben, vermag in manchen Fällen 
diejenigen Symptome zu mildern, die sich aus dem Onanieschul dgefuhl 
und aus der verstärkten somatischen Libidostauung unmittelbar ergeben. 
Die psychische Libidostauung ist suggestiv nicht angreifbar und bedingt 
nach Aufhören des suggestiven Rapports neuerliche Steigerungen des 
Schuldgefühls, Neigung zur völligen Abstinenz und dadurch auch neuer- 
liches Anwachsen der som.ati sehen Stauung. 

Diese Tatbestände, die sich seit den Untersuchungen Freuds und 
seiner Schule jedem vorurteilslosen Beobachter in Fülle darbieten, be- 
dürfen heute keiner detaillierten klinischen Belege mehr. Dagegen wollen 
wir einige Beispiele dafür anführen, wie sich die relative orgastische 
Impoteuü bei erektiv potenten Neurotikern äußert. 



Ein zweiunddreißigjäliriger Mann suchte die Analyse wegen Befangenheits- 
tlinden und Eirrötungsangst auf. Das Leiden bestand seit seiner z-w-eiten 
Verheiratung. Er hing noch immer an der verstorbenen Gattin und hatte 
luitt zweiten Male nur aus •wirtschaftUchen Gründen geheiratet. Seine erektive 
Potenz ließ nichts zu wünschen übrig. Bei der ersten Besprechung gab er 
sexuell befriedigt zu sein. Schon in den ersten Analysenstunden zeigte 
es sich aber, daß er den Akt mit der ungeEebten Gattin nur ungefähr ein- 
mal in sechs Wochen „aus Pflicht" ausübte, dabei an seine erste Gattin 
dachte, mit der er jene verghch, und nach dem Akte, der auch rein körperlich 
wenig befriedigte, froh war, daO es „bereits vorüber war". 

Dieser Fall kann als Prototyp einer großen Gruppe von Erythro- 
phoben angesehen werden, die unbewußt mit homosexuellen Phantasien 
zu kämpfen haben, beim heterosexuellen Akt ihre Impotenz gut kompen- 
sieren und im übrigen unbefriedigt bleiben. Solche Kranke haben keine 
geringere Libidostauung als diejenigen, die sich zur Abstinenz zwingen. 

Daraus ergibt sich, daß die Kontraktionen der Genitalmusku- 
tlatur bei der Ejakulation die Befriedigung nur dann vermitteln, 
wenn der psychische Reizapparat die Lustsensationen wider- 
spruchslos zu verarbeiten imstande ist, Die psychische Hemmung 
verhindert ferner so^vohl die restlose Konzentration als auch den Aus- 
gleich der am Genitale konzentrierten Erregung. 

Die gleiche Form der orgastischen Impotenz findet man bei erefctiv 
potenten männlichen Zwangsneurosen mit anderem psychischen Hinter- 
grund. 

Ein fünf unddreißigj ähriger Mann, der den typischen zwangs neurotischen 
Charakter aufwies und an erektiver Impotenz litt, bekam nach seiner Ver- 
heiratung durch geschicktes Verhalten der Frau die Fähigkeit der Erektion, 
doch blieb die Inipotenzangst bestehen und er mußte sich immer wieder 
beweisenj daß er noch potent sei: er führte z. B. einige Friktionen „zur 
Übung" ans und brach dann den Geschlechtsakt ab. Er war weder körperlich 
noch psychisch besonders erregt und wenn sich die Ejakulation einstellte, 
steigerte sich die Erregung gar nicht über das &ühere Niveau. 

Ein neunzehnjähriger Mann kam in die Analyse wegen Zwangsgrübelns. 
Er hatte viele Verhältnisse und übte coitus interruptus aus. Er pflegte selten 
mehr als ^nnial mit einem Mädchen zu verkehren, weU er sie nachher 
noch mehr verachtete als vorher; der Akt war für ihn näniHch eine „Ent- 
leerung"' wie die Defäkation und überdies lag ihm besonders viel daran, 
recht viele Mädchen besessen zu haben. Auf die Befriedigung kam es ihm 
wenig an, dagegen freute er sich, wenn sich das Mädchen kränkte, daß er sie 

I^clch: Die Funktion des Orgasmus. 3 



M 



Die FunlLtion des Orgasmus 



«Stehen ließ". Wir werden uns mit dem Ersatz der genitalen Strehungen 
durch anale, sadistische und narzißtische Tendenzen, wie sie in diesem Falle 
SO deutlich zum Ausdruck kamen, noch eingehend beschäftigen. 

Ein einundzwanzig] ahriger Patient, dessen i-wangsneurotischer Charakter 
sich hesonders in einem quälenden Zähk-wang äußerte, verkehrte sehr oft 
mit guter, erektiver Potenz, doch mußte er Tvährend des Aktes ständig zahlen; 
der Samenerguß erfolgte nur mit Mühe und sehr spät, ohne hesonders er- 
höhtes Lustgefühl. Nach dem Akte war er deprimiert, empfand Ekel und 
At scheu vor der Frau und konnte nicht einschlafen. 

Diejenige Form der relativen orgastischen Impotenz, die nur geringe 
Beziehungen zur Neurose hat und vorwiegend im Charakter zum Ausdruck 
kommt, vrird im Kapitel über „die soziale Bedeutung der genitalen Stre- 
bungen" besprochen werden. 

Am Schlüsse erwähnen wir noch die Störung des Orgasmus beim 
zu kurz, beäehungs weise zu lange dauernden Geschlechtsakte. Dauert 
der Akt nicht lang genug, so wird zu wenig Sexualerregung vom Körper 
auf das Genitale konzentriert, die Ejakulation erfolgt bereits auf geringe 
Reizung hin wie beim ouanistischen Koitus oder bei der ejaculatio praecox. 
Das heiBt, es wurde nicht die ganze verfügbare Libido orgastisch befriedigt. 
Wird hingegen die Vorlust verlängert und der Orgasmus aufgehalten, so 
sammelt sich die Erregung nicht am Genitale, um auf einmal orgastisch 
abgeführt zu werden, sondern die Lösungen verteilen sich sozusagen flächen- 
haft und die Ejakulation erfolgt mit geringer Lu«t. 



hj Die Zersplitterung des (jrgasmus 



Pignr 6: 
Kurve dt$ u;täerspnichtvoUen ^mtanistischtn Koitus" 




Vergleichslinie; H Hem-mung; U Unlust 



kommt dadurch zustande, 
daß Hemmtmgen, die 
während des Geschlechts- 
aktes einsetzen, nicht nur 
die Erregung erniedrigen 
und die Befiriedigung ver- 
flachen lassen, sondern 
den physiologischen Reiz- 
abi a u f selbst stören . 
Figur 6 stellt das Int er- 
mittleren der Er- 



I 



Die psY™i**^d Otärungeii des Orgasmus 55 

tss'^nsssteigernng dar und veranschaulicht das Stolpern der End- 

]usi. 

Der Zersplitterung des Orgasmus begegnet man vorwiegend bei Kranken, 
^ie über atut aufgetretene neurasthenische Beschwerden Magen : Reizbar- 
keil, Arbeitsunlust, Ermüdungszustände, diffuse körpeiliche Beschwerden, 
^e Rückenschmerzen, Ziehen in den Beinen usw. Das erlaubt 
uns einigen Fragen näherzutreten, die seinerzeit aufgeworfen wurden, 
als Freud die Neurasthenie ätiologisch erklärte: „Die Neurasthenie 
läßt sich jedesmal auf einen Zustand des Nervensystems zurückführen, 
we er durch exzessive Masturbation oder gehäufte Pollutionen spontan 
entsteht."^ Stekel bestritt nämlich, daß sich die Neurasthenie von 
den pPsychoneurosen" Freuds durch ihre unmittelbare somatische Ätio- 
logie unterscheide, und behauptete, daß sich bei den Aktualneurosen 
Komplexwirkungen nachweisen ließen. Demgegenüber vertrat Frevid. 
den Standpunkt, daß „die genannten Formen von Neurosen gelegentlich 
rein vorkommen; häufiger vermengen sie sich allerdings miteinander 
oder mit einer psychon eurotischen Affektion. . . Es handle sich bei den 
Normalen und Neurotitern nicht um die Existenz dieser Komplexe und 
Konflikte, sondern um die Frage, „ob dieselben pathogen geworden sind, 
und wenn, welche Mechanismen sie dabei in Anspruch genommen haben .* 

Stekel ahnte damals richtige Zusammenhänge, verfiel jedoch in der 
Frage der Aktualneurosen demselben Fehler wie neuerdings bei seiner 
Untersuchung der Epilepsie; er leitete ans dem bloßen Vorhandensein 
der diversen Triebregungen einen Erklärungsgrund ab, ohne sich zu fragen, 
wie sie die verschiedenen KrankheitsbildeiT spezifisch begründen, 

Zur Förderung des Neurasthenieproblems ist es zunächst angezeigt, zwei 
große Gruppen der Neurasthenie zu unterscheiden: 

1) die akute Neurasthenie; sie tritt akut auf, läßt sich durch Ab- 
stellen bestimmter Schädigungen des Sexuallebens, ganz im Sinne der 
Freudschen Annahmen, in manchen Fällen beheben oder zumindest 
mildern und entbehrt einiger Symptome, die 

2) die chronische (hypochondrische) Neurasthenie' dadurch 

1) o. a. O. 

2) Die Onanie, Wiesbaden 1512, 

3) VgL Reich: Über die chronische hypochondrische Neurasthenie. Internatio- 
nale Zeitschrift für Psychoanalyse XII [1926). 

S' 



36 



Die Funktion des Orgasmus 



charakterisieren, da0 sie als Sj'ndrom die Symptomatologie der akuten 
Form vermehren; das sind: chronische, zumeist seit früher Kindheit 
bestehende Obstipation, Meteorismus» Übelkeiten, Appetitlosigkeit, dauern- 
der Kopfdruck, erektionslose ejaculatio praecox s. ante portas und Hain- 
träufela oder Spermatorrhoe. Diese Symptome kommen bei der akuten 
Form entweder nur vereinzelt oder wenig ausgesprochen vor, oder sie 
treten hinzu, wenn die Schädigungen chronisch geworden sind. Bei der 
Frage nach der Psychogenie der Neurasthenie nauß man unterscheiden, 
ob seelische Begehtungsvorstellungen in den Symptomen unmittelbar 
zu verstellter Darstellung gelangen wie bei der Hysterie oder Zwangs- 
neurose, oder ob seelische Hemmungen, die Resultate einer konfliktreichen 
Triebkonstellation sind, sich an der Herstelltmg der Krankheit mittelbar 
beteiligen. Wir nehmen vorweg, daß die erstgenannte Möglichkeit der 
chronischen Form der Neurasthenie, die zuletzt genannte der akuten 
Form zukommt. In diesem Abschnitt besprechen wir nur die akute Form 
der Neurasthenie. 

Bei der Sichtung der durch einfache Anamnese erhobenen Angaben 
begegnet man vielen Bestätigungen für und Widersprüchen gegen die 
Freu^scbe Auffassung der iseurasthenie. Die Frage nach Masturbation, 
beziehungsweise Pollutionen, wird bejaht, in anderen Fällen sind die 
Beschwerden erst nach der Unterdrückung der Onanie aufgetreten. Oft 
erßihxt man, daß die Onanie von gehäuften Nacht-, beziehungsweise 
Tagespollutionen abgelöst wurde. Manche Patienten onanieren exzessiv, 
d. h. täglich mehrere Male, zwanghaft und mit geringer Befriedigung. 
Gegen die Freudsche Annahme sprechen scheinbar zwei Feststellungen: 
Erstens zeigen manche Patienten das neurasthenische Symptomenbild 
bei seltener Masturbation oder seltenen Pollutionen; zweitens muß man 
an die Fälle von exzessiver Onanie denken, die nie an den Erscheimmgen 
der Neurasthenie zu leiden hatten. 

Einige Beispiele verschiedener Äeaktions weise auf die Onanie, be- 
ziehungsweise auf den Geschlechtsverkehr, sollen uns zur genaueren 
Orientierung verhelfen. 

Faü I (Akute Neurasthenie hei exzessiver Onanie): Ein zweiundzwanEig- 
j (ihriger Student onanierte seit mehreren Jahren unter lebhaften aktiven 
Vergewaltigungsphantasien, die von Schuldgefühl und Reue begleitet vraren, 
zvfei- bis dreimal täglich. Seit einigen Monaten bestanden große Unruhe, 



Depression, Arbeits- und Denkunfähtgkeit, sowie Rückenschmer- 
zen und allgemeine Müdigkeit; keine Erregbarkeitj keine Ohstipation, 
kein Kopfscbmerz., keine Spennatorrhoe. Der Koitus -wurde -wegen Ekels 
vor der Frau nicht vorgenommen. Die Onanie erfolgte durch rhythmische 
manuelle Friktion am Penis (rhythmischer Samenerguß), In der achten 
Sitzung erkannte der Patient an Hand eüies bestimmten Details in der 
phantaMerten Frau seine Mutter. Auf die Erklärung hin, daß sein Ekel vor 
Frauen iwit dem Lizestwunsch -wahrscheinlich zusammenhänge, suchte 
der Patient eine Prostituierte auf, verkehrte dreimal mit voller Befriedigung; 
die Symptonie sch'wanden vollkommen, er blieb zunächst auch weiter potent 
und bradi nach einigen Sitzungen die Analyse ab. Nach einigen Monaten kehrte 
er wegen fortdauernder Depression, und Arbeitsunlust wieder, doch war er 
arbeitsfähig und onanierte sehr selten; den Verkehr mit Dirnen hatte er 
wieder aufgegeben. Die anderen Symptome waren nicht wiedergekekrt. Einer 
Fortsetzung der Analyse standen äußere Schwierigkeiten im Wege. 

Hier haben wir wohl den klassischen Fall der Freudschen Neur- 
aifethenie vor uns; sie weist einen psychoneurotischen Unterbau (die in- 
zestuöse Fixierung) auf. Das dauernde Ausbleiben der neurasthenischen 
Symptome nach dem Aufgeben, beziehungsweise nach der Einschränkung 
der Onanie und nach Aufnahme des befriedigenden Geschlechtsverkehrs 
belegt die postulierte Ätiologie. Es handelt sich um eine akute Neur- 
asthenie ohne die chaiakteiistischen Symptome der chronischen Form: 
Obstipation, Kopfschmerz, Spermatorrhoe und ejaculatio praecox. Die 
Onanie ist genital, d. h. sie wird von Koitusphantasien angeregt, 

Fitlt 2 (Leichte akute Neurasthenie ohne Onanie): Ein junger Arzt be- 
klagt sich über seine große Reizbarkeit, Ungeduld, Unruhe und leichte 
Depression, die sich in den letzten zwei Jahren bemerkbar m-achten. Er ist 
potent, verkehrt darchschnitdich jede dritte Woche ein- bis dreimal, jeweils 
mit einer anderen Frau. Er wird aber vom Verkehr nicht befriedigt und 
verlängert die Vorlustakte, Die Ejakulation erfolgt ge-wöhnlich nacK vier bis 
acht Stößen. Die Kurve der Akme ist flach und entbehrt des jähen, steilen 
Abfalls. Während des Aktes wird er vom Gedanken gestört, daß sein Glied 
zu klein sei und er deshalb die Frau nicht befriedigen könne. Das ist bä. ver- 
heirateten Frauen viel ausgesprochener als bei Mädchen. Er müsse immer 
denken, daß die Frauen große starke Männer hatten, mit denen er sich nicht 

I vergleich t-n könne. Überdies übt er coitus interruptus aus. Eine suggestive 
Aussprache beseitigte den störenden Gedanken und die Beschwerden -wichen. 
Aus diesem Falle geht hervor, daß nicht die erektive und ejakulative 
sondern allein die orgastische Potenz durch hemmende Vörstellimgen 
gestört war. 
I 



38 Die Funktion des Orgasmus 

Der aäcfaste Fall zeigt, daß neur asthenische Symptome auch infolge 
psychoneuTOtischer Abstinenz auttreten können, was uns vollends ver- 
■wirrt, da wir in diesem Falle eine Angstneurose und niclit eine Neur- 
asthenie erwarteten. 

Fall } (Akute NeurasikeTde bei Abstinenz.): Eine sechsTinddreißigiährige 
Patientin, die wegen Asthma bronchiale in Behandlung stand, erkrankte 
drei Jahre vor Beginn der Analyse auf einen aktuellen Anlafl hin (Ahortus). 
Seither lebte sie fast voUkommen abstinent; sie war ihrexn Freunde böse 
und verweigerte dch ihm, Sie war immer vaginal aiiästhetisch und nur 
durch Gunmiingus an der Klitoris lu befriedigen gewesen. Seit ^rka 
zwei Jahren bestanden folgende Symptome; Müdigkeit, große Heilbarkeit, 
Depression und organische Sensationen, vrie „hleieme Schv^ere in den 
Beinen und Rückenschmerzen. In der Analyse löste sich der aktuelle Kon- 
flikt so weit, daß die Patientin wieder zur gewohnten Befriedigung gelangte. 
Die Symptome schwanden prompt. Einige Male wiederholte es sich, daß 
sie nach längerer Abstinenz infolge verschärfter Konflikte wiederkehrten 
und nach einem befriedigenden Cunnilingusakte wieder verschwanden. Diese 
Symptome waren, im Gegensätze zum Asthma keiner analytischen Deutung 
zugänglich. Charakteristisclierwdse besserte ^ch auch das Asthma nach der 
Befriedigung und verschlimmerte sich in der Abstinenz. 

Faü 4 (Ißxiessive Onanie ohne Neurasthenie) : Ein zweiunddreißigjShriger 
Mann, der homosexuell und beim Weibe impotent war, onanierte seit dem 
sechsten Lebensjahre, seit der Pubertät fast täglich ein- bis dreimal, gelegent- 
lich noch häufiger. AuQer der er ektiven Impotenz beim Weibe (keine ejacu- 
latio praecox) und der Homosexualität bestanden keinerlei Symptome. Der 
Patient hatte keine nennenswerten Depressionen, war im Gegenteil leicht 
hypoTtianisch, selbstbewußt, ein Prototyp des narzißtischen Hom-osexuellen, 
Die Onaniephantasien waren bisexuell und befriedigten ihn. Er onanierte 
mit Liust, ohne Hemmung und ohne bewußtes Schuldgefühl. Die Analyse 
führte nach einem Jahre zu einem vollen und dauernden Erfolg (sechs Jahre 
Katamnese): Der Paüent hat keine homosexuellen Wünsche mehr, ist 
voll potent und liebesfähig und onaniert nicht mehr. 

Fan J {"Exzessive Onanie ohne Neurasthenie) : Ein zwanzigjähriger Mann 
suchte die Analyse w^egen ejaculatio praecox, Erröten und Befangenhelts- 
zuständen auf. Er war eine Zeitlang homosexuell tätig, neigte zur Hoch- 
stapelei und onanierte seit dem achten Lebensjahre fast täglich, sehr häufig 
auch dreimal hintereinander. Keine neur asthenischen Symptome. Die Onanie 
erfolgte mit genital-heterosexueller, gelegentlich auch aktiv-homosexueller Phan- 
tasie; sie war voll befriedigend uud nicht von Schuldgefühl begleitet. Der 
Verzicht auf die onanistische Befriedigung erfolgte in der Analyse nur mit 



Die psydiisdiet» St&tungcn des Orgasmus 



3^ 



oßer Mühe. Das Schuldgefühl hing nicht an der Onanie, sondern war 
vorwiegend in charakterologischen Eigenheiten verankert Die Analyse führte 
nach zehn Monaten an einem vollen Erfolg (ein Jahr Kataranese). 

Die beiden letzten Fälle beweisen, daß nur von Schuldgefühl unmittel- 
bar gestörte Onanie eine Neurasthenie erzeugt, Federn hat als erster 
die entsprechenden Tatbestände gesehen und sie auch am richtigsten 
formuliert (a. a, O. S, 78); »Wir wissen, daß die Onanie um so eher 
neurasthenische Beschwerden hervorruft, je weniger befriedigend sie ver- 
läuft ■ • ■ Läßt die Onanie . , . aus . . . psychischen und physischen Gründen 
unbefriedigtt so verliert der Apparat dadurch den Vorteil der wirklichen 
üntätiglteit mit der entsprechenden Erholung und ungestörten Vor- 
bereitung für die nächste Welle. Die Veränderung der rhythmischen 
AblaufJturve, welche normal einen steilen Abfall zur Abszisse zeigt, stört die 
Funktion des Sexualapparates dahin, daß er sich in einem partieE gereizten 
Zustand gleichzeitig erneuern muß; die dadurcii veränderten Organgefühle 
und sekretorischen Vorgänge wirken irritierend auf den Gesamtorganis- 
mus . . ." Federn nimmt ahet an, daß „die schädliche Wirkung der 
Onanie . . . nicht sowohl in den Vorgängen Taeim Akte als in der Reak- 
tion nach dem Akte beruhe". Das stimmt für die psychischen Wirkungen 
(Angst hysterie, Impotenz usw.), nicht aber für die somatisch-neurastheni- 
schen, die unmittelbar im gestörten Ablauf des Aktes wurzeln, welcher 
Herkunft diese Störung immer »ei. In der Fußnote (S. 78) heißt es: 
„Der Zusammenhang scheint mir der zu sein, daß die Vorgänge in den 
Sexualorganen, besonders in der Prostata, von der psychischen Hemmung 
beeinfluiBt werden und dann anders verlaufen, indem die Sexual apparate 
schwerer arbeiten." Es steht also der Tendenz nach Sexualbefriedjgung 
.das Schuldgefühl hemmend gegenüber; das gibt sich unmittelbar in der 
Abänderung und Erschwerung des Reizablaufs kund. Die Refriedigung 
wird zersplittert und die Spannung kann infolgedessen nicht herab- 
gesetzt werden. Es ist von entscheidender Bedeutung, ob die Reue total 
verschoben wird und erst nach der Onanie einsetzt oder schon während 
des Lusterlebnisses zersetzend wirkt. Wir wissen aus Berichten von 
Onanisten, daß manche sich der Hemmung mit einer momentanen 
Skrupellosigkeit befreien, bei der Onanie, soweit es im autoerotischen 
Akt möglich ist, Befriedigung erlangen und nachher von der Reue 
befallen werden. Hier konnte das Schuldgefühl den Ablauf des Lust- 



1 



4« Die Funktion des Orgasmws 

erlelinisses und die Lösim|; der Spaonung nicht beeintiächtigen. weil 
es momentan ausgeschaltet war. Anders ist es, wenn die Skrupeln und 
die Heounungen schon während des Aktes einsetzea. Hier wird psj'chi- 
scherseits ein physiologischer Reizablauf gestört, es ist ein Stolpern der 
Lust, kein jähes Sinken im Orgasmus. Es müssen mehr oder weniger 
große Reste von nicht erledigten Erregungen verbleiben, die sich, da 
sie somatischer Natur sind, auch somatisch auswirken. So vröre auch 
die Tatsache erklärlich, daß gelegentlich infolge Abstinenz oder nach 
Aufgeben der Onanie nicht eine Angstneurose sondern eine Neurasthenie 
entsteht, unter deren Symptomen die hypochondrischen Sensationen 
hervortreten. 

Man muß die Entscheidung, inwieweit in manchen Fällen an den 
neurasthenischen Symptomen neben dem psychogen gestörten Reizablauf 
auch der abundante Samenverlust schuld ist, weiteren Ermittlungen 
überlassen. 

Überlegen wir genauer, was der gestörte Reizablauf eigentlich zu be- 
deuten hat; zweifellos eine Irritation des Nervensystems durch 
Aufhalten eines nervösen reflektorischen Vorganges. Dem Rest unerledigter 
somatischer Erregung schreiben wir neben der Phantasietätigkeit die 
Hauptrolle als Motor der exzessiven Onanie zu, Patienten, die ohne Schuld- 
gefühl onanieren, verlieren wenigstens ihre som.atischen Spannungen, 
fühlen sich nach dem Akte wohl und denken eine Zeit lang nicht ans 
Onanieren, Je widerspruchsvoller das Lusterlehen während der Onanie 
ist, desto stärker werden sich auch die som.atischen Störungen neben den 
psychischen bemerkbar machen. Als Stütze dieses neuen Gesichtspunktes 
ziehen wir beiläufige Bemerkungen einiger Teilnehmer an der Diskussion 
über die Onanie heran. FerencKJ meinte (a. a. 0, S. g): „Es ist möglich, 
daß die Wollust welle normalerweise restlos abklingt, bei der Masturbation 
aber ein Teil der Erregung sich nicht ordentlich ausgleichen kann; diese 
restliche Erregungssumme gäbe die Erklärung der Eintagsneurasthenie 
— vielleicht der Neurasthenie überhaupt. Allerdings ist dieses Resultat 
auf das widerspruchsvolle Onanieren allein zu beschränken, sonst 
müßte jeder Onanist neurasthenisch erkranken. Sehr oft wird die Onanie 
eine Zeitlang schadlos geübt, bis durch Überwuchern der Phantasien 
oder durch Lektüre von Schundliteratur Schuldgefühle und Ängstlichkeit 
störend eingreifen und zur Neurasthenie führen. 



Die psydii^dieti Störungen des Oirg^ittius ^i 

Auch der „onanistische Koitus führt nur deshalb gelegentlich zur 
Neurasthenie, weil der Widerstreit der Einstellungen den Reizablauf stört, 
Hier trifft die Ansicht Taus ks (a. a. O. S. 16) zu, der das Schuldgefühl 
nur dort fanä, „wo die Onanie keine volle Befriedigung gewährt hat, wo 
Angst entwickelt wurde. Hingegen konnte ich sehen, daß sich mit der 
Onanie kein Schuldgefühl verband, wo sie volle Lust gab". Nur ist die 
Auslegung dieser richtigen Beobachtung unzutreffend; es ist umgekehrt: 
die Onanie gibt volle Lust, wenn das Schuldgefühl nicht während des 
Aktes stört. 

Die akute Neurasthenie hat somit eine direkte somatische 
und eine indirekte psychische Ätiologie; diese ist die ursprüng- 
liche und fehlt wohl in keinem Falle. 

* 

Was über die Herabsetzung der orgastischen Potenz und die Zer- 
splitterung des Orgasmus beim Manne gesagt wurde, gilt in gleicher 
Weise für Frauen, die an der Klitoris onanieren und va^nal anästhetisch 
sind: die weibliche Sexualrolle wurde abgelehnt und verdrängt, die 
physische Weiblichkeit (Penismangel, Menstruation) widerspricht aber den 
bewußten oder unbewußten Männlichkeits wünschen ; um so weniger kann 
die psychische Libido befriedigt werden, trotz gelegentlich relativ hoher 
orgastischer Lösung der somatischen Spannungen. Nach länger dauernder 
Onanieperiode pflegen dann die Onanieschuldgefühle nicht auszubleiben, 
so daß sich die beschriebenen FolgeD der Störung des Reizablaufes ein- 
stellen. 

ej Die absolute orgastische ImpoUnz 

findet man bei Männern nur zusammen mit der impotentia ejaculandi 
und bei der genitalen Asthenie; bei neurotischen Frauen ist sie dagegen 
immer anzutreffen. 

Im siebenten Schema versuchen wir zwei typische Grundformen der 
vaginalen Hypästhesie mit orgastischer Impotenz (Kurve Sunde) 
und die Unlustreaktion der frigiden Frau (Kurve a) graphisch darzu- 
stellen. 

Die Kurve b veranschaulicht die vaginale Hypästhesie, bei der die 
vaginale Erregung von Anbeginn gering ist und während des Aktes kaum 
nennenswert ansteigt. Die Kurve c stellt eine andere Form der Hj-p- 



4» 



Die Ftuiktion dt» Orgasmus 



östliesie dar: Die vaginale Erregbarkeit ist intaXt, die Erregung steigen 
sich ohne Störung bis zu dem Augenblick, in dem die Phase der un- 
willkürlichen Muskelkontraktionen einsetzen soll ; hier vergeht entweder 
die Erregung ganz plötzlich oder sie versandet ohne Orgasmus. Diese 

Form der orgastischen Im- 



Figur 7: 
lypiicht Formen der Frigidität 




a Unltut bei totaler Frigidität; b Vaginale Hj-p- 
ädthesie; c Nonnale vaginale Empfindliclikeit imd 
isolierte orgastische Impotem; H Hemmung vor 
Beg-inn der Phase der unwiHkiärlichen Muskel- 
kontraktionen 



potenz löst gewöhnlich die 
vaginale An-, hesiehungs- 
weise Hypästhesie passa- 
g4re ab, sobald die wich- 
tigsten Koitus hemmun gen 
analytisch heseitigt wur- 
den; sie gibt der Analyse 
die interessantesten Pro- 
bleme bezüglich der weib- 
lichen Genitalität und 
ihre Beseitigung, die ja 
das eigentliche Ziel der 
Therapie der Frigidität ist, 
stellt die Analyse vor weit 
schwierigere Aufgaben als 
die Beseitigung der Anästhesie, Da wir in der Herstellung der vaginalen 
orgastischen Potenz bei nicht abstinent lebenden Frauen eines der wich- 
tigsten Kriterien der gelungenen Behandlung erblicken, wollen wir diesem 
Gegenstande größere Aufmerksamkeit i\iwenden. 

Die weibliche orgastische Potenz hängt unter anderem von der erektiven 
Potenz des Mannes ab. Nun kommt es vor, daß Frauen, die vaginal 
empfinden und auch die orgastische Potenz besitzen, nicht mehr zur 
Endbefriedigung kommen können, wenn der Mann bereits ejakuliert hat. 
Es stellt sich nämlich die störende Vorstellung ein, daß das Glied jetzt 
erschlaffen werde und sie nicht zur Befriedigung gelangen könnten. 
Manchmal setzt diese Vorstellung schon zu Beginn des Aktes ein und 
die Frau wird von der Idee beherrscht, sie müßte sich beeilen, sonst 
käme sie zu spät. Sie strengt sich an, und gerade weil sie sich nicht 
ruhig dem Empfinden überläßt, steigert sich die Erregung nicht; auch 
dann nicht, wenn die Erektion des Mannes nach der Ejakulation eine 
Zeitlang anhält. Typischerweise pflegt die Erregung solcher Frauen in 



Die päydiijaien St&iuagen des Orgasmus 



<3 



dem Augenblicke zu vergehen, in dem der Orgasmus des Mannes ein- 
setzXt fcei genauer Analyse erfährt man, daß sich ihrer in diesem Augen- 
blick eine sonderbare Neugierde bemächtigt und sie den Mann be- 
obachten. 

Eine triebhafte, total firi^de Psychopathin biÖ ihren Gatten bei einem 
K.oitus inversus während seines Oi;gasmus in die Kehle, so daß er in Ohn- 
macht fiel. In der Analyse teilte sie mit, sie hätte oft phantasiert, daß die 
Frau die höchste Befriedigung erleben könnte, wenn sie den Mann ivährend 
;$eine$ Orgasmus kastrierte. 

Was hier ganz bewußt war, liegt bei Frauen, die an der beschriebenen 
Störung des Orgasmus leiden, unbewußt vor. Während des Koitus identi- 
fiziert sich die Frau mit dem Manne und phantasiert, daß das Glied 
jetzt ihr gehöre. Das Erschlaffen des Gliedes faßt sie als Kastration in 
doppelter Hinsicht auf: erstens als Kastriertwerden, zweitens als aktive 
Kastration des Mannes. Sie ist solange erregt, als ihrer Phantasie, ein 
Mann zu sein, nichts entgegensteht. Sie verliert ihre Erregung, genauer, 
sie lehnt die vaginale Erregung ab, wenn sie das Glied, das sie sozusagen 
entliehen hat, verlieren soll. Die störende Vorstellung, die Befrie- 
digung nicht erlangen zu können, entspringt somit unbewußt 
der Angst, das Glied nicht behalten zu können. 

Die allerhäufigste Ursache der orgastischen Impotenz der Frau ist Angst 
vor dem Orgasmus, Nur selten ist die Hemmung so oberflächlich wie 
im folgenden Falle. Eine Patientin konnte nicht zum Orgasmus ge- 
langen, weil ihr Gatte einmal während der Akme — sie hatte zum 
ersten Male orgastisch empfunden — gelacht und sie nachher gefragt 
Matte; „Warst du im siebenten Himmel?" Die Erinnerung an dieses 
gewiß sehr ungeschickte und unzarte Benehmen hemmte sie seither immer 
und sie konnte nur mehr widerwillig und ohne Lust geschlechtlich ver- 
kehren. Sie regredierte in der Phantasie zu infantilen Befriedigungen 
und erkrankte, nachdem sie sich diese verboten hatte, an einer Angst- 
hysterie. 

In manchen Fällen hemmt die Angst, während des Orgasmus 
zu defäzieren oder zu urinieren, sein Zustandekommen. Bei Frauen 
mit stark betonter Analität oder Urethralerotik ist die Vorstellung des 
Koitus mit der von der Defäkation schon seit der Kindheit assoziiert 
(„Anale Auffassung'" des Koitus). Der so sonderbare Zusammenhang 



1 



44 Die FutULtton des Orgasmus 

zwischen Angstaffekt und Sexualbefriedigung, der durch die Forschungen 
Fieuds aufgedeckt und als gesetzmäßig erkannt wurde, kommt am 
klarsten darin zum Ausdruck, daß die natürliche Reaktion der Kinder 
sowohl auf ein angsterfülltes Erichen vrie auch auf sexuelle Efregung 
Harn- und Stuhldrang ist. 

Ein gutes Beispiel dafür hot eine Patientin, die im Augenblicke, wo der 

Orgasnms einsetzen sollte, von Angstvorstelluagen üherfallen wurde, Harn 
verlor und "Winde nicht verhalten konnte; aus Schani und Angst verging 
die genitale Erregung und sie erkrankte an Schlaflosigkeit. 

Über die Genese einer solchen Hemmung des Orgasmus gab die 
Analyse einer cyclothymen Patientin Auskunft, die an chronischer hypo- 
chondrischer Neurasthenie litt. 

Sie onanierte tmter anderem mit der masochistischen Phantasie, daß 

sie gefesselt und völlig entkleidet in einen Käfig gesperrt w^erde 
und daß man sie dort hungern lasse. Hier setzte die Hemmung des 
Orgasmus ein: Sie mußte nämlich plötzlich über tme Apparatur grübebi, 
die den Kot und Urin des gefesselten Mädchens, „das sich nicht rühren 
darf" {statt „kann"!!), automatisch -wegschaffen sollte. Ein Traum, der in 
dieser Periode geträumt wurde, lautete: 

^^Erster Teil) Ich bin aus einem framdUchen und Heienswüragtn Geschöpf ein 6oj- 
kqftet^ wütendes, verstocktes und abichfuliches fVesen geworden. Nachher wurde es wieder 
anders xmd ich sagte dem Großpapa, er wäre schuld gewesen wegen dtr Finger (oder so 
ähnlich). Er sagt darauf- ^ch habe nicht gewußt, daß ein abgeschnittenes Glied (er meinte 
„Finger"J in den- Charakter gehen kann (oi£r in dtn Darm oder After).'' (Zweiter Teil) 
In dtr Nähe von K. (Sommerfrische mit drei 6ti vier Jahren). leh liege auf einem Last- 
auto, fast wie im Bett; ich bin zwischen swet Autos, die zusammenkommen 
u)oUen< Ich fürchte, sie werden mein Auto zerquetschen und ick werde drunter- 
kommen und keine Luft kriegen. Es tveiekt links aus und ich fürchte, daß sie in das 
Hinterteil anstoßen, daß hinten etwas passiert.*^ 

Die Analyse hatte in einjähriger Arbeit das Verständnis ihres Masochisnms 
ermöglicht. Wenn sie in der Pubertät z. B. phantasierte, daß sie von ihrem 
Geliebten gezwungen werde, sich in einem Bordell vielen Männern hinzu- 
gehen imd sich von ihnen schlagen zu lassen, so entschuldigte sie sich auf 
diese Weise vor ihrem Gewissen -wegen ihres eigenen Koituswunsches: sie 
war ja unschuldig, denn sie wurde gezwungen. Schheßlich verbot sie sich 
auch diese verstellte Phantasie, -weil sie den Geschlechtsakt unverhüllt ent- 
hielt, und onanierte nur mehr mit prägenitalen masochistischen Phantasien; 
sie werde mit eisernen Besen geschlagen, daß Wunden entstehen, die dann 
mit Salz und Pfeffer eingeriehen werden; oder: es werden Nagel in ihr 



Die psyditsdien Otontiij^en des Orgasmus 



45 



^&£dh getrieben; oder: sie müsse nackt mit gefesselten Händen (Onanie - 
verbot!) aus einer Krippe essen und sei über und über mit Kot beschmiert. 
In der Analyse traten imverhüllte masocWstische Koitusphantasien wieder 
nuf und sie erkannte in der KAStraüons angst das MoUf ihrer Zuflucht zur 
präeenitslen Befriedigung. Der Traum brachte die Situation, in der ste die 
Kastration sangst im Zusammenhange mit der Defakationsangst erlebt hatte: 
Zum j^sumpfigen Wald" fiel der Patientin die Geschichte des kleinen 
Eyolf ein, der im Teiche ertrinkt, -während die Eltern miteinander ver- 
kehren. Die „zwei Autos, die zudnander wollen", und ihre Eltern; sie hegt 
daKwiselten „fast wie im Bett , Bei der Niederschrift des teilweise ana- 
lysierten Traumes fügte die Patientin unaufgefordert hinzu: „Durch Onanie 
wachsen die kleinen Labien, hieß es in einer Vorlesung. Damals hatte ich 
Änest. es könnte mir passieren und man merkt dann alles. ,Zwei Finger 
abgefahren, heißt beide Labien lang gewachsen, durch ,Üherfiüiren' aus- 
gequetfcht. Ibsen macht im „kleinen Eyolf" nicht nur Vorwürfe, daß man die 
Kinder im Schlafzimmer schlafen läßt, sondern (wie aumindest ich itn 
Traume) auch diesen: -wenn das Rind da ist, dürft Ihr nicht mehr mit- 
einander verkehren und das Kind als Nebensache behandeln, denn es kann 
mir doch etwas ,pasäeren . Zuletzt ist nur die Gefahr, daß ,rückwfirts 
etwas passiert. (Und immer die Leibschmerzen und Uarmgeschichten t Hatte 
übrigens gerade den Abend vorher Blähungen und dachte, ob das wohl 
auch damit zusammenhängt, daß -wir jetzt die Angst vor dem Geschlechts- 
verkehr analysieren?) Beide Eltern sollen sich iim mich kümmern mad nicht 
um einander, deshalb bin ich in der Mitte. Großpapa lacht wohl, -weil er 
nackt ist und stolz uriniert (im Traume nicht gesehen!)- Er steht so da wie 
der Knabe im Votivpark, den ich tags vorher sah. Zum Verständnis des 
Zusammenhanges z-wischen der Phantasie, nackt, gefesselt und hungernd in 
einem Käfig zu Hegen, und dem Traume bringen wir einen anderen Traum, 
der zwei Tage vorher geträumt -wurde: 

„Ich sitie in der Küche am Schemel vcr einem Käfig, in dem sich zwei 
Vögel befinden, die ick scharf ansehe, als müßte ick etwas sehen, bevor ich 
an ihnen eine Operation du-rckführe. Dabei denke ick, dqfi man das nicht 
öffentlick macht. Dunkles Licht." Dam fiel ilir ein Angattraum aus firüher 
Kiiidhe-it ein: „Der Mutter geschieht etwas, sie wird operiert.'^ 

Einige Tage vorher hatte sie in einem Buche von Fließ das Wort „vögeln" 

(d. h, koitieren) gelesen. Der Käfig stellt ihr Gitterbett dar, „So etwas macht 
man nicht Öffentlich" bezieht sich auf Flatus und Defäkation, Die Patientin 
mied seit -vielen Jahren jede Gesellschaft, -weil ihr einige Male in Gegen- 
wart von Männern, die ihr gefallen hatten, ein „Malheur rückwärts " passiert 
war: sie hatte Diarrhöe bekommen. Auch in der Analyse pflegte sie, wenn 
die Übertragung sich zu sexueller Erregtheit steigerte, Harn- und Stuhldrang 
zu bekommen, den sie nicht beherrschen konnte. Als ihr bevrußt wurde, 



^G Die Funktion des Or^a^mu« 

daß die ma$ochistischen Phantasien den mit Angst besetzten Koitus vertraten, 
stellten sich im Zusammenhaiige mit der Übertragung normale Koitus- 
pha-ntasien ohne Angst ein-, knapp, bevor der Orgasmus einsetzen sollte, 
drängten sich jedoch die masochistischen Phantasien wieder vor. 
Die Angst vor dem Koitus war beseitigt und hatte sieh auf die 
isolierte Angst vor dem Orgasmus einschränken lassen. 

Auf Grund der genannten Tatsachen ergab sich folgende Rekonstruktion 
der Urszene: Während sie zwischen den Eltern lag und den Koitus be- 
lauschte, wurde sie von der Angst beherrscht („gefesselt"), sie könnten be- 
merken, daß sie beobachtete; sie durfte sich infolgedessen nicht rühren. 
Die sexuelle Erregung, die mit Angst gemischt war, wollte sich anal und 
urethral äußern, sie bekam Harn- und Stuhldrang und sehnte eine Apparatur 
herbei, die die Fäkalien unbemerkt wegschaffen sollte. Die seelischen und 
körperlichen Qualen, die das Kind dabei zu ertragen hatte, blieben seither 
in ständiger assoziativer \'erknüpfung mit der Sexuallust und fixierten die 
masoch istischen Onaniephantasien. Die sadistische Auffassung des Koitus und 
die Kastrationsangst hatten da7.u das meiste beigetragen, insbesondere die 
letzte war das Motiv der Flucht vor den Gefahren der genitales 
Betätigung in den analen Masochismus, 

Ejne andere Paüentdn, die an hypochoudiischer Angst litt, war vor der 
Analyse auch vaginal anästhetisch. Die Analyse erledigte zunächst den Teil 
der Kastrationsangst, der sich als Vaginismus geäußert hatte, und brachte 
es zustande, daß sich die Patientin in ihrer weiblichen Rolle zurechtfand; 
bewußte Wünsche nach Sexualbefriedigung und die vaginale Empfindlichkeit 
stellten sich zwar ein, doch konnte sie nicht zum Orgasmus gelangen. Knapp 
bevor er einsetzen sollte, „riß es ab , Die Analyse der orgastischen Impotenz 
führte zum Thema der Onanie zurück, bei der sie sich die Endbefriedigung 
als schädlich verboten hatte, und sie brachte Üa diesem Zusammenhange 
folgenden Traum: 

„Mir träumt« von dnan Turm aus rohtn DBchiitgthif der an dtr Maar einen kleinen 
Vorsprung hatte, so daß man sich gerade an dm Zehen, daran festhalten konrae. Ich. stieg 
da a^ßen rundherum hinauf; als ich nur mehr ein kleines Stück hatte, löste 
sich der Ziegel, an dem ick nach mit der linken Hand anMeh, los und eine große 
Angst überkam mich: wie sohrecklick, so hoch oben zu sein; wenn idi den Halt 
verliere, bin ich tot. Da gehe ich lieber den weiteren Weg zurück und mir ist, alt wenn 
Sie mir zusehen möchten, ick uiffl Ihnen seigen, daß ich mich getrau, aber ich bin froh, 
daß auf einmal mein Mann da ist, der vor mir geht. Wenn mein Mann nicht herunter' 
fliegt, so (will) nur ich schnell darüber und Sic sehen, wie herzhaft ich iin. 
Mein Mann springt hinunter, ich traue mich aber nicht, auch hinuntertuspringen.'* 

Wir heben nur die zum Thema gehörenden Elemente hervor. Der kleine 
"Vorsprang an der Mauer ist die Klitoris. Sie steigt „rundherum", d. h. an 






Die psyctiisdaen St&rungen des Orgasmus 



der Klitoris vorbei „hinauf''; sie versucht va|^al zu onanieren. Gewisse 

Verhaltungs weisen der Patientin hatten nämlich trotz gegenteiliger Beteue- 
rungen bewiesen, daß die Angst zu onanieren, beziehungsweise die Kastratioiis- 
angst, noch, nicht völlig überwunden "war, Sie konnte zwar schon ruhig über 
die Owanie sprechen, die sie in der Kindheit und seit der Pubertät bis zur 
Erkrankung geübt und dem Analytiker lange verschwiegen hatte, doch 
schrak sie vor dem Gedanien zurück, daß sie es noch einmal tun könnte. 
Das ■wies nicht auf Erledigung sondern auf Verdrängung des rezenten 
Onaniewvmsches hin. Da sich in dieser Ifinsicht lange Zeit nichts entschei- 
den wollte, obgleich reichlich Beweise da waren, daß die Patientin gegen 
aktuelle Onaniewünsche ankämpfte, sagte ich ihr eines Tages, ich könnte 
ihrer Behauptung, daß sie von der Ungefährliciikeit der Onanie überzeugt 
sei und nichts mehr fürchte, keinen Glauben schenken., denn sie würde sich 
sicher die Onanie nicht erlauben, wenn ein solcher Wunsch sich bewußt 
regte. Sie bestand daranfj weder solche Wünsche noch Angst mehr zu haben, 
und brachte in der nächsten Stunde den Traum. Der Ziegel löst sich los, 
während sie hoch oben steht, d. h. vor Eintritt des Orgasmus („Als ich nur 
mehr ein kleines Stück hatte"), sie fürchtet zu fallen und sich au töten. 
Die Patientin kam in die Analyse wegen der Angst, an Tuberkulose zu 
sterben, und hatte in der Pubertät die Idee gehabt, daß man durch die 
Onanie, insbesondere durch den Orgasmus, an der Lunge erkranke. Sie 
möchte mir zeigen, daß sie sich zu. onanieren getraut, ist aber erfreut dar- 
über, daß ihr Mann kommt, mit dem sie zusammen hinaufsteigt, d. h. ver- 
kehrt. Die Erregung v^ahrend des Aktes pflegte zu dieser Zeit immer „ab- 
zureißen , w^enn ihr Mann zum Orgasmus gelangte. („Wenn mein Mann 
nicht hinunterfliegt usw.) Sie gelangte aber auch nicht zur Befriedigung, 
wenn der Mann nicht zn früh abbrach. Sie hatte Angst vor dem Orgasmus 
selbst, den sie durch „Hinunterfallen" darstelhe. Als sie einmal bei der 
Onanie eine orgasmus ähnliche Sensation erlebte, glaubte sie „sterben zu 
müssen , Eine andere Patientin, die durch die Analyse ihre Frigidität ganz 
verloren hatte und nur selten orgastisch impotent war, berichtete mir später, 
es komme ihr in diesem Falle vor, als stiege sie immerfort und als w^agte 
sie es nicht „ hinunterzuspringen ". Das gleiche berichtete mir eine schizoide 
Psychopathin, 

Die orgastische Lösung der Spannung wird als ein Fallen 
empfunden, wenn die Angst den Orgasm.us stört. Das mag einer 
der Griinde sein, warum Fallträume so häufig Impotenzträume sind. 
Hier ist die Kastrationsangst ganz an die Stelle des Orgasmus getreten. 
Viele Menschen haben angstvolle und gleichzeitig lustbetonte Sensationen 
im Genitale, wenn sie in einen Abgrund hinabsehen oder sich bloß 
vorstellen, daß sie in die Tiefe stüxzen. Das Stiegensteigen als Symbol 



^S Die Funktion dea Orgaamui 

des Geschlechtsaktes stellt somit nicht nur die Anstren^n^ sondern 
auch das Ansteigen der Intensität der Lustempfindimgen während des 
Aktes Aax. Auch heim. Schaukeln, im rasch abiiväTts fahrenden Lift, im 
talwärts rasenden Auto, bei steiler Schußfahrt auf Skiern verspürt man 
am Herzen und am Genitale Empfindungen, die angst- und lust- 
betont zugleich sind. Diese Empfindungen haben spezifischen Cha- 
rakter: „Das Herz sinkt" (im Volksmund: „Das Herz fällt in die Hosen"). 
„man verliert etwas ; manche haben das Gefühl, als ob ^am Genitale 
gezogen" würde. Die genitale Angstsensation wird an der Penis wurzel 
verspürt. Die physiologische Grundlage der symbolischen Gleichung: 
Herz — Genitale (Angst — Lust) wird uns im nächsten Abschnitt ein- 
gehend beschäftigen. 

Eine Patientin mit Suicidideen phantasierte, daß üe sich aus einem Fenster 
in die Tiefe stürze' und unten vom gütigen Gottvater aufgefangen werde, 

lÄe Analyse entlarvte diese Idee als Inzestphantasie. Diese Patientin 
gab auf meine Frage, Ti^arum sie denn bei der Onanie nicht zur Behiedi- 
gung gelangen könne, an, daß sie die angstvolle Empfindung habe, als müßte 
sie ans großer Höhe von einem Fenster hinabstürzen ; also die gleiche Vor- 
stellung wie bei der Selbstmordphantasie. 

Ein Patient mit hysterischem Charakter und hypochondrischer K.ata- 
strophenangst hatte in der Analyse Angst und Sexualschen überwunden. Bei 
der Analyse der infantilen Onanie, an die der letzte Rest seiner Kastrations- 
angst gebunden war, träumte er folgenden Ängsttraum, in dem der Orgas- 
mus unverkennbar symboUsch als Sturz (Verlust, Kastration) dargestellt ist: 

„£in junger, hi&seher Mann im Hochgebirge. Es ist stiä-mimhf er schätü den Weg ver- 
larETi zu haben. Eine Knachenhand, der Tody hat ihn dm ^tm gefaßt und icheint ihn zu 
fuhren.; offenbar ein S^rmbol, daß er ins Verderben geht. — Ein Mann und ein kleiner 
Knabe stürcen einen Abhang hinunter, ein Rucltsack entleert gleichzeitig 
stinen Inhalt, der Knabe ist von einem weißlichen Brei umgeben," 

Der erste Teil des Traumes beinhaltet die Angst vor den Folgen der 
Onanie; die Katastrophenangst (Sterbenmüssen, Verrücktwerden) war nach 
einem Besuch in der Hygieneausstellung aufgetreten, in der er syphilitische 
Gesch-wiire gesehen hatte. — Im zweiten Teile stellt der „kleine Knabe" 

i) Je nach der Libidoposition überwiegt in den Sturitraumcn bald die Geburts-. 
bald die Or^asmusbedeutung; der Kranke pendelt unausgesetzt zwischen dem 
Streben nach genitaler Befriedigung, die ihm Angst einflößt, und der Mutter- 
leibssituation, die ihn vor den Gefahren der Libidobe&iedigiMig schütten soll. 



Die ;psydiisdien otörungen des Orgasmus 



49 



ihn selbst und überdies sein Genitale dar. Beim Sivxz entleert sich (Ejaku- 
lation) sein Rucksack (Hoden), der Knabe (Glied) ist von weißlichem Brei 
(Sperma, Hinweis auf sypliilitisches Geschwür) umgeben. 

Wir erblicten in der assoziativen Verhindimg der Begriffe des Todes 
(der Gehurt), der Kastration und des Orgasmus und in ihrer symbolischen 
Darstellung durch die Vorstellung des Sturaes eine Bestätigung der Hypo- 
these Ferenczis,' daß das Ausstoßen des Samens biologisch (phylo- 
genetisch) einer Kastration gleichkomme und daß dem Vorgang der 
Erektion eine biologische Tendenz zur Autotomie zugrunde liege. Wie 
befremdentl diese Hypothese anch klingt, mit dem Orgasmus ist tatsäch- 
lich das Gefühl verbunden, „etwas" oder „sich zu verlieren J^ Man muß 
annehmen, daß der plötzliche Verlust der libidinösen Spannung, der mit 
der Ausstoßung des Samens beim Manne, mit profuser Schleimproduktion 
beim Weibe verbunden ist, dieser Empfindnng unmittelbar zugrunde liegt. 
Doch dürfte speziell das Gefühl, etwas zvi verlieren, der uralten Kastra- 
tionsangst entstammen. Dafür sprechen jene Fälle, die den Orgasmus 
als eine machtvolle Sensation furchten, die einen überkommt, beherrscht, 
zerrüttet und das Bewußtsein trübt. Man hat sie zum ersten Male bei 
der Onanie erlebt, vielleicht mit Schreck erlebt, und hat später die Idee 
gebildet, daß der Samenverlust und die Erschütterung des Körpers die 
Nerven zerrütte. So kommt zur infantilen Kastrationsangst, die durch 
die Schundliteratur noch gesteigert wird, die körperliche Sensation des 
Orgasmus hinzu, die zu mächtig ist, um nicht zunächst mit Angst er- 
lebt zu werden. Man wird daher bei den Fällen, die nicht die manuelle 
Friktion des Genitales sondern bloß den Orgasmus, beziehungsweise die 
Ejakulation vermeiden, annehmen müssen, daß die Kastrationsangst sich 
in erster linie des erschütternden Erlebnisses des ersten Orgasmus* be- 



1} Versuch einer Genitaltheorie (International« Psychoanalytische Bibliothek, 
Nr. XV. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1924). 

2) Wir können Perenczi allerdings nicht zustinunen, wetun er meint, daß der 
Geschlechtsakt als eine jiartielle und vorübergehende Regression in den Mutterleib 
aufzufassen sei. Denn dann müßte das Gefühl des „Sichverlierens« den ganzen Akt 
und nicht nur den Orgasmus beherrsclien: femer dürfte die Frau nicht dieselben 
Sensationen und Empfindungen haben wie der Mann, denn für sie gilt der Akt 
nicht als Mutterleibsregression, und wie unsere Beispiele zeigten, neigt gerade 
Ale Prau zur Angst vor dem Orgasmus, die sich als Angst lu fallen oder sich 
m verlieren änBert. 



Betch: Die Funktion du Orgaimus. 



So 



Die Funktion äes Orgasmus 




mächtigt hat. Die Therapie solcher Fälle muß trachten, die Angst zu 
beseitigen, die die Onanie betrifft : sie müssen ohne Angst onanieren 

können. 

aj Die Sexualerregung hei der Nymptiomanie 

Das achte Schema stellt den Verlauf der Erregung bei Frauen dar, 
die sehr darunter leiden, daß sie während eines Geschlechtsaktes mehrere 
Male der Akme ähnliche Sensationen erleben, ohne jedoch die Span- 
nung zu verlieren, so 
Figur ö : jj^ß jj^ ^^^^ jj^ ständiger 

Di* nrmphomam Scxuatcrngung sexueller Erregung befin- 

den („Nymphomanie"). 
Unaufhörliches Verlangen 
nach dem Koitus und 
Männersucht sind häufig 
unmittelbare Folgen dieser 
Form der orgastischen Im- 
potenz, 

Die Erregung ist vom 
Anbeginn bedeutend höher 
als bei orgastisch potenten 
Menschen und steigt während des Aktes auch viel rascher an; sie ver- 
geht teilweise auf der Höhe der Sparmung, ohne daß sich das charakte- 
ristische Rückströmen der Erregung auf den Körper einstellte. Die Hem- 
mung setzt also erst nach der Konzentration der Erregung am Genitale ein. 

Eine achtundzwanzigj ährige Frau klagte über Schlaflosigkeit, ständige 
sexuelle Erregung imd darüber, daß sie mit vielen Männern verkehren 
müsse. Beim Verkehr hat sie sehr intensive va^nale Sensationen und ge- 
langt angebhch sogar mehrere Male „^nr Befriedigung . Nach dem Akte 
ist sie noch stärker erregt als vorher und kann nicht einschlafen. Genaue 
Befragung ergibt, daJ3 sie das orgastische Sinken der Spannung nur äußerst 
selten erlebt, in diesem Falle aber nvae einmal zur Akme gelangt. — Bei 
ihrem Manne, der an leichter ejaculatio praecox litt, war sie vaginal hyp- 
ästhelisch. Bei einem Geschlechtsakt mit einem anderen, sehr potenten 
Manne erreichte sie zum ersten Male die Erregung in jenem hohen Grade, 
vrie er beschrieben vtrurde. Die Ehe war zerstört, aber das Schuldgefühl 
wegen des ersten Ehebruchs, das ihr nicht bevvußt war, störte sie unaus- 



,^ Wiederholte Spannungssteigerujig und Ausbleiben 
der Lösung 



Di« psyovisaien otörunjen des Orgasmu« 



iresetet. Da die Frau nicht analysiert wurde, konnte wicht ermittelt werden, 
warum die Störung gerade vor der Löavuig der Spannung einsetzte und welcher 
Art die Hemmungsvorstellung war. 

Darüber konnte in der zweijährigen Analyse einer Nj-mphomanie, 
Idfesren Hauptsjmptoin exzessive vaginale Onanie mit bewußten Selbst- 
schädigungstendenzen war, einiges in Erfahrung gebracht werden. Ich 
entnehme die Krankengeschichte dieser Patientin meinem Buche über 
den triebhaften Charakter, in dem sie nur hinsichtlich ihrer Charakter- 
defekte besprochen wurde. 

Eine sechsundzwanzigj ährige, ledige Patientin suchte das psychoanalytische 
Ambulatoritiin wegen fort wahr ender sexueller Erregung auf. Sie möchte be- 
friedigt werden, empfinde aber beim Geschlechtsverkehr nichts, spüre nicht 
einmal das Eindringen des Gliedes. Sie liege „gespannt da laid „höre , 
ob die „Befriedigung kommt . Bei der geringsten Körperbewegung ver- 
schwinde aber jedes axifgetretene Lustgefühl sofort, Sie leidet überdies an 
Schlaflosigkeit, Angstzuständen und an abundanter Onanie. Sie onaniert mit 
dem Stiel eines Messers bis zu zehnmal im Tag, gerät dabei in heftige Er- 
regung, die sie durch Aussetzen der Friktion mcht zum Abschluß kommen 
läßt; so unterbricht sie die Friktion mehrere Male, bis sie, völlig erschöpft, 
entweder gar nicht zum Orgasmus kommt oder absichtUch Blutung aus dem 
Genitale eraäelt und dann mit begleitenden masochisüschen Phantasien zur 
Befriedigung gelangt. Die Blutung aus der Scheide ist eine Bedingung der 
Befriedigung, Sie phantasiert, tief in den Uterus einzudringen; „ich kann 
nur in der Gebärmutter befriedigt werden . Bei der Onanie phan- 
tasiert sie, ihr Genitale, das sie Lotte nennt, sei ein kleines Mäd- 
chen. Sie spricht unausgesetzt mit ihr, indem sie beide Rollen spielt. „Jetzt, 
mein Kind, wirst du befriedigt werden, schau (während der Analyse), der 
Doktor ist bei dir. Der hat ein schönes, langes Glied, aber es muß dir 
wehtun." Die Lotte: „Nein, ich wUl nicht, daß es mir wehtut! " (wränt). 
„Du mußt leiden, das ist die Strafe für deine Geilheit, du bist ein Luder. 
Das muß noch mehr wehtun, das Messer muß zum. Rücken herauskommen. 
Und so ähnlich geht es fort. Die Onanie bedeutet für die Patientin eine 
schwere Sünde, für die keine Strafe hoch genug ist. Dabei phantasiert sie 
bewußt alle bekannten Männer j aber auch die „Mami", eine Analytücerin, 
bei der sie drei Jahre früher acht Monate lang in Behandlung war. (Nach, 
zweijähriger Remission 'war die Patientin rezidiviert.) 

Der Vater der Patientin sowie eine ältere Sch-wester und ein jüngerer 
Bruder sind angeblich gesund und lebenstüchtig. Der Vater war in der un- 
glücklichen Ehe mit einer herrschsüchtigen Pran offenbar unterlegen. Sie 
hat immer das Regiment im Hause geführt. Ein älterer Bruder verbüßte 
Kur Zeit der Analyse eine Zuchthausstrafe wegen ,, Schändung", 

4' 



Die Fttuttion des Orgasmus 



Von ihrer Mutter fühlte sich die Patientin schlecht behandelt und ver- 

stoßen. Die Rolle des verstoßenen und ungeliebten Kindes versuchte sie 
auch in der Übertragung herzustellen, die sehr vehement war (die Analj-se 
stand fast völlig im Znchen der AktioiO- Nachdem die Bindnng an die eiste 
hehandelnde Ärztin aufgelöst war, trat die Ambivalenz zur Mutter voll 
zutage. Sie sehnte sich nach der „Mami", erkannte in ihr anfangs ihre 
eigene Mutter gar nicht, mit der Begründung, sie könnte doch nicht eine 
Mutter lieben, die sie immer verstoßen, geschlagen, schlecht behandelt hatte 
und sich nicht um sie kümmerte (dies entspricht den Tatsachen). Sie 
phantasierte, an jeweils neu gewählten „Mamis" zu saugen, Mutterleib s- 
■wünsche standen im Vordergrunde. Ihre Klage, sie müßte für andere leiden, 
die Strafen für die Vergehen anderer auf sich nehmen, klärte sich auf, als 
■wir erfuhren, daß sie als achtjähriges Kind eine Phantasie folgenden Inhalts 
produzierte: Die Mutter war in einem Wirtshaus, die Patientin in einem 
anderen angestellt. Die Mutter, die mit dem Vater in schlechtester Ehe 
lebte, empfing häufig Besuche eines großen Herrn, den sie per „Graf" 
titulierte. Einmal w^urde die Patientin diesem Herrn vorgestellt. Und nun 
glaubte das Kind, sie vir erde von der Mutter verstoßen, weil sie das Kind 
dieses Grafen sei und die Mutter gestört hätte. Sie phantasierte (es konnte 
nicht entschieden iverden, ob es sich um Reales oder Phantasiertes handelte), 
der Graf vergewaltige sie mit Beihilfe der Mutter (siehe ihre Onanie- 
phantasie). Sie spüre ein großes Glied in ihre Scheide eindringen, das üir 
große Schmerzen verursache. Es ist ein dunkles Summer, jemand steht dabei 
und schreit sie an, sie dürfe nicht w^einen, sondern müsse sich ruhig Ter- 
halten. Später deckte die Analyse eine ähnliche Phantasie (oder dunkle 
Reminiszenz?) aus Ihrein vierten Lebensjahre auf: sie wird von zwei Männern, 
den Bettgehem ihrer Eltern, in das vermietete Zimnier getragen, der eine 
hält sie, der andere Evi^ängt sein übergroßes Glied in ilire Scheide. Sie will 
schreien, kann aber nicht. Voll erinnert wurden sexuelle Spiele mit gleich- 
altrigen Jungen in einem Keller auch aus früherer Zeit. Mit einem älteren 
Bruder koitierte sie im zehnten Lebensjahre. Sechs Jahre alt, spielte sie 
mit demi zwei Jahre alten Bruder, sah sein Glied, versuchte eine Strick- 
nadel in dasselbe einzuführen, der Penis blutete, äüe Patientin zerrte daran; 
das Kind schrie, sie wurde von der Mutter dafür geschlagen und an den 
Haaren gezerrt. 

Mit zwölf Jahren kam sie als Kindermädchen in Stellung, zwei Jahre 
lang reizte sie der Dienstgeher fast allnächtlich, ohne zu verkehren. Mit 
fünfzehn Jahren glaubte sie schwanger zu sein, die Menstruation blieb drei 
Jahre aus und trat nach Abbruch der ersten Analyse wieder auf. Sie kam 
nun auf die Idee, sich ein Stück Holz an die Scheide zu binden. Später 
kam sie oft in die Analyse nüt dem Messer in der Scheide, was offenbar 
nur dtirch einen vaginistischen Krampf möglich war. Ohne das Messer in 
der Vagina stecken zu haben, konnte sie nicht einschlafen. 




Die payoiisdicn ötörungcn des Orgaamo« 



53 



Die Onanie, in der Form wie sie heute besteht, setzte im fünfzehnten 
Lebensjahre nath einer Nacht ein, die sie zusammen mit ihrem Vater in 
einem Zimmer verbrachte. Sie hatte schwer geträumt, den Angsttraum ver- 
gessen und war früli am Boden liegend aufgewacht. Die Bettlade war 
durchgebrochen. Der Vater fragte sie, was sie deuu in der Nacht getan 
hätte, ohne ihr nähere Auskunft zu geben. Dieses Detail hat die Analyse 
]iis dato uidit lösen können. Es spricht aher alles dafür, daß die Nähe des 
Vaters erregend gewirkt und zum Angsttraum geführt hatte. Es lag nahe 
anzunehmen, daß die Patientin damals onaniert hatte. 

Die Rezidive war ausgebrochen, nachdem sie mit einem Sadisten Bekannt- 
schaft gemacht hatte, der ^e mit Geißeln schlug, an den Haaren zerrte, 
schimpfte und überdies zu kriminellen Handhmgen zwang. So mußte sie 
ihm z'weitaal kleine Mädchen bringen, für um stehlen usw. Dabei nannte 
sie ihn „ihren besten Freund , konnte ohne ihn nicht leben, brachte es 
zuwege, ihm stundenlang in den Straßen nach^orennen. In der Analyse 
gelang es nur mit schweirer Mühe, unter Androhung des Abbruches der 
Kur. sie von ihnk zu lösen. Sie Übertrag sofort die masochistische Ein- 
stellung auf den Arzt, brachte eine Geißel in die Analysenstunde mit und 
begann sich zu entkleiden, um geschlagen zu werden. Nur das schärfste 
Eingreifen brachte sie davon ab. Sie rannte mir in den Straßen nach, suchte 
mich um sehn Uhr nachts in meiner Privatwohnung auf, sie hielte es nicht 
aus, ich müßte sie koitieren oder schlagen, sie müßte von mir ein Kind 
haben, nur ich könnte sie befriedigen. So ging es ungefähr acht Monate, 
kejne Aufklärung, kein Zureden machte einen Eindruck auf sie. So oft sie 
etwas begangen hatte, onanierte sie um so stärker und häufiger, n^ur Strafe", 
„idi muß krepieren". Im achten Monat der Analyse unternahm äe einen 
Giftmordversuch an ihrer älteren Schwester und deren Gatten. Darüber 
besteht wegen hier nicht näher anzuführender Umstände kein Zweifel. Die 
Patientin hatte das Ganze vergessen, verriet aber die Tat in Träumen und 
durch besonders grausames Onanieren. Einige Tage vorher hatte sie Rattengift 
in die Analyse gebracht, sie liebte es so sehr, sie müßte es sannneln. Nur 
mit strengsten Verboten, unter Androhimg des Abbruches war die Patienün 
in der Analyse zu halten. 

Jbn vierzehnten Monat der Analyse erinnerte die Patientin in einer ruhigen 
Phase Tollkommen vergessene Szenen aus dem Schlafzimmer der Eltern. 
Die sadistische Theorie über den Geschlechts- und Geburtsakt fand hier 
ihre Aufklärung, ein Stück Angst wurde aufgelöst, die Patientin trat einen 
Posten an und hielt sich nunmehr ganz gut. Gharakteristischerweise bekam 
sie jetzt einen Eßzwang, nahm stark an Gewicht zu, was einer oralen 
Schwangerschaftsphantasie entsprach. Ihrer Neigung, die Analyse ins Unend- 
liche hinauszuziehen, mul3te, da das anscheinend wichtigste Stück durch- 
gebrochen -vrar, durch Setzen eines langfristigen Termines (weitere sechs 
Monate) entgegengearbeitet werden. Die Onanie flammte samt dem Schuld- 



54 



Die Funktion des Orgasmus 



gefühl bei der Erörterung der ScUafzimmerszenen -wieder auf und mußte 
verboten werden. Das Verbot war notwendig, weil siclx bereits lokale 

Schädigungen zeigten (eine Gebärmuttersenkung und -kmckung). 

Die Hebung des reinen Inzestwunsches, der bisher vollkoninien verdrängt 
war, brachte aber keine Verurteilung. Im Gegenteil, die Patientin phanta- 
sierte nunmehr bewußt, vom Vater koitiert zu werden und ein Kind zu 
bekommen. Die Phantasien steigerten sich manchmal zu lebhaften Halluäna- 
tionen. Sie sah einen Teufel, der sie verhöhnte, sie würde es ja doch nicht 
ohne die Onanie aushalten, $ie strengte sich umsonst an. Er hatte das eine 
Mal die Züge des „Grafen", ein anderes Mal die der Mutter. Der Teufel 
repräsentierte ihre grausamen und inzestuösen Wünsche, deren sie sich zu 
erwehren hatte, ihre Mutter und als verpöntes Objekt insbesondere den 
Vater. 

Seit der Niederschrift dieser Krankengeschichte hatte sich im Zustand 
der Patientin manches zum Besseren gewendet. Nach einer Unterbrechung 
von vier Monaten wurde die Behandlung durch weitere sieben Monate 
fortgesetzt. Jetzt wurde ich eines Irrtums gewahr, dessen Korrektur die 
Besserung des Znstandes der Patientin erzielte. Es stellte sich nSmlich bei 
genauer Befragung über den Ablauf der Erregung heraus, daß die Patientin 
auch bei der Onanie mit dem Messer nie zur Befriedigung gekommen war: 
In ihren Berichten hatte sie nur den Unterschied zvrischen der vaginalen 
Eirregung bei der Onanie und der Unempfindlichkeit heim Koitus im Auge 
und glaubte daher durch die Onanie „befriedigt" zu sein, während sie bloß 
stark erregt war. Sie gab an, daß bei der Onanie die vaginale Erregung 
sofort stark einsetzte und daß sie „die Richtung des Messers" abänderte, 
sobald sie spürte, daß „es ihr kommt"; darauf verging die Erregung, um 
gleich darauf um so stärker anzuschwellen, sobald sie die Friktion fortsetzte. 

Auf mein Ersuchen zeichnete 
Figur g : gje ^en Ahlauf der Erregung 

wie nebenstehend und fügte 
hinzu; „Je stärker ich auf- 
geregt w^erde, desto mehr 
fürchte ich zu zersprin- 
gen; ich bekomme schreck- 
liche Angst, Werdegang müde 
unditerschlagen." DieMüdig- 
keit nach der Onanie hatte 
ich lange irrtümHcberwEise 
für tan Zeichen der Befrie- 
digung angesehen, Ms ich 
lernte, die Art der Müdigkeit und körperlichen Schlaffheit zu beachten. 
Sie erlahmte schließlich, nachdem, sie eine Stunde lang protrahiert hatte, 
nicht -weil die Spannung sich löste, sondern infolge muskulöser und ner- 



Die psydusdien ötörutigen des Orgasmus 



55 



TÖser Ermattung, Die körperliche und psychische Erregung blieb nach wie 
vor b^tehen; so erklärte sich ihre exzessive Masturbation. Wir -werden auch 
bei der chronischeii hypocliondrischen Neurasthenie der orgastischen Impotenz 

als Motiv der exzessiven Masturhation begegnen. 

Welche Vorstellung hemmte die Befriedigung? Wenn man sie fragte, 
was sie störe, wußte sie nur anzugeben, daß sie unausgesetzt „hören 
müsse, ob die Befriedigung schon komme". Der Sinn der Rede- 
wendung: „die Befiiedi^ng hören", wurde erst klar, als die Patientin 
eines Tages hinzufügte, es sei, als hörte sie „jemand" ins Zimmer 
treten; im laufe vieler Monate nahm die Gestalt bestimmtere Formen 
an und schließlich war es immer wieder die Mutter, die, gelegentlich 
mit halluzinatorischer Schärfe, vorgestellt wurde. Es konnte nicht ermittelt 
werden, ob der Hemmung des Orgasmus außer den groben Versagungen , 
die wir früher Leschriehen haben, auch noch andere Traumata au- 
gi-unde lagen. Die Idee zu „zerspringen" war der Ausdruck der Angst, 
am Genitale verletzt zu werden, und als solche durch reale Erlebnisse 
determiniert und mit der Vorstellung : „drohende und strafende Mutter**, 
assoziiert. Sie fürchtete aber nicht nur von der Mutter kastriert ^u werden, 
sondern wünschte auch, von ihr befriedigt zu werden; indem sie 
mit dem Messer onanierte, bestrafte sich selbst; sie führte die Kastration 
an sich aus; in den Selbstgesprächen, die sie bei der Onanie führte, 
spielte sie die strafende und liebende Mutter sowohl wie das Kind, welches 
erregt ist und die Befriedigung wünscht. Das Messer, das allein sie in 
hohe Erregung zu bringen vermochte, hatte sie einer Ärztin entwendet, 
die ihr nahezu vollwertige Mutterimago gewesen war; es hatte die 
Bedeutung des mütterlichen Penis. Die Patientin hatte die Vor- 
stellung, daß das Glied beim Akte in der Scheide stecken bleibe und 
daß die Mutter auf diese Weise in den Besit?, eines Penis gelangt wäre. 
„Ich will von der Mutter befriedigt werden , bedeutete in tieferer Schichte: 
„Ich will, daß mich die Mutter mit dem Penis befriedige, den sie dem 
Vater abgezwickt hat." Di* Verknüpfung dieser Idee mit der Angst, am 
Genitale verletzt zu werden, beruhte auf einer tieferen, regressiv akti- 
vierten Vorstellung : Als sie im Laufe der Analyse die vaginale Anästhesie 
beim Koitus teilweise verlor, beschäftigte sie sich unausgesetzt mit der 
Idee, ob dem Kind§ im Mutterleibe etwas geschähe, wenn die Mutter 
geschlechtlich verkehrt. Sie glaubte nämlich schwanger zu sein und 



56 Die Funktion des Orgasmus 

flirchtete aus diesem Grunde zu verkehren. Die Vorstellung, im Mutter- 
leibe vom Vater koitiert zu werden, war zeitweise röllig bewußt. Da die 
Mutter im Hause immer die herrschende Persönlichkeit war, der Vater 

dagegen im ehelichen Kampfe völlig unterlag, eignete sich die Mutter 
sehr dazu, in der Phantasie der Patientin die Rolle des Mannes zu 
spielen. Jetzt begreifen wir, war am die Patientin ursprünglich nur bei 
der Onanie mit dem Messer vaginal erreghax war, beim Koitus dagegen 
nichts empfand; dort erfuhr sie die Befriedigung gleichzeitig mit der 
Strafe von der Mutter, hier hatte sie es mit einem realen Manne zu 
tun, den sie ja entsprechend ihrer aktuellen Libidostruktur ablehnte, 
der ihr nichts gehen konnte, weil die Bedingung der Erregung, die 
Bestrafung durch den Schmerz, fehlte. Erst als die Analyse die Phantasie 
auf ihren ursprünglichen Sinn reduzierte, die weibliche Einstellung zum 
Vater in der Übertragung reaktiviert wurde und die infantile reaktive 
Fixierung an die Mutter sich teilweise löste, stellte sich die vaginale 
Empfindlichkeit auch beim Koitus ein. Die Unfähigkeit zur Befriedigung 
zu gelangen war jetzt der Ausdruck eines tiefen Schuldgefühls der Mutter 
gegenüber und reiner Kastrationsangst : Befriedigtwerden bedeutete, 
von der Mutter zur Strafe Itastriert werden („ich fürchte zu zer- 
springen"), und da der Orgasmus einmal die Vertretung der Strafe über- 
nommen hatte, wurde er aus Angst vor Strafe gehemmt. 

Wollte man diesen Vorgang dahin deuten, daß die Patientin sich die 
Befriedigung aus Selbstbestrafungsahsichten nicht gönnte, — eine Deutung, 
die manche analytische Forscher hier vorziehen würden, — so bliebe 
eine Reihe von Tatsachen ungeklärt. So z. B. daß sie Angst bekam, 
wenn sie die Akme erreichte. Die BeMedignng war für sie ein schwer 
strafbarer Akt. Wenn Selbstbestrafung immer ein j,Freibrief für weitere 
Taten" vväre (Alexander), hätte ja die Patientin, nachdem sie sich so 
empfindlich gestraft hat, die Lust restlos und ohne Schuldgefühl aus- 
schöpfen können. Dem war aber nicht so; im Gegenteil, sie vermied 
die Befriedigung aus Schuldgefühl und wegen der Kastrationsangst. 
Selbst dieser so schwer masochistische Fall zeigt noch das Überwiegen 
der Strafangst über das Strafbedurfhis und vrii sind berechtigt, daraus 
zwei wesentliche Schlüsse zu ziehen: 

j) Eine Selhstbestrafung kann den Zweck haben, eine reale Strafe 
von außen zu vermeiden. 



X)ie psvdiisclieii Ototitiigf^Ji des Orga.smtis 



2) Schuldgefühl kajin mit Strafbedürfnis nicht Identisch sein: ein 
Mensch, der sich schuldig fühlt, kann ebenso eine Strafe herbeiwünschen 
wie sie fürchten. Das letzte ist z. B. die erste und eigentliche Reaktion 
auf den Vaterhaö im Ödipus-Komplex. Es müssen wohl spezielle Bedin- 
gungen hinzutreten, um die Kastrationsangst in größerem oder geringe- 
rem Ausmaße in den Wunsch, kastriert zu werden, zu verwandeln. 
Die Klinik unseres Falles läßt jedenfalls nur die eine Erklärung der 
orgastischen Impotenz zu: Kastration sangst vor der Mutter, 

Versuchen wir die mannigfaltigen Tendenzen, die hier die orgastische 
Impotenz bedingten, und ihre Schichtung übersichtlich darzustellen : 

l) Belauschung des elterlichen Koitus — genitale Erregung, die sich 
in masturbatorischen Akten auslebt — Identifizierung mit der Mutter — 
Wunsch, vom Vater koitiert zu werden. 

Z) Schuldgefühl gegenüber der Mutter wegen Todes wünschen — 
Trauma anläBlich der sexuellen Spieles die Mutter wirft ein Messer 
und ruft ihr „geile Hure zu: Regression zur oralen Fixierungsstelle 
und Aktivierung der Mutterleibs phantasie; der Inzestwunsch verdichtet 
sich mit beiden zur Phantasie, im Mutterleib vom Vater koitiert zu 
werden („Ich kann nur in der Gebärmutter befriedigt werden ) ; das 
Messer, das die Mutter geworfen hat, verschmilzt mit der Vorstellung 
des väterlichen Gliedes, das als sehr lang und zum Durchbohren ge- 
eignet phantasiert wird, und übernimmt später alle libidinösen Werte 
der Objektliebe, während die Mutter, der sich die Patientin masochistiscb 
hingibt, weil sie gleichzeitig die strafende Gewalt ist, als Liebesobjekt 
an die Stelle des Vaters tritt. „Ich höre die Befriedigung kommen", he- 
deutet somit l) „Ich höre die Mutter kommen, die allein mich be- 
Medigen kann**, und 2) „Ich höre die Mutter kommen, die mich für 
meine Untat bestrafen wird ; so erfolgt die genitale Reizung zum. Zwecke 
der Befriedigung und als Strafe zugleich, der Höhepunkt der Be- 
friedigung, der Orgasmus, wird aher s<^ auch zum Höhepunkt 
der Strafe, zur Kastration, der die Patientin ausweicht. 



IV 

Oomatisoie LioiaoÄtauung una Angstaliekt^ 

a) A.Hgemeines über Sinn, Tendenz und Quelle 
des neuroüsaien Symptoms 

Im Jahre 1895 trennte FreudA von der „Neurasthenie" der Autoren 
einen Symptomenkomplex als „ Angstneurose " mit der Begiündung ab, 
daS diese Erkrankung sich von der Neurasthenie durch eine spezifisch 
verschiedene Ätiologie unterscheide. Sie käme nicht, wie die Neurasthenie, 
durch sexuellen Abusus, sondern im Gegenteil durch sexuelle Abstinenz, 
frustrane Erregung oder coitus inteiruptus zustande. Das zentrale Sym- 
ptom dieser „Aktualneurose" wäre „freiflottierende" Angst, die sich 
Freud als unmittelbaren psychischen Ausdruck und Folge der Sta-aung 
der somatischen Sexualenegung vorstellte. Das Problem blieb offen, 
wie sich Libido in Angst „verwandeln" könne, an der kausalen Bezie- 
hung zwischen mangelhafter oder fehlender Abfuhr der SexualerTegung 



1) Anmerkung nach Abschluß des Manuskripts : Das vor turstem erschienene Buch 
Preuds: „Hemmung^, Symptom und Angst" (Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag- igaS) enthält wesentliche Korrettiu-Eii an der hisherigen. Auffassuii|f der 
neurotischen Ang^st, ohne daß die Lehre von der Aktuaiaug-st fallengelassen würde, 
die jenen dem Anscheine nack zum Teil widerspricht. Unsere AusfiUirungen über 
die neurotische An^t decken «ich insoweit mit denen Freuds, als die Kastrations- 
ang-st nicht als Folge sondern als eine der wesenilicbsten Ursachen der Verdrän- 
gung aufgefaßt wird. Auf die neuen Prohlerae, die in der Arbeit Freuds auf- 
geworfen werden, und auf etwaige Widersprüche einiugehen, verbietet die Kür^e 
der Zeit, die lur Verarheitimg- des Neuen lur Verfügung stand. Unsere Unter- 
suchung erfaßt ja auch eine andere Seite des Angstproblems, die in der Freud sehen 
Unteiauchung nickt einbezogen ist, nämlich die Aktualangst, 

2) „Üher die Berechtigung, ron der NeuTasthenie einen Symptomenkomplex 
als ,Angstneitrose' abiutrennen." (Ges. Schriften, Bd. I.) 



iSomatisd'ke LitiJostäuun^ und Aufstaue kt 



59 



und fieiflottierender Angst konnte jedoch nicht gezweifelt werden. Stefcel 
vertrat in der Frage der Angstneurose den gleichen Standpunkt wie TJei" 
der Neurasthenie (s. o. S. 55): Es gäbe, meinte er, keine Akt ualn eures en, 
denn es ließen sich auch bei diesen Formen psychischer Erkrankung 
die typischen psychischen Konflikte (Komplexe) nachweisen. Freud selbst 
hat nie gemeint, daß die Aktualneurosen nicht auch eine psychische 
Ätiologie haben könnten, und hat ausdrücklich die Hoffnung ausgespro- 
chen, daß weitere Untersuchungen des Problems eine solche Ätiologie 
aufweisen würden; es käme nur darauf an zu zeigen, daß die gefunde- 
nen Komplexe auch pathogen geworden sind. Mit anderen Worten, die 
Ätiologie muß spezifisch sein. 

Später kamen Jones* und Seif^ auf das Problem der Beziehungen 
zwischen Angstneurose und Angsthysterie zurück. Jones kam zum 
Schlüsse, daß „die wesentliche Ursache aller Arten von Angstrastanden 
in einem Mangel an psychischer Befriedigung der Libido (besteht) ; die 
Angst stammt aus dem angeborenen Furchtinstinkt und die Übertreibung 
ihrer Äußerungen ist die abwehrende Antwort auf verdrängte sexuelle 
Wünsche. In allen Fällen spielen die psychischen Faktoren eine wichtige 
Holle, in manchen sogar die einzige. Die physischen Faktoren wirken 
oft mit, aber sie allein genügen nie, einen Angstzustand hervorzurufen; 
übrigens enthalten diese Faktoren eine wichtige psychische Seite. Die 
physischen Faktoren treten allerdings viel mehr hervor in der Angst- 
neurose als in der Angsthysterie. Die Angstneurose darf als einzelnes 
Symptom der Angsthysterie betrachtet werden, die der weitere Begriff 
ist . Auch Seif „faßte seine Ansicht dahin zusammen, daB die Angst 
von gestauter Libido herrührt, aber ebenso eine „Schutzmaßregel gegai^ 
die verdrängte Sexuallibido wie eine Surrogatsbefriedigung darstellt" und 
daß die Fähigkeit zur Angst und ihr Mechanismus miit Sexualität nichts 
zu tun hat. 

Fassen wir diese Ansichten zusammen, so lassen sich zwei Anschau- 
ungsweisen feststellen: Angst kann Ausdruck verdrängter Libido 
(Aktualneurose) oder Zeicher» ihrer Abwehr (Phobie) oder bei- 
des zugleich sein. Das Problem^ ist nicht ein&ch und wir werden 

1) Die Beiiebungen zwischen An^stneurose und Angsthysteiie. Intemati anale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, I (191g). 

s) Zur Psychopathologie der Angst, ebenda. 



Die Funktion des Orgasmus 



viele Tatsachen neu sichten und ordnen müsjen, um ihm nähertreten 
zu. können. Eine tuTze methodische Betrachtung vermag uns in medias 
res zu fuhren. 

Die Methode der Psychoanalyse, aus den Zusammenhängen zwischen 
Symptom und Persönlichkeitserleben auf den latenten Sinn und den 
geheimen Zweck des hei oberflächlicher Betrachtung sinnlos erscheinen- 
den Symptoms zu schließen, erlaubt es noch nicht, daraus Schlüsse auf 
die Quelle zu ziehen, aus der das Symptom seine Energie bezieht. Ein 
Symptom kann, muß aber nicht schwinden, wenn sein geheimer Sinn 
und Zweck bewußt wurde; es kann erst dann endgültig aufgehoben 
werden, wenn ihm die Energiequelle entzogen wurde. Nur das kann 
kausale Therapie genannt werden. An jedem neurotischen Symptom sind 
demnach zu unterscheiden: 

a) Sein psychischer Sinn: Darunter verstehen wir — auf die ein- 
fachste Formel gebracht — diejenigen verdrängten Vorstellungen, Er- 
lebnisse, "Wünsche, Befriedigungen, selbstbestrafenden Handlungen usw., 
die in ihm zu verstellter Darstellung gelangen. Diese psychischen Inhalte 
wären aber nicht imstande, das Symptom herzustellen, wenn sie nicht 
„affektbesetzt" wären, d. h. mit gestauten Triebenergien in Verbindung 
stünden. Unter den verdrängten Vorstellungen, die man bei der Analyse 
eines Symptoms als sinnvolle Bestandteile vorfindet, sind die meisten 
sekundär hinzugekommen, nachdem das Symptom bereits hergestellt 
war. Das zeigt sich nur beim Vergleich des Querschnittes mit der Ent- 
wicklung des Symptoms. Da St ekel und seine Anhänger weder die 
Libido theorie akzeptieren, noch sich um die infantile Wurzel des 
Symptoms kümmern, ist es begreiflich, daß sie in ihren Arbeiten ständig 
Sinn und Ätiologie (Quelle) des Symptoms verwechseln und daher auch 
keine spezifischen Mechanismen aufzuzeigen vermögen, bei allen seeli- 
schen Erkrankungen immer vrieder nur die bereits bekannten j, Komplexe'* 
Hnden und daraus die Erirankung „erklären", ohne sich um den Ein- 
wand zu kümmern, daß es auf die Art der KonfliktlÖsung und auf die 
spezifisch verschiedenen Wechselwirkungen zwischen Trieben und Er- 
lebnissen ankomme. 

b) Sein Zweck: Darunter ist, abgesehen von den ökonomischen Zwecken, 
denen das Symptom dient (Libidoabfuhr, Entlastung vom Schuldgefühl usw .), 
vornehmlich der sogenannte „sekundäre Krankheitsgewinn zu verstehen , 



oomatisdie Libidostauung und Angataflekt 



der in jeder Neurose mehr oder weniger ausgesprochen das Bild beherrscht. 
Nachdem die Neurose als ein Resultat pathologischer Konfliktlösung ent- 
standen ist, bedient sich der Kranke ihrer zur Erreichimg bestimmter 
Ziele, die ausnahmslos innige Beziehungen zu den Ursachen der 
Neurose haben. Diese Tendenz des Symptoms ist Folge, niemals primäre 
Ursache der Neurose; sie kompliziert und verschärft allerdings sekundär 
den neurotischen Konflikt und pflegt in vielen Fällen die primären 
Ursachen des Konfliktes völlig zu verdecken. Die ausschließlich final 
orientierte „Individualpsychologie" Adlers erblickt in diesen Tendenzen 
des neurotischen Willens und in den „fiktiven Zielen", denen er zustrebt, 
das Wesentliche der Neurose und kümmert sich nicht um die Ursachen, 
die neben den aus ihnen ja hervorgegangenen Zielen das eigentliche 
Gebiet der klinischen Psychoanalyse Freuds darstellen, 

c) Fragen wir uns nach der Natur der eigentlichen Ursachen einer 
Neurose, so sind wir genötigt, über das nur durch die Aifektbetontheit 
wichtig gewordene Erlebnis und über die sekundär hinzugekommenen 
Ziele der Neurose bis an den Rand des psychologisch noch faßbaren 
Triebgeschehens zu gehen, das biologischen Gesetzen unterliegt und vor 
allem an physiologischen Vorgängen verankert ist, die sich im inner- 
sekretorischen Apparat und in dem an ihn gekoppelten Nervensystem 
abspielen. Diese Beziehungen sind bisher für den Sexualtrieb sichergestellt, 
so daß die Preudsche Definition des Triebes, er sei ein „Grenzbegriff 
zwischen Seelischem und Somatischen", vor allem für den Sexualtrieb 
volle Berechtigung hat, während über die Beziehungen der zweiten 
Triebgruppe, der Destruktionstriebe, zum Somatischen so gut wie nichts 
Sicheres vorliegt. Als Triebpsychologie hat die Psychoanalyse schon auf 
Grund jener Definition engste Beziehungen zur Biologie und auf Grund 
ihrer Neurosenlehre solche zur Physiologie der Neurosen. 

Als Quelle eines Symptoms kommen also biologische Triebener- 
gien in Betracht, die sich an somatischen, wahrscheinlich biochemischen 
Vorgängen (innere Sekretion) immer aufs neue entfachen, psychisch als 
Trieb drang oder Affekt zum Vorschein kommen und sich als solche 
an Vorstellungen und Erlebnisse knüpfen. Von den vier Merkmalen des 
Triebes, die Freud unterschied, entsprechen Quelle und Drang des 
Triebes der biologisch-physiologischen, das Trieb ziel und das Trieb- 
objekt der psychologischen Seite des Begriffes. Das stimmt für den Drang 



X)ie Funktion des Orgasmus 



, 



vmd das Triebziel nur im gröbsten, denn der Drang eines Triebes wird 

psychisch als Unlust wahrgenommen, wenn die Befriedigung nicht erfolgt ; 
das äußert sich aber zunächst in körperlicher Spannung. Die Befreiung 
von der tuilustvollen Spannung macht dann die Befriedigung aus, die 
im Bereiche der Sexualtriebe als spezifisches Lustempfinden erlebt wird. 
Diese Richtung des (Sexual-) Triebes von der Unlust hin zur Lust macht 
das regulative Lust-Unlust-Prinzip aus, das, wie Freud fand, die 
neurotische sowohl wie die infantile Psyche und die des Primitiven 
hauptsächlich regiert. Die supponierte biologische Funktion des Keim- 
plasmas, die Erhaltung der Art, ist durch die „Lustprämie" gesichert 
(Freud), die hauptsächlich an den Genitalapparat gebunden ist. Macht 
man sich Xlar, daß das Lustprinzip ein biologisches, das „Realitätsprinzip" 
(Frend) ein soziales Triebregulativ ist und daß dieses den neurotischen 
Konflikt hervorruft, so läßt sich die Neurose auf die einfachste Formel 
bringen als Konflikt zwischen Keimplasma (Sexualtrieb, Lustprinzip, Lust- 
Ich) und einschränkender Außenwelt (Moral, Realitätsprinzip, Üb er- Ich als 
Vertreter der Außenwelt im Ich). Und nichts vermag die Richtigkeit 
dieser Formel besser zu beweisen als die Tatsache, daß die Potenz Störung 
ein typisches Symptom jeder Neurose ist. Welche Beziehung besteht mm 
zwischen der Störung der Genitalfunktion und dem neurotischen Prozeß? 
Das ist für die Psychoneurose nicht schwer zu beantworten. Auf welcher 
Stufe der seelischen Entwicklung immer der neurotische Konflikt ein- 
setzen mag, die Verdrängung erfaßt, gleichgültig ob primär oder sekundär, 
immer auch die genitalen Strebungen, sperrt sie von der Motorik mehr 
oder minder ab, oder sie begnügt sich mit deren Spaltung in Zärtlichkeit 
und Sinnlichkeit, oder sie bedient sich jener verschieden artigen funktions- 
hemmenden Mechaoiismen, die wir bei den einzelnen Neurosen formen 
finden. Die Hemmung der genitalen Funktion bringt wieder eine soma- 
tische Libldostauung mit sich, die sich zur psychischen hinzufügt und 
so den neurotischen Konflikt sekundär beträchtlich verschärft, festigt und 
kompliziert. Man überzeugt sich, daß der seelische Konflikt, der ur- 
sprünglich nichts Pathologisches an sich zu haben braucht, zu 
einem neurotischen mit allen seinen Konsequenzen erst dann 
wird, wenn die somatische Libidostauung hinzukommt, d, h. 
sobald die Energiequelle für die Symptombildung geschafTen wird. 
Die Verdrängung einer Triebregung macht noch keine Symptome ; diese 



I 



öoroatisdie Ijitjfdostauuiig tiiid Aiigsialleltt 



63 



entstehen, nachdem es der Triebregung gelungen ist, die Verdrängung 
von Seiten des abwehrenden Ichs zu durchbrechen, was man in erster 
Linie der gestauten Energie des Triebes zuschreiben muß. Die körper- 
lichen Spannungen und Sensationen aus dem Bereiche der Neurasthenie, 
Angstneurose oder Hjrpochondrie fehlen niemals im Beginne einer neu- 
rotischen Erkrankung und sind unmittelharer Ausdruck der somatischen 
Libid »Stauung. Dazu stimmt ferner, da£ sich zwischen die Verdrängung 
und die Symptomhildung stets ein je nach der Störung der Genital- 
fuuktion mehr oder weniger langes Zeitintervall einschiebt. Das sieht 
man z, B, besonders deutlich bei der Erythrophohie: Der Kranke kämpft 
monate- oder jahrelang gegen die Onanie an, schließlich gelingt es ihm, 
sie völlig zu unterdrücken. Die Gesellschaftsscheu, die schon vorher 
bestand, verringert sich zunächst und verstärkt sich erst wieder bedeu- 
tend, nachdem, sich Wochen oder Monate später bei gewöhnlich banalen 
Anlässen das Erröten zum ersten Male mit allen aktualneurotischen Begleit- 
erscheinungen gezeigt hat. 

Ehe wir auf die feineren ursächlichen Beziehungen zwischen der 
Psychoneurose und dem nie fehlenden aktuahieurotischen Kern eingehen, 
wenden wir uns dem Problem der Aktualangst zu. 



oj Angst und vasovegetatives ödstem 

Die Symptomatologie der Angstneurose Freuds deckt sich im wesent- 
lichen mit der der vasomotorischen Neurose. Die typischen Symptome 
beider Erkrankungen sind: Herzbeschwerden (Asystolie, Tachykardie, 
Arrhjrthmien, Extrasystolen usw.). Schweiß ausbrü che, Hitze- und 
Kälteempfindungen, Zittern, Schwindel, Diarrhoen, gelegentlich 
vermehrter Speichelfluß . Es verdient besondere Beachtung, daß diese Sym- 
ptome in der Analyse in dem einen Falle einen verborgenen psychischen 
Sinn tmd Zweck aufweisen, in einem anderen, wenn man nicht um 
jeden Preis und gewaltsam psychische Inhalte unterschiebt, einen solchen 
völlig vermissen lassen und bloß Ausdruck einer allgemeinen, psycho- 
logisch nicht faßbaren körperlichen nnd seelischen Übererregtheit sind. 
Wo sie auch einen psychischen Sinn haben, folgen die Symptome völlig 
den Gesetzmäßigkeiten, denen die Konversionshysterie unterworfen ist. 
So hat das Erröten hei der Erythrophohie den Sinn der sozialen Scham 



6^ Die Funktion des Otjaamus 

und unbewußt den der Exhibition des erigierten Penis, dessen Vertreter 

der Kopf geworden ist. 

Halten wir uns an unsere Einteilung: Sinn, Zweck und Quelle des 
Symptoms, so ergeben sich sowohl Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten 
zwischen der vasomotorischen Neurose mit hysterischen Mechanismen 
und derjenigen ohne solche- Gemeinsam sind beiden die Organe, an 
denen die pathologischen Erscheinungen auftreten. Es hat vorläufig nichts 
zu sagen, daß diese Organe dem sympathisch-parasympathischen Nerven- 
system unterworfen sind, denn es könnte bei minimaler somatischer Dis- 
position ein heftiger psychischer Konflikt durch Verdrängung affektbe- 
tonter Vorstellungen und durch Absperrung der normalen Energieabfiihr 
die Energie!) eträge diesem System zuführen, dadurch seine pathogene 
Kraft erhöhen und so dieselben Symptome in Erscheinung setzen, die 
ein anderes Mal an demselben System auf Grund anderer ätiologischer 
Vorgänge auftreten. Die Wahl dieses somatischen System.s ließe sich aus 
einer (zu supponierenden) Disposition („somatisches Entgegenkommen", 
Freud) mit einiger Nachsicht wissenschaftlicher Korrektheit, da wir über 
die Natur einer solchen Disposition nichts wissen, erklären. Wir wollen 
bloß festhalten, daß bei der hysterischen Vasoneurose genitale Energien 
dem. vaso-vegetativen Nervensystem zugeführt werden. Das Erröten kann 
einen genitalen Exhibitionsakt, das Zittern des Kopfes die Onanie oder 
die Kastration darstellen; Hitzegefühle entpuppen sich in der Analyse 
überaus häufig als Ausdruck einer somatischen genitalen Erregtheit, die 
nicht bewußt werden darf; die Diarrhöe kann Ausdruck von Angst 
oder sexueller Erregung sein. Bei manchen Impotenten, die beim Koitus- 
versuch keine Erektion bekommen, tritt abundante Schweißabsonderung 
auf und die Analyse der Phantasien und Träume weist Mutterleibs- 
wünsche, beziehungsweise eine Identifizierung des Körpers mit dem Penis 
nach ; die Vasodilatatoten funktionierten statt am GHede an der übrigen 
Haut, wodurch der Schweiß ausbrach zustande kam. 

Hat nun z. B. die psychische Identifizierung den Schweiß ausbruch 
verursacht? Hat etwa der unbewußte Wunsch, ganz in den Mutterleib 
zurückzukehren, die Erektion der Haut — sit venia verho — bewirkt? 
Das kann gewiß nicht der Fall sein. Es ist nur denkbar, daß die soma- 
tische Erregung, die den Koituswunsch begleitete, die Vasodilatatoren 
der Haut erfaßte, da sie zum Genitale infolge seelischer Hemmung oder 



Soittatisdie Ijitiidostauung -aad AijgstafFekt 



65 



Angst nicht zugelassen wurde. Die infolge einer Hemmung aufgehaltene Er- 
regung wurde dann durch den Vorstellungsinhalt, den wir bei der Analyse 
des Symptoms finden, auf erogen und psychisch geeignete Organe gelenkt. 
Das gleiche gilt für die Hitzeempfindungen; diese werden zunächst durch 
die Sexualerregung hervorgerufen und mit sexuellen Vorstellungen erfüllt, 
mag die Sexual erregung als solche wahrgenommen werden oder nicht. 
Da Hitzeempfindungen auch die normale Sexualerregung begleiten, kann 
der physiologische Vorgang nicht als Konversion ssymptom ge wertet werden. 
Pathologisch ist. bloß das Nichtwahmehmen der genitalen Sensation. 
Manche hysterische Patienten produzieren an Stelle von Sexualerregung 
oder Angst Kältezittern. 

Eine Patientin, die im den Sitzungen häufig genital erregt war, wiurde 
von Kältezittem befallen, so oft sie vom Arzt eine Versagung erfuhr. Der 
psychische Sinn des Kältezitterns -war der vorbew^uQte Wunsch, vom Arzt 
wie von einer Mutter gewärmt zu w^erden, doch konnte er sich in dieser 
Form erst äußern, nachdem die Patientin an Stelle ihrer libidinösen Er- 
regung Angst produzierte, die ebenfalls das vegetative System der Haut im 
Sinne des Angstaffektes erregte. 

Die Symptome der vasomotorischen Neurose können als Ausdruck 
einer Irritation des vegetativen Nervensystems aus verschiedenen Gründen 
zu.standekommen. Beim Basedow wird dieses System durch eine Dys- 
funktion der Thyrioidea irritiert. Im Augenblicke einer realen Gefahr 
treten die gleichen Symptome als Ausdruck und Begleiter seh eintmgen 
des Schrecks auf; ob sie ra.ittelbare oder unmittelbare Folgen der Angst 
sind, welcher Energien und Mittel sich die Angst dabei bedient, ist ein 
kompliziertes Problem, zu dessen Klärung die Analyse der Phobien 
manches beizutragen vermag. Doch wir schlagen vor, zunächst ein ein- 
facheres Phänomen, z. B. die Erscheinungen der Niltotinintoxikation, zum 
Ausgangspunkte unserer Untersuchung zu machen. 

Die Selbstbeobachtung ergibt hierbei, daß sich als erstes Anzeichen 
der Nikotinvergiftung eine Tachykardie einstellt; eine kurze A.systolie 
bildet den Übergang zur Tachykardie. Im Augenblicke, in dem. der 
Herzschlag aussetzt, tritt Angst atif ; später kommen Schwindel, Übelkeit 
und SchweiBausbruch hinzu. Die Angst, die ursprünglich keinen Inhalt 
hatte, tritt allmählich mit der Furcht, sterben zu müssen, in Verbindung; 
I dieser liegt der rationale Gedanke zugrunde, daß Nikotinabusus Coronar- 

Relch: Die Funktlan de» Ori^atmiu. g 



b6 Die Funktion des Orgasmus 

arteriensklerose und dadurch frühzeitigen Tod bedingen kann. Bei länger 
dauernder und stärker werdender Tachykardie verstärkt sich auch die 

Sterbensangst, sie wird dadurch aktuell und mtensiviert ihreTseita sekundär 
die vasomotorischen Erscheinungen am Herzen. Die Reihenfolge im Auf- 
treten der Symptome entspricht völlig der einen Richtung der ursäch- 
lichen Beziehungen ; Die Nikotinintoxlkalion erfaßt das vegetative Nerven- 
system, diese Irritation bedingt vor allem die Tachykardie, später auch 
Allgemeinerscheinungen ; die Tachykardie ist von Angst ohne Inhalt be- 
gleitet, die sich sekundär mit der Todesfurcht verbindet. Für unser Pro- 
blem der attualneuroti sehen Angst ist vorläufig nur die Koppelung der 
Herzarrhjfthmie und der Tachykardie mit freiflottieren der Angst von Inter- 
esse. Es bedarf einer kleinen Korrektur an der bisherigen Auffassung 
der Genese der Aitualangst. Die Auffassung, daß die vasomotorischen 
Symptome der Angstneurose Freuds nur Angsläquivalenle seien, kann 
zugunsten der anderen aufgegeben werden, daß die &ei£lottierende Angst 
eine Begleiterscheinung einer bestimmten Form vegetativer Irritation der 
Herztätigkeit ist. Denken wir uns femer an die Stelle des Nikotins 
somatische Sexualst offe, die nicht in physiologisch korrekter Weise ab- 
gebaut wurden, so sehen wir die Ätiologie der Aktual angst klar vor uns : 
Die Libidos tauung bedingt eine Irritation des va so- vegetativen Systems 
in Form der Herineurose, die immer im Zentrum der angstneurotischen 
Symptomatologie steht; die Angst geht wie bei der Nikotinvergiftung, 
beim Basedow, bei der Angina pectoris unmittelbar aus der Irritation 
der Herztätigkeit hervor und das Problem der Verwandlung von Libido 
in Angst fällt weg. Wie das Nikotin bei der Nikotinvergiftung, so wäre 
bei der Angstneurose die Lihidostauung als mittelbare Ursache der 
Angst anzusehen. 

Wir halten vorläufig fest, daß die Angst das eine Mal Folge, das andere 
Mal Ursache vasomotorischer Erscheinungen sein kann, wie z. B. beim 
Schreck, und haben nun die Aufgabe, einerseits die Beziehungen zwischen 
vegetativ bedingter Herzirritation und Angst, anderseits die zwischen 
Libido und vegetativem Nervensystem soweit möglich zu klären, be- 
ziehungsweise als Probleme zu formulieren.' 

i) Wir vernachlässigen daiei iJi« Angst, welche gelegentlich statt am Herren 
am Magen einpfunden wird. 



iSomatisdie LibitJostauunj und Angst äff el.t &7 

Die Autoren der Angina pectoris sind ziemlick einig in der Auf- 
fissung, daß Irritationen der Heizleitung, die Extrasystolen, Tachykardie, 
Asystolie usw. hervorrufen, von einem mehr oder minder ausgesprochenen 
Gefühl der Angst begleitet sind. Brissaud^ meint, daß „allen Empfin- 
dungen seitens des Herzens ein eigentümliches Gefühl der Lebensgefahr 
innewohnt". Rothberger schreibt; „Das Gefühl des bevorstehenden 
Todes (bei der Angina pectoris) darf nicht einfach als Folge des Schmerzes 
aufgefaßt werden, sondern ist eine vom Zustand des Herzens bedingte 
spedfische Empfindung, sonst müßte es sich auch finden, wenn aus 
anderen Gründen starke Schmerzen in peripheren Gebieten auftreten. 
Wenn die Kranken die Schmerzen bei Angina pectoris auch nicht richtig 
lokalisieren, so empfinden sie doch die Art des Schmerzes ganz anders 
als Schmerzen in der Haut oder in den Muskeln." Lutembacher fand, 
daß Angst schon bei leichter Distension des Herzens auftritt. Brau.n , 
charakterisiert die Beziehungen zwischen der Angst und den Herz- 
erscheinungen wie folgt: „Am Herzen zeigt sich ein spezifisches Emp- 
findungsvermögen (phylogenetisch) als Angstempfindmig sowohl beim 
kranken wie am gesunden Herzen; ja, man kann sagen, daß man an 
sein Herz überhaupt nicht denken kann, ohne im Herzen schon etwas 
za. empfinden, vfA» sich als Angst definieren läßt. Bei allen Graden von 
Angst besteht ein bestimmtes, m.it dem Grade der Angst wachsendos, 
tiefes, bangendes, beengendes, beklemmendes, dumpfes Gefühl am Herzen, 
ein Wehgefühl, das sich bei höchsten Graden der Angst mit dem Gefühl 
des Vergehens verbindet", es sei ein Gefühl des Versagens und der nHilf" 
losigteit des biologischen Ich . 

Was die Ursachen der Herzaffettionen anbelangt, die nicht bakteriell 
oder mechanisch bedingt sind, gehen die Ansichten der Physiologen im 
Detail zwar auseinander, treffen sich aber in der Auffassung, daß sie 
in Störungen der Funktionen des vegetativen Nervensystems zu suchen 
sind, die ihrerseits durch Störungen der inneren Sekretion verursacht 
werden,^ Diese Auffassung hat wichtige Beziehimgen ziur psychoanalytischen 
Libidothftorie, die ja ebenfalls mit den Störungen der inneren Sekretion 
als somatischer Grundlage der Neurose rechnet. 



i) Sämtliche Zitate nach Dimitrenko : Das Problem der Angina pectoris 
(Sammelreferat}, Deutsche Medisini sehe Wochenschrift, g/1926. 



68 Du Funktion des Oiga^mus 

Mit der Einführung der somatischen Libidostauung als einer 
der Ursachen einer Störung der vasovegetativen Funktion 
wird eine Lücke in der Physiologie ausgefüllt, die bisher von physio- 
logischer Seite nicht einmal als Prolilem erfaßt wurde, trotz der vielen 
Anregungen, die Freud mit seiner Lehre von der Aktualneurose gegeben 
liat. So wird z. B. in L. Brauns Arbeit über „Psychogene Störungen. 
der Herztätigkeit" ' der Name Freuds beiläufig in einer Fußnote ange- 
führt und seine so bedeutungsvolle Ekitdeckung der somatischen Folgen 
der Sexualstörung nicht erwähnt. Und doch führt jeder Schritt vorwärts 
auf diesem Gebiete unausweichlich zum Problem der Sexualität. 

Was vermag nun die Psychoanalyse zum Problena der Beziehungen 
der Sexualität zum vegetativen Nervensystem beizutragen? Wir gehen 
aus von den Erscheinungen bei der Sexualerregnng, beim Koitus \md 
beim Orgasmus, 

c) SexuaUrregung und autonomes Nervensystem 

Genitale Erregung und sexuelle Erwartungslust zeitigen am Herzen 
und am übrigen vasomotorischen System dieselben Erscheinungen wie 
der Angstaffekt. Das kann für das Verständnis des Zusammenhanges 
zwischen Libido und Angst gewiß nicht gleichgültig sein. 

Betrachten wir die vasomotorischen Erscheinungen im Zustande sexu- 
eller Erregtheit, so fallen vor allem das Herzklopfen und das Hitzegefühl 
im Körper auf, wobei das Gefühl der Erwartungslust und das der 
Erwartung» angst miteinander ver woben sind. Der Herzschlag wird 
beschleunigt ebenso hei der Vorstellung einer kommenden Gefahr wie 
bei der einer zu erwartenden Sexuallust. Beiden liegt die gleiche spezi' 
fische Empfindung am Herzen zugrunde. Es ist, als oh die lebhafte 
Vorstellung einer Situation, bei der dem vegetativen Nervensystem eine 
wichtige RoUe zufällt, den Vagus und Sympathicus zu einer Probe- 
funktiou anregte. Die genaue Beobachtung dieses Vorganges, der beliebig 
oft auf dem Wege der Vorstellung ausgelöst werden kann, zeigt, daß 
der Pulsheschleunigung eine ganz kurz dauernde Herzdilatation voran* 
geht. Die spcaiell am Herzen lokalisierten kin ästhetischen Empfindungen, 
die die Sexualität begleiten, liegen auch manchen Redewendungen zu- 

l) jjPsychogenese und Psychotherapie körperlicher Symptome", Wien 1926. 



OOmatisdie Libidostauung und AngstalTekt 



69 



gründe, wie z. B. daß „die liebe im Henen wohne", daß man „sein 
Herz verliere", daß eine Frau ein „weites Herz" besitze, d. h. leicht 
zugänglich sei usw. Dazu kommt die Tatsache, daß das Herz in 
Sj-mptomen und Träumen sehr häufig die Bedeutung des Genitales hat. 
Bei einer Patientin war das rhythmische Klopfen der erregten Klitoris 
direkt mit dem Herzklopfen assoziiert: Während sie sexuell phantasierte, 
drückte sie beide Hände in der gleichen Weise ans Herz, wie sie sie 
vor der Verdrängung des Onaniewunsches an die Klitoris gedrückt hatte. 

Wir sehen ferner, daß die wichtigsten automatischen Funktionen bei 
den vorbereitenden Sexualakten vom vasovegetativen System bestritten 
werden, so die Vasodilatation bei der Erektion, die Sekretion der Bar* 
tolinischen Drüsen beim Weibe und die allgemeine Durchblutung der 
Genitalien. Man kann nun sagen, daß die Sexual erregung bei der 
Erwartungslust (analog wie bei der Erw artungsangst) zunächst das 
kardiale System auf dem Wege vegetativer Innervation erfaßt, 
sich aber im weiteren Verlaufe, sofern keine Hemmungen vorliegen, 
auf das genitale Organsystem verschiebt und dadurch das 
kardiale entlastet.' 

Welches ist nun das weitere Schicksal der Sexualerregung, die sich 
zuerst hauptsächlich im Bereiche des va so -vegetativen Systems auswirkt? 

Im Beginne des Sexualaktes konzentriert sich die Erregung immer 
mehr auf den Genitalapparat, wird von hier aus auf sensiblen Bahnen 
als Lustempimdung wahrgenommen und steigert sich zur Akme. Wir 
können also sagen, daß sich während des Sexualaktes die Erregtmg immer 
mehr vom vegetativen auf das sensible Nervensystem überträgt und schließ- 
lich vom Augenblick der Akme an auch das motorische Nervensystem 
und die Muskulatur erfaßt. Diese Überleitung bedeutet Entlastung 
des vegetativen Nervensystems und Erledigung der Sexual- 
erregung im sensomotorischen System. Die Überleitung vom 
sensiblen auf das motorische System und das Verebben der 
Erregung im ganzen Körper wird als Befriedigung erlebt. 



] ' Die Fulsbeschleunigimg während des Sexualaktes ist nur ziun Teil Ausdruck 
der ETregung" des vegetativen Systems, zum. größeren Teil ist sie durch die 
motorisclie Aktion liedingt, — Daß es eine Angstpollution gU>t, xeigt deutüch, 
wie innig der Zusammenhang zwischen der vegetativ bedingten Erregung des 
Gefäßsystems und der des Genitalapparates ist. 



70 Die FunJttion des Otgasmti« 

Diese Darstellung stützt sich auf die phänomenologisch wahrnehm- 
baren Erscheinungen am vaso vegetativen und sensomotorischen System 
vor, währen tl und nach dem Akte. Sie stimmt in den Grundzügen mit 
der Darstellung der Physiologie des Orgasmus überein, die Müller 
gibt,^ Nach Müller springt die Erregung von der glatten Muskulatur 
des Genitalapparates (des Samenstrangs und der Prostata) auch auf die 
quergestreiifte (Mm. bulbo- und ischiocavemosi, übrige Beckenboden- 
muskulatur) über und erfaßt auch die übrige quergestreifte Muskulatur, 
besonders die Strecker der Beine. (Nachgewiesen durch Experimente an 
einem Hunde.) 

Dieser Autor nimmt femer an, daß „mit dem Auftreten des Orgasmus 
die Erregung (von der glatten Muskulatur des Genitalap parates) auch auf 
das übrige vegetative Kervensystem. überspringt. Auch das bestätigt 
unsere Auffassung, daß der Orgasmus einer Veränderung in der 
Konzentration der Erregung am vegetativen System entspricht. Nur 
muß man hinzufögen, daß die Erregung sich auf dem Wege über das 
sensomotorische System umsetzt. Wir hätten somit folgende Phasen zu 
unterscheiden : 

i) Spannungslose Speicherung der Sexaalenergie im vegetativen 
System. 

2) Spontane oder willkürliche Konzentration der Libido auf den 
Genitalapparat (sexuelle Spannung und vasomotorische Erscheinungen). 

}) Fortschreitende Überleitung ins sensorische System (Vorlust ; I. und 
II. in unserem Schema, Mgur 5, S. aa). 

4) Überleitung ins motorische System (Aufstieg zur Akme — 
Endlust; III. und IV. in Figur 5). 

i) Rückströmen ins vegetative System, Zustand wie bei 1 (V. im 
Schema) : Das Genitale und der übrige sensorische Apparat sind ent- 
lastet, die Muskulatur ist entspannt. 

Unter „Orgasmtis" verstehen wir die unter 4 und 5 beschriebenen 
Vorgänge, Die Befriedigung ist dementsprechend um so vollkommener, 

1) je mehr Libido auf das Genitale konzentriert wurde; 

2) je vollständiger, d. h. je ungestörter die Erregung im vegetativen 
Apparat wieder verebbt. 

1) Müller: Das vegetative Nervensystem (Springer, 1920). 



Soma-tiscde liiticlostaiiung tinrl AtigstaUekt 71 

Jetzt verstehen wir besser, worauf die Angstneuiose Freuds^beruht; 
Wild der Sexualerregung durch irgendeine Hemmung die Überleitung 
zum sensomotorischen Xervensystem und zum Genitale verwehrt, so 
verbleibt die Enegung gespannt im vasovegetativen System und pro- 
duziert alle Erscheinungen, die die vasomotorische Neurose kennzeichnen , 
Das ist am ausgesprochensten der Fall bei totaler Abstinenz infolge 
seelischer Hemmungen, wenn nicht einmal die genitale Sensibilität 
fimktionlert, ferner bei frustraner Erregung, wenn nur die Überleitiing 
auf das sensible, nicht aber die wichtigere auf das motorische System 
erfolgt. 

Bei Fällen mit coitus interruptus trifft man meiner Erfahrung nach 
vv^eit häufiger akute neur asthenische als angstneurotische Symptome an. 
Das erklärt sich daraus, daß beim coitus interruptus die Erledigung im 
Motorischen zwar erfolgt, aber der Reizablauf durch die Unterbrechung 
des Aktes grob gestört wird, so daß einerseits unerledigte genitale Er- 
regung sensibler Natur die typischen neurasthenischen Erscheinungen 
erzeugt, anderseits ein mehr oder minder großer Betrag an sexueller 
Erregung im vegetativen Nervensystem verbleibt und sich teils am kar- 
dialen System, teils in den Störungen anderer autonom innervierter 
Organe (z. B. des Darmes) auswirkt. Von der Ätiologie der Angstneurose 
zu der der Neurasthenie gibt es somit Übergänge, die eine scharfe 
Trennung nicht zulassen. E^ kann nur allgemein gesagt werden, daß 
die akute Neurasthenie um so mehr hervortritt, je weiter auf dem Wege 
zur motorischen Entladung der Erregungsahlauf gestört wird; je entfernter 
davon die Erregung im Ablauf behindert wird, d. h, je weniger das 
vasovegetative Nervensystem entlastet wird, desto intensiver werden die 
Symptome der vasomotorischen Neurose und die Aktualangst. Mit einer 
größeren oder geringeren Belastung des vegetativen Systems („Nervosität ) 
ist bei allen Neurosen zu rechnen. 

In seiner ersten Publikation über die Angstneurose stützte sich Preiid 
auf den Tatbestand, „daß in ganzen Reihen von Fällen die Angstneurose 
mit der deutlichsten Verminderung der sexuellen Libido, der psychi- 
schen Lust, einhergeht", und folgerte daraus, daß «der Mechanis- 
mus der Angstneurose ... in der Ablenkung der somatischen 
Sexualerregung vom Psychischen und einer dadurch ver- 
ursachten abnormen Verwendung dieser Erregung zu suchen 



^a Die Function des Orgasmti« 

sei. Diese „Ablenkung vom Psychischen" kann nur durch eine Ver- 
Arüngung der Wahrnehmung der genitalen Sensationen zustande kommen ; 

sie hedetitet somatisch nichts anderes, als Aufhalten der Überleitung 
vom Vegetationen ins sensomotorische System; dahei fällt dem Bewußtsein 
(dem System Bw Freuds) offenbar eine wichtig« Rolle zu. Das Bewußt- 
sein beherrscht nach Freud den Zugang zur Motilität. Das Bewuflt- 
weräen der Sexual erregung, d. h. des psychischen Anteiles der Libido, 
der als Sexualwunsch zum Ausdruck kommt» ist eine notwendige Vot- 
bedingung des Empfindlich Werdens der Sexualorgane; dieses entspricht 
bereits einer partiellen Überleitung der Erregung ins Sensorische (Lust- 
empfindung), und wir sehen in der Tat in den Analysen, daß die Angst 
ansteigt, sobald auch die Wahrnehmung der genitalen Erregung ver- 
drängt wird, und daß sie nachläßt, wenn diese geduldet wird. Kommt 
es nicht zur orgastisch-motorischen Befriedigung, wird die Sexual erregung 
auch nicht in psychoneurotischen Symptomen gebunden, so erfolgt 
gewöhnlich eine neuerliche Absperrung der genitalen Sensibilität und 
die Angst stellt sich samt den vasomotorischen Erscheinungen wieder 
ein. Freilich ist diese Angst nicht mehr reine Stauungsangst, sondern 
sie bekommt auch den Sinn der ^Angst" des Ichs von seinen sexuellen 
Bedürfnissen. Doch nimmt mit dem Grade der Nicht Wahrnehmung 
(Verdrängung) der Sexual erregung die Sensibilität des Genitales ab und 
die Rückstauung der Erregung ins autonome Nervensystem zu; diese 
somatischen Torgänge sind meist durch psychische Hemmungen, z. B, 
durch Angst vor dem Koitus, bedingt. 

Die Sexualbefriedigung im Orgasmus bedeutet nicht bloß eine Um- 
setzung nervöser Erregung, sondern was für den Gesamtorganismus 
wesentlicher ist, auch eine physiochemische Auffrischung der übrigen 
vegetativen Funktionen, Hier harrt der physiologischen Chemie eine 
PüUe hoffnungsvoller Arbeit. Ich erwähne bloß das körperliche Erblühen 
der sexuell befriedigten Frau und dessen Gegensatz, das frühzeitige 
körperliche Welken der viel verspotteten „alten Jungfrau", die nicht 
älter zu sein braucht als ihre glucklichere Geschlechtsgenossin. Das gleiche 
gUt für den Mann. Die sogenannte „Bleichsucht" des Mädchens nach 
der Pubertät dürfte ebenfalls hierher gehören. Es ist ferner auffallend, daß 
die Anamnese bei allen Frauen, die an schweren klimakterischen Be- 
schwerden leiden, unglückliche Ehe und dauernde Frigidität, jahrelange 



iSoinatiscUe Libidostaimiij und Ang^affekt y5 

Abstinenz infolge Witwentmns oder totale genitale Abstinenz wegen 
Unverheiratetseins ergibt, während Frauen, die in glücklichen Ehen 
leben nnd an Libiäostauungeii nicht zu leiden hatten, das Klimakterium 
im allgemeinen ohne besondere Beschwerden überstehen. 

Daß es sich dabei nicht zuletzt um biologische Rhythmen handelt und 
daß die Neurosen Störungen dieser Rhythmen sind, zeigt die WirkAing 
des Frühlings auf die sexuelle Bereitschaft, beziehungsweise sein Einfluß 
auf die Suicidstatiitik und das Anschwellen der Neurosen. 

a) Du ps^aäsaie A.tioiagie der -AJctualnevrose 

Aus der Analyse einer vasomotorischen Neurose 

£ine sechsundzwanzigiährige FVau suchte die Analyse ivegen allabendHch 
auftretender Angstanstände, Herzklopfen, Zittern, Hitzegefühlen und Tränen 
der Augen auf. Ihre Frigidität empfand sie nicht als krankhaft, im Gegen- 
teil, sie haßte den Geschlechtsakt, er war ihr ein Greuel, weil er tierisch 
und schmutzig sei und ihr überdies Schmeraen verursachte. Die als krank- 
haft eingesehenen Symptome waren vier Jalire vorher angetreten; am 
stärksten ivurden sie um die neunte Abendstunde. Besonders heftig pflegte 
die Angst zu werden, wenn sie aus dem Benehmen des Gatten schließen 
mußte, daß er geschlechthch verkehren -wollte. Sie gab in der ersten Aus- 
Sprache selbst zu, daß sie die Symptome auch ausnützte, indem sie, auch 
wenn es den Tatsachen nicht entsprach, sich schwer leidend stelhe, um nur 
der „ehelichen Pflicht" auszuweichen. 

Die Diagnose einer reinen Angstneurose war schon mit Rücksicht darauf 
nicht zu stellen, daß die Angstzustände, obgleich ohne bestimmten Inhalt 
(„freiflottierend ), sich in stets gleicher Weise gegen neun Uhr abends ein- 
stellten und der Charakter der Patientin (männliches Gehaben, fordert tiefe 
Stimmej trockene Unbefangenheit usiv.) auf eine zwangsneurotische Basis 
schließen ließ. Einige Monate nach dem Beginn der Analyse stellte es sich 
auch heraus, daß die Ang.iit auch den Charakter unhestimmter Erwartungs- 
angst hatte („als müßte sich etwas Böses ereignen ). 

Die Analyse ergab sehr bald den Anlaß, der die Neurose ausgelöst 
hatte, Sie wurde von ihrem Gatten, der in schlechten materiellen Verhält- 
nissen lebte, gezwungen, die Schwangerschaft zu unterbrechen ; das konnte 
sie ihm nicht verzeihen und haßte ihn von da ah, während sie ihn vorher 
nur gering geschätzt hatte. Der Abortus hatte zweifach als Schock gewirkt; 
er bedeutete den Verlust des Kindes und, was vrdt -wesentlicher -war, einen 
blutigen Eingriff am Genitale. Die Enttäuschung, die ihr die Versaguug des 
Kindes bereitet hatte, stand im Widerspruch zu ihrem männlichen Wesen 



^ 



7^ Die Funktion Jes Otgasmtu 

und zu ihrem V«rhalt«i während der zweiten Schwangerschaft zur Zeit 

der Analyse. Entsprechend ihrem männlichen Wesen, hatte sie sich einen 
femininen Mann zum Gatten ge-wäWt, den sie beherrschen und ihrem 
Zwangs Charakter zufolge quälen konnte. Daß er es sich gefallen ließ, empörte 
sie besonders «nd stachelte sie zu verschärfter Quälerei an. Dieses widei-- 
spruchs volle Verhalten erklärte sich daraus, daß sie in ihren Phantasien als 
liehendes Weib auftrat, das von einem starken und besonders rohen Mann 
geliebt wurde. Die Analyse dieser Phantasie ermöglichte ein ungewöhnlich 
rasches Vordringen zu den Erlebnissen der frühen Kindheit, die Stück um 
Stück erinnert wurden. 

Im dritten Monat der Analyse, nachdem die aktuellen KonBikte mit 
dem Gatten in den Grundzügen besprochen waren, ohne daß die Symptome 
nachgelassen hätten (jeder Übertragungserfolg wurde sofort als solcher ent- 
larvt und zerstört), erinnerte sie viele Details einer Angsthysterie aus der 
Zeit zwischen dem dritten und dem siebenten Lebensjahre. Sie hatte Angst 
vor dunklen Räumen und vor Einbrechern gehabt. Die Ehe der Eltern 
war sehr schlecht gewesen ; der Vater war Trinker und ein Rohling, der 
Frau und Kinder tyrannisierte und prügelte. 

Sie hatte als Kind zuerst nicht verstehen können, warum der Vater, 
der abends betrunken heimkehrte und roh zur Mutter -war, am Morgen 
freundlich war. Der Vater pflegte immer erst sehr spät nach Hause zu 
kommen und das Kind fürchtete sich schon ini voraus vor den Szenen, 
die, wie sie -wußte, sich abendlich viriederholten. Im weiteren Verlaufe der 
Analyse erinnerte sie unter heftigen Angstgefühlen und vasomotorischen 
Erscheinungen die Koitusszenen, die sie mehrere Jahre hindurch belauscht 
hatte. Bei der Belauschung hatte sie Angst, Herzklopfen, Hitzegefühle, wie 
seit vier .Tahren, und Harndrang gehabt. Die von der Patientin mit großem 
Verständnis durchgeführte Analyse erlaubte, zwei Stadien der Koitus- 
belauschung zu unterscheiden. Zuerst hatte sie nur Angst verspürt und die 
Vorstellung gehabt, daß der Mutter etwas Gräßliches geschähe; Träume 
Heßen darauf schließen, daß sie das erste Mal mit Schreck eirwacht war 
und seither jeden Abend in ängstlicher Erwartung des Kommenden nicht 
einschlafen konnte. Allmählich hatte sie sich an die nächtlichen Szenen 
gewöhnt und war zur Einsicht gelangt, daß es doch nicht so arg sein 
könnte, sonst würde die Mutter nicht von selbst ins Bett des Vaters gehen 
und dieser könnte am Morgen nicht so freundlich zu ihr sein. Sie entdeckte 
das Lustvolle der Situation und onanierte T?on da ab ivahrend des Geschlechts- 
aktes der Eltern. Die gleichen körperlichen Erscheinungen, die früher 
zusammen mit der Angst aufgetreten -waren, begleiteten nun die sexuelle 
Erregung. Doch blieb die Onanie nach der Verdrängung des Eindrucks, 
den die nächtlichen Szenen gemacht hatten, ständig mit der Angst assoziiert. 
Schließlich erlag auch die Onanie der Verdrängung und es verblieb als 
unkenntlicher Rest Angst vor Einbrechern und Angst im Dunkeln. Daneben 



oomatüme Libidostautin j und Angstaffekt 



bildete sich eine Phantasie, die in der Analyse ebenfalls auf die Schlaf- 
zimmerszeneii zurückgeführt werden konnte: Ihre Tagträume hatten zumeist 
den Inhalt, daß sie „sehr, sehr reich" sei. Es fiel auf, daB diese Tagträmne 
die Angst tun das siebente Lebensjahr -voUständig abgelöst hatten. Von da 
ab, inshesondere in der Pubertät, bekam sie so etw^as -wie ein Gefühl der 
Angst, wenn sie niit Männern zusammenkam, die ihr gefielen, Sie verstand 
es jedoch stets, sich gefährlichen Situaüonen zu entziehen, und flüchtete 
merkwürdigerweise in die „Geldphantasie". Gelegenthcii ertappte sie sich 
beim Gedanken, daß sie, um viel Geld zu verdienen, auch Dirne werden 
konnte. So träunite sie einmal, daß sie nachts durch eine dunkle Gasse 
gehe und daß an allen Ecken und in Mauernischen Männer stünden, vor 
denen sie sich fürchtete. Als Kind hatte sie sich sehr für die FVauen 
interessiertj die abends auf der Straße herumstandea. Sie hatte einmal eine 
Dirne angesprochen und von ihr ein Geldstück bekommen. Das wollte sie 
dem Vater bringen, „damit er gut werde , denn sie wußte, daß man ihn 
mit Geld milde stimmen konnte. Die Geldphantasie war somit eine Ter- 
stellte Inzestphantasie und konnte offenbar die Angst binden; denn wenn 
sie Geld besaß, konnte sie einerseits den Vater milder stimmen und ander- 
seits ihn für sich gewinnen-, war ihr doch nicht verborgen geblieben, daß 
die Mutter das gleiche erreichte, wenn sie dem Vater Geld gab. Diese 
Phantasie ^ng ohne sexuelle Erregung einher. I^gegen w^u-de sie genital 
erregt, wenn sie sah, daß ein Kind oder ein Hund geschlagen wurde. In 
den Geld- und Schlagephantasien kam eben die Äegression r.um sadistisch- 
analen Entwicklungsstadium ebenso zum Ausdruck, wie in ihrem Charakter, 
den wir als zw^angsneurotischen bezeiclinet haben: Sie war total frigid 
und sexualablehnend, ordnungsliebend, gewissenhaft, männlich- hart und 
infolge ihrer sexuellen Affektsperre im "Wesen kalt. 

Nach der Erinnerung der Urszene traten, besonders bei der Besprechung 
der Details, auch in der Analyse vasomotorische Erscheinungen zunächst 
mit Angst auf; allmählich wich die Angst genitaler Erregung, 
während das Herzklopfen, die Hitzegefühle und die übrigen 
vasomotorischen Symptome blieben. Und ew^r wich die Angst in 
dem Maße, als die Sensibilisierung des Genitales fortschritt. Als sie zum 
ersten Male mit Lust, allerdings ohne den Orgasmus zu erreichen, mit 
ihrem Manne verkehrte, konzipierte sie neuerdings. Vier Jahre lang hatte sie 
ohne Präventivmittel verkehrt; daß sie jetzt konzipierte, konnte nur darauf 
zurückgeführt werden, daß sie die weibliche Sexualrolle angenommen hatte. 
Vor dem betreffenden Geschlechtsakte hatte sie einige Träume, in denen 
der Kindes-wunsch sich symbolisch äußerte. Auch in ihrem Wesen drückte 
sich die Umstellung zum Weiblichen, Mütterlichen deutlich aus; sie verlor 
auch die betonte Härte in Stimme, Gang und Haltung. 

Trot'i dieser Änderung des Charakters und des Abbaus der Angst wurde 
die Analyse fortgesetzt. Die Onanieangst, die sich als genitale Berührungs- 



Die Fwnktion des Orgasimis 



aiigst äußerte, war überhaupt nicht erörtert worden; ebensowenig war 
der Patientin die Furcht, heim Geschlechtsakt verletzt zu -werden, bewußt 
geworden und der Peniswvnsch, der ihrer männhchen Haltung zugrunde 
lag, hatte kaum Erwähnung gefunden. Der erzielte Erfolg -war lediglich 
der Eiriruierung der Urszene und der weitgEhenden Lösung der inzestuösen 
Fijderuiig zuzuschreiben, die ein Stück weihlicher Liebesfähigkeit freigemacht 
hatte. 

Im zehnten Monat der Analyse wurde die Behandlung wegen der vor- 
geschrittenen Gravidität unterbrochen, ohne einen vollen Erfolg erhielt zu 
haben. Der Mann hatte, ohne darunter zu. leiden, eine leichte ejaculatio 
praecox und vermochte es daher nicht, ihre freigelegte Libido an sich zu 
fesseln. Aiißerdem geriet die Patientin in einen neuen Konflikt, den sie 
dank der Psychoanalyse nicht neurotisch zu erledigen trachtete. Sie hatte, 
getrieben von ihrem Mannlichkeits wünsch, einen femininen Mann geheiratet 
und sehnte sich nun, entsprechend ihrer neuen weiblichen Haltung, nach 
einem starken, führenden Gatten. Viele Monate später sah ich die Patientin 
als glückliche Mutter und unglückliche Gattin wieder. Die Angstzustände 
waren nicht wiedergekommen, doch litt sie an einer lachten Magenneurose, 
die vertnutlich auf einer nicht gelösten Beziehung zur Mutter fuüte. Die 
Quelle dieses Symptoms konnte nur die Libidostauung sein, die ]a. nicht 
behoben war. Von Zeit zu Zeit traten Hitiegefühle mit sexueller Erregung 
auf, die die Patientin vergebens bekämpfte, noch ohne sie zu verdrängen. 
Sie beabsichtigte, die Analyse fortzusetzen, um den Konflikt mit dem Gatten 
zu erledigen. 

Man darf vorwegnehmen, daß ihr nur zwei Entscheidungsmöglich- 
keiten offenstehen; Annahme des Gatten mit Hilfe von Entsagung; dann 
bleibt sie ständig der Gefahr der Rezidire ausgesetzt, w^eil sich die 
sexuelle Erregtheit nur orgastisch erledigen läßt, trotz der Befriedigung 
in der Erfüllung der Mutterp fliehten und eventueller Sublimierung, Oder 
Scheidung und neuerliche, adäquate Gattenwahl. Der denkbare Ausweg 
masturbatorischer Befriedigung verspricht auf die Dauer wenig; er scheint 
im Gegenteil wegen der Phantasien nicht ungefährlich zu sein (neuerliche 
R^ression). 

"Wir haben diesen Fall ausführlicher besprochen, weil wir auch der 
Bedeutung der somatischen Libidostauung für die Prognose der Neurose 
Rechnung tragen wollten. Die Rezidivefähigkeit eines symptom- 
fiei gewordenen Patienten hängt unter anderem in erster 
Liinie von dem Ausmaße an gestauter Libido, d. h. von den 
noch ungelösten inneren Hemmungen und äußeren Schwierig- 
keiten ab, die der Herstellung eines geordneten Sexuallebens entgegen- 
stehen. 



In theoretischer Hinsicht vermag der Fall uns einige Zusammen- 
hänge zwischen den aktual neurotischen und den rein psychoneuroti- 
schen Mechanismen klarzumachen, 'Es sind folgende Prozesse zu unter- 
scheiden : 

iO Der aktuelle Konflikt mit dem Gatten bediente sich der Neurose 
als Mittel zur Durchsetzung neurotischer Absichten (Schutz vor dem 
Geschlechtsakt, Quälen des Gatten). Dieser Konflikt selbst war aber der 
Erfolg einer durch infantile Erlebnisse bedingten Fehlidentifizierung, 

bj ISTach der Versagung des Kindes durch den Gatten und dem blutigen 
Eingriff am Genitale regredierte die Patientin zu einer Libidoposition, 
die durch die Bjflebnisse im Schlafzimmer besonders geartet war (all- 
abeadliche Angstzustände), Die psychische Reaktivierung des in- 
fantilen Sexualwunsches rief die somatische sexuelle Erregt- 
heit hervor, die sich in gleicher Weise wie damals, nämlich 
unter vasomotorischer Erregung kundgab. Aufler der Angst 
hatten die einzelnen Symptome keinen psychischen Sinn, Der Sinn 
der Angst war die wiederbelebte Furcht vor dem brutalen Vater, vor 
dem Geschlechtsakt als vermeintlicher Gefahr und vor dem eigenen 
Inzestverlangen. Bis zur Erkrankung konnte die sexuelle Erregtheit in- 
folge der Sexualablehnung nicht hervorgerufen werden. Die Geschlechts- 
tälte, die ein Überbau der Kastrationsangst und ein Schutz vor sexnellen 
Reizen war, brach erst unter dem mächtigen Anprall der wiederbelebten 
kindlichen Phantasien zusammen. 

c) Die Kastrationsangst verhinderte jedoch die Sensibilisierung des 
Genitales und die Erregung konnte nur mehr als Stauungsangst zum 
Voischein kommen. Die vasomotorischen Symptome, das Zittern und der 
Schwindel waren somit Ausdruck der nicht wahrgenommenen Sexual- 
erregung, So kam zur psychischen Libidostauung, die wir als Sehnsucht 
nach dem Vater beschreiben können, die somatische hinzu und verschärfte 
die psychische Erregtheit und die Angst, die ihrerseits die vasomotorische 
Neurose wie in einem Zirkel immer aufs Neue anfachte. 

Die Kastrationsangst und die charakterologische Sexualab- 
lehnung waren somit die indirekten, psychischen Ursachen 
der Äktualangst, 

Die somatische Libidostauung kann auf zweierlei Art zustande kommen : 

a) VAne geringe psychische Hemmung stört die glatte Abwicklung 



78 Die Funktion <Jes Orgasmus 

der Befriedigung, ohne die Reizung za verhindern. BloBe Reizung ohne 
Lösung der Sexualspannung (frustrane Erregung) schafft zunächst all- 
gemeine Unruhe, Reizbarkeit und Verstimmung neben körperlichen 
Beschwerden, so daß sie, zu einer Quelle sich stets steigernder Beschwerden 
geworden, schließlich abgestellt wird; die genitale Sensation erscheint 
nicht mehr als Lust- sondern als Unlu.stem.pfindung, gelegentlich als 
Sehmerz. Erst jetzt pflegen die vasomotorischen Erscheinungen und die 
Angst in den Vordergrund zu treten. Die Störung des libidinösen Gleich- 
gewichtes bringt dann sekundär die immer bereitliegenden psychischen 
Konflikte zur Geltung. 

b) Eine starke charakterologische Hemmtmg, wie in dem letzten Falle, 
läßt es nicht einmal zur Reizung kommen, so daS die somatischen 
Spannungen zunächst niedrig bleiben und, soweit sie vorhanden sind, 
sich der mannigfachen Gelegenheiten, die der Alltag bietet, bedienen, 
um abgeführt zu werden. Durch einen mehr oder minder wichtigen 
aktuellen Anlaß, der jedoch stets mit infantilen Konflikten assoziiert ist 
und eben dadurch pathogen wird, werden zunächst die infantilen Konflikte 
als sexuelle Phantasien aktiviert. Die ursprünglich geringe somatische 
Libidostanung wird erst durch diese Aitivierung alter tmd starker Phanta- 
sien zu pathogener Kraft angefacht. Sie verschärft sekundär den psychischen 
Konflikt und wird die eigentliche Energiequelle der Symptome, die, wie 
bereits hervorgehoben wurde, nicht schon bei der Regression, sondern 
erst nach einem Intervall auftreten, das von bewußter oder unbewußter, 
stauungserzeugender Phantasietätigkeit erfüllt war. 

Bei vorgeschrittenen neurotischen Prozessen lassen sich, die psychischen 
und somatischen Anteile der libidostauung in ihrer ursächlichen Wechsel- 
beziehung nur schwer auseinanderhalten. Der Unterschied in der Ent- 
stehung der Aktuäl- und der Psychoneurose im Beginne des Prozesses 
ist ein durchgreifender; Dort wird zuerst somatische Energie gestaut, 
die bei längerem Bestände auch psychische Stauungen (unerfüllte Sehnsucht) 
und Regressionen bedingt; hier werden auf Gxund aktueller Anlässe, 
Enttäuschungen an Liebesobjekten oder narzißtischer Kränkungen, alte 
Wünsche und liindlicbe Phantasien angeregt, die sekundär die pathogene 
Stauung der somatischen Sexualenergie bedingen. Es muß jedoch betont 
werden, daß eine solche Flucht in die Kindheit, beziehungsweise in die 
Krankheit, um so eher und auf um so geringfügigere Anlässe hin zustande 



Somatisdie Libidostauung und Aiigstalleltt 



79 



Keu.rose iPsycho- 
neurotischer Kern} 



Phantasie-^ 



ung d 
ßm. 



kommt, je geringer die libidinöse Bindung an. reale Objekte und die 
reale Sexualbefriedigung sind. 

Es kann somit keine Äktualneurose ohne psychische Hem- 
mungen oder Störungen, der Genitalfünktion und keine Psycho- 
nenrose ohne gestaute somatische Libido zustande kommen. 
Und jede Äktualneurose wird, je länger sie dauert, um so mehr psycho- 
neurotisch überbaut. 

Der psychon eurotische Anteil der Neurose entspricht der historischen 
Ätiologie (Ödip US-Komplex), der aktualneurotische der aktuellen Ätio- 
logie {Libido Stauung). 

Das nebenstehende Figur lo: 

Schema veranschaulicht 
die typischen Zusam- 
naenhänge : 

i) Der Ödipus-Kom- 
plex liefert das grund- 
legende Material (die In- 
halte, Phantasien), die 
Libidostauung die Ener- 
gie zur Herstellung der 
Neurose. 

2) Die Libidostauung 
macht den Ödipus-Kom- 
plex aus einer histori- 
schen Tatsache zu einer 

aktuellen; dieser wieder macht mittels der genitalen Funktionshemmung 
die akute Libidostauung chronisch. 

So schließt sich der Ring der beiden Ätiologien zum kontinuier- 
lichen Kreislauf: Phantasie — Störung der Geijitalfunktion — libido- 
stauung — Angst — Phantasie — Störung der Genitalfunktion usw. 

Ein jung verheirateter Mann klagt über heftige Angstiustäude, Herz- 
klopfen, Zittern, Schweiß ansbrüche, die vor einenn Jahre akut aufgetreten 
waren. Auf meine Frage nach dem SexuaUeben berichtet er, daß er Tor 
einem Jahre, knapp vor dem Ausbruch der Angstneurose, coitus interruptus 
auszuüben begann, nachdem die Gattin gegen den Wülen beider konräpiert 
hatte. Nach einiger Zeit bekam die Angst bestimmte Inhalte, so erwachte er 




ktion 



.ängstbüdung 



Libidostauung 
(aktuell) 



Ödipuskomplex 
(historisch) 



8o Die Funktion Je* Orgasmus 

häufig aus Träumen, in denen er verfolgt wurde. Ähnliche Träume hatte 
er nur in der Kindheit gehabt. 

Eine vierrigjährige Frau litt seit zwanzig Jahren, seit ihrer Verheiratung, 
an einer vasomotorischen Neurose und Angst; einige Symptome aus dem 
Bereiche der akuten Neurasthenie {Kr eu^-suhm erzen, Kopfdrvick usw.) kompli- 
zierten das Krankheitsbild. Auf die Frage, oh sie beim Geschlechtsakt emp- 
finde, brach die Patientin in Tränen aus; „Seit zwanzig' Jahren renne ich 
zu Ärzten und -warte auf diese Frage, Warum hat mich bisher nieniand 
darnach gefragt? fch selbst schämte mich, es zu sagen. Ich weiß, daß mir 
nur die Befriedigung fehlt." In einigen Aussprachen (eine Analyse konnte 
■wegen Platzmangels nicht durchgeführt werden) ätellte es sich heraus, daß 
die Patientin nach der Verheiratung einmal von ihrem Manne digital gereizt 
worden und wegen dieser «Tat heftig erschrocken war (Onanieangst!). Sie 
duldete es nie mehr. Seither wurde sie von sexuellen Erregungen geplagt, 
die im Laufe der Zeit fast roUig den Symptomen ihrer Neurose wichen, be- 
ziehungsweise abwechselnd mit ihnen auftraten. Der Versuch, die psychische 
Hemmung suggestiv lu beseitigen, gelang vorübergehend. Die Patientin erlebte 
zum erstenmal einen Orgasmus durch digitale Friklion der Klitoris, Die Sym- 
ptome waren mit einem Schlage verschwunden, Ein zweiter Versuch miß* 
lang, die Patientin war bloß gereizt und die Symptome kehrten in vollem 
Ausmaße wieder. Die psychische Hemmung, vermutlich ein intensives Onanie- 
schuldgefühl, war momentan aus Gründen starker Übertragung gewichen, 
hätte aber wohl nur durch eine gründliche Analyse dauernd beseitigt werden 
können. 

Eine direkte suggestive Wirkung ist hier auszuschließen. Man überzeugt 
ädl im Verlaufe psychoanalytischer Behandlungen wiederholt von der sym- 
ptomlösenden Wirkung des genitalen Orgasmus. Dieser Zusanunenhang fiel 
zum ersten Male in der Analyse eines zwangsneurotischen Charakters mit 
Arbeitsunfähigkeit, Zwangsgrubeln und Sexualscheu auf. Nach ungefähr acht- 
monatiger analytischer Arbeit war die Flidenmg an die Mutter und die 
aktuellere an die Schwester soweit gelöst, daß der Patient seinen ersten 
Koitus unternahm, der in jeder Hinsicht befriedigend war. Die körperlichen 
Beschwerden wichen mit einem Schlage, er bekam einen „freien Kopf und 
fühlte sich „-wie neugeboren". Im Laufe von acht Tagen kehrten die Sym- 
ptome allmählich wieder und wichen nach einem neuerlichen Akte. Das 
wiederholte sich in gleicher Weise sechs Wochen hindurch. Der Patient 
mußte schließlich, sollte die Analyse nicht in diesem Zirkel stecken bleiben, 
■wieder abstinent leben, um unter dem Drucke der Krankheitserscheintmgen 
die restliche Arbeit zu leisten, die notwendig war, um alle neurotischen 
Rückzugsmüghchkeiten zu entwerten. Der Patient ist seit s«chs Jahren voll- 
kommen arbeits- und liebesfähig. 



Somatistlie Xibicto Stauung tinJ An^staSelLt 



e) A.US der Analyse einer Hysterie mit hypochondrischer Angst 

Eine iweiunddreißigiährige verheiratete Frau suchte das psychoanalytische 

Ambulatoiium Tvegen der quälenden Befürchtung auf, ihr achtjShs^ger Sohn 
und sie selbst könnten an Lungentuherkulose sterben. Vor drei Jahren hatte 
äe einen Ar^t wegen des schlechten Aussehens ihres Kindes konsultiert, die 
Untersuchung hatte jedoch nichts Pathologisches ergeben: der Arzt hatte äe 
bloß auf die Gefahr eines Lungenspitzenkatarrhs aufinerksam gemacht. Sie 
dachte nicht -weiter daran, bis der Junge vor einem Jahre an einer Angina 
erkrankte. Jetrt setzte, Jedoch noch ohne den Charakter der Angst anzu- 
nehmen, die hypochondrische Zwangsbefürchtung ein. Sie wich auch nicht, 
sondern verstärkte sich vielmehr, als der Knedje gesundete, trotz vrieder- 
holter Versicherungen des Arztes, daß ihm nichts mehr fehle. Aus Angst 
und Sorge um das Kind wurde die Patientin schlaflos und arbeitsunfähig, 
htt an Weinkrämpfen und akut auftretenden Angstzuständen j sie mußte 
inunerfort denken: „Wenn das Kind aber doch stirbt!" 

Schon in den ersten Wochen der Behandlung ergab sich ein klares Bild 
von den eigenthchen Anlässen der Erkrankung. Zunächst erinnerte sie, daß 
zur Zeit, als der Knabe krank lag, die Befürchtung sie gequält hatte, ihre 
dreizehnjährige Tochter könnte den Buben zur Onanie verlüten. Kurz vor- 
her hatte sie beobachtet, wie die Tochter onanierte, ohne jedoch sonderlich 
besorgt gewesen zu sein. Einige Zeit darauf erlitt sie eine schwere Ent- 
täuschung an ihrem Gatten, mit dem sie bis dahin in relativ guter Ehe 
gelebt hatte; Er flirtete mit einem jungen Mädchen imd küßte es in ihrer 
Gegenw^art. Die Patientin war empört und eifersüchtig. (Sie selbst, mränte 
sie, ^väre ihrem Manne so treu, daß sie am ganzen Körper vor Angst zittere, 
wenn sie von einem fremden Manne blofl angesehen virerde.) Nach diesem 
Vorfall verspürte sie einen schier nnber.w^ingbaren Drang zur Onanie und 
träumte in der darauffolgenden Nacht, daß sie mit ihrem Vater, der vor 
acht Jahren gestorben war, a tergo verkehre. Sie hätte nie beim Geschlechts- 
verkehr mit ihrem Gatten derart intensive Lustempfindungen erlebt -wie 
in diesem Tratime. Von da ab verstärkte sich die hypochondrische 
Befürchtung und nahm den Charakter der Angst an. 

Sie selbst hatte zur Zeit der Pubertät viele Jahre exzessiv onaniert, bis 
sie änmal in einem Buche über die Gefahren las, die die Onanie augeblich 
mit äch bringe. So hatte sie z. B. geglaubt, daß man an Syphilis erkranken 
könne. Seit dem Beginne der Bekanntschaft mit ihrem Gatten onanierte sie 
selbst sehr selten und hörte damit auf, als ,<iie regelmäßigen Geschlechts- 
verkehr pflog; sie -war vaginal hyp ästhetisch, litt häufig an Va^msmus und 
war in jeder lEnsicht gehemmt. Mehrere Jahre lang bestanden die geschlecht- 
lichen Beziehungen zwischen ihr und ihrem Manne in Friktionen an der 
Vulva, die sie nur zum Teil befriedigten, 

Kelch: Die Funktton. du Orsumui. 6 



ÖS Die Funktion des Or^a^inus 

Ordnen wir die Anlässe der Erkrankung, so sehen wir, daß die Angst 
als letztes und schwerstes Symptom sich nach jenem Koitustraume ein- 
stellte, in dem sie auf Grund der Inzestphantasie lustvolle genitale Sen- 
sationen erlebte. Schon lange vorher war ihr seelisches Gleichgewicht 
labil, sie hatte mit Onaniewün sehen zu kämpfen und war vaginal hoch- 
gradig hypästhetisch sowie orgastisch impotent. Nach der Enttäuschung 
am Gatten flüchtete sie in die Phantasie und die Onaniewünsche wurden 
wieder mächtig. Schon anläßlich der Erkrankung des Knaben wurde 
die Verdrängung erschüttert. Der Arzt hatte von Tuberkulose gesprochen, 
der Vater war an Tuberkulose gestorben. Das gab den Inhalt ab 
für die Befürchtung; ihre Energie stammte aus der Onanieangst; diese 
war durch die Onanie ihrer Tochter wieder er wacht, ohne jedoch so- 
fort als Angstaffekt zum. Vorschein gelcommen zu sein. Die 
Abwehr der Onanie nahm erst dann den Charakter der Angst 
an, als sie jene vehemente Sexualerregung im Traume hatte. 
Das Sterben- und Zugtundegehenmüssen war ihrer alten Auffassung nach 
die notwendige Folge der Onanie. Der Onaniewunsch sowohl wie die 
Strafangst wurden auf den Knaben projiziert. 

Das hatte seine besonderen Gründe, die durch folgenden Traum klar 

wurden : 

„Es war auf einer grünen Wiest, aaf einmal stA ich, wie mtin Buh auf einer so- 

genannten Feldbahn saß, das Lenkrad wie ein Chauffeur in der Hand hielt und 
einmal nach vorn, dann wieder zurückfuhr. Wit ich ihn anrief und nach vorn 
eilte, um ihn aufzuhalten, fuhr er zurück, eilte ich zurück, so fuhr er nach 
vorn, jiuf einmal erblicku ich meine verstoriene S(,h-weiter und wollte sit an- 
statt des Buhen strafen, aher sie war so klein, daß sie sieh kaum zu büeien 
hrmichte, um unter einer Wagenstange durchsukommen. Ich erwischte sie gerade noch an 
der Hand und schlug ihr ndt meiner linlien Hand ein paar Ohrfeigen herunter, nur hatte 
ich ein eigentümliches Gefühl, so wie wenn sich meine Hand so recht an ihre Wange 
schmiegen müßte und es kostete mich Jedes Mal große Mühe, meine Hend von der Wange 
zu lösen m»d noch einmal hinzuschlagen." 

Die Patientin verstand sofort die Bedeutung des Lenkrades und des „ffln 
und Her im Traume. Da sie in ihrer Kindheit und während der Pubertät 
jahrelang mit anderen Kindern „Doktor" gespielt hatte, mußte sie sich ein- 
gestehen, daB sie selbst den Wunsch, hatte, den Buben zu verführen; be- 
wußt ^wurde nur die Abwehr dieses Wunsches in der Befürchtung, daQ 
ihre Tochter es versuchen könnte. 



jSomatiscJie LiiLidostauung und AngstaUelit 83 

Es hätte Htm gewiß dabei bleiben könnett. Warum verschob sich aber 
auch die Angst vor den Folgen der eigenen Onanie auf den Knaben? 
Fem er, wanim war die Angst nicht schon damals ausgebrochen, als sie 
(lie Tochter onanieren gesehen hatte? 

Unter ihren Zwangsbefürchtungen kehrte die Idee immer wieder, ihr 
Knabe würde das achtzehnte Lebensjahr nicht erreichen. Sie tonnte sich 
mit der Vorstellung nicht befreunden, daß ihre alte Mutter mit dem zur 
Zeit achtzehnjährigen Bruder allein in den Ehebetten schlief. Sie selbst 
schlief mit ihrem Knaben big zur Analyse zusammen. Die Lage, die sie da- 
bei einnahm, war eindeutig genug: der Knabe mußte zumeist mit dem 
Rücken zu ihr gewendet liegen und sie hielt ihre Hand an seinem Genitale. 
Sie wusch und badete ihn immer selbst, vermied aber dabei, sein Genitale 
zu berühren. Das entwickelte sich mit fortschreitender Verdrängung zu einer 
ausgesprochenen Berührung« angst. Soviel über ihre sexuellen Beziehongefn 
zum Knaben, auf die wir noch einmal ziunickkommen -werden. 

Der Knabe hatte ferner in ihrem unbewußten Vorstellungs- 
leben die Bedeutung eines Gliedes angenommen, korrekter aus- 
gedrückt, sie übertrug auf ihn alle Libido, die sie von ihrem eigenen 
kümmetlichen Penis, von der Klitoris, hatte abziehen müssen. So erklärte 
sich ihr Wunsch, den sie bei der Geburt des Knaben hatte, er möchte 
doch immer so klein, d. h, dem Phallus ähnlich bleiben. Den Knaben 
verlieren, bedeutete somit in tiefster Schichte das Glied verlieren. 

Am deutlichsten äußerte sich der Penis-wunsch der Patientin darin, daß 
sie mit Vorliebe über dem Klosett stehend urinierte. Sie hatte nie ver- 
gessen, wie sehr sie die Knaben um die Fähigkeit, den Urinstrahl xa lenken, 
beneidet hatte. In der Analyse zeigte es sjch, daß sie unbewußt die Hoffnung 
hegte, die Analyse werde ihr zu einem Gliede verhelfen; nichts anderes be- 
deutete ihre Hoffnung zu gesunden. Schon nach z-wei Monaten verlor sie 
~ - aus Übertragung — ihre Symptotne, die Behandlung wiürde trotzdem 
fortgesetzt, weil sie von der Idee nicht loskommen konnte, daß sie noch 
nicht gesund sei. Als anläßlich der Analyse der positiven Übertragung die 
Befürchtung, -wieder »u erkranken, sehr stark wurde, fiel ihr ein, sie hätte 
ihrem Bilanne einmal gesagt, er könne ruhig ins Wirtshaus gehen, sie würde 
ihn nicht zurückhalten, -wenn er ihr nvur &&n Glied daließe. Ein Traum 
aus dieser Phase der Behandlung ist dafür sehr charakteristisch; zu seinem 
Verständnis bedarf es nur der Erklärung, daß für sie „kleine oder ver- 
storbene Schw^ester" „kastriertes Genitale bedeutete (analog: Buh — Penis); 

,^ch muß «men Berg hinauf, auf dem an Salettl steht. Auf eiimud ist m^ne kltijtt 
SeJuoester (man Genitale) iei mir und hei dem hustJiaus lügt außin Laub tmgekäuftf 



8jJ Die FunktiDn des Orgasmus 

über dem Gänsen liegen wagrecht xwei itarie Bmiimtämme, Meine Schwemr hat Eile und 
schqffk dort havm (emaniert an der Klitoris — Pctiw — Baumitäimne), auf einmal JSngt ijles 
zu Tuischen an (Orgasmus ; vgl. ihren Traum im Kapitel über die StSnmgen des Orgasmus) 
und ich sehe meine Schuietter heirri Ber^ urtten lie^eri^ die StarTvn£ ^lir Hälfte jjher ihrem 
Körper. (Da spielten Vtrgewaltigimgsphantasien mit.) Da eilte ich zu Ihnen und bitte Sie 
mdner Schwester (meinem Genitale) zu helfen laid sie xu untersuchen (Doktorspielen — orumie, 
ren), Sie, sagen aber immer wieder nän (Fersagung in der Analyse), da denke ich mir, ach, Sie 
wollen Tticht^ da^ ist alles nur wegen der Analyse, uteil ich dann nicht sprechen könnte. 
(Schweigen war immer ein Zeichen dafür, daß sie sexuelle Wünsche tmd Erregung veriargj, 
wenn ich wäfi, daß Sie mäne Schwester uniersueht haben urtd. hin voll Zorn auf Sie," 

Nun hatte zwar die PenispHantasIe ihre eigene pathogene Kraft, sie wTirde 
jedoch verstärkt durch die Beziehung zur Onanie und zur Kastrationsangst. 
Dazu kam eine partielle Identifizierung mit dem Vater nach der unausbleib- 
hchen Lieb es Enttäuschung. Als der Mann ins Wirtshaus wolltCj verlangte üe 
seinen Penis; als ihr die Beendigung der Analyse angekündigt v/urde, traten 
jener Traum und heftiger Harndrang während der Stunde auf; nach einer 
Unterbrechung der Analyse mußte sie andere zwangsvireisB analysieren; schließ- 
lich hatte sie den Vater an Tuberkulose verloren vind fürchtete dann, selbst 
an dieser Krankheit zu sterben. 

Li der Pubertät wurde de einmal von ihrem Vater bei der Oname er- 
tappt; ohne gescholten worden zu sein, ■wußte sie, daß er höse vrax. Von 
da ab verstärkte sich ihre Neigung zu männlichen Leistungen und zur 
Konkurrenz mit Knaben. Trotz ^eser partiellen Vateridentifizierung blieb 
sie dem Grundzuge ihres Wesens nach vsreiblich. Es zeigte sich im Verlaufe 
der langen Analyse, daß sich ihr Penis wünsch und die hypochondrische Be- 
fürchtung, die wir als Kastrationsangst entlarvten, immer dann verstärkten, 
wenn sie eine Zurückvir eisung oder Enttäuschung auf heterosexuellem Gebiete 
erfuhr oder wenn sich polygame Wünsche regten und ä.e infolgedessen Angst 
vor fremden Männern bekam. Das äußerte sich in der Analyse zuerst als 
allgemeine Angst voäT dem Analytiker, später als Angst vor Vergewaltigung, 

In dieser Phase klärte sich auch ihre infantile Beziehung zum Vater auf. 
Unter anderem hatte die Tatsache, daß sie ihre Tochter zu der gleichen 
Zeit virie ihre Mutter ihr jüngstes Mädchen gebar, eine große Rolle gespielt. 
Beide Kinder bekanrien den gleichen. Namen, die Patientin betreute sie und 
phantasierte nun, zwei Kinder zu beätzen, und zwar bräde vom Vater emp- 
fangen zu haben. Ein Traum, den sie um diese Zrit träumte, lautete: 

„Mein Vater lag im Bette meines Mannes, genau so wie mein Mann su liegen pflegt. 
lek weine schrecklich und erxähle i/tm, wie unschän sich meint Schwester (^ Genitale) 
benomjnen hat (Schuldgefühl u/egen der Onanie und Inzestphantasie), und wahrend ich 
erzähle und schluchxe, gehe ich in die Küche und verschilfe das Fenster mit einem Vorhang 
und darüber gebe ich noch dunkles Papier (das pflegte sie vor dem GeschlechtS(üit mit dem 
Gatten zu tun)." 



Somatij^e Litidostauunj und An^staiJekt SS 

Eiae weitere, sehr wesentliche Wurzel ihrer Angst um den Buben "war 
«n stark verdrängter Todes-wunsch, der ebenfalls der Liebe zum Vater 
cntstaminte. Als der Knabe geboren -wurde, lag der Vater sterbenskrank, 
darnieder und sie fragte sich in ihrer Verziveiflung, ob der Vater w^ohl am 
Leben bliebe, -wenn der Knabe an seiner Stelle stürbe. In einem Traume, 
in dem sie mit ihrem Buben im "Walde Pilze sammelte, erschien plötzlich 
der Vater und der Knabe wtirde immer „schattenhafter". In einem anderen 
hieß es: 

„Ich habe mäntm Bvitn beide F^ße abgeschnitten und gegessen. Ich lothe nach ein 
Stück wm ihm herunterscknääen, aber er lebte ncch imd ieh sagte zu meinem Mann: Erst 
nthme ich den Kopf weg, während mein Mann mir xuredete, mit dem Kleinen ins Spital 
zu gehen. Da fällt mir ein, daß ick schon so viel um den Buben geweint habe, daß ich 
mir gar TÖcht vorstellen kann, wie er iwatixig Jahre alt werden soll, und nun habe ick ihn 
telbst xum Krüppel gemacht. Da kommt so eine Sehnsucht Hier mich, einmal Twck alles gut 
machen su können, und der Wunsch überfällt mich, wenn ich es doch heilen ÄöroiW. Nur 
nicht SU einem Doktor, der erkennt, daß ich das dem Buben gemacht habe." 

Fassen wir die determinierenden Bedeutungen der hypochondrischen 
Befürchtung zusammen; sie lauteten unbewußt, in Formeln gefaßt: 

ij ^JJch. bin von meinem Gatten enttäuscht worden und gehe zu meinem 
Vater zurück, der wird mich befriedigen. "{Inzesttraum — Onaniewunsch,) 

2j „Ich fürchte meinen Buben (den Ersatz des Vaters) ebenfalls an 
Tuberkulose zu verlieren." 

ß) „Ich wünsche, daß mein Kind sterbe, damit mein Vater wieder- 
komme. 

4J „Ich will meinen Buben zur Onanie verführen, fürchte aber, daß er 
daran zugrunde geht. (Sterbensangst — Kastrationsangst.) 

ß) „Ich will meinen Buben zerstückeln, mir sein Glied aneignen," 

6J „Mräi Bub ist mein Glied; ich wiU an m^em Buben (-,= Gliede) 
onanieren, fürchte aber, ihn (es) dafür (zur Strafe) zu verlieren." 

Während die PatienUn ihre siranBchen genitalen Strebungen unterdrückte 
und die Kastrationsangst zum Kern ihrer hypochondrischen Befürchtung 
wurde, schuf sich die somatische Erregung, die nicht am Genitale abgeführt 
werden durfte, an Ventil in einem hartnäckigen Koaversionssymptom. Als 
die Übertragung in der Analyse aktuell -wurde, traten am linken Ann und 
an der linken Wange große Urtikariaquaddeln auf, die von ihr „Blasen" 
genannt wurden. Es fiel der Patientin auf, daß die „Blasen nur links 
auftraten; ich selB links hinter ihr. An einem der nächsten Tage — sie 
besprach gerade ihre Scheu, sich vor Männern im Badekostüm zu zeigen — 

t traten heftig juckende „Blasen an den Beinen oberhalb der Strumpfbänder 
»uf. Die Analyse der Wahl des Konveräonsortes förderte die Erinnerung 
EUtage, daß ihr ein Bursche einmal, etwa in ihrem zehnten Lehens] ahre, 
Linter die Röcke gegriffen hatte. Der Gedanke, daß ein Mann sie sexuell 



86 Die FunLHon. des Orgasmus 

ansehen oder angreifen könnte, hatte eine Zeitlang prompt das Auftreten 
von Blasen zur Folge gehabt, Sie könnte — meinte sie spontan — dnrcli 
■nichts in der Welt dazu gebracht werden, sich vor mir zu entblößen. Beim 
Baden hatte sie sich ihrer nackten Arme und Beine, besonders aber ihrer 
Brüste, die ihr zu klein erschienen, geschämt. Die Urtikaria konnte somit 
als ein üiertriebenes Erröten der Haut aufgefaßt werden, zumindest trat 
sie in all den Situationen auf, in denen Frauen zu erröten pflegen. Das 
war der psychische Sinn des Symptoms, 

Als in der Pubertät Quaddeln auftraten, gab sie dafür ihrer damals 
exzessiv betriebenen Onanie die Schuld. Viele Jahre später, als sie bereits 
verheiratet war, traten die juckenden „Blasen auf, wenn sie unter ihrer 
Unfähigkeit, befriedigt zu werden, sehr schwer litt. Daß es sich dabei um 
eine genitale Erregung handelte, die, vom Genitale abgesperrt, 
an der Haut zum Vorschein kam, wurde durch folgende Tatsachen 
bewiesen. Die Patientin sträubte sich in der Analyse lange gegen die 
Erklärung, daß sie die Onanie nicht, wie sie glaubte, endgültig auf- 
gegeben, sondern bloß den Wunsch danach verdrängt hätte. Einige 
Monate später (sie hatte sich mit diesem Gedanken mittlerweile bereits 
vertraut gemacht), gestand sie, daß zur Zeit ihres heftigsten Sträubens 
gegen diese Erklärung urtikarielle Quaddeln an den großen Labien auf- 
getreten waren, an denen sie immerfort kratzen mußte, ohne zu ahnen, 
daß die Beseitigung des Juckreizes vollwertige Onanie war. So wie sie 
vor der Erkrankung vor der genitalen Erregung erschrocken 
war, fürchtete sie nachher die „Blasen", die sie als großes 
Unglück und Zeichen ihrer Krankheit auffaßte. 

Die Urtikaria trat auch auf, wenn die Patientin in der Analyse Harn- 
drang bekam und sich mitzuteilen schämte, daß sie aufs Klosett müsse, 
Ihre Urethralerotik -war sehr stark betont. So traten die Blasen auth auf, 
wenn sich die Patientin mit Wasser bespritcte oder ins Bad stieg. In der 
Kindheit machte sie eine Enuresü durch, Sie hatte einen seit vielen Jahren 
immer wiederkehrenden Trautn, in dem sie Wäsche wusch und dab^ TOn 
jemand überrascht wurde. Dieser Traum blieb solange unverständlich, bis 
ihr einfiel, daß sie in der Pubertät beim Wäschewaschen das Genitale, die 
rhythm,ische Bewegung ausnützend, au der Kante des Trogs gerieben hatte. 
Als sie gegen die Onanie überhaupt anzukämpfen ieganu, traten beim 
Wäschewaschen heftig juckende Urtikariaquaddeln am ganzen Körper auf. 
Später erinnerte sie, daß die ersten „Blasen in ihrem achten Leiensjahre 
in der Glutealgegend und an der Hinterseite der Oberschenkel aufgetreten 



iSomatisdie LiI>icIostauuTij uncl Anjstaffekt S7 

waren, als sie mit ihrem Vater, der Gärtner war, zusammen im Garten 
arb^tete. IMe Patientin hatte eine heftige, mit Angst gemischte Abneigung 
gegen den Koitws a. tergo. Im. Traume verkehrte sie jedoch gerade in dieser 
SteUung mit iiirem "Vater. Als kleines Kind hatte sie Tiere beim Geschlechts- 
verkehr eifrig beobachtet und war zur Auffassung gelangt, daß auch die 
Elltem es so machten. In der Ehe stellte sich oft starkes Verlangen nach 
dem Koitus a tergo eirij worauf sie mit Angstzuständen reagierte. Die 
jeiveilige Lokalisation entsprach somit dem jeweils erregten 
und mit psychischem Interesse besetzten Organ (Labien — Onanie, 
Glutealgegend — Koitus a tergo, Oberschenkel — Phantasie, daß Ihr unter 
den Rock gegriffen vsrerde usw^,). 

Der Sinn des Symptoms war überdeterminiert. Die „Blasen bedeu- 
teten : Exhibition und Scham als Reaktion, Onanie und Kastrations angst, 
ferner Urinieren. (Die Blasen traten auch auf, wenn die Patientin sich 
mit Wasser bespritzte oder wenn sie in der Analyse Harndrang bekam.) 
Die Energie, mittels welcher diese VorsteUungsinhalte das Symptom 
bewerkstelligen konnten, war die körperliche genitale Erregung (Quelle 
des Symptoms), dieselbe, die ein anderes Mal die Irritation des kardisden 
Systems und die Angst bedingte. Es war auffallend, mit welcher 
Regelniäßigkeit die Angst sich verringerte, sobald die Urtikaria 
auftrat, und sich wieder steigerte, sobald auch eine „Verdrän- 
gung des Symptoms einsetzte, vor dem die Patientin eine wohl- 
begründete Scheu hatte. Man hatte den Eindruck, als ahnte die Patientin 
intuitiv, daß die Urtikaria ebenso zu verpönen wäre wie die Onanie, 
Nun war aber zur Zeit der geringeren Angst entfaltung die Eastrations- 
angst gew^iß nicht außer Funktion. Sie war doch in erster Linie dafür 
verantwortlich, daß die genitale Erregung vom Genitale ferngehalten 
und der Haut zugeführt wurde. Dbjs stellt uns vor eine neue Aufgabe: 

Wie verhält sich die Kastrationsangst, die die Verdrängung 
der Genitalität bedingt, zur Aktualangst, die eine Folge dieser 
Verdrängung ist? 

f) Befäraitung und A.ngstaffefct 

Unsere Untersuchung der Angstneurose hat ergeben, daß die Aktual- 
angst nicht, wie ursprünglich angenommen wurde, unmittelbar aus der 
gestauten Libido durch Umwandlung hervorgeht, sondern sich als eines 
der vielen Symptome einer Irritation des vasovegetativen Systems ent- 



88 Die Punktion des Orgasmus 

wickelt. Sie unterscheidet sich qualitativ nicht von der Angst, die bei 
va so vegetativen Störungen anderen Ursprungs, wie z. B. bei der Angina 

pectoris oder bei c!er Xikotinvergiftung, entsteht. Dessenungeachtet ist 
die gestaute Libido die eigentliche Quelle der Aktualangst und der Aus- 
druck ^ibidinöse Angst" besteht mit Rücksicht auf diese Quelle weiter 
zurecht. Die Besprechung des Falles mit den vasomotorischen Symptomen 
hat gezeigt, daß die charakterologische Sexualablehnung infolge Kastra- 
tionsangst die Libidostauung und dadurch die Aktualangst bedingt hat. 
Die Eaitrationsangst ist das Vorbild der neurotischen Angst; das ging 
auch aus der Analyse der Patientin mit ier hypochondrischen Angst 
hervor. Hier konnten wir sehen, daß der verdrängte Onaniewunsch eine 
ständige innere Gefahr bildete, vor der sich das Ich fürchtete. Freud 
hat seinerzeit den Unterschied zwischen der neurotischen Angst und der 
Bealangst dahin formuliert, daß diese die Reaktion auf eine äußere, 
jene eine solche auf eine innere (Trieb-) Gefahr sei. Aus der Analyse 
beider Fälle ^ng hervor, daß die Angst vor den Gefahren, die mit 
einer Triebbefriedigung (der infantilen Ansicht oder Erfahrung nach: 
Kastriitionsdrohung wegen Onanie!) verbunden sind, der Motor der 
Verdrängung ist. Die neurotische Angst ist also völlig analog der 
Realangst, und wir stehen nun vor der komplizierenden Tatsache, daß 
Angst das eine Mal Folge, das andere Mal Ursache der Verdrängung 
eines sexuellen Trleban Spruches ist. Es ist also entweder etwas an unserer 
Auffassung der Angst nicht richtig oder man bezeichnet mit dem Aus- 
druck „Angst" zwei voneinander zu unterscheidende Tatbestände. 

Versuchen wir es zunächst, unsere Erklärung der Aktualangst zu 
revidieren. Es ist der Einwand möglich, daß auch die Angst, die die 
Herzneurose begleitet, nur Realangst sei. Man schätze die Bedeutung 
des Herzens für die Erhaltung des Lehens richtig ein und brauche nicht 
einmal schwerer Hypochonder zu sein, um für sein Leben zu fürchten. 
Dafür spräche auch das vielfach festgestellte Vemichtungsgefuhl und das 
Gefühl der Hilflosigkeit, das den Charakter der schweren Herzangst 
bestimmt. Es könnte also die Angst hei der vegetativen Herzneurose die 
psychische Reaktion auf eine Bedrohung des Lebens sein. Gegen diese 
Auffassung sprechen einige wichtige Tatsachen: 

Jj Wenn dem so wäre, müßten auch die infektiöse Endokarditis und 
die Atemnot heim Fetthera und hei schwerer körperlicher Anstrengung, 



üomatiscJie Libiciostauung lind AngMaüeJkt 89 

sowie jede schwerere organische Krankheit, wie der Krebs oder die Lungen- 
tuberkulose, Angst erzeugen. Wir wissen aber, daß dies nicht der Fall 
ist, Und kommen infolgedessen nicht um die Armahme herum, daß die 
Herzaiigst sich nur bei einer qualitativ bestimmten Form der Herz- 
affektion, eben bei der vegetativ bedingten einstellt. 

2) Wie von physiologischer Seite festgestellt wird, tritt die typische ' 
Herzangst gelegentlich schon auf, noch bevor die Arrhythmie die Bewußt- 
seinsschwelle erreicht. Hier kann also von einer bewußten Reaktion auf 
die drohende Lebensgefahr nicht gesprochen werden, 

j) Meine eigenen Beobachtungen bei der Nikotinvergiftung, die ich 
wiederholt machen konnte, lassen keinen Zweifel darüber, daß sich im 
Augenblicke der Asystolie vor der Tachykardie eine Angstempfindung 
einstellt, die erst sekundär iind nur bei längerem Bestände der intensiver 
werdenden Arrhythmie und Tachykardie mit dem Vorstellumgsinhalt 
„Sterben — Tod" erfüllt wird. 

Es kann also kein Zweifel sein: Die Angst hei der Herzneurose 
ist Begleiterscheinung einer spezifischen Irritation der Herz- 
tätigkeit und tritt erst sekundär mit den Inhalten der Kealangst in 
Verbindung, 

Die Behauptung, daß die bei der Geburt angeblich erlebte Angst die 
Quelle und der Ursprung aller späteren Angst und daU die neurotischen 
Angstanfälle Reproduktionen des Geburtsvorganges seien, läßt sich weder 
durch klinische Tatsachen noch durch logische Ableitung stützen. Ist 
doch die Gehurt nicht mehr als der erste Anlaß, bei dem es zu einer 
schockartigen Irritation des vasovegetativen Systems kommt. Wir er- 
schließen bloß die Angst aus den vasomotorischen Erscheinungen am 
Neugeborenen, wissen aber nicht, ob es auch einen AngstafFekt erlebt. 
Die Angstanfälle bei Kranken haben mit der supponierten Geburts- 
angst nicht mehr gemeinsam als die körperlichen Erscheintmgen de» 
Angstaffekts. Die häufig vorkommenden Gebnits- und Mutterleibsphanta- 
sien sind für den Angstaffekt nicht mehx spezifisch als istwa die Eastrations- 
befürchtung, die Einbrecherangst oder die Todesfurcht. Die Geburtsangst 
könnte nur ein Spezialfall einer Mobilisierung orgarmarzlßtischer Libido 
im vasovegetativen System sein und wäre dann ebenfalls Aktualangst. 
Es spricht jedoch alles dagegen, sie, wie Rank es tut, als Bealangst 
aufzufassen. 



90 Die Funktion des Orgasmus 

Wie vevhält sich nun die A.ktualangst zur Angst vor einer 
realen (äußeren oder inneren) Gefahr? Während die Aktualangst Folge 
«iner Irritation des vegetativen Systems ist, bedingt die Realangst selbst 
eine solche Irritation; man erbleicht, das „Herz steht still"', man bekommt 
Herzklopfen, zittert, es läuft eine Gänsehaut über den Rücken, Angst- 
schweiß bricht aus, man ist „vor Schreck gelähmt". Das ist, wie Freud 
■öfters hervorhob, eine höchst unzweckmäßige Reaktion. Zweckvoller wäre 
die Abwehr der Gefahr durch eine motorische Aktion, Jlucht oder 
Kampf. Machen wir uns klar, was den Unterschied zwischen der 
zweckmäßigen Reaktion durch Innervation des motorischen. Systems und 
der unzweckmäßigen durch Inner\'atlon des vegetativen energetisch aus- 
macht. Der plötzliche Einbruch der schreckvollen Situation hat offen- 
bar die Überleitung der Energie — sagen wir — des Selbsterhaltungs- 
triebes aus dem vegetativen in das motorische System (willkürlich inner- 
vierte Muskulatur) verhindert. Halten wir die vegetative und die 
motorische Form der Reaktion auf eine Gefahr auseinander, so steht 
•der Annahme nichts im Wege, daß die vegetative Reaktion einer phylo- 
genetisch älteren Funktion des Selbsterhaltungstriebes entspricht; wir 
erinnern bloß an die vegetative Reaktion des Tintenfisches in der Gefahr 
und an das Phänomen der Mimikry als vegetativer Vorbeugungsmaßregel. 
Die willkürliche nervöse Funktion ist hingegen eine phylogenetisch 
jüngere Akquisition des sich entwickelnden tierischen Organismus. Die 
Fähigkeit zur vegetativen Abwehr, beziehungsweise zur autoplastisch 
vegetativen Vorbeugungsmaßregel ist dem Menschen wohl verloren ge- 
gangen; sie wurde jedoch in ausreichendem Maße durch seine intellek- 
tuelle Fähigkeit ersetzt. Gefahren vorauszusehen und zu vermeiden. 
Bricht dennoch eine Gefahr unvorhergesehen herein, so kann der 
Bedrohte nur mehr den primitivsten Abwehrmechanismus aktivieren, 
werm es nicht mehr möglich ist, eine noch so kurze intellektuelle Über- 
legung bezüglich der Art der motorischen Abwehr zu treffen: Er regrediert 
naomentan von der intellektuellen, beziehungsweise motorischen, zur 
vegetativen Reaktionsweise, d. h. auf die Stufe des Urnarzißmus. 

Wenn unsere Auffassung richtig ist, daß vrir bei der vegetativen 
Reaktion in der Schrecksituation mit einem Versagen der hüherem- 
wickelten und einer momentanen Regression zu primitiveren biologischen 
Abwehrformen zu tun haben, so muß sie sich auch zwanglos in die 



Somatische L itido Stauung und An^staffeRt 91 

Libidotheorie einfügen lassen. Die psychoanalytüchen Untersuchungen 
der traumatischen Neurosen haben ergeben, daß diese auf dem Trauma 
beruhen, das die nirzi 13 tisch e T.ibirTri betroffen hat; nicht den sekun- 
dären Narzißmus, der bereits eine höhere Stufe der Libido darstellt, sondern 
den (biologischen) Umarzißmus, der die biologische Quelle aller Arten 
libidinösen Strebens ist und hauptsächlich im vegetativen Organsystem 
verankert ist. Nun wird in jeder Gefahrsituation narzißtische Libido 
im Dienste der Selbst erhalt ung mobilisiert. Es kommt nur auf die Art 
der Gefahr an, wie diese Mobilisierung erfolgt, d. h. welches Systems 
sich der Lebenstrieb bedient. 
Es werden besetzt: 

Bei realer äußerer Gefahr: 

a) Das intellektuelle System; "Vorbeugende Schutzmaßnahmen, wenn 
die Gefahr nicht unmittelbar bevorsteht (Polizei, Gesetze, persön- 
liche Sicherungen), 

h) Das motorische System : Flucht oder Abwehr bei rechtzeitiger Wahr- 
nehmung der Gefahr. 

c) Das vegetative System : ünzwecltniäßige Innervation, wenn die 
Gefahr plötzlich hereinbricht (Regression zum Umarzißmus), 

Bei realer innerer Gefahr infolge des Drängens verpönter 
Trieb an Sprüche: 

ä) Das intellektuelle System: Zwangsneurotische "Vermeidungsmaß- 
regeln (Zermonielle, Verbote, Gebote usw.). 

b) Das sensomotorische System : Alle Arten hysterischer Ablenkung der 
Sexual erregung vom. Genitale auf andere Organe („Konversion"). 

Die Analogie der Abwehrformen bei der äußeren und der inneren 
Gefahr innerhalb des intellektuellen und des motorischen Systems leuchtet 
ein. Sind nun die vaso vegetativen Erscheinungen infolge abgesperrter 
Sexual er regung und die Stauungsangst gleicherweise Analoga der bio- 
logischen Schreckreaktion? Ist die Aktualangst etwa eine biologische 
Beaktion auf die Bedrohung der Erhaltung der Art? Diese naheliegende 
Auskunft kann nicht befriedigen, denn nach allem, was wir darüber 
wissen, ist dem Individuum eine solche Sorge um die Unsterblichkeit 
des Keimplasmas nicht zuzumuten; ein individueller Trieb zur Fort- 
pflanzung kann nicht festgestellt Averden. 



9» Die Funktion des Orgasmus 

Prüfen wir einmal die Berechtigung der Frage nach dem psychischen 
Sinn der durch vegetative Irritation bedingten freiflottierenden Angst, 
Wir kennen die Angst als Reaktion auf tirie Gefahr, wie wir die I^icht- 
empEindung als Reaktion auf einlallende Lichtstrahlen, die GehÖrsempfin- 
dung als Reaktion auf Schallwellen begreifen. Bleiben wir bei diesem 
Vergleich. Man hat auch lichterapfindungen, wenn der Sehnerv durch 
elektrische oder thermische Reize irritiert wird. Es kann aber ebensowohl 
der vegetative Apparat mit Angstzeichen reagieren, wenn keine Gefahr 
sondern ein anderer Reiz ihn trifft, z. B. der Reiz gespeicherter Sexual- 
energie, die keinen anderen Ausweg findet. 

Wird in der Schrecksituation nariißtische Organlibido im vegetativen 
System mobilisiert, so steht der Auffassung nichts im Wege, daß sie in 
gleicher Weise infolge anderer (im^ Falle der Sexualahstinem innerer) 
Reize in Funktion tritt. Die Stauungsangst wäre dann ebenso „sinn^-los 
wie die Lichtempfindung infolge elektrischer Reiznag des Sehnervs. Die 
Frage nach einem biologischen „Sinn" gehört nicht hierher. Damit 
kommen wir zur Frage nach der Herkunft des Angstaffektes. 

Bei unserer hypochondrischen Patientin bestand lange vor der eigent- 
lichen Erkrankung an der Angsthysterie eine hypochondrische Befürchtung; 
sie nahm den Charakter der Angst erst am Tage nach dem erregenden 
Inzesttraume an. Der Inhalt der Befürchtung (bewußt: sterben müssen, 
unbewußt : am Genitale verletzt werden) war vor- und nachher der gleiche ; 
das einzige unterscheidende Merkmal war, daß die Sexual erregung akut 
erlebt und dann vom Genitale abgesperrt worden war. Der Fjnwand, 
daß durch das Äkutwerden der Sexualerregung auch die Kastrationsgefahr 
akut wurde und so der Angstaffekt zustandekam, ist leicht xu widerlegen ; 
denn die gleiche Gelegenheit für das Akutwerden der Kastrationsangst be- 
stand ja auch bei der Beobachtung der Onanie ihrer Tochter, mit der sie 
sich identifizierte; trotzdem wurde damals kein Angstaffekt entwickelt. 

Daß die Sexualerregung hier als solche ausschlaggebend war, wird auch 
durch anderweitige vergleichend-klinische Beobachtung des Verhältnisses 
zwischen Angstaffekt und libidinöser Stauung gestützt. So baut sichz.B, eine 
bestimmte Form der aktiven Homosexualität über der Kastrations- „Angst 
auf; von einem Angstaffekt ist dabei jedoch nichts zu sehen. Woher kommt 
es, daß solche Kranke ihre Erektion während des Koitus, wie die Analyse 
der Träume unzweifelhaft ergibt, aus Angst, daß ihrem Gllede etwas ge- 



I 



iSomatbdic Litidostatiunj und Angstallclit gS 

schähe, verlieren, ohne Angst zu verspüren? In diesem Falle ist doch die 
Gefahr psychisch real, trotzdem fehlt der Affekt. Geben solche Kranke 
den Geschlechtsverkehr auf tind verfallen sie nicht der Onanie, dauert 
ferner die Abstinenz längere Zeit, so kommt die Kastrationsangst als 
Angstaffekt zum Vorschein. — Bei Kranken mit ejaculatio praecox ist die 
Kastrationsangst besonders stark ausgeprägt, doch auch hier fehlt der 
Angstaffekt, solange die motorische Abfuhr der Erregung erfolgt, mag 
sie noch so inadäquat sein. Daß die Angstaffekte verschwinden, sobald 
die Patienten in der Analyse genitale Sensationen bekommen, daß dies 
möglich ist, lange bevor die Kastration sang st überhaupt zur Aussprache 
kam, geschweige denn erledigt wurde, zwingt den Schluß auf, daß die 
Kastxationsbefürchtung die affektive Färbung der Angst erst 
durch die somatische Libidostauung erlangt. 

Durch die Einführung des Affektes der Angst in die Diskussion 
räumen wir eine Schwierigkeit aus dem Wege, die sich mit dem sprach- 
lichen Ausdruck der „Angst" einschlich. Wir meinen offenbar nicht den- 
selben affektiven Tatbestand, wenn wir sagen: „Ich habe Angst, eine 
gefährliche Bergtour zu unternehmen , oder wenn wir von der Angst 
sprechen, die man. im Augenblicke des Sturzes in eine Gletscherspalte 
erlebt. Die Angst vor einer kommenden (realen oder imaginären) 
Gefahr ist eine andere als die, die im Augenblicke einer 
aktuellen Gefahr erlebt wird. Dazwischen gibt es Übergänge; man 
kann eine kommende Gefahr sich vorstellen und erlebt sie dabei mit 
quantitativ geringerem, aber qualitativ gleichem Angstaffekt. Man kann 
sich die gleiche Gefahrsituation auch ohne den geringsten Angstaffekt 
vorsteDen, wird aber feststellen, daß man in diesem Falle die Gefahr bloß 
gedacht, nicht anschaulich erlebt hat. Die weitere Selbstbeobachtung 
ergibt ferner, daß sich die bloße Befürchtung um. so mehr in Angst 
verwandelt, mit anderen Worten, daß das Denken einer Gefahr um so 
affektbetonter wird, je weniger begi-ifflich es ist und je mehr Raum die 
anschauliche Vorstellung einnimmt. Aber auch das anschaulichste Vor- 
stellen wird nicht imstande sein, den Angstaffekt des realen schreck- 
haften Erlebnisses hervorzurufen. 

Anschatüiches Denken einer Gefahr löst auch vasovegetative Erschei- 
nungen aus: Man kann Herzklopfen und Angstschauer, ja Schwindel und 
Zittern hervorrufen und gewinnt die tJbeneugung, daß die Irritation des 



Si 



Die Funktion des Orgasmus 



vasovegetativen Systems sich mit der Angst steigen. Man kann auch um- 
gekehrt sagen, daß der Affekt, der die Befürchtung zur echten 
Angst macht, eine Folge der somatischen Irritation ist; sind wir doch 
gewohnt, die Affekte überhaupt von somatLsch-hiologischen Vorgängen 
abhängig ku denken. Ist man psychologischen Vorurteilen z.ugänglich, so 
wird man eine solche Abhängigkeit nicht zugehen und den psychischen 
Affekt nur Ursache somatischer Phänomene sein lassen. Das ist ja gewiß 
der Fall, schließt aher nicht aus, daß der Affekt selbst somatischen Ur- 
sprungs ist. Wir erinnern an die Grün dann ahme Freu d^ daß der Affekt 
eine Triebmanifestation ist und daß das Unbewußte im Kern und seiner 
spezifischen Eigenschaft nach aus Trieben besteht. Wir wüßten keinen 
tragfähigen Einwand gegen diese Auffassung. 

Wir kommen dem Verständnis des Angstaffefctes noch näher, wenn 
wir uns an die besser faßbaren Phänomene des Sexualaffektes und 
des Zornaffektes halten, die wir ja als Äußerungen des Sexualtriebes, 
beziehungsweise des Destruktionstriebes, auffassen müssen. 

Bei der bloßen Vorstellung einer sexuellen Handlung treten im Zu- 
stande des ünhefriedigtseins mehr oder weniger starke vasomotorische Er- 
scheinungen, genitale Lustemplindungen und sexuelles Verlangen auf. 
Im Zustande des Befriedigtseins hingegen, z. B. nach einem ungestörten 
Geschlechtsakte, vermag die gleiche Vorstellmig weder Lustempßndungen 
noch vasomotorische Erscheinungen auszulösen. Affektives Sexualverlangen 
kommt gar nicht zustande. Es bedarf einer melir oder weniger langen 
Ruhepause, damit sich mit den sexuellen Vorstellungen auch ein affek- 
tives Verlangen verbinde. Der Sexualaffekt kommt auch nicht zustande, 
wenn man sich die Handlung sehr anschaulich vorstellt, die Phantasie 
ist matt und entbelirt der affektiven Tönung, ja selbst das Vorstellungs- 
vermögen ist gering. Nun hat sich ja im psychischen Bereiche selbst 
nichts geändert, die Vorstellungen blieben unangetastet, bloß die soma- 
tische Quelle der Affekte ist erloschen, richtiger ausgedrückt, die 
somatische Spannung und mit ihr die seelische sind durch den Orgas- 
mus auf eine sehr niedrige Potentialfläche gesunken. Vielleicht ist die 
Verteilung der Energie eine andere als im Zustand der genitalen Erregt- 
heit. Erst neueriiche Konzentration der somatischen Sexualenergie auf 
das Genitale gibt den sexuellen Vorstellungen affektiven Wert, Ist er 
einmal zustande gekommen, so vermag er allerdings mit Hilfe von Vor- 



Somatisme Idbidostauuug tmd Angstaffcit ^5 

Stellungen auch die somatische Sensation zu steigern. Die körperliche 
Empfindung, (üe von der Empfindungswahmehmung zu untersclieiden 
ist, kann ohne einen körperlichen "Vorgang nicht entstehen. Auch eine 
halluzinierte Sensation ist nur eine umgedeutete körperliche Empfindung; 
das zeigten die Untersuchungen der Hypochondrie durch Freud, Ferenczi I 
und Schilder. Die sexuelle Empfindung (Organsensation) ist 
also dfss primäre, der Sexualaffekt das von ihr abhängige 
sekundäre Erleben. I 

Das gleiche gilt für den Zornaffekt, der um so stärker ausfällt, je 
mehr die motorische Aktion unterdrückt wird. „Ohnmächtige Wut" ist 
am intensivsten. Laßt man seiner Wut freien Lauf, so verliert sich der 
Affekt sehr bald. Unterdrückt man sie, so bleibt die Erregung bestehen, 
bis sie in äquivalenten Handlungen oder durch phantasierte Tat abge- 
baut wird. Auf die Dauer pflegen sich aber auch Zornaffekte zu stauen 
und sich eruptiv, gelegentlich auch bei inadäquaten Anlässen, die moto- 
rische Abfuhr zn erzwingen. Auf die Bedeutung der somatischen Libido- 
stauung für das Zustandekommen des Zornes und der Aggressivität über- 
haupt werden wir später zurückkommen. Hier ist nur wichtig, da5 auch 
der Zoxnaffekt von vasomotorischen Erscheinungen, wie Herzklopfen, 
Vasodilatation, Störungen der Atmung usw., begleitet ist, solange er sich 
nicht motorisch entladen kann. 

Sowohl bei der Sexualeiiegung als auch bei der Wut bedingt die 
motorische Hemmung und die Stauung der Erregung im vasovegetativen 
System den Affekt, während die motorische Aktion ihn durch Entlastung 
des autonomen Nervensystems aufhebt. Wir kommen somit zum Schlnsse, 
daß der Affekt die psychische Manifestation einer Erregung 
des vasovegetativen Systems ist und daß die psychische Vor- 
stellung allein ohne die somatische Erregung keinen Affekt 
erzeugen kann. 

Es ist auch schwer vorstellbar, daß eine Vorstellung eine somatische 
Erregung ohne Zuhilfenahme des Unbewußten auszulösen imstande sein 
sollte. Jede Vorstellung, die im Bereiche lebenswichtiger Funktionen 
auftaucht, setzt libidinöse oder destruktive Triebenergien in Bereitschaft 
zur motorischen Entladung. Diese Triebe können offenbar nicht als \ 
Aifekte bewußt werden, wenn der Körper nicht mitschwingt. Das yaso- t 
vegetative System spielt dabei den Vermittler. Das gut in gleicher Weise ' 



1^ 



g6 Die F(iiiJi.tioi^ des Orgasmus 

' für die drei wichtigsten Affekte: die sexuelle Erregtheit, die Wut 
I und die Angst, 

Welche Stellung nimmt nun die Angst in dieser Reihe als Affekt 
ein? Welchen Vorteil brachte uns die Erörterung des Liebes- und Haß- 
affektes für die Klärung des Angstproblems? 

Bei der anschaulich gedachten sexuellen Tat benimmt sich der Körper 
so, als wäre die Tat real, d. h. es sammelt sich die vasovegetative 
Erregung, die als Sexualaffekt erscheint, zur motorischen Entladung. 
Das gleiche ist bei der Wut (beim akut gewordenen Haß) der Fall. 

Unsere Patientin mit der abendlich auftretenden Erwartungsangst be- 
nahm sich so, als wäre die erwartete Situation bereits eingetreten, 
d. h. als täte der Vater der Mutter, mit der sie sich identifizierte, 
momentan etwas an. Diese Befürchtung war aber, ganz analog wie 
in dem Falle mit der hypochondrischen Angst, dadurch aktuell geworden, 
daß die seinerzeit erlebte Sexualerregung wieder auftrat, ohne als solche 
wahrgenommen werden zu dürfen. Von der ganzen Situation w^ar einzig 
und allein die Sexualerregung wirklich real. Die Annahme, daß die 
Kastrationsangst allein genügt, um einen Angstaifekt zu erzeugen, ist 
unvollständig. Die Befürchtung, durch den Sexual akt verletzt zu werden, 
hätte ja sonst bei jedem Geschlechtsakt mit ihrem. Gatten hervortreten 
müssen; daß das nicht geschah, kann nur darauf zurückzuführen sein, 
daß die körperliche Erregung fehlte. Als weiteren Beweis dafür führen 
wir an, daß im Falle einer masochistischen Selbstbeschädigung, also in 
einer Situation, in der gewiß die Integrität des Körpers oder Lebens 
geerdet ist, der Angstaffekt fehlt. Unsere nymphomane Patientin hatte 
keine Spur von Angst, wenn sie sich mit dem Messer schwere Verletzungen 
beibrachte, glaubte aber vor Angst verrückt werden zu müssen, wenn 
sie nicht zur Befriedigung gelangte. Es ergibt sich somit der Schluß, 
daß der vegetativ bedingte psychische Affekt an sich unspe- 
zifisch ist und immer nur dann als Angstaffekt erscheint, wenn 
weder die llbidinöse noch die destruktive Motorik frei ist, 

In Anbetracht dieser Tatbestände erscheint die seelische Angst als 
eine komplexe Bildung, deren zwei Grundelemente die Erwartung einer 
Gefahr (Erwartungsangst — Furcht) und eine körperhche Sensation 
(Angstaffekt) sind. Die Furcht vor einer Gefahr setzt narzißtische 
Besetzung des Ichs, der Angstaffekt gesperrte libidinöse und 



r 



iSomatistJie IjiliiJostauuiit; und An^staffekt ^y 

destruktive Motorik voraus. Mau müßte nichts fürchten, wenn man 
sicher wäre, daß man seinen Destruktionstrieb am gefahrbringenden ( 
Objekt wüten lassen könnte ; man hätte keinen Angstaffekt, wenn nicht 
die Energie des Lebenstriebes den primitiven Lebensapparat, das vaso- ( 
vegetative System, in Aktion setzte wie vor Urzeiten. Die Angst als 
biologisches Phänomen steht zufolge dieser Beziehungen m den Grund- | 
trieben, ebenso wie die Sexnallust, jenseits der Möglichkeit begriffen i 
zu werden. 



Reich: Dt« Funktion des Orsumiu. 



rijäd^tiUlättEil^^» 



irsymoneurotisdie oducksale der (jenitallibido 

Bei der Angstneurose und der Angsthysterie hat die genitale Erregung 
kein anderes Schicksal als das der Abwehr und der Sperrung der genitalen 
Motorik erfahren. Die genitale Energie selbst blieb als solche bestehen. 
Weder die Alitualaiigst noch die Kastrationsbefürchtung, mögen sie 
nun als Katastrophenangst, hypochondrische oder gegenständliche Ajigst 
zum Vorschein kommen, sind neurotische Symptome im dynamischen 
Sinne. Freuds Definition des neurotischen Symptoms hebt den Tatbestand 
hervor, daß es eine Neubildung darstellt, die als Kompromiß aus dem 
Konflikte zwischen verdrängtem Trieb und verdrängender moralischer In- 
stanz, also als eine pathologische Konfliktlösung hervorgegangen ist. 
Das trifft weder für die Aktualangst zu, die bloß an Stelle des Sexual äff ektes 
auftritt, noch für die Kastrationshefürchtung des Ichs, Solange im Bilde 
einer Neurose die Angst überwiegt, ist keinerlei Konfliktlösung gefunden 
worden. Das ist erst dann der Fall, wenn umschriebene konversionshysterische 
oder zwangsneurotische Symptome anftteten, die die Angst ablösen oder 
zumindest verringern. Dieser Tatbestand bedeutet, wie Freu^ es nannte, 
eine „Bindung der neurotischen Angst". Davon überzeugt man sich fast 
in jedem Falle, dessen Symptom.e in der Analyse aufgelöst werden; ge- 
langt nämlich die entsprechende Triebkraft nicht unmittelbar darauf zur 
Befriedigung oder Sublimierung, so tritt zunächst Angst auf. So bekommen 
Zwangsneurotiker Angst, wenn sie ihre Zwangshandlungen unterdrücken. 
Verschwindet z. B. das hysterische Erbrechen aus Gründen der Über- 
tragung, so treten an dessen Stelle Angstzustände und Angstträume auf, 
die zumeist Vergewaltigungsideen zum Inhalte haben. Ebenso tritt Angst 
auf, wenn triebhafte Charaktere ihre sadistischen Impulse unterdrücken 
oder wenn Homosexuelle zu mastuibieren aufhören. Die freiwerdende 



PsydioneujTotisdie OaiidLsale tlet Gciiitalliliido gg 

Angst hat ininier sowohl den Charakter der Triebabwehr als auch den 
des aktualneurotischen Angstaffekts. 

Die Angst tritt also an Stelle der gehemmten Sexualerregung auf 
und kann ihrerseits durch andere Symptome ersetzt werden; in jedem 
Falle kommt ein Plus an seelischer Funktion zustande, dem ein Minus 
an anderer Stelle entspricht. Unter den Symptomen einer Neurose im 
deskriptiven Sinne muß man daher unterscheiden: 

a) Die Plus funktionell: das sind die neurotischen Symptome im 
dynamischen Sinne Freuds und die Angst; sie stören das seelische 
Gleichgewicht durch Absorption psychischer Energie, sind subjektiv quälend 
und so7,ial wie biologisch unnötig. ' 

h) Die .Funktionshemmungen oder Minusfunktionen: das sind 
diejenigen Symptome einer Neurose, die nicht Kompromifibildungen ' 
sondern bloß Defekte der normalen Funktionen darstellen und durch } 
den Energieverbrauch in den unzweckmäßigen Plusfunktionen Zustande- 
kommen. Hier zeigt sich erst der heuristische Wert der von Freud an- ! , 
genommenen „Konstanz der psychischen Energie". Der Zwangsgrübler 
klagt gleichzeitig über Denkunfähigkeit im Beruf; die Energie, die von , 
einer Platzangst verbraucht wird, fehlt gewiß an irgendeiner wichtigen 
Stelle der sozialen Beziehungen zu Menschen und La der Liebesfunktion ; 
wer sich minderwertig fühlt und tatsächlich, eben wegen seines Minder- 
wertigkeitsgefühls, wenig leistet, verbraucht die Energie, die ihm das 
Gefühl der Minderwertigkeit ohneweiters nehmen könnte, wenn sie frei 
wäre, in seinen ehrgeizigen und sexuellen Tagträumen. Die Störungen 
der Genitalfunktion stellen sämtlich Funktionshemmungen 
dar; sie sind (mit Ausnahme des Vaginismus) nicht Symptome im 
dynamischen Sinne, d. h. sie entsprechen nicht der verstellten Be- 
firiedigung einer libidinösen Triebregung. 

Wir haben somit in diesem Abschnitt die Aufgabe aufzuzeigen, welchen 
anderen Ausweg die gestaute Libido hat, wenn sie nicht als Angstaffekt 
zum Vorschein kommt. Wir beschränken uns auf knappe Darstellung 
der hysterischen und der zwangsneurotischen Impotenz und werden bloß 
die genitale Asthenie der chronischen Neurasthenie ausführlich zu be- 
sprechen haben. 



Die Funition des Orjasmuä 



1./ A.onverstonssymptom und JiysteriscJie Impotenz 

Unter „Konversion" versteht man nach Fretid_ den Vorgang, daß 
„psychische Affektheträge zur abnormen Innervation von Organen ab- 
gelenkt werden". In der hysterischen „Organsprache" drücken sich ferner 
seelische Wunschvor Stellungen aus. Unsere üntersuchtingsergebnisse zwin- 
gen aber auch den Schluß auf, daß ein, „Sprung vom Seelischen ins 
Körperliche" gar nicht angenommen werden maß. Bedenkt man, daß 
die somatische Libido durch psychisches Sexualinteresse Jeweils oder 
dauernd auf die eine oder die andere erogene Zone konzentriert werden 
kann und daß die Hysterie reichlich über gestaute Libido verfügt, so 
muß angenommen werden, daß die Konversionssymptome so entstehen, 
daß psychisches Interesse vom Genitale auf das betreffende 
Organ abgelenkt und dadurch, wie man das für die Hypo- 
chondrie annimmt, auch somatische Libido am Orte der Kon- 
version angehäuft wird. Der Gesunde kann keine Konversionssym- 
ptome erzeugen, weil sein libidinöses Interesse genital gerichtet ist und 
er über keine gestaute Libido verfügt. 

Es gibt in Wirklichkeit keine Konversionshysterie ohne eine mehr oder 
minder starke angsthysterische Beimischung. Gelingt es doch gerade den 
genital so stark betonten Hysterikern nicht, den ganzen Betrag an geni- 
taler Libido symptomatisch zu erledigen. Der uiigebundene Restbetrag 
erscheint als Angst im Sinne der Abwehr- und der Stauungsangst. Im 
Konversionssymptom hingegen überwiegt der Befriedigungscharakter gegen- 
über der Abwehr wie z. B. bei der Urtikaria unserer zuletzt geschil- 
derten Patientin oder beim arc de cercle. In den meisten Konver- 
sionssymptomen liegt A'eilich nur ein Befriedigungsersatz, eine in- 
adäquate m.otorische Abfuhr vor; von einer Befriedigung im Sinne der 
Sexual empfindung kann nicht gesprochen werden, weil ja das Zustande- 
kommen der Lustempfindung an die Bereitschaft des bewußten Ichs 
sie wahrzunehmen gebunden ist. Die genitale Energie, die sonst die 
Erregung des Genitales bedingt, wird zu krankhafter Innervation anderer 
Organe verwendet. Die entsprechende Wunschvorstellung, die ebensowenig 
bewußt werden darf wie die genitale Empfindung, bestimmt die Wahl 
des Organs. Es sind in erster Linie genitale Begehrungsvorstelltmgen, 
die in der hysterischen „Organsprache ausgedrückt werden. 



PsyJioneurotis^e S(lii<3(sale Jer Genitallibido 



Der Konversionsprozeß kann sich an allen Organen abspielen, pflegt 
j edoch mit Vorliebe diejenigen zu erfassen, die sich durch eine besondere 
Erogenität oder durch ihren genitalsymbolischen Wert (Körperöffnungen 
und -vorsprünge) sowie durch assoziative Beziehung zur genitalen Funk- 
tion (z. B. Bauch — Schwangerschaft) zur Darstellung genitaler Wünsche 
besonders gut eignen. 

Es ist für die aUgemeine Tendenz der Neurose zur Ausschaltung des 
Genitalapparates aus dem bewußten Vorstellungsbereich bezeichnend, 
daß sich die wenigsten Konversionsprozesse am Genitale selbst abspielen. 
Hier erscheinen zunächst alle dieienigen Formen der hysterischen Im- 
potenz, die bloß Funttioashemniungen und nicht Symptome im dyna- 
mischen Sinne sind. Das wichtigste Konversionssymptom am Genitale 
selbst ist der Vaginismus, femer die psychogene Dysmenorrhöe. 
Die psychogene Amenorrhoe und Sterilität^ sind bloß Funktions- 
hemmungen, sofern sie unmittelbarer Ausdruck der Kastrationsangst oder 
des Männlichkeits Wunsches sind. Doch kann die Amenorrhoe gelegent- 
lich auch einer Schwangerschaftsphantasie entsprechen. In Analysen 
mancher hysterischen Frauen, die Onaniewünsche stark verdrängten, 
tritt vor deren Bew-ufltwerden ein juckendes Ekzem am Genitale auf. 
Es ist schwer zu entscheiden, ob hier ein Konversionsprozeß vorliegt 
oder ob das Ekzem bloß durch Onanie im Schlafe hex vorgerufen wurde. 
Viele Einzelheiten im Auftreten und Verschwinden sprechen für die 
erstgenannte Möglichkeit. Das Jucken gibt einen Vorwand ab, das Geni- 
tale zu kratzen, ohne daß sich die Kranke des eigentlichen Sinnes 
ihrer Handlung bewußt zu werden, braucht. 

So bekam eine Paüentiu ein Ekzem ata Genitale, ohne Ta onanieren, 
auch am Tage, so oft sie ihre bew^ußten Onaniewünsche nicht zur Tat 
werden ließ. Es hatte den Anschein, als woUte sich der Trieb die Befriedi- 
gung auf diese Wei$e erzwingen. 

Als Beispiel einer psychogenen Amenorrhoe mit dem Inhalt einer 
phantasierten Schwangerschaft nenne ich eine neunzehnjährige Patientin, deren 
Menses durch neun Monate ausblieben, als die Mutter starb. Sie unternahm 
gleich nach deren Tod mit ihrem Vater eine Heise und vergaß dabei ihre 
Monatsbinden einzupacken; ein deutlicher Beweis ihrer imbewußten Absicht, 
keine Menstruation, d. h. ein Kind zu bekommen. 

i) Vgl, Eisler; Hysterische Erscheinungen am Uteius, und PeJdmann; Gravi- 
ditätsneurosen. Intemationaie Zeitschrift für Psychoanalyse IX (1925). 



Die Funktion des Orgasmus 



Im Gegensätze zur genitalen Region sind die orale und die anale 
Zone sowie die Haut Domänen des Konversionspiozesses. Zur oralen 
Zone gehören auch Organe, die nicht anatomisch sondern, assoziativ zu- 
sammenhängen: Mundhöhle, Larj-nx, PhaTynx, Magen, Bronchien, Nase, 
ferner Gesichtshaut, Schädel und Brüste. Die entsprechenden Konversions- 
symptome sind: Das hysterische Erbrechen (abgeschwächt Ekel vor dem 
Essen überhaupt oder nur vor bestimmten Speisen), der globus hystericus, 
der sogenannte funktionelle Pylorospasmus, das Asthma bronchiale ner- 
vo snm, der Mutismus und die hysterische Aphonie, das Erröten der 
Erythrophobie, manche Formen der Kephalie. 

Im Bereiche der analen Zone sind die typischsten Symptome die 
hysterische Obstipation (zumeist infolge einer Schwangerschaftsphantasie) 
und (seltener) die Diarrhöe als Ausdruck der Genitalangst, Den Unter- 
schied ihrer psyciii sehen Gehalte gegenüber denen der Darm Symptome 
bei der chronischen Neurasthenie habe ich in meiner Arbeit über „Die 
chronische hypochondrische Neurasthenie* (Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, igaö) eingehend besprochen. 

An der Haut und ihren Anhangsorganen sind vor allem die psycho- 
gene Urtikaria und das krankhafte Erröten als Konversionssymptome zu 
nennen. Wir erinnern an die psychischen Mechanismen, die die Urtikaria 
bei der Patientin mit den hypochondrischen Befürchtungen bedingten, 
und fügen ein weiteres Beispiel an: 

Ejn sechsandzwanzägiähriger Mann stand wegen hochgradigen Errötens 

und Angst in analytischer Behandlung. Wie Lei jeder Erythrophobie wirkte 
auch iäer awfs Gesicht verschobene Genitalitat und Kastrations angst zentral. 
Eines Tages — die Analyse hatte am Vortage das Thema der Angst um das 
Glied gestreift — blieb der Patient aus. Am nächsten Tage erzählte er Fol- 
gendes: Er hatte am Vortage gerade die Wohnung verlassen woUeti, um in 
die Analyse zu gehen, als ihm auf der Oberlippe eine riesigu juckende 
Urdkariaquaddel („Blase") auflief; bald darauf erschienen urtikarielle, scharf 
abgegrenzte und rot umrandete Blasen auch auf dem Handrücken und der 
Penis sc;hw^oIl anr er w^urde „riesig groß und ganz schwammig und weich . 
Er hatte sich vor der SitzTxng, in der, wie er vermutete, seine Onanie und 
die Glisdangst besprochen werden würde, gefürchtet und hatte sich nicht 
entschließen können hinzugehen. Das Unbewußte kam ihm entgegen, nicht 
ohne sich dabei zu verraten. Das Schwanmiigwerden des Penis drückte den 
gefürchteten Ruin der Potenz: (er hatte auch Impotenzangst), das Riesig- 
groß-Werden seme exliibitionistischen Tendensten aus. 



Psyiiioiieurotiscne odiidcsalc der Oetutallibldo io3 

Andere Erscheinungen an der Haut, vor allem die Symptome, die 
auch bei der Angstneurose auftreten, wie Schwitzen, Erbleichen, Er- 
röten usw. können, müssen aber nicht konversionshysterischer Natur 
sein, d. h. sie sind nicht immer von unbewußten Vorstellungen erfüllt. 

Im Bereiche der Muskulatur sind bekannte Konversions symptome der 
psychogene Tic, der ein Onanieäquivalent ist (Stekel, Ferenczi, Reich, 
Deutsch, Kovdcs), die Astasie und Abasie, über die noch wenig bekannt 
ist, imd der arc de cercle, der den Koitus selbst darstellt. 

Bei der Analyse derjenigen Konversionssj-mptome, die sich an der 
analen oder oralen Zone abspielen, zeigt es sich, daß Mund, Rachen, 
Luftröhre, Darm, Kotsäule usw. im Unbewußten die Bedeutung des 
Genitales, beziehungsweise einzelne seiner Funktionen übernommen haben 
(Freud, Ferenczi, Abraham). Die Wahl der Organe war jedoch be- 
dingt durch ihre eigene Erogenität, die die vom Genitale abgedrängte 
Erregung an sich zog, so daß es schließlich zu einer Mischimg kam. 
Man kann in solchen Fällen von einer oral -genitalen, beziehungs- 
weise anal-genitalen Triebmischung sprechen. In der analytischen 
Therapie der Potenz«törungeii kommt es wesentlich auf die Entmischung, 
beziehungsweise auf das Herauskristallisieren der genitalen Antriebe an. 
Mit dieser Triebmischung ist eine partielle Regression zu prägenitalen 
Stufen der Libido einhergegangen, doch wurde die genitale Stellung, 
der genitale Wunsch, nie aufgegeben. 

Die Hemmungen der genitalen Funktion bei der Angst- und Kon- 
versionshysterie kommen durch die beschriebene Form der Abdrängung 
des libidinösen Interesses vom Genitale zustande und ihre dynamischen 
Beziehungen zu den hysterischen Symptomen bringen es mit sich, daß 
die verschiedenen hysterischen Hemmungen der Genitalität eine bestimmte 
Form bewahren; sie stehen im Zeichen deutlich erkennbarer und (im 
Gegensatz zur Zwangsneurose) unmittelbar wirkender Kastrations- 
angst. Als typisch hysterische Formen der Impotenz' sind zu nennen: 

l) Bei beiden Geschlechtern neurotische Abstinenz infolge bewußter 
oder gut kenntlicher unbewußter Sexual angst oder -scheu. 

i) Der Einfochheit halber bezeichnen, wir die nünnliche und die weibliche 
SejcualstÖruDf als Impotenz. 



I 



10^ Die Funktion des Orgasmus 

Die neurotische Abstinenz ist als eine besondere Foim der Impotenz im 
' betrachten, weil erfahrungsgemäß die Störung der Genitalität früher oder 
später hervortritt, wenn sich Hysteriker, die lange sexuell abstinent lebten, 
zum Koitus entschließen. Es kommt überaus häufig vor, daß der Kranke 
seine Neurose erst wahrnimmt oder diese sich erst dann ganz entfaltet, 
wenn er die Abstinenz aufgibt und der erste Versuch mißlingt, oder 
wenn er beim ersten Sexualerlebnis eine schwere Enttäuschung erleidet. 
Jenes kommt häufiger bei Männern, dieses häufiger bei Frauen vor. 
Bei Mädchen werden gewöhnlich alle Versuche, zum Sexualobjekt vor- 
zudringen, von kulturellen Hemmungen unterbunden, die sich zu den 
inneren, durch die infantilen Versagungen bedingten Hemmungen 
hinzuaddieren; sie erkranken dann während oder bald nach der Puber- 
tät; oder sie ertragen zunächst die Versagungen und erkranken, sobald 
sie heiraten und die Abstinenz aufgeben sollen, an der inneren Ver- 
sagung. 

Männer geben zumeist spontan Impotenzangst als Motiv der 
Abstinenz an, Mädchen, die aus einem Milieu stammen, das unter 
dem Drucke starker Sexualverdrängungen steht (z. B. aus konservativen 
Beamten- und Kleinbürgerfamilien), sind sich nur selten ihrer Sexual- 
scheu und fast nie des Zusammenhanges mit der Neurose bewußt. 
Gelegentlich erfährt man auf die Frage nach dem. Sexualleben, äa0 sie 
an einer unglücklichen Liebe leiden oder daß der Freund so „tierisch" 
sei und „ungebührliches fordere, daß das „aber" mit ihrem Leiden 
nichts zu tun hätte. Wir werden später zeigen, wie wesensverwandt die 
Impotenzangst des Mannes und die Sexualscheu der Frau sind. 

Die Abstinenz ist nicht immer leicht als neurotisch zu erkennen. 
Es werden die glaubwürdigsten ebenso vrie die unwahrscheinlichsten 
Rationalisierungen für die Abstinenz vorgebracht. So geben Männer an, 
keine Gelegenheit oder kein Geld zu besitzen, um zum Koitus zu ge- 
langen, oder von Beruf und Sorgen so in Anspruch genommen zu sein, 
daß sie gar nicht dazu kämen, an ,, derartiges" zu denken; oder es 
werden ethische und religiöse Motive vorgeschützt. Angst vor venerischer 
Infektion ist eine der häußgsten neurotischen Rationalisierungen der 
Abstinenz. Manche Patienten geben als Grund ihrer Abstinenz an, daß 
sie sich aus materiellen Gründen keine Kinder leisten dürften; daß es 
sich nur um eine Rationalisierung handelt, geht allein daraus hervor. 



Psytiionctirotisii.e ^diitksale der CenitalliLiJo io5 

daß im allgemeinen Menschen, die von den Präventivmitteln keine Kenntnis 
haben, den coitus interruptus ausülien. 

Die dauernde Abstinenz, junger Witwen ist zumeist neurotisch; sie 
können ein nenes Sexualobjekt nicht finden, weil sie entvireder dem Ver- 
storbenen gegenüber ein großes Schuldgefühl haben oder zu sehr an ihn 
fixiert sind. Ein Kennzeichen psychischer Gesundheit ist, daß die Trauer, 
die nach Freud und Abraham die Aufgabe hat, die Überwindung des 
erlittenen Verlustes herbeizuführen, sich früher oder später verliert. 

Wir sprachen bisher nur von der Abstinenz, die den Geschlechts- 
veriehr betrifft. Totale Abstinenz, die jede Art unmittelbarer Sexual- 
befriedigung ausschließt, ist nur selten anzutreffen. Man muß auf Grund 
der Erfahrungen, die man bei der Analyse von Patienten macht, die 
angaben, total abstinent zu leben, sehr mißtrauisch gegen solche ana- 
nmestische Angaben sein. Die Patienten pflegen autoerotische Befriedi- 
gungen entweder zu verschweigen oder sich ihrer gar nicht bewußt zu 
sein, wenn sie in mehr oder minder verstellter Form erzielt werden. 
Hieher gehören alle Formen der „larvierten" genitalen und extrageni- 
talen Onanie und die „Onanieäquivalente" (Fejejoczi). 
2) Bei Männern: 

aj Fakultative oder partielle erektive Impotenz: Schwinden 
oder Nichtzustandekommen der Erektion vor dem Akte. Die spontane 
Erektionsföhigkeit bei der Onanie oder anläßlich onanistischer 
Phantasien ist gewöhnlich nicht gestört. 

b) Die leichte Form der ejaculatio praecox (ej. pr. der genitalen 
Stufe): Die Ejakulation erfolgt bei guter oder unvollständiger 
Erektion aus Angst knapp vor oder sehr bald nach der Immissio. 

c) Stark herabgesetzte orgastische Potenz in allen Fällen. 

}) Bei Frauen: 

a) Die vaginale Anästhesie oder Hypästhesie. 

b) Totale orgastische Impotenz in jedem Falle. 

Hysterische Frauen sind im Gegensatze zu zwangsneurotischen niemals 

frigid, d.h. völlig unerregbar, sondern im Gegenteil infolge der GenltaU- 
sierung des Körpers mit Ausnahme des Genitales sexuell überempfindlich. 
Die hysterischen Stigmata (Ovarie, Empfindlichkeit der Mammae usw.) 
zeigen in der Analyse keinen psychischen Sinn, sondern sind unmittel- 



Die f unktion des Orgasmus 



barer Ausdruck der verschobenen genitalen Sensibilität (Ferenczi). Bei 
manchen weihlichen Hysterien ist die Klitoris überaus leicht erregbar, 
so daß die leiseste Berührung orgasmusahnUche Empfindungen hervor- 
ruft; das pflegt den Arzt und die Patientin leicht über die orgastische 
Impotenz hinwegzutäuschen ; es liegt auf der Hand, daß diese fcurzschluB- 
artige Erregung ebensowenig den ökonomischen Wert eines normalen 
Orgasmus hat wie die Erregung bei der ejaculatio praecox. Beim Ge- 
schlechtsverkehr sind solche Frauen gewöhnlich ängstlich und vaginal 
unempfindlich. 

a) Die zwangsneurotische Impotenz 

Es würde den Bahmen dieser Untersuchung sprengen, wollten wir hier 

zeigen, welchen Einfluß die somatische Libidostaumig und die Stauungs- 
angst auf die Gestaltung des zwangsneurotischen Charakters hat. Hier 
genüge der Hinweis auf die Untersuchungen Freu ds über die Charakter- 
eigenheiten des Zwangskranken; sie erweisen sich fast durchvregs als 
Schutzmaßnahmen, und zwar nicht nur, wie die hysterischen, als solche 
gegen die Befriedigung sondern auch gegen die Angst selbst, die aus 
der gestauten Sexualenergie ihre Kraft bezieht. Durch die Zwangssym- 
ptome wird neurotische Angst „gebunden" (Freud) und die Stauungs- 
angst tritt sofort auf, wenn die wichtigsten Zwangsmaßnahmen bewußt 
unterdrückt werden. Die Zwangssymptome sind also Plusfunktionen wie 
die hysterischen, nur spielen sie sich vorwiegend auf intellektuellem 
(gedanklichem) Gebiete ab. Ihre Energie beziehen sie wie die hysterischen 
aus der gestauten Libido. Es gilt hier nur nachzuweisen, daß die Zwangs- 
kranken tatsächlich über gestaute Libido verfügen, und zu untersuchen, 
wodurch sich die zwangsneurotische Impotenz von der hysterischen 
unterscheidet. 

Der Zwangscharakter hat nicht, wie der hysterische, den genitalen 
Konflikt beibehalten, sondern er wich ihm durch Begression auf die 
analsadistische Entwicklungsstufe der Libido aus (Freud^ Er hat an die 
Stelle der genitalen. Ersat^befriedigmigen anale gesetzt und sich sogar 
vor diesen durch energische anale Reaktionsbildungen geschützt (Über- 
triebener Ordnungs- und Beinlichkeitssinn, anile Zerennonielle usw.). Der 
Sadismus hingegen wurde unter anderem, zu einem Mittel, die „genitale 
Gefahr" abzuwehren. 



Psydioneurodsdie iSdiicksale cter CcnitallibiJo 107 



Zur Hlustratioii des Gesagten diene ein Ausschnitt aus der Analyse 
eines Falles zwangsneurötischen Charakters mit chronischer Depression. 

Eine zweiunddreiQigiährJge Frau, Virgo, mit strengen, männlichen Gesichts- 
zügen und herbem, das WabHche Terneinendeni Auftreten und Gehaben, 
suchte die Analyse auf, um von ihren AngstzustÜnden befreit zu werden, 
die vor kurzem aufgetreten waren. Für das Pathologische ihres Charakters, 
daß sie nämlich keiner Freude zugänglich war, bestand keine Krankheits- 
einsicht, obgleich sie schwer darunter litt; sie trug es als Schicksal. — Vor 
knrzein hatte sie einen jungen Mann kennen gelernt, den sie plötzlich sehr 
zu hassen begann, zuerst ohne zu -wissen -warum; später rationalisierte sie 
den Haß mit allerlei herbeigezogenen Motiven, Ihr war von selbst aufge- 
fallen, daß sie ihn dann am meisten haßte, wenn er lieb und freundlich 
zu ihr war. Allmählich trat heftige Angst auf, sobald sie ihn erblickte; dar- 
auf reagierte sie mit einer enonnea Verstärkung der Haßregungen und 
sadistischen Phantasien. Es zeigte sich sehr bald, daß sie sich in den Mann 
verliebt hatte, ohne es wahrhaben zu woUen, und die Verliebtheit durch 
forcierten Haß ku entkräften versuchte. Wie in einem Zirkel verstärkten 
einander der Haß und die Angst, die sie von da ab eine Zeit lang ab- 
wechselnd beherrschten, bis sich schließlich eäne schwere Depression einstellte. 
In den Depressionszustanden mußte sie sehr viel essen. In einem 
solchen Phase während der Analyse träumte sie einmal, daß sie gierig 
Würstel verschlinge, Bewußt phantasierte sie, daß sie den Mann zu Brei 
zertrete und mit dem Schuhabsatz sein Glied zerquetsche. Als sie in der 
Analyse das Wesen ihrer Angst erkannte, verlor sich die Angst samt den 
sadistischen Phantasien^ sie übertrug jedoch ihre Verliebtheit auf den Ana- 
l]rtiker und -wehrte sie in der gleichen Weise ab, indem sie ihn zu hassen 
und viel zu essen anfing, Angst trat nicht auf. Schließlich brach sie die 
Analyse mit der Begründung ab, sie hätte das Gewünschte erreicht, sie sei 
in den Mann nicht mehr verliebt, habe daher auch nichts mehr zu fürchten 
und brauche die Analyse nicht. Meine Erklärung, daß sie die Flucht er- 
gr^e, hatte keinen Erfolg. 

Die akute Verliebtheit dieser Patientin entsprach einem hysteriformen 
Vorstoß der Libido zu genitalen Triebzielen und zum heterosexuellen 
Objekt, Sie lehnte den Triebanspruch hj-steriform ab: sie produzierte 
zunächst Angst (Stiuungs- plus Abwehrangst). Der forcierte Haß und 
die sadistischen Phantasien, die mit der x\ngst alternierten, entsprachen 
akuter Flucht in die sadistische Position der Zwangsneurose mit aggres- 
siver Abwehr (nicht des Triebes sondern) des gefahrbringenden 
Objektes. Diese aggressive Abwehr der genitalen Gefahr setzte sich auf 
der oralen Stufe in Form des oralen Vernichtens des gefahrbringenden 



xo8 Die Funktion eJcs Orgasmus 

Penis fort. Diesem unbewußten Vorgang entsprachen die Depressions- 
zustände. Die Fluclit vor den genitalen Ansprüchen mit aggres- 
siver Abwehr des Objektes, das die genitalen Wünsche weckt, 
ist eine der spezifisch zwangsneurotischen Reaktionen auf die 
„genitale Gefahr". Diese Reaktionsweise fehlt in keinem Falle zwangs- 
neurotischer Erkrankung, nur findet man sie das eine Mal als Charakter- 
eJgenheiten, das andere Mal in Symptomen wirkend vor. 

Während normalerweise die Aggressivität sich beim Manne in den 
IHenst seiner phallischen Libido stellt, hat sich dieses Verhältnis beim 
Zwangskranken umgekekrt: Die Genitalität ist in den Dienst der 
Destruktionstriebe getreten, der Phallus hat aufgehört, Vermittler 
der genitalen Liebe und Lust zu sein und wurde (im Extrem) zur Mord- 
waffe. Die Kohabitation bedeutet für den aggressiven männ- 
lichen Zwangscharakter in erster Linie Durchbohren oder Er- 
stechen der Frau, Die Resultate dieser pathologischen Einstellung 
sind verschieden je nach der sonstigen Charaktergestaltung des Be- 
treffenden : 

a.) Abstinenz auf Grund asketischer Ideologie: Die Rationali- 
sierungen lauten typischerweise, der Geschlechtsakt sei schmutzig (anal) 
und tierisch (sadistisch). Der phallische Sadismus kommt als Hj^er- 
moral, die Analität als Hjrperästhetizismvis zum Vorschein. In der Ana- 
lyse bricht freilich diese Ideologie zusammen, sobald sich die Kastrations- 
angst wieder zeigt. Der Geschlechtsakt wurde bloß nach dem Prinzip 
der sauren Trauben abgelehnt. 

b) Erektive Impotenz: Sie kommt bei Zwangsneurotikern nicht 
allzuhäufig vor, hat jedoch hier einen spezifisch anderen Sinn als bei 
der Hysterie. Bei dieser versagt die Erektion nur atis Kastrationsangst, 
dort handelt es sich um ein „Tabu der Erektion", vm. das Vermeiden 
eines unbewußt phantasierten Mordes mittels der Mordwaffe „Phallus", 
Das zeigt sich sowohl in einzelnen Symptomen wie auch in Träumen 
und Phantasien. Solche Kranke wählen mit Vorliebe Schuß- und Stich- 
waffen als Symbole für das Genitale, in den sexuellen Tagträumen 
fehlt nie die Idee der aktiven Vergewaltigung des sich sträubenden 
Weibes, Die sadistischen Impulse gelten entweder dem Weibe (der Mutter) 
selbst oder sie sind bloß vom Manne (Vater) herübergetragen. Geht mit 
der zwangsneurotischen Regression eine stärkere Wendung vom Weibe 



Psych onctiTotis eil c iSchiiisale der Genitallibido 109 

zum Manne einher, so hat der phallisch-sadistische Impuls auch den 
Sinn einer homosexuellen Ag^ession. ' 

Die Etappen der Entwicklung dieser zwei Formen der zwangs neuroti- 
schen Impotenz sind die: (auf der hysterischen Stufe) Inzest wünsch und 
Vaterhaß, deshalb Kastrationsangst vor dem Vater — Flucht auf die 
analsadistische Stufe — hier Abwehr der Kastrationsgefahr durch (anal-) 
sadistische Aggression gegen den Vater, was immer im Kern (phallische) 
Kastration des Vaters bedeutet — Angst wegen dieses Attentats bestraft 
(kastriert) zu werden — - neuerliche sadistische Abwehr der Gefahr — 
schließlich mächtige Verdrängung und Reaktionsbildung gegen die phäni- 
sche Aggression durch Introjektion des verbietenden und strafenden 
Vaters — Verwandlung der Angst vor dem Vater in Schuldgefühl 
(Angst des Ichs vor dem Über-lch). Bei der Zwangsneurose gelangt man 
emalytisch zur Kastrationsangst gewöhnlich erst nach der Aufdeckung des 
analen und des phallischen Sadismus und nach der Beseitigumg der Ratio- 
nalisierungen für die Verachtung der Sexualität; bei der Hysterie liegt 
die Kastrationsangst oberflächlich. 

c) Die dritte, neben der Askese häufigste Form zwangsneurotischer 
Impotenz ist die außerordentlich stark herabgesetzte orgastische 
Potenz bei guter erektiver und ejakulativer Potenz. Die Potenz- 
Störung dieser Kranken pflegt wegen der gut funktionierenden Erektion 
leicht übersehen zu werden. Solche Fälle wurden mir als Einwand gegen 
meine Aussage entgegengehalten, daß es keine Neurose ohne Störungen 
der Genital funktion gibt. Man braucht aber bloß genau nach den Sexual- 
empfindungen beim Akte zu fragen oder die Einstellung znm Sexualakte 
überhaupt zu analysieren und wird sich überzeugen, daß schwere Störungen 
vorliegen, die die Libldostauuug erzeugen. 

Der Akt ist z. B. für manchen gewissenhaften Zwangsneurotiker 
eine Pflicht seiner Gattin gegenüber, wobei er mühsam sein Impoteaz- 
gefühl niederringt. Ein solcher Kranker naußte den ganzen Tag, an dem 
seinem System nach ein Koitus fällig war, denken: „Heute muB ich 
verkehren, ich darf es nicht vergessen," Ein anderer verkehrte häufig 
bloß, um sich im Koitus „zu üben". Nach einigen lustlosen Friktionen 

1) So litt a. B, ein ang-eblicli aus religiSsen und ethischen Motiven ahstinenl 
lebender Zwangsneurotiker unter dem Impuls, seinem. Freunde, mit dem er in, 
einem Zimmer schlief, das „Messer in den Rücken zu stechen". 



Die Funktion des Orgasmus 



hörte er auf; hatte er sich doch überzeugt, daß er „potent sei. Auf 
diese Weise übte er den Geschlechtsakt bereits seit zwei Jahrzehnten 
und hatte neben seiner Pseudopotenz und der Zwangsneurose die typi- 
schen Symptome der akuten Neurasthenie. 

Alien solchen Fällen ist der psychische Libidomangel gemeinsam 
(psychische An- oder Hypästhesie), die gewöhnlich mit einer mehr 
oder weniger deutlich ausgesprochenen Penisanästhesie einhergeht. Die 
sogenannte „kalte Erektion" konuat bei Zwangsneurotikern sehr häufig 
vor; sie zeichnet sich durch den Mangel des spezifischen Gefühls der 
Spannungslust aus. Solche Kranke bekommen die Ejakulation gar nicht 
oder nur sehr schwer. Neben der Penisanästhesie spielt bei der ejacu- 
latio retardata auch die anale Tendenz, den Samen zurückzuhalten, eine 
entscheidende Rolle (Ferenczi). 

Die orgastische Impotenz der erektiv potenten Zwangsneurotiker ist 
leicht za. erkennen. Der Zwangsgrübler denkt während des Aktes an 
seine Probleme; der mit einem Zähl zwang Behaftete zählt die Friktionen; 
der unter Zeremoniellen Leidende ist ängstlich bestrebt, auch beim 
Geschlechtsverkehr eine bestimmte Ordnung einzuhalten, oder er furchtet 
ein Detail seines Schlaf Zeremoniells vernachlässigt zu haben. Die Lust- 
empfindungen, die von vornherein gering sind, nehmen während der 
Ejakulation kaum an Intensität zu oder die Ejakulation bleibt aus. 
Nach dem Akte stellen sich schwere Mattigkeit, Schuldgefühle, Über- 
druß und Ekelempfbidungen ein. 

In manchen Fallen ist die Penishypästhesie mit einer ejaculatio 
praecox verbunden. Überaus häufig stellt sich beim zwangsneurotischen 
Charakter Krankheitsein sieht erst dann ein, wenn die Zwangssysteme 
trotz aller Erweiterung nicht genügen, der Libidostanung Herr zu werden, 
und infolgedessen Stauungsangst frei wird oder neurasthenische Ermü- 
dungszustände, Kopfschmerz, Arbeitsstörungen, Schlaflosigkeit usw. sich 
einstellen. 

Nicht selten setzt die zwangsnenrotische Abstinenz nach einem Fiasko 
in Form erektiver oder ejakulativer Impotenz ein. Dann ist der Zweck 
der Abstinenz, nämlich das Hinwegtäuschen über die Impotenzgefühle, 
nicht zu verkennen. Im Gegensatze zur Hysterie und chronischen Neur- 
asthenie pflegen Zwangsneurotiker ihre Impotenz nicht zu beachten, 
gering einzuschätzen oder trotz deutlicher Beweise nicht wahrhaben zu 



Psydioneurotisdie ^dticxsale der Genital libido 



wollen. Allerdings kommt das verdrängte Tmpotenzgefuhl sehr bald al» 
allgemeines Minderwertigkeitsgefühl zum Vorschein. Das Nichtwahr- 
nehmen und das Kompensieren der Impotenz haben manche Zwangs- 
neurotiker mit genitalnairißtischen Charakteren gemeinsam. 



Während der männliche zwangsnenrotische Charakter (im Gegensatze 
zum männlichen Hysteriker) männlich aktiv geblieben ist und der weib- 
liche hysterische Charakter die feminine Haltung bewahrt hat, ist der 
weibliche Zwangscharakter in der Hauptsache männlich -aggressiv.* 
Die Erklärung dafür liefert die Analyse der zwangsneurotischen 
Form der Frigidität, die um so vollständiger ist, je ausgesprochener 
der Zwangscharakter ist. Der Wunsch einen Penis zu besitzen äußert 
sich nicht bloß in sexuellen Besonderheiten und in der Phantasie wie 
beun hysteriscKen Charakter, sondern er hat auch den Charakter im Sinne 
der Vermännlichung des Ichs beeinflußt : Die Kranke hat nicht nur den 
Wunsch ein Mann zu sein, sondern es gelang ihr auch, sich ohne An- 
strengung männlich zu benehmen und männliche Ideale zu erfüllen. 
Die Vaterjdentifizierung machte nicht beim Icliideal halt, sondern griff 
auf das Ich über, was eine Verkümmerung der Mutteridentifizierung im 
Ich zur Folge haben muß. Das Korrelat der Ablehnung des Mannes 
ist eine starke Betonung der homosexuellen Strebung als Mann, während 
die Enttäuschungen am Manne, die die Hysterie erfährt, bei dieser 
eine eher kindlich-passive Hingabe au Frauen bedingen. 

Die Hysterika bejaht, ja übertreibt charakterologisch die Weiblichkeit 
und hat bloß Koitus- (Kastrations-) Angst. Die zwangsneurotische Frau 
verleugnet das Weibsein überhaupt und ist daher gezwungen, die Männ- 
lichkeit kompensativ zu übertreiben. Charakterologisch selbst zum Manne 
geworden, würde sie durch die Akzeptierung des Mannes als Liebes- 
objekts an ihr anatomisch bedingtes Schicksal erinnert, und so lehnt sie 
ihn nicht bloß ab, sondern kämpft vielmehr ständig um die Behauptung 
ihrer Männlichkeit; das Mittel, das ihr darin hilft, ist der Sadismus 



i) Ich verweise beiüglict der vielen „Äuflemngsformeti des weiblichen Kastra- 
tionsltomplexes" auf ALrakams gruntUegend« Arbeit, (rntaroatioimlB Zeitschrift 
für Psychoanalyse, Bd. VIII, 192 z.) 



I 



Die Funktion des Otgasni-us 



der analen Stufe: Ihre (zumeist unbewußt Weibende) Absicht ist, den 
Mann seines Gliedes zu berauben, teils um es selbst zu besitzen, teils 
um das Organ beiseite zu schaffen, das ihre wenn auch verdrängte, so 

doch nicht ertötete feminine Strebung hervorzulocken imstande ist. 
(Wir erinnern an den zuletzt geschilderten Fall mit der chronischen 
Depression). So sieht man denn auch, daß bei vielen weiblichen Zwangs- 
neurosen eine Lockerung der Verdrängung der genitalen Libido, eine 
akute Verliebtheit, der Verlust eines unbewußt geliebten, bewußt abge- 
lehnten Mannes durch Tod oder Heirat u. ä. m. die symptomatische 
Erkrankung dadurch auslöst, daß sich die Reaktionsbildungen der sadistisch- 
analen Stufe verstärken und die sadistische Abwehr der genitalen Ge- 
fahr sich symptomatisch äußert. 

Während der Sadismus der männlichen Zwangsneurose überaus häufig 
seinen phallischen Charakter beibehält, ist der der Frau in der Mehr- 
zahl der Fälle ausgesprochen analer JS'atur: Zerquetschen, Zertreten, 
„zu Brei zermalmen", Schlagen auf die Nates usw. sind seine Kenn- 
zeichen, 

Es ist klar, daß dieses charakterologische System der zwangsneuroti- 
schen Frau bloß einen reaktiven Überbau über ihrer Weiblichkeit dar- 
stellt. Davon überzeugt man sich bei der Beobachtung der Chaiakter- 
veränderung solcher Fälle in der Analyse ; Die weibliche passive Libido- 
übertragimg stellt sich hier ebenso automatisch, wenn auch nicht so 
leicht, ein vrie bei der Hysterie. Nur erwehrt sich die Kranke dieser 
Strebung nicht wie die Hysterika mit Angst sondern mit Haß solange, 
bis an irgendeiner Stelle die weibliche Haltung unverkennbar und un- 
ableugbar zum Vorschein kommt. Gewöhnlich wird diese neue Phase 
mit hysteriformer Angst eingeleitet, was nichts anderes bedeutet, als daß 
die Zwangsneurose sich in eine Hysterie zu verwandeln beginnt; d. h. 
der alte Kegressionsprozeß wird rückgängig gemacht und dadurch wird 
die infantile Angsthysterie der genitalen Stufe wieder aktiviert, Djmamisch 
.ausgedrückt: die Angst hat sich aus den Symptomen, in denen sie gebun- 
den war, gelöst. Weitere Kennzeichen dieser Verwandlung sind spontan 
auftretende genitale Sensationen, vor denen die Kranke erschrickt ; das be- 
deutet, daß die Genitalangst, von der bisher sehr wenig zu sehen war, 
«benfalls in Erscheinung tritt. An die Stelle der Vernichtungsabsicht 
j;egen das den genitalen Antrieb weckende, daher gefahrbringende Objekt 



Psyaioiieiirotisdie odiKKsale der GemtalliLido 



ist die Abwehr des Triebes selbst getreten und das Objekt darf be- 
steben bleiben; es wird akzeptiert. Mit der analytischen Ejledigung der 
aus den Zwangssymptomen gelösten Genitalangst endet die therapeutische 
Aufgabe, 

3) Die genitale Asthenie der chronischen n^pociiondrischen 
Neurastiienie 

In einer kleinen Arbeit über die chronische hypochondrische Neur- 
asthenie* habe ich versucht, von der Zwangsneurose eine Krankheits- 
gruppe abzutrennen, die zwar die gleiche prägenitale Fixierung aufzeigt 
wie jene, sich jedoch durch Charakter, Symptome und Form der Potenz- 
störung von ihr grundlegend unterscheidet. Während ich dort in erster 
Linie die morphologischen und psj'-chogenetischen Unterschiede gegen- 
über der Zwangsneurose und Hysterie tehandelte, soll hier die spezifische 
Art der Potenzstörung, die ich als „genitale Asthenie" bezeichnet habe, 
ausführlich besprochen werden. Sic ist bei der Hysterie und Zwangsneurose 
nie anzutreffen und ist ein charakteristisches Symptom der chronischen 
hypochondrischen Neurasthenie. Die Krankengeschichte, die ich voran- 
stelle, soll gleichzeitig die dort erörterten theoretischen Gegebenheiten 
beleuchten. 

a.) Aus tier Analyse einer clironiscken ^eurasmenie 

Ein neunundzwanzigjähriger Student suchte die Analyse wegen Impotenz 
auf. Nach einer Masturbationsperiode von mehreren Jahren, die erst im 
zweiundswanzÄgsten. Lebensjahre eingesetzt hatte, folgte eine Periode gehäufter 
nächdicber Pollutionen. Die Onanie 'war nie exzessiv gewesen (ein- bis zweimal 
wöcbeutlich), wurde aber bald eingeschränkt, w^orauf sich Sperma torrhöe 
und Harnträufeln einstellten. Erst im funfundzwanzigsten Lebensjahre 
wagte sich der Patient an Frauen heran, doch erfolgte die Ejakulation immer 
fließend und bei völlig schlaffem Glied schon bei Berührung des Weibes. 
Zu einem richtigen Koitus versuch ist es nie gekomnien, der Patient hat auch 
nie Erektionen gehabt. Ein Erlebnis erschien ihm ebenso so sonderbar wie 
beschämend. Er hatte sich vor zwei Jahren von einem. sehr a^ressiven 
Mädchen so w^eit bringen lassen, mit ihr zu Bett zu geben, doch hatte er 
es nicht gewagt) die Unterhosen auszuziehen; er war vollkommen unerregt, 

i) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XII, 1926. 

Reich: IHs Funktion des Orsasniu$. B 



I 



»lif Die Funlttion ties Orgasmus 

kehrte sich init dem Rücken zu ihr zur Wand um imd schlief ein. Seilher 
ließ er es nie mehr soweit kommen und befugte sich mit einer weiiig 
lu st vollen Ejakulation in den Kleidern. 

Ferner bestand seit der — -wenig stürmischen — Pubertät zeitweise ein 
Kopfschmerz, gelegentlich auch ein Beklemmungs^efühl in der Bru£t 
und Übelkeit Der Paüent war dauernd verstimmt, zwar arbeitsfähig, aier 
körperlicher Ermüdung sehr unterworfen und oft unfähig, kontinuierlich 
zu rechnen oder zu lesen. Seit mehreren Jahrea haben auch rheumatische, 
aber von der Witterung unabhän^ge Schmerzen in den Glied em und im 
Rücken best and eßj denen noch keine Kur abhellen konnte. Es handelte sich 
um diffuse und inkonstante hypochondrische Sensationen. Ferner be- 
stand seit der frühesten Kindheit, soweit seine Erinnerung reichte, Obstipa- 
tion, der nur mit bestimmten Abführmitteln oder dadurch beizukommen war, 
daß der Patient sich auf einen ttdt heißem Wasser gefüllten Topf setzte. Die 
organische Untersuchung ergab bis auf eine linksseitige Varicocele negativen 
Befund. 

Sämtliche Mitglieder der engeren Familie (Eltern, drei ältere Geschwister) 
litten an habitueller Obstipation. Bis auf den Vater, der ein zwangsneurotisch- 
ambivalenter Charakter war, waren alle realitätstüchtige Menschen. Der 
Patient selbst -war scheu und gedrückt, dabei gleichzeitig von einer über- 
großen LiebensTvürdigkeit und verriet schon diirch sein Auftreten den 
femininen Charakter. 

Die Analyse des Unbewußten setite schon in der a-weiten Sitzung mit 
einem Traume ein, dessen unv erhüllt er Inhalt den Patienten tief erschreckte: 
er hüßt die um fünf Jahre ältere Schwester tmfs Genitale. Eir war weniger 
über die Handlung als darüber entsetzt, daß sie an der Schwester voü- 
zogen w^urde. Er wußte nur au berichten, daß er gerade an dieser Schwester 
seit der Kindheit mit aller Liebe hing und auch Gegenliebe fand- Sie hat 
vor mehreren Jahren ins Ausland gehdratet, lebte resigmert in einer ruhigen 
Ehe und wurde vom Patienten oft besucht. Es herrsclite auch eine sexuelle 
Intimität insofern, als sie ihm ihre Ehegeheimnisse mitteilte und sich über 
ihre Fri^dität beklagte. In der Pubertätszeit hatten sie einander geschworen, 
später zusammenzuziehen und nicht voneinander zu lassen, Sie war stets 
seine mütterliche Beraterin und kam seiner Haltung al,"; jüngerem Bruder 
sehr entgegen. 

An einem der nächsten Abende tauchte eine Erinnerung an eine völlig 
vergessene Phobie aus der Zeit zwischen dein vierten und siebenten Lebens- 
jahre auf; die Beschreibung des Gegenstandes der Angst -war durchaus 
lückenhaft. So oft er ins halb dunkle Vorzimmer kam, hatte et eine Vision: 
ein „Gespenst" (so hatte er sie damals benannt) stieg „-üon Irgendwo oben 
herwtter ', oder es war auch so, ^i^-ls oh es aus irgend jemand herausfahren 
oder wie an Hemd über den Kopf gezogen vmrde". Bestimmtes ivar zu- 
nächst nicht zu erfahren. 



PsyöiojieurotiScrte odiicksale iler Gcnitallitiido 



Wir werden die Analyse des Traumes zuerst darstellen. 

Der Patient erzählte im Anschluß an den Traum unter großen Hemtnungen, 
er hätte zwischen seinem vierten und sechsten Lehensjahr mit einer um 
fünf Jahre älteren Gonsine sexuell gespielt, was bis auf einige wichtige 
Details nie verdrängt -worden war. Diese Erinnerung habe immer sehr auf 
ihm gelastet, er halte diese Spiele für die böseste Tat seines Lebens und 
führe die Krankheit darauf allein zurück. Die Spiele bestanden hauptsächlich 
darbi, daß sie Arzt und Patient spielten, einander untersuchten und dabei 
After imd Genitalien beschauten und betasteten. Er erinnerte sich ganz 
genau, daß er ihre Genitahen betastet hatte, wußte aber nicht, ob auch 
sie an den seinigen manipuliert hatte. Als Heilmittel 'vrurden Küsse auf 
die verschiedensten Körperstellen verschrieben^ Mit allen Zeichen des Ekels 
und der Abwehr erinnerte er viel später, daß auch Küsse in der Analfalte 
gegenseitig verabfolgt wurden. Die Cousine spielte dabei gewöhnlich den 
«ktiven TeU und benahm sich auch sonst ganz wie ein Knabe; das Arge 
an den Spielen sei gewesen, meinte der Patient, daß sie auch noch seine 
späteren Onaniephantasien bestimmt hätten. Die Vorstellung vom Koitus 
kam darin gar nicht vor, hat auch sonst nie eine Rolle gespielt. Die 
beliebtesten Phantasien -waren: gebunden werden, die weibHchen Geschlechts- 
t«le mit der Zunge beriihren, an der Brust saugen. Später träumte und 
phantasierte er, daß an seinem Glied gesogen wurde, daß er Kot aus der 
Analfalte mit der Zunge entfernte u. ä. m. Dem Be-wußtw^erden der letzten 
Phantasie ging eine lange Periode verstärkten morgendlichen Übelseins voran. 
Im Verlaufe der detaillierten Analyse erinnerte er aucli die merk-würdige 
Vorliebe, die er als Kind hatte, sich der Mutter zu Füßen zu setzen, 
zwischen ihre Brine zu kriechen und den Kopf möglichst nahe an die 
Geschlechtsteile heranzubringen. Doch war die auf die Mutter gerichtete 
und mit analen Elementen stark durchsetzte Cunnilingusphantasie in stärkster 
Verdrängung, Sie Ueß sich bloß aus den oben genannteji Elementen rekon- 
struieren, schien nie bewußt gewesen zu sein und nur hi den Spielen mit 
der Cousine reale Befriedigung erfahren zu haben. Sehr spät brach eine 
Eirinnerung durch, die unsere Vermutving, daß die Mutter das eigentliche 
Ziel seiner analoralen Wünsche war, betrachtlich stützte: er sah sich ganz 
klein im Schlafzimmer, wie er die Mutter beim Waschen der Brüste und 
der Geschlechtsteile beobachtete. 

Die Frage, wie er sein eigenes Genitale betätigt hatte, blieb his knapp 
vor Schluß der Analyse ungelöst. In der Phantasie kam die Vorstellung 
passiver Fellatio vor, doch esrimierte er nichts dergleichen, im Gegen- 
satze zu den klaren Erinnerungen in Bezug auf andere Betätigungen. Wir 
schieben die Frage nach seiner Genitalbetätigung auf, bis -wir Klarheit 
über den Gegenstancl und die Motive seiner infantilen Angst gewonnen 
haben. 

Die Elemente des Gespenstes, die zuerst klargestellt wurden, waren; 



Die Funktion, des Orsasm us 



l} es steigt voll irgendwo herunter, 

2} es iif, als oh es aus jemand herausfahren würde, 

jj es wird wie ein Hemd Hier den Kopf gezogen. 

Bald fiel dem Patientea ein, bei -welcher Gelegenheit er sich der ver- 
gessenen Vision erinnert hatte: Sein kleiner Cousin hatte die sogenannte 
„Seele" des Fußballes herausgezogen und da -war die Erinnerung blitzartig 
aufgetaucht. Dieses banale Erlebnis hat aus zivei Gründen ekphorierend 
gewirkt, von denen der eine sofort klargestellt wurde. Das Gespenst -war 
von rötlicher Farbe, nackt, ohne Kopfhaare. Die Zeichnung, die der 
Patient auf mein Ersuchen verfertigte, stellte einen jungen Menschen dar 
und er erkannte in ihm sofort seinen um ungefähr zehn Jahre älteren 
Bruder. Die weiteren Assoziationen führten zur Erinnerung, daß der Brader 
ihn einmal heftig erschreckt hatte. Wann das gewesen war, konnte er nicht 
sagen. Damit war aber zur Klärung der obigen drei Elemente nichts geleistet. 
Erst als dem. Patienten einfiel, diJ3 die Seele des Fußballs aus rotem Gutnmi 
SM, verstand er spontan auch das erste Element („es steigt von irgendwo 
herunter"): Es handelte sich um einen Irrigator mit rotem Gummi- 
schlauch. Dazu fiel ihm weiter ein, es habe Uun manchmal geschienen, 
als ob das Gespenst aus einem Muff, der im Vorzimmer am Schrank lag, 
herausführe. Damit stand die neu aufgetauchte Erinnerung im Widerspruch, 
daß der Irrigator auf einem hohen Pult im Klosett zustehen pflegte. 
Die Idee von dem Muff im Zusammenhang mit dem dritten Element („wie 
ein Hemd über den K,opf gezogen") konnte mit Berücksichtigung der Er- 
innerung an die beobachteten "Waschprozeduren der Mutter nur eines 
bedeuten; Er mußte die Mutter bei vaginalen Irrigationen (Muff als Symbol 
der Scheide) beobachtet haben, w^obei sie das Hemd ausgezogen haben mag. 

Aber "welche Rolle spielte der Bruder dabei und warum erschien der 
Irrigator ab Gespenst, das soviel Angst auslöste.' 

Zur Lösung dieser Frage diente folgendes Material, das im Verlaufe von 
vielen Monaten stückweise vara Patienten zusammengetragen wurde- 

Ein Traum im Beginne dieser Periode lautete: „Is^ hniee betend in 
einer Kirche mit einigen anderen und halte den Kopf zu Baden geneigt. 
fVie ich hinausgehe, steht vor der Kirchentüre eine große geisterhafte Gestalt, 
ich erschrecke zu Tode." Der erste Einfall lautet, er bete w^ie ein Mohamme- 
daner ganz zu Boden geneigt, (Kirche?) Dazu der spontane EinfaE: 
er pflegte als Kind statt „KHstier" — „Klistier" zu sagen. Er litt jchon 
sehr früh an Obstipation wnd empfing die Irrigationei» immer von der 
Mutter (Kirche als Symbol der Mutter und „Kristier" [Christ] im Traum). 
Die Betstellung im Traum gleicht der Haltung bei der Irrigation, Auch 
sonst gab es reichlich Belege für die Betontheit seiner analen Position. 
Er erinnerte, wie der Hausarzt ihn einmal — er mochte damals drei Jahre 
gezählt haben — spaßhaft fragte; „Sitit du denn immer am Thron?" Eine 

4 



PsyioiieutotMcJie iSfiildtsale <)er Genitallibido 117 

sehr lange Periode der frühen Kindheit war mit Baukastenspielen ausgefüllt, 
die zumeist am Topf sitzend gespielt wurden. Wie andere Kinder laufend 
Osenbahn spielen, tat es der Patient, indem er mit dem Topf im Zimmer 
herumrutschte. Später, auch noch zur Zeit der Analyse, wurde er der Ob- 
stipation nttr Herr, wenn er sich auf einen Topf setzte, der mit heißem 
Wasser gefüllt war, Stuhlzäpfchen und Irrigationen wurden ihm von der 
Mutter noch bis zum achten Lebensjahre verabreicht. Später ließ er Irri- 
gationen nur mehr bei sehr hartnäckiger Obstipation zu, besprach aber sehr 
häufig die Angelegenheiten der Defäkation mit der Mutter, die dafür großes 
Interesse zeigte. 

Wie bei so vielen anderen Obstipierten, stellte es sich auch beim Patienten 
heraus, daß er die Defäkation unter den verschiedensten Rationalisierungen 
■hinausschob. Bekam er einmal spontan Stuhldraugj so hatte er immer 
Wichtigeres zu erledigen. So setzte er die infantile Defäkationsart am Topf 
durch. Dabei -wirkte eine Abneigung gegen das Klosett mit, die begründet 
war in seiner uralten Angst vor der Klosettmuschel und dem Irrigator. 
Wenn er als Knabe das Klosett aufsuchte, mußte die Türe offen bleiben 
und sein Rücken mußte die Wand berühren. Trotz dieser Maßnahmen 
bestand eine enorme Angst vor einem „Ding" (Gegenstand, Geist, Gespenst), 
das aus der Muschel aufsteigen und — da wurden die Angaben ungenau — 
ihm etwas antun könnte. 

Das Gespenst vrar aber männlichen Geschlechtes und trug später die 
Züge des Bruders. Wie w^ar es nun gekommen, daß die so histbetonte anale 
Beziehung zur Mutter mit der Angst vor dem Bruder verschmolzen war? 
Seinen Bruder verehrte und schätzte der Patient, wie er behauptete, be- 
sonders erst seit der Pubertät in einem Ausmaße, das an völlige Selbstver- 
leugnung grenzte. Man kann seine Beziehung zum Bruder nur mit der 
eines verliebten Backfisches vergleichen. Er war glückselig, -wenn der Bruder 
mit ihm spazieren ging, und -war unendHch traurig und weinte sogar, w^enn 
er sah, daß de*- um so vieles Ältere andere Gesellschaft vorzog. Im stillen 
machte er ihm Vorwürfe, daß er ihn zu wenig liebte. Rat und Meinung 
des Bruders "waren unantastbar für ihn. Der gesunde, reahtätstüchtige Bruder 
hatte sich schon sehr früh vom Hau$e losgelöst, in dem stets eine ungemüt- 
liche Atmosphäre herrschte. Als der Patient merkte, daß der Bruder ihm 
trotz aller Bemühungen entglitt, zog er sich tief gekränkt zurück und schloß 
sich Männern an, die dem Bruder wei^ehend glichen. Auffallend gern vmd 
widerspruchslos fügte er sich in die Rolle des Geführten und zu sönem Führer 
Aufschauenden. Im Verlaufe der Analyse zeigte es sich aber immer deut- 
licher, wie reaktiv diese Anhänglichkeit und Liebe waren. Schon M^enige 
Tage nach Beginn der Analyse hatte der Patient ^nen zunächst unbeachtet 
gebliebenen Gedanken: traumverloren im Kaffeehaus sitzend, sah er plötzlich 
das Bild eines Partezettels. Dann meldeten sich, zuerst nur in Andeutungen, 
später immer deutlicher Vorwürfe gegen die Mutter, daß sie den Bruder 



I 



i8 Die Fttnktion des Orgasnnt 



ihm vorzöge. Der Bruder war tatsächlich das Lieblingskind der Mutter ge- 
wesen und der Patient hatte diese erfolgreiche Konkurreiii schw^er ertragen. 
„Nie horte man von der Mutter etwas anderes als H., H. und wieder H." 
(Name dos Bruders,) Er mußte dessen abgelegte Kleider tragL-n, in die 
Lobeshymnen über dessen Intelligenz, Fleiß und Wohlerzogcnheit einstimmen. 
Ej hatte aber den Kampf mit dem Rivalen niclit aufgenommen, sondern 
knapp vor der Pubertät {etwa im elften Lebensjalire) den Entschluß gefaßt, 
die Liebe der Mutter, die ihren älteren Sohn vergötterte, dadurch zu er- 
ringen, daß er in die Verhimmelung mit einstimmte. Er hatte nämlich oft 
die Erfahrung gemacht, daß die Mutter die Menschen liebte, die den ältesten 
Sohn lobten, und die haßte, welche gegen ihn waren. So schloß er sich 
den ersten an. Daß er aber allm.£hlich in die maßlose Vergötterung des 
Bruders hineinglitt, \(rar der Erfolg der Verdrängung aOer bösen Regungen, 
die dem Bruder galten, vor allem des "Wunsches, er möchte sterben. Die 
Liebe zum Bruder war also nicht nur äne Übertragung von der Mutter 
her, sondern auch eine Tom Schuldgefühl diktierte Reaktion auf seinen Haß. 
So konnte das Gespenst den Bruder in der Verdichtung nait dem Irrigator, 
wir dürfen sagen: dem Lustorgan der Mutter, und diese selbst darstellen. 
Das war die positive Seite der Ambivalenz. Das zweite Element des Gespenstes 
lautet, „es ist, als ob es aus irgend jemand herausführe , Auslösend auf die 
Erinnerung hatte das Herausziehen der Seele atts dem Fußball gewirkt. 
Als Kind pflegte sich der Patient den Tod so vorzustellen, daß die Seele, 
die dieselbe Form wie der Körper habe, diesen verlasse. Das Gespenst 
oder der Geist, der den Patienten verfolgte, war also die Seele des 
verstorbenen, d. h, des tot gewünschten Bruders. 

Auf die Aufdeckung des autoerotischen Lustgewinns, den der Patient aus 
seiner Obstipation bezog, und seiner Beziehung zur Mutter besserte sich das 
Verhalten des Darmes beträchtlich. Zur endgültigen Lösung der Obstipation 
kam es aber erst nach der Aufdeckung weiterer Beziehungen. 

So litt der Patient auch an heftigen Krämpfen und Koliken, die mit 
Übelkeit und Meteorismus einhergingen. 

Die Analyse des Wind Verhaltens führte zur Aufdeckung seiner starken 
analen Riechlust und seiner Reaktionsbildungen gegen gewisse Verhaltungs- 
weisen seines Vaters. Der Patient hatte einen sehr feinen Geruchsinn. Im 
Laufe der Analyse halluzinierte er mehrere Male Uringernch, was in enger 
Beziehung zu. seiner Urethralerotik stand. Sein Meteorismtis war die Reaktion 
darauf, daß der Vater sich au;ch in Gegen w^art der Familie nie ränen Zwang 
im Windverhalten auferlegt hatte. Da der Patient schon sehr früh die Ver- 
urteilung der Verhaltungsweisen des Vaters durch die Mutter zur Kenntnis 
genommen hatte, begann er sich der Mutter zuliebe ganz im Gegensatze 
zum Vater zu entwickeln, so vrie er ihr zuliebe den Bruder verehrte. Der 
Vater ■war geizig, indiskret, öffnete jeden ins Haus gelangenden Brief, war 
streitsüchtig; der Patient hingegen achtete das Geld nicht und befleißigte 



Psydioiieurotisdis iSdilcJcsale der Genitallibido 119 

sich besonderer Diskretion und Fügsamkeit. Der Vater war in analea An- 
gelegenheiten skrupellos, der Patient verbot sich so^r die physiologische 
Flatulenz, Dieser Verzicht der Mutter zuliebe -war aber nicht leicht gefallen, 
hatte beträchtlichen Verdrängungsaufwand erfordert und zu quälenden orga- 
nischen Symptomen geführt. Schon auf die bloße Aufdeckung dieser Besie- 
hungen wich der Meteorismus und das Allgemeinbefinden besserte sich. 

Merkwürdigerweise persbtlerten die quälenden kolik artigen Schmerzen, 
welche eine Zeit lang allnächtlich in den Morgenstunden aufgetreten waren. 
Ihre Analyse gelang weit weniger gut; trotzdem schwanden sie, als Schwanger- 
schaftsphantasien bewußt wurden: Die Spezifität der Schmerzen ließ sich 
nicht erklären, doch war ihr Zusammenhang ntit der Idee, ein Kotkind 
im Bauche zu haben, abgesehen vom zeitlichen Zusam.menhang, offenkundig. 
Der Patient defä/.ierte nämlich in Form „winzig kleiner K. ots tückchen ", die 
er „Bobky nannte. Dazu kam die Erinnerung an das große Interesse, das 
er als Kind in der Sommerfrische für den Ziegenkot gezeigt hatte. Er ver- 
glich ihn mit Oliven, und die Übelkeiten, die die Analyse dieses DetaUs 
begleiteten, sprachen eindeutig für starke koprophage Tendenzen, die seinen 
Phantasien und den Erlebnissen des analen Cunniüngus zugrunde lagen. Ein 
Traum, der diese Phase einleitete, lautete: „Ich spiele als Kind in einem großen 
Zimmer, es liegen Goldstücke im Zi?nnter herum, ich defaziere Kotstiickchen, 
die verschiuinden, und an ihrer SteUe erscheinen iinnzig kleine Kinder.'* 
Aus der Analyse dieses Traumes ließ sich nicht eindeutig entscheiden, welcher 
unbewußten Idee die größere Bedeutung zukam: selbst der Kot = das 
Klnil im großen Zimmer (d, h, in der Mutter) zu sein, oder selbst Kinder 
zu gebären. Der Patient sprach sehr oft von seiner Defäkation als von der 
„schweren Geburt". Weder die Durchforschung der Kindheit noch die 
Außenanamnese ergab Anhaltspunkte, daß er Schwangerschaften beobachtet 
hätte. Um. so merkwürdiger war es, daß er erinnerte, eine Periode inten- 
siven Grübelns über das Fortpflanzungsproblem durchgemacht zu haben. 
Beobachtungen an Tieren und ihren Jungen, die er am Lande gemacht 
hatte, spielten eine große Rolle. Eine Zeit lang — etwa mn das vierte 
Lebensjahr — hatte Fragedrang bestanden. Deutlich erinnerte er seine Ent- 
täuschung über die Antwort auf seine Frage, was das Wort „Hebamme" 
bedeute. Man sagte ihm, das wäre eine Gemüsehändlerin, doch er v/ußte 
es besser: Der Bauch, in dem sich das Kind befinde, öffne sich, die „Amme 
reiche dem Kinde die Brust, an die es sich festsauge, und „hebe" es so 
aus dem Bauch (Heb-Amme), Die orale Tendenz war also an s^ner Ge- 
burtstheorie beteiligt, spielte aber auch bei der Eimpföngnistheorie eine große 
Rolle. 

Zur Zeit, als die nächtlichen Koliken am stärksten waren, hatte der 
Patient Träume, denen die Tendenz zugrunde lag, vom Arzt durch den Mund 
befruchtet zu werden. Am Tage traten heftige Kopfschmerzen und Übelkeiten 
auf. Ein solcher Traum lautete: , Unter Installateur repariert unsere Rohr- 



I 



Die Funttion des Orgasmus 



leitungen, ich hin dabei, plötzlich setzt er einen Spülapparat in Gang, die 
Flüssigkeit versprüht tvie feiner Nebel (ich werde naß) und schmeckt salzig." 
Die EinfäUe zum ersten Teil ergaben sofort, daß der Iwstallatem- den Ana- 
lytiker darstellt, der die Rohrleitungen, d. h. das Glied des Patienten repa- 
rieren soll. Der zweite Teil enthält einen affektiven Widerstand gegen die 
Hdlung der Impotenz und die Erfüllung eines bevonugten Wunsches: der 
Analytiker befruchtet (Einfall) mit Urin durch den Mund (salziger 
Geschmack). Hier fanden auch die Geruchshalluzinationen Aufklärung: der 
Patient erinnerte, daß er bei den Spielen mit der Cousine am Uringemch 
ihrer Geschlechtsteile Gefallen gefunden hatte. Es blieb unentschieden, ob 
auch tatsächlich uriniert -woirden war. Die Geruchshalluzinationen -während 
der Sitzungen waren somit nicht nur Erinnerungen an die Spiele sondern 
auch Darstellungen von Wünschen, die sich auf den Hamapparat des Ana- 
lytikers richteten. Die Rohrleitungen im Traume enthielten ebenfalls eine 
Determinante aus der Kindheit; er hatte sich für die Kohrleitungen im Bade- 
zimmer und besonders für das Klosettrohr interessiert, ehe die Angst vor 
Irrigator und Klosettmuschel einsetzte. Der Sinn dieses Interesses wurde erst 
durch die Analyse eines Traumes klar, in dem es hieß : „i^in Adler entführt; 
eine Frau in die Lüfte und läßt sie dann auf mich fallen." Der Adler ist 
der Vater, die Frau die Mutter, die Entführung in die Lüfte stellt den 
Koitus der Eltern dar. Bei den Koitusversuchen, die er zur Zeit der Ana- 
lyse tmtemahm, mußte er besonders gegen den Wunsch ankämpfen, sich 
unter die Frau zu legen und seinen Mund an ihr Genitale heranzubringen. 
Die Idee, daß die Mutter nach dem Koitus mit dem Vater auf ihn falle, 
paßte völlig zur analen Beziehung zur Mutter mit dem Irrigator; in einem 
Traume, wenige Tage vor dem letztgenannten, hieß es, er verkehre unten 
Hegend mit einer Dirne, die ein Glied habe: die Mutter koitiert ihn mit 
dem Penis des Vaters, Hinter der passiv-analen Beziehung zur Mutter wirkte 
die zum Vater. Wir begreifen jetzt, daß die kindliche Phobie ein Ausdruck 
der mißglückten Verdrängung passiver anal-homosexueller Tendenzen war. 
Der ältere Bruder war also nicht nur Vertreter der Mutter mit dem Irri- 
gator sondern auch des Vaters gewesen. All das durchaus anal verarfaritet. 
Und -wir wissen jetzt, wem die Todeswünsche, die in der Phobie zum Aus- 
druck kamen, zutiefst galten. Bei der Analyse dieser Zusammenhänge ent- 
fuhr es dem Patienten: „Ich virerde erst potent sein, w^enn mein Vater 
gestorben sein wird," 

Noch aus einem anderen Grunde wurde der Bruder in entscheidender 
Weise Vertreter des Vaters. Wenn wir bisher erfahren haben, daß so gut wie 
alle sexuellen Streb ungen mit Anlehnung an Mund- und Hamerotik passiv- 
analer Art waren und daß diese Strebungen seit der frühesten Kindheit 
den Patienten beherrschten, SO müssen wir uns fragen, was denn mit den 
genitalen Strebungen geworden ist. In der Analyse hörten vrfr eineinhalb 
Jahre nichts davon. Erst gegen Ende der Analyse führte eine Assoöations- 



Psydioneurotisdic Sdxjtisale der C enitällibido 121 

kette zu einer erlebten Kastrationsdrohtmg. In einem Traume, der die 
Rekonstruktion äner wichtigen Szene ermöglichte, hieß es: „Ich spiele in 
einem dunklen Zimmer Klavier, im Nebenzimmer halt Dr. S. {ein öster- 
r^chischer Staatsmann), irgendwie erhöht, eine Rede und sieht mich durch 
iein* BriUe böse an" Dr. S. erinnert im Profil an den Bruder, der ebenfalls 
Brillen tragt. Zu „erhöht" im Traume paßte auch die Erinnerung, daß sein 
Bruder am Lande auf Stelzen zu gehen pflegte; femer tauchte eine dunkle 
Reminisiensf. an einen finsteren flausflur und an dort erlebte Angst auf. Am 
Vortage des Traumes erkundigte sich der Bruder bei mir nach dem Stand 
der Analyse und der Patient hatte einen Augenblick lang daran gedacht, 
ob ich wohl dem Bruder aus dem Inhalte der Analyse etwas mitteilen würde. 
Dazu die Tatsache, daß der Patient mich gleich zu Beginn der Analyse 
darum getcten hatte, dem Bruder nichts von der Onanie zu erzählen. Nehmen 
wir noch das Klavierspielen im Traum, das als Onaniesymbol typisch ist, und 
die Rede (Strafrede) sovtrie den bösen Bück hinzu, so scheint die Rekonstruk- 
tion einwandfrei, daß der Bruder unseren Patienten einmal in einem dunklen 
Flur (Vorzimmer — Gespenst?) bei genitalen Manipulationen ertappt und ihm 
eine Strafpredigt gehalten hat. Das mußte in sehr früher Zeit, etwa im 
dritten Lebensjahr, vorgefallen sein, denn die Erinnerung an das Gespenst 
reichte tief ins vierte Lehensjahr hinein und die Szene muß der Phobie 
vorangegangen sein. Die später entwickelte Angst vor dem Gespenst, das die 
Züge des Bruders trug, fußte so let/.ten Endes auf jener Urszene, in der der 
Bruder die Kastrationsangst entfacht hatte. 

In diesem Zusammenhange tauchte auch die Erinnerung dunkel auf, daß 
die Cousine den Patienten hei den Spielen an den Hoden gezerrt hatte. Der 
charakteristische Schmerz persistierte in der Hodengegend sozusagen als 
Mahnung. Dazu paßten ferner die stereotypen Klagen des Patienten, nicht 
der Penis, sondern die Hoden seien zu klein, und die Scheu, sich bei der 
FVau völlig zu entkidden. 

Die Analyse, der es geltmgen war, die sexuellen Betätigungen und 
Phantasien der frühen Kindheit bis in kleinste Details aufzudecken, 
ergab bis auf diese eine Reminiszenz nicht den geringsten Anhaltspunkt 
dafür, daß die phallische Erotik jemals eine besondere Rolle gespielt 
oder Objektbesetzungen gedient hätte. Die Hainerotik stand hinter der 
analen zurück, trat aber in der ejaculatio praecox und in den Urin- 
geruchshalluzinationen deutlich hervor. Wir fügen noch hinzu, daß der 
Patient sich als Kind gern im Badeümmer aufgehalten und mit dem 
Wasser gespielt hatte. Aber auch dieser Ansatz zar Genitalposition war 
anal und oral verarbeitet worden. Das Interesse für die Rohrleitungen 
diente ebenso analen wie urethralen Tendenzen. 



Die Funktion des Orgasmus 



Es ist deutlich geworden, wie der Patient sich selbst als Objekt 
urethraler Beziehungen phantasierte (die Harnbespritzung = Befruchtung 
durch den Analytiker, die Tendenz, den Mnnd an das Genitale der Frau 
heranzubringen) und sie mit Saugephantasien durchsetzte. Unter den 
Erinnerungen, die im Laufe der Analyse auftauchten, spielte der Ein- 
druck, den das Melken der Kühe auf ihn gemacht hatte, eine große 
Rolle, Die Gleichsetzung des Euters mit dem Penis führte erstens zu 
seinen Phantasien, am Genitale und an der Brust der Frau zu saugen; 
zweitens zur Gleichsetzung des eigenen Penis mit der Brust (beziehungs- 
weise dem Euter) und des Samens und Urins mit der Milch. Bei Be- 
rührungen mit einem weihlichen Körper floß der Samen ab. Entsprechend 
dem femininen Charakter war der Penis als Brust in den Dienst der 
Weiblichkeit getreten. Die Onanie bestand nicht in Friktionen sondern 
im Andiiicten des schlaffen, Gliedes an einen Gegenstand: nach meinen 
auch an anderen Fällen gemachten Erfahrungen ein typisches Zeichen, 
daß der Penis die (gewünschte) Brust darstellt ; es ist, als ob dem Objekt 
gezeigt würde, was man seifest wünscht, 

Versuchen wir es nun, den Werdegang der Neurose unseres Patienten 
zu rekonstruieren. Die starke anale Veranlagung der Familie wirkte 
sich charakterologisch bei sämtlichen Angehörigen aus. Die anale Ver- 
anlagung^ der Mutter verstärkte die Neigung zur Obstipation beim 
Patienten, Die notwendige Versagnng der Analität war ausgeblieben, so 
daß einerseits diese als anale Autoerotik persistierte und anderseits 
eine spezifisch anale Bindung an die Mutter entstand; diese wurde 
verdrängt und das Syrnptom der chronischen Obstipation entsprach ihrer 
neurotischen Darstellung und Befriedigung. Der primär fixierten Analität 
gesellten sich die orale und die urethrale Eirotik bei. Jene hielt die 
Fixierung an die Mutterbrust aufrecht; als sie verdrängt wurde, schuf 
sie zusammen mit analen und urethralen Tendenzen die Übelkeiten 
und äußerte sich in spezifisch oralen onanistischen Phantasien 
(an der Brust zu saugen, das Genitale zu küssen, Kot zu essen). Die 
ürethralerotUc persistierte als ejaculatio praecox, Harn- und Samen- 
träufeln, Charakterologisch bedingten diese kindlichen Triebkräfte, indem 
sie der mänrJich-phallischen Richtung widersprachen, den Infantilismus 
und Feminismus. Zu dieser primären Fixierung trat dann als weitere 
Entwicklungshemmung hinzu, daß die genitale Erotik, ehe sie sich 



Psj-AonewrotisJie iStliiiäale der Genitallikido 



voU entfalten konnte, durch die Strafpredigt des Bruders und die Schmerzen 
am Hoden unterdrückt wurde. So war der Weg zu einer wirksamen 
phaUischen Yateridentifizierung abgeschnitten und die kindliche Bin- 
dung an die Mutter und die Identifizierung mit ihr konnten sich un- 
gestört entfalten. Der Patient bediente sich seines Gliedes als Brust und 
hielt eine passiv -feminin -anale Beziehung zu überlegenen Männern 
(durchwegs Vater- und Bruderimagines) fest. 

Zu dieser Mutteridentifizierung im Ich trat jedoch eine Vateridenti- 
fizierung hinzu, der zwei Tendenzen entstammten. Einerseits waren die 
verbietenden Forderungen des strengen Vaters (und Bruders : Onanieverbot) 
ins Ich aufgenommen worden und hatten die hauptsächliche Verdrängungs- 
arbeit geleistet. Anderseits entwickehe sich sein Charakter im Gegen- 
satz zu dem des Vaters, was wir an anderer Stelle als reaktive Über- 
ich-Bildung bezeichneten. Das geschah, wie festgestellt wurde, der 
Mutter zuliebe, deren Partei der Patient hnmer ergriffen hatte: „Nicht 
so sein wie der Vater sondern das gerade Gegouteil. Diese Tendenzen 
konnten leicht realisiert werden, entsprachen sie doch vollkommen seinem 
Infantilismus und Feminismus. Anders war es mit den positiven Vater- 
identifizierungen. Er verehrte nicht nur seinen Bruder und seine 
überlegenen Freunde, sondern er wollte auch werden wie sie. Die Wünsche, 
die sein Ichideal, soweit es positiv strebend gerichtet war, aus dieser Quelle 
holte, waren dazu verurteilt, unrealisiert zu bleiben, und gaben den 
Anlaß zu Minderwertigkeitsgefühlen. Denn zur Realisierung seiner positiv 
gerichteten, männlichen Ichideale bedurfte es einer starken Genitallibido, 
die, wie wir sahen, bei ihm unentwickelt war. Die positiven Vateridenti- 
fizierungen erfolgten daher nur im Über-Ich,' 

Wir können nicht entscheiden, wanim bei unserem Patienten die 
Pubertätskurve so flach verlief und ob niciit die besondere Struktur seiner 
Libido hemmend auf den Genitalapparat gewirkt hatte, Tatsache ist, daß 
die Pubertätserscheinungen, die sonst um das zwölfte bis vierzehnte 
Lebensjahr aufzutreten pflegen, sich bei ihm erst im zweiundzwanzigsten 
einstellten. Er begann um diese Zeit zu onanieren, aber mit prägenitalen 
Phantasien, starken Schuldgefühlen und Befürchtungen, die zur Ein- 



i) Vgl. hiezu meine Ausführungen über die „Fehlidentifizierungen^ in „Her 
triebhafte CharaTakter". (Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse Nr, IV, 1925.) 



12^ Die Ftijilition des Orgasmus 

schränkung führten. Die Spermaiorrhoe und das Harnträufeln fassen 
wir als die Folgen der somatischen Reizung auf, die unerledigt Wieb; 
sie sind Ausdruck der Tatsache, daß der Penis in den Phantasien der 
Mutteridentifizierung (Penis als Brust) und den prägenitalen Mechanismen 
diente, so daß es zu Orgasmus losen Erledigungen der Erregungen kam. 

Als er infolge der somatischen sexuellen Erregung und der miinnlicben 
Ichidealforderungen das Weib aufsuchte, stellte sich dem sofort die prä- 
genitale Fixierung entgegen*, er drückte sein Genitale an, iiefl den Samen 
abfließen und wendete der Frau den Rücken zu, aus dem unbewußten 
Motiv, eine Irrigation zu empfangen. Es ist, als ob der Genitalität der Zu- 
tritt zu dem an prägenitale Erregungen gewohnten Sexualappairat verwehrt 
gervesen -wäre. 

Die Analyse löste nun zunächst die Obstipaüon. Sie wich in dem Maße, 
rIs ihre Determinanten bewußt verarieitet wurden. Der Kopf druck schwand 
gleichzeitig mit der Obstipation, ohne daß die Analyse seiner Detenninie- 
rungen gelang. Der Druck auf der Brust erwies sich als ein lar viertes Angst- 
symptom (Angst vor dem Gespenst) und verlor sich im Laufe der Ana- 
lyse ohne den Nachweis spezifischer Determimerung. Ebenso verschwand 
das Samen- und Harnträufeln, die Pollutionen bei der Berührung einer Frau 
hörtto auf. Im vierzehnten Monat der Analyse, nach Aufdeckung der Kastra- 
tionsszenen, glückte dem Patienten der Koitus zweimal. Doch blieb die psy- 
chische Genitalstrebung schwach ; er hatte kein Verlangen nach dem Koitus, 
Die Analyse hatte in der Konstitution ihre Grenze gefunden. Was in der 
Kindheit nicht entwickelt worden ^var, konnte in der Analyse nicht neu 
geschaffen werden. Sie hat eben immer mit gegebenen Triebkräften zu 
rechnen, die sie nur neu ordnen, denen sie aber nichts hinzufügen kann. 
Eine objektivere Haltung zur Mutter, eine gewisse Gleichgültigkeit Vater 
und Bruder gegenüber bewiesen, daß die analytischen Lösungen gelungen 
■waren, sovtreit es eben möglich war. Auch im übrigen Wesen ist der Patient 
freier ge-worden. Freilich konnten die Erfolge kaum den genitalen Defekt 
aufwiegen, vi^enn sie ihn auch leichter zu ertragen halfen. Daß eine weitere 
Analyse mehr erreicht hätte, ist nicht auszuschließen, jedoch in Anbetracht 
der Struktur seiner Libido nicht sehr wahrscheinlich. 

Die psycho-genitale Asthenie, die unser Patient zeigte, war die Ursache 
der Asthenie des Genitalapparates; sie äußerten sich in seiner schweren 
ejaculatio praecox. Die Libidostruktur dieser Potenzstörung ist charak- 
teristisch für die schweren Formen der chronischen Keurasthenie. 



Psydioueurotisdie iSmidtsale der Genitalliliido 



h) Die ^eiiitale Astlieiiie 

Z-wei Formen der ejaculatio praecox 

Es ist Abrahams Verdienst, das Wesen der ejaculatio praecox geklärt 
zu haben. ' Der Name bezeichnet zunächst nur die Tatsache, daß bei 
gewissen Formen der Impotenz der Samen zu früh abfließt. Abrahajn 
wies nun nach, daß die ejaculatio praecox hinsichtlich des Modus der 
Ausstoßung des Samens eine Miktion ist. Diese Kranken sind der Lust 
am passiven Fließen lassen hingegeben. Die Ejakulation ist eigentlich 
ein Urinieren. Des weiteren hebt Abraham folgende Punkte als charakte- 
ristisch hervor; 

1) Die Libido dieser Kranken ermangelt der durchgreifenden männ- 
lichen Aktivität. 

2) Die Genitalzone ist nicht zur Leitzone geworden, 
)J Die Oherfläche der Glans penis ist mangelhaft erregbar. 

■if.) Das Genitale ist manchmal übererregbar, was ein Zeichen seiner 
Olmmacht sei. Die eigentlichen männlichen Genitalfunktionen — Erektion, 
Immissio, Friktion — kommen in Wegfall. 

jj Es besteht eine besondere Erogenität des Dammes und der rück* 
wärtigen Teile des Skrotums. 

^J Die Lustempfindungen sind im. hinteren Teile der Urethra lokalisiert. 
In chaxakterologischer Hinsicht sind solche Kranke entweder schlaff, 
energielos, passiv, unmännlich, oder eretisch, beständig hastend; gelegent- 
lich besteht zufolge eines Widerstandes gegen die spezifisch männlichen 
Leistungen der direkte Wunsch, die weibliche Sexiialrolle zu übernehmen. 
Bei manchen Patienten sind das Verlangen nach dem Koitus und die 
Erektionsfähigkeit zwar vorhanden, die Erektion schwindet aber gleicli 
nach der Immissio oder knapp vorher. 

Bezüglich der Genese führt Abraham aus, daß diese Kranken die 
normale Einstellung des Mannes zum Weibe nicht erreicht hätten, viel- 
mehr im Stadium des Narzißmus stehen geblieben wären. Dazu komme 
eine konstitutionell verstärkte Urethralerotik, die die Überwertung des 
Penis als Hamweg bewirke. ^Tritt später an das Organ die Anforderung 
der eigentlichen Geschlechtsfunktion heran, so weigert es sich nun dieser," 

1) „Über ejaculatio praecoi." (Klinische Bei träge lur Psychoanalyse, Internatio- 
nale Psychoanalytische Bibliothek Nr. X, 192».) 



izd Die FimlLtifr« de« Orgasmus 

Prognostisch, meint Abraham, seien „diejenigen Fälle am wenigsten 
günstig zu heurteilen, in denen die ejaculatio praecox sich sogleich im 
Alter der Geschlechtsreife bemerkbar gemacht hat und seither durch 
eine Reihe von Jahren viele Male hervorgetreten ist. Es handelt sich hier 
um Fälle von außergewöhnlich startem Vorwiegen der urethralen gegen- 
über der genitalen Erotik." 

Unser Versuch ergänzt nun die Befunde Abrahams insofern, als er 
auf die Heraushebung zweier Grundformen der ejaculatio praecox zielt, 
die sich genetisch und prognostisch voneinander rmterscheiden. 

Zur Aufstellung der beiden Formen haben folgende klinische CJntex- 
schiede geführt: 

l) Die ejaculatio praecox bestand seit jeher oder sie trat erst nach 
einer Periode relativer Poteni auf, 

aj Der Samenerguß erfolgt vor oder nach dem Eindringen des Gliedes. 

)) Der verfrühte Samenerguß erfolgt fließend oder in Stößen. 

4) Das Glied kann dabei steif oder schlaff sein. 

j) Das Glied weist außen an der Glans oder in der Urethra die 
größere Empfindlichkeit auf. 

6) In den sexuellen Phantasien dominiert, gleichgültig ob bewußt 
oder unbewußt, die Vorstellung vom Eindringen des Gliedes in die 
Scheide, diesmal wieder gleichgültig, ob lust- oder unlusthetont, oder 
sie ist durch prägenitale Phantasien (sich an die Frau zu schmiegen, 
ihre Brüste zu küssen. Gebunden werden usw.) ersetzt. 

Die genannten Eigenschaften pflegen sich mehr oder weniger rein 
in zw^ei Gruppen zusammenzntun. Ejaculatio ante portas pflegt sich mit 
urethralem Sainenfließen, mehr oder weniger schlaffem Gliede und mit 
prägenitalen Phantasien, der Samenerguß bald nach dem Eindringen 
mit Erettion, gelegentlich auch mit rhythm.ischem Samenabfluß und 
immer mit aktiven Koitusphantasien zu verbinden, Abweichungen kommen 
vor, so insbesondere ejaculatio ante portas mit steifem Gliede. Es wird 
dtirch die Erfahrt! ng regelmäßig bestätigt, daß die erste Form die weitaus 
schwerere und gewöhnlich die chronische ist, während die zweite nach 
einer Periode relativ guter Potenz aufzutreten pflegt und auf Psycho- 
analyse sehr gut reagiert. 

Der Unterschied Hegt in der grundverschiedenen Lihidostruktur. Die 
schwere Form ist nämlich eine Erkrankung durch Fixierung auf der 



PsydioneurotisAe iStticLsalc der Genitallibido 127 

analen (-urethralen), die leichte eine solche auf der (urethral-) genitalen 
Stufe. Bei beiden Formen bedeutet das Symptom unter anderem Urinieren, 
doch ist die Urethral crotifc dort an eine prägenitale, hier an die genitale 
Libido gebunden. Das Vorhandensein reiner Genitallibido drückt sich aus : 

i) in der Fähigkeit zur Erektion, 

2) darin, daß die Glans in höherem Maße erregbar ist als die Urethra 
und die Peniswurzel, 

)) in den Eoitusphantasien, 

4) im Charakter: Die Patienten der leichteren Form sind männlich 
aktiv und aggressiv, manchmal auch manifest aktiv-homosexuell. Die Er- 
krankung ist nach einer Zeit relativer Potenz ausgebrochen. 

Das Fehlen der genitalen Komponente in der ejaculatio praecox, be- 
ziehungsweise die Vorherrschaft der analen Position haben folgende 
Kennzeichen : 

1) Die Kranken sind nie potent gewesen. 

2) Es fehlen heterosexuelle Koitusphantasien gänzlich oder sie treten 
hinter den prägenitalen zurück. (Man darf sich natürlich vom geäußerten 
Wunsche des Patienten, er komme zur Behandlung, um das Koitus- 
vermögen zu erlangen, nicht beirren lassen. Es kommt auf seine un- 
bewußten Phantasien an.) 

^) Die Glans ist sehr wenig oder gar nicht erregbar (Hyp-, beziehungs- 
weise Anästhesie des Penis). Der Sitz der Lustsensationen ist die Urethra; 
sie erstrecken sich fast immer bis in die Dammgegend, 

4) Die Erektion ist kaum nennenswert, kommt gar nicht zustande 
oder das Glied schrumpft zusammen. 

j) Die Patienten sind im Charakter passiv-feminin, die Analyse deckt 
einen beträchtlichen moralischen und erogenen Masochismus bei ver- 
drängtem Sadismus auf. Fast immer bestehen überdies neurasthenische 
Symptome, wie chronische Obstipation, Kopf druck, Ermüdbarkeit, Sper- 
matorrhoe und hypochondrische Beschwerden. 

In der Entstehung unterscheiden sich die beiden Formen dadurch, daß 
die schwerere zumeist durch primäre Fixierung im Prägenitalen, 
die leichtere durch Regression zum genitalen Inzestwunsch zustande 
gekommen ist. Bei der ejaculatio praecox der genitalen Stufe 
wurde die normale genitale Bindung an die Mutter von der Angst 
vor Kastration betroffen. Eine starke phallische Position hielt aber die 



1 s8 Die Funktiott des Orgasmus 

Identifizierung mit dem Vater aufrecht und verhinderte tiefere Regression 
zu früheren Stuten. In manchen Fällen besteht Kastration sangst vor der 
Mutter als Furcht vor einem gefährlichen „Ding" (Penis des Vaters) 
in der Scheide, oder die hemmende Idee, daß die Scheide mit Zähnen 
bewaffnet sei, mit denen das Glied abgebissen werden könnte. Die 
Freude am Urinieren hat genitalen und exhibitionistischen Tendenzen 
gedient, ist aber auch der Grund für das Samenfließen. Hier ist also 
die ejaculatio praecox Ausdruck der Angst, sich in „die Höhle des Löwen 
zu trauen**, wie ein Patient sich ausdrückte, und bildet einen Schutz 
äagegen, in ihr lange zu verweilen. Manche Patienten haben diese Angst 
ganz bewußt. Das urethrale Samenfließen oder auch die verfrühte rhyth- 
mische Ejakulation sind vor allem Ausdruck dieser Angst, wie ja über- 
haupt viele Kinder auf Angst und Schreck mit Diarrhoe oder unwill- 
kürlichem Harnverlust zu reagieren pflegen. Hinter der Vateridentifizie- 
rung, die dem Charakter den Stempel des Männlich-Aktiven aufdrückt, 
vrirkt gelegentlich auch eine Mutteridentifizierung, aber eine solche der 
genitalen Stufe; diese überwuchert charakterologisch die Vateridentifizie- 
rung nicht. Der Unterschied gegen die erektive Impotenz ohne ejaculatio 
praecox besteht darin, daß die Urethralerotik bei diesem Zustande keine 
besondere Rolle spielt. 

Ganz anders ist die Libidostruktur der ejaculatio praecox, s. ante 
poTtas, der analen Stufe. Meiner Erfahrung nach handelt es sich in 
den meisten Fällen um eine Entwicklungshemmung und primäre Fixie- 
rung auf der anal -urethralen Stufe mit oder ohne partielle Aktivierung 
der phallischen Phase. Ich kenne nur einen Fall, in dem die Analyse 
die komplette Regression von der genitalen auf die anale Stufe nach- 
weisen konnte. Mit der Regression wurde die genitale Vateridentifizierung 
zugunsten einer analen Mutteridentifizierung aufgegeben. Mit der Fixie- 
rung, beziehungsweise der totalen Regression, fallt auch der genitale 
Wunsch weg und macht gewöhnlich einer urethralen Beziehung zur 
Mutter und einer passiv-analen zum Vater Platz. Die analen und urethralen 
Befriedigungen sind gewöhnlich manifest, ohne daß sich der Patient 
dessen bewußt zu sein braucht. Dominiert bei der genitalen ejaculatio 
praecox die Kastrationsangst, so bei der analen die autoerotische Befriedi- 
gung, beziehungsweise die Lust, die Frau mit Urin oder Kot zu be- 
schmutzen. 



Psydioneurotudie iSdnixsale der CenüallibiJo 129 

Der Harn wird verhalten, das Urinieren bei stark gefüllter Blase ist 
ausgesprochen lustvoU. Die Hamfunktion wird mit analen Qualitäten 
besetzt CferencrJ).^ Ebenso ist die Defätation sehr lustvoll. Ein solcher 
Patient verbrachte am Klosett lange Zeit damit, den Kot langsam und 
stückweise herauszulassen. Er vermied den Stuhlgang oft bis zu acht 
Tagen, um dann mit dem Finger den harten Kot herauszuholen. Zwei 
andere Patienten, bei denen es gelungen war, wenn auch geringe geni- 
tale Libido tind den Wunsch zu koitieren freizulegen, gingen auf dem 
Wege zur Frau in gespannter Erwartung des Kommenden — aufs Klosett. 
Nach der Entleerung der Exkremente war alle „Lust zum Koitus** ge- 
schwunden. 

Ist bei der genitalen Form der ejaculatio praecox therapeutisch die 
Hauptarbeit geleistet, wenn der Inzestwunsch und die Kastrationsangst 
beseitigt wurden, so stellt sich bei der analen Form der Erfolg erst ein, 
wenn der Patient imstande ist, den analen und urethralen Lustgewinn 
aufzugeben. Nur wenn eine starke Genitalität, die verdrängt war (was 
bloß für die durch Begression zustande gekommenen Fälle gilt), freigelegt 
wird, kann der Kampf zwischen der prägenitalen und der geni- 
talen Libido günstig ausgehen. Ich verweise diesbezüglich auf meine 
beiden Arbeiten über die therapeutische Bedeutung der Genitalität. 

Ferner muß hervorgehoben werden, daß der Gesundung die führende 
ftlutteridentifizierung entgegensteht, Sie ist das stärkste charakt erologische 
Hindernis, weil sie auch mit dem Strafbedürfiiisse dem Vater gegenüber 
in Zusammenhang steht. Viele Haltungen solcher Kranker lassen sich 
auf die Formel bringen; „Ich bin meinem Vater gegenüber schuldig, 
darf nicht sein und tun wie er, sondern muß meine Schuld durch meine 
Hingabe an ihn abtragen," Das Schuldgefühl dem Vater gegenüber 
besteht auch bei der genitalen Form. Hier fällt aber das wichtige Moment 
des prägenitalen Lustgewinnes weg, der sich sonst häufig mit masochi- 
stischen Phantasien verbindet und das Schuldgefühl mit analer Libido 
besetzt, was therapeutisch besonders nachteilig ist. 

Die Identifizierung mit der Mutter enthält häufig eine weitere Deter- 
minante der ejaculatio praecox t Der Penis ist in der Phantasie 



i) Ferencii: Versuch einer G«nitaItheoTte. (Internationale Psychoanalytische 
Bibliothek Nr. XV, 19*4.) 

Reicli: Die Funktion ist Orfumus, 9 



Die Funktion Jes Orsasmus 



2ur Brust geworden, der Samen zur Milch. Das Glied wird der 
Frau gereicht, wie seinerzeit dem Kinde die Brust gereicht wurde. In 
den Phantasien und während der Vorlustakte tritt typischerweise der 
Wunsch auf, sich an die Frau anzupreisen oder anzuschmiegen. In den 
schwersten Fällen fließt dabei der Samen ab. Der Kranke spielt ein 
Doppelspiel; nachdem er seine männliche Rolle aufgegeben, beziehungs- 
weise nie bezogen hat, gibt er sich der Frau (Mutter) als Kind und 
begehrt ihre Brust ; die Phantasie, an der Brust zu saugen, ist für solche 
Fälle typisch. (Bei einem meiner Fälle floß der Samen während des Sau gen s 
an der Brust der Freundin ab,) Anderseits spielt er die Mutter, die 
dem Kinde die Brust reicht; es ist, als zeigte er der Frau, was er von 
ihr wünscht („magische Geste", Liebermann); das Saugen an der Brust 
und das Abfließen des Samens ergänzen so einander zur Darstellung des 
Wunsches gesäugt zu werden. Dies scheint der tiefere Sinn der Tat- 
sache zu sein, daß, wie Abraham feststellte, der Patient die Frau an- 
uriniert. Ein Patient hatte das Gefühl, daß der Samen im Gliede sei, 
tmd er glaubte, den Samen einfach auspressen zu können. Das mit der 
schweren Form der ejaculatio praecox so häufig vergesellschaftete 
Harn- oder Samenträufeln ist mit der unbewußten Idee assoziiert, daß 
der eigene Penis die begehrte Brust sei, aus der Milch fließt. Ein 
solcher Kranker hatte als Knabe mit Vorliebe sein Glied Kameraden 
zum Saugen angeboten. Ein anderer brachte es noch zur Zeit der 
Analyse zustande, am eigenen Gliede zu saugen. Er spielte Kind und 
Mutter zugleich, 

"Über dieser psychischen Determinierung ist aber der ständige Reiz- 
znstand im Organ, spezieU in der Urethra und am Damm nicht zu über- 
sehen. Es hat wenig Sinn zu sagen, daß das Organ minderwertig ist, 
Ist diese Minderwertigkeit von Anbeginn da? Nach der Ansicht der 
Urologen werden die Überreiztheit des Genitalapparates und die ejaculatio 
praecox bedingt durch die dauernde Hyperämie der Genitalien und die 
Hypertrophie der Prostata. Es wäre jedoch zn erwägen, ob nicht die 
besondere Art der Sexualbefriedigung dieser Kranken die Ursache der 
Hyperämie sein könnte. Dafür spricht folgende Überlegung: Unter nor- 
malen Bedingungen werden die Genitalien während der Vorlustakte 
hypexämisch und diese akute Hyperämie weicht sofort nach dem Orgas- 
mus. Die genitalen Astheniker sind jedoch infolge ihrer Befriedigungs- 



Psydioneurotisdie Siiiiisale der GenitaUibiJo l3i 

art orgastisch impotent, was einen andauernden Drang zur sexuellen 
Beiztmg und infolgedessen dauernde Hyperämie bedingt. Die zuerst 
psychogen zustande gekommene Hyperämie kann, chronisch geworden, 
gewi0 auch dauernde somatische Veränderungen erzeugen. 

Während bei der genitalen ejaculatio praecox doch die genitale Be- 
friedigung das eigentliche Ziel gehlieben ist, hat der Vertreter der schwe- 
reren Form auf den Koitus verzichtet, die Vorlustakte bilden, das Hauptziel. 
Indem der Penis aufgehört hat, Ausdruck und Werkzeug der Männlich- 
keit zu sein, ist er als Brust ideell in den Dienst der unbewußt ge- 
wollten Weiblichkeit getreten. Wir dürfen somit von einer oralen 
Erotisierung des Penis sprechen (als Gegenstück zur hysterischen 
Genitalisierung der Mundzone). 

Die genitale Asthenie ist das Resultat der Überflutung des Genitales 
mit prägenitaler Libido. Sie ist von den übrigen Impotenzformen, bei 
denen am Genitale zentrierte, aber gehemmte genitale Impulse bestehen, 
abzutrennen. Die unbewußte Grundformel der Impotenten mit genitaler 
Asthenie lautet: „Ich will nicht geschlechtlich verkehren, son- 
dern mein Genitale so und so benützen", die des einfach Impo- 
tenten: „Ich will verkehren, aber ich tue es nicht, weil ich 
eine Gefahr fürchte." 

Die prägenitale Betätigung des Genitales hat zur Folge, daß jene 
Erregungsmengen, die nur im genitalen Orgasmus abgeführt werden 
können, sich im übrigen Körper auswirken; dazu kommt die ständige 
sexuelle Reizung: so entstehen die hypochondrischen Beschwerden. 
Sie sind nicht „Einbildungen", vrie die bloß somatisch orientierten 
Mediziner meinen, sondern, wie Freud, Ferenczi tmd Schilder nach- 
gewiesen haben, wohlbegründete körperliche Störungen. Die körper- 
lichen Erregimgs- und Ermüdungszustände, die T.eistungsunfählgkeit der 
Neurastheniker, ihr ständiges Drängen und Sichgedrängtfühlen sind 
sämtlich Folgen der genitalen Asthenie, 

In der Tatsache, daß der Neurastheniker auf Grund seiner genitalen 
Asthenie und orgastischen Impotenz einen spezifisch geformten Charakter 
entwickelt, erblicken wir die große theoretische Bedeutung, die das 
Studium der Aktualneurosen auch für die Charakterlehre hat. Bei der 
Analyse solcher Kranken sehen wir, vrie keine seelische Erregung ohne 
körperliche Resonanz und kein körperlicher Vorgang vorübergeht, ohne 

9" 



iSa 



Die FutiKtion. des Orgasmus 



daß eine seelische Reaktion erfolgte. Gerade die Aktualneurosen scheinen 
uns den Weg zu weisen, den man gehen muß, wenn man lur gemein- 
samen biologischen Basis der körperlichen und «eelischen Reaktionen 
vordringen will. Doch diesem Weg zn folgen ist nicht mehr unsere 
Aufgabe, 




VI 

jCut psycnoanalytiscnen (jenitaltneone 

Die vorpsychoanalytische Psychologie konnte das Problem der Ent- 
wicklung der genitalen Tendenzen nicht aufstellen, weil sie in dem 
Vorurteil befangen war, daß der „Geschlechtstrieb" erst in der Pubertät 
als Folge somatischer Entwicklungs Vorgänge „erwache", also psychisch ^ 
sozusagen mit einem Male da sei, und zwar nicht nur als innerer An- 
trieb, sondern auch als ein auf ein gegengeschlechtliches Objekt in der 
Außenwelt gerichteter Wille. Als nun Freud zum ersten Male Triebziel 
und Triebobjekt unterschied, ferner feststellte, daß es prägenitale 
Sttifen der Sexualität gibt, die von der Libido in den ersten Lebens- 
jahren durchlaufen werden, ehe es zur Zusammenfassung der prä- 
genitalen Tendenzen unter den Primat der Genitalien kommt, stand 
man vor der Frage, ob die prägenitalen Formen der sexuellen Bedürf- 
nisse von der genitalen einfach abgelöst werden oder ob sie an der 
Herstellung des genitalen Primats selbst irgendwie beteiligt seien. Dabei 
kommt es nicht allein auf die Entfaltimg der physiologischen Lritabilität 
der genitalen erogeuen Zone an, sondern das Problem umfaßt auch die 
Frage, wie sich die seelischen Einstellungen und Erlebnisse des Kindes 
daran beteiligen und welche Motive der heterosexuellen Objektwahl 
zugrunde liegen, so daß an diesem Problem mehrere Detailfragen zu 
unterscheiden sind: die erste betrifft das Hervortreten der genitalen 
Erregung {Triebziel), die zweite die Entwicklung der psychogenitalen 
Objektliebe (Triebobjekt), die dritte den genetischen Zusammenhang 
beider (Wechselbeziehung zwischen Trieb und Erlebnis). 

Die ursprüngliche Auffassung Freuds ging dahin, daß es vor der 
Pubertät kein genitales Primat gäbe und daß die prägenitalen Partial- 
triebe erst in der Pubertät unter dem Primat der Genitalien zusammen- 



iS^ Die Fiinttion des Orgasmus 

gefaßt -würden.* Später wurde diese Ansicht korrigiert:* Der genitale 
Primat komme schon in der Kindheit, in der sogenannten phallischen 
Phase der Libidoentwicklung, zustande. Diese kommt beiden Geschlech- 
tem in gleicher Weise zu; in ihr bildet sich beim Manne der Penis- 
stolz als mächtigste Grundlage des männlichen Selbstbewußtseins, beini 
Weibe der Penisneid als solche des weiblichen Minderwertigkeitsgefühls 
und seiner Kompensationen.^ Hier „gibt es zwar ein männlich, aber 
kein weiblich; der Gegensatz lautet hier: männliches Genitale öder 
kastriert.* Erst mit der Vollendung der Entwicklung zur Zeit der 
Pubertät fällt die sexuelle Polarität mit männlich und weih lieh zu- 
samm-en" (Freud, a, a. 0,), Der Knabe behält die Tendenzen dieser 
Stufe hei, während das Mädchen die Aufgabe hat, nach der Feststellung 
der relativen Minderwertigkeit der Klitoris andere erogene Qualitäten 
zur Herstellung des vaginalen Primats zu mobilisieren und die Klitoris - 
erotik auf die Vagina zu verschieben, ein Prozeß, der nur unter günstigen 
Bedingungen der Entwicklung und erst nach der Pubertät endgültig 
abgeschlossen wird. Nach den übereinstimmenden Ansichten mehrerer 
Autoren spielt die Vagina als erogene Zone in der Kindheit keine Rolle ; 
man findet nämlich in den Analysen von Frauen keine Hinweise auf 
vaginale Onanie in der Kindheit, mit Ausnahme der Fälle, die sehr 
früh zu koitus ähnlichen Manipulationen verführt wurden und auf diese 
Weise die Scheide als Lustorgan entdeckten. 

Das Problem, von dem Freud in seiner neuesten Untersuchung über 
„Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtstinterschledes''5 
ausging, war, woher es denn komme, daß das Mädchen, das ebenso wie 
der Knabe aus froherer Zeit eine Bindung an die Mutter in die genitale 



i) Drei Abhandlung'en lur SexualtheGrie. Ges. Schriften, Bd. V. 
2) Die infantile Genitalorgaiiisation, Eheiidort. 

5) Vgl. H, D e ut s ch, Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, 19*5. (Neue 
Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse, Nr. V.) 

4) Eline Patientin, deren Krankengeschichte ich publiziert habe (Eine hysterische 
Psychose m statu naicendi. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XI, 1925), 
eriimerte in der Analyse, in ihrem dritten Lebensjahre die Theorie gebildet zu 
haben, daß es iivei Sorten von Buhen gähe: die braven und die hcjsen Buben; 
diesen, den iVISdchen, wäre das Glied zur Strafe für die Berührung des Ge- 
schlechtsteiles weg'g'eschnitten worden. 

5) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, SIL 1916. 



Zur psytlioänalftisdten Genttaltteorie i55 

Phase mitbringt, sich nun dem Vater zuwendet. Beim Knaben liegt das 
Problem insofern einfacher, als er sein ursprüngliches Objekt nicht zu 
wechseln braucht, sondern bloß aus der relativ passiven Haltung der 
prägenitalen Phase in die aktive der phallischen treten muß. Das Mädchen 
hingegen wird nicht nur ebenso aktiv wie der Knabe, sondern wechselt 
auch das Objekt. Als Ursachen der Lockerung des Verhältnisses zur 
Matter und der Zuwendung zum Vater führt Freud an: l) Die Lösung 
von der Mutter wird häufig durch Eifersucht auf ein von ihr bevor- 
zugtes Kind eingeleitet. 2) Die Mutter wird für den Penisinaiigel ver- 
antwortlich gemacht; sie hat „das Kind mi-t so ungenügender Ausrüstung 
in die Welt geschickt". "^ ß) Da. Frauen nach Freud die Onanie im all- 
gemeinen schlechter vertragen als Männer, liegt es nahe anzunehmen, 
daß diese lustbringende Betätigung durch die narzißtische Kränkung 
der Penislosigkeit verleidet vrird, durch „die Mahnung, daß man es 
in diesem Punkte doch nicht mit dem Knaben aufnehmen kann und 
darum die Konkurrenz mit ihm am besten unterläßt". Das Mädchen 
gibt den Wunsch nach dem Penis auf, um den Wunsch nach einem 
Kinde an dessen Stelle zu setzen, und „nimmt den Vater in dieser 
Absicht zum Liebesobjekt". Der Kastrationskomplex leitet also beim 
Madchen den ödipus- Komplex ein, während dieser beim Knaben an der 
Kastrationsangst zugrunde geht,* Fr_eu.d_ läßt die Frage offen, ob diese 
Motive der weiblichen heterosexuellen Objektwahl, die er in einigen 
Fällen fand, allgemein gültig sind. Obgleich nun die geschilderten Er- 
lebnisse des kleinen Mädchens typisch sind und daher zu den normalen 
Bedingungen der weiblichen Sexualentwicklung gezählt werden können, 
scheinen sie uns doch die spätere Einstellung des Weibes zum Manne 
nicht genügend zu erklären. 

Ehe wir einige anal jütische Ergebnisse dazu vorbringen, wollen wir 
die Anschauungen Ranks besprechen, der in seiner neuesten Arbeit 

i) Eine meiner Fatientümen träumte, daß sie sich in einem Zimmer befond, 
dessen Decke sich plötzlich zu senken begann; sie wußte, daß $ie jetzt liinaus- 
müsse. Wie sie draußen, war, dachte sie, sie hätte irgendeinen läng-lichen Geg-en- 
staiid drinnen vergessen, wollte zurückeilen, lun ihn lu holen, es war jedocli. lu 
spät. Der Sinn des Traumes war, daß sie bei ihrer Geburt den Penis im Mutterleibe 
vergessen hätte und ihn nun wieder holen wollte, 

z) Vgl. Freud: Der Unterg-ang des Ödipus- Komplexes, 1924. Gesammelte 
Schriften, Bd. V. 



i3b Die Funktion des Orgasmus 

„Zur Genese der Genitalität" ' von demselben Problem ausging wie 
Freud, jedoch die Schwierigkeit der Frage nicht in der Objektwahl des 
Mädchens sondern in der des Knaben sieht. 

Beide Geschlechter sind ursprünglich mit oraler Libido an die Mutter 
(Brust) fixiert. Die normale Endsituation ist nun die, daß das Mädchen 
vaginal den Penis des Mannes, der Knabe phallisch die Vagina des 
Weibes begehrt. Beim Mädchea liegt nach Rank der relativ einfachere 
Tatbestand vor, daß das Spielen mit der Brustwarze in der Säuglings- 
Onanie auf die Klitotris übergreift und die Brust durch den Lutschfinger, 
später durch den Penis des Mannes ersetzt wird. Es findet also eine um- 
fassende Verschiebung oraler Libido auf das Genitale statt: Der Penis 
Übernimmt schließlich die Rolle der Brust, die Vagina die des Mundes, 
so daß die Endsituation der ursprünglichen völlig analog ist. 

Anders beim Knaben; hier „wird der die Brustwarze ersetzende Lutsch- 
finger beim Spielen am Penis bald durch die Hohlhand abgelöst, welche 
ztmächst die Mundhöhlung ersetzt ... In der Reifezeit tritt dann noch 
der Samen als Milchersatz hinzu, so daß man die spatere Masturbation 
als vollwertigen Ersatz des Saugaktes auf der narziOtischen Stufe der 
Genitalität beschreiben kann." Rank nimmt nun an, daß diese Ver- 
schiedenheit im Mechanismus der Masturbation: „beim Knaben voller 
Ersatz des Saugaktes: Penis — Brust, Hohlhand — Mund, Samenerguß — 
Milchstrom; beim Mädchen dagegen nur Spielen an der Brustwarze — 
Klitoris mit einem anderen Brustersatz, dem Lutschfinger, der erst später 
vom Penis ersetzt wird , dazu verhilft, das endgültige Ziel der normalen 
Entwicklung zu erreichen; heim Knaben genitale Bemächtigung der 
Mutter, beim Mädchen „Identifizierung mit derselben durch narzißtische 
Besetzung der eigenen Brust mit narzißtischer Libido", Es ist nicht klar, 
was Rank mit diesem letzten Satze meint; der Vorgang, den er als 
normalen beschreibt, führt doch gerade zu dem Endergebnis, das man 
hei manchen Neurotikem antrifft und das Rank mit Recht als Gegen- 
satz der normalen Einstellung hervorhebt ; meine eigenen Untersuchungen 
der Libidoverschiehung bei der chronischen Neurasthenie haben ergeben, 
daß gerade dann die schwersten Defekte der männlichen Potenz zustande 



i)Iiiterna1.ioiiaieZeitsc}irift für Psy ch o an aly se,!!!, ig26(abge druckt in „Sexualität 
und Schuldgefühl", Internationale Psycho analytische Biiliotliek, Bd. XX). 



ZuT psyAoaitalytisdien CenitaltlieoTie i37 

kommen, wenn der Penis voller Ersatz der begehrten Mutterbrust, der 
Samen ein solcher der Milch geworden ist. Und Mädchen, die die Brust 
mit narzißtischer Libido besetzt haben, neigen zur Ablehnung des Mannes, 
da sie ihre Brust unbewußt als Penis phantasieren • Die ungenaue Unter- 
scheidung zwischen den Bedingungen der normalen und der pathologi- 
schen Sexualentwicilung bei Rank geht ferner aus folgendem Satze in 
der zitierten Arbeit hervor: „Uns interessiert . . . hier nicht so sehr, 
wieviel von der ursprünglich oral-sadistischen Bewältigung der Mutter 
durch den Säugling ins normale oder perverse Sexualleben mitgenommen 
wird, sondern wie der Rest — man wäre auf Grund der zahlreichen 
Perversionen und Neurosen fast versucht, zu sagen, der schäbige 
Rest' — auf die genitale Stufe verschoben wird." Wir vermuten hier 
eine terminologische Ungenauigkeit : denn die Sexualentwicklung mancher 
Neurosen und der Per Versionen unterscheidet sich gerade dadurch von 
der normalen, daß zuviel orale, sadistische und andere Libido „auf die 
genitale Stufe mitgenommen", d, h. mit anderen Worten, daß eine 
Fixierung der Libido an der oralen, beziehungsweise sadistischen Position 
vorliegt. Für die normale Sexualentwicklung muß die Frage lauten, ' 
wieviel libidinöses Interesse den prägenitalen Zonen entzogen | 
und der genitalen Zone zugewendet wurde; ferner unter welchen 
Bedingungen sich die genitale Libido relativ rein von Beimischungen | 
prägenitaler Tendenzen entfalten kann. Wir sehen bereits den Unter- j 
schied in der Problemstellung selbst; Rankfiragt, wie die Genitalität | 
aus den prägenitalen Zonen entsteht, wir ficagen, wie sich die Genital- I 
libido ungestört von den Einflüssen der prägenitalen Libido entfalten ' 
kann. 

Im Rahrnen psychologischer Analyse, die über das Individuelle nur 
notgedrungen hinausgehen dürfte, bedarf es einer strengen Unterschei- 
dung zwischen „Triebentwicklung und „Entwicklung der Beziehungen 
zur Außen weh" j diese beruhen zwar auf triebhaften Einstellungen, aber 
sie stellen doch auch eine höhere Stufe der Triebentwicklung dar iind 
überdies hängen sie in erster Linie von den Erlebnissen selbst ab. „Genese 
der Genitalität" kann meinen : a) die Entstehung der genitalen Antriebe, 
b) die Entstehung der genitalen Objektliebe und die Objekt wähl. 

\) Von mir gespexit. 



t58 Die Furtition des Orgasmus 

Es ist nun methodisch einwandfrei, die Genese der Objektliebe psycho- 
logisch zu untersuchen, nicht aber die der phallischen Erotik, die von 
Körperreizen herstammt und daher psychologisch unzugänglich ist. 

Daß Rank die Atiffassung hat, die phallische Erotik sei reduzibel 
und nicht etwas psychologisch Letztes, geht aus folgendem Satze (1. c. S. 418) 
hervor: „Die Aggression kann sich zeitweise auf der genitalen (und 
ursprünglich oralen) Stufe ausleben, und diese Fähigkeit ist es, die wir 
(beim Manne) eis Potenz charakterisieren. Ihr sichtbares Zeichen, die 
Erektion, wäre sozusagen ein passageres Konversionssymptom sadistisch- 
oraler Libido (sexueller Appetit)." Es ist nicht klar ersichtlich, warum 
die genitale Erotik einer psychogenetischen Erklärung eher bedarf als 
z, B. die orale oder anale Erotik, für die ein solches Problem auch noch 
nie aufgestellt wurde. Fragt man hingegen, was die phallische Erotik 
in Erscheinung treten läßt, so genügt zunächst die Auskunft Freuds, 
da£ dafür die Versagungen der analen Befriedigungen, die mit den 
Reinlichkeitsprozeduren verbundenen äußeren und die inneren Reize ver- 
antwortlich zu machen sind. Zu diesen methodischen Bedenken kommen 
die zahlreichen klinischen Erfahrungen hinzu, daß die Erektion gerade 
daim versagt oder die Befriedigung wie bei der Zwangsneurose gering 
ist, wenn der Phallus in den Dienst oraler oder sadistischer Tendenzen 
getreten ist. 

Ganz dieselben Einwände müssen den Versuchen mancher Analytiker, 
den Sexualakt zu deuten, entgegengehalten werden. So meint Rank, 
,,der normale Sexualakt selbst wäre nicht nur Ersatz, sondern zugleich 
sadistische Rache für die versagte Oralbefriedigung an der Mntterbrust, 
und je nachdem die eine oder andere Tendenz zu stark überwiegt, resul- 
tieren die uns bekannten Störungen des Liebeslebens, die sich für beide 
Geschlechter auf die Formel reduzieren lassen: zu weitgehender Ersatz 
für die orale Befriedigung an der Mutter (Brust) oder zu weitgehende 
Rache für die Entziehung dieser Befriedigung". Sollte der normale 
Sexualakt wirklich nur ein Ersatz und eine Rachetat sein? Es geht auch 
nicht an, den Sexualgenuß des Weibes ina Sexualatt als Höhepunkt maso- 
ch istischen Erlebens hinzustellen, wie es von anderer Seite geschah. Und 
wenn ferner behauptet wurde, daß der Höhepunkt des weiblichen Sexual- 
genusses im Geburtsakt erlebt werde, so liegt entweder eine störende Un- 
genauiglceit der Ausdrucks weise oder eine durch keinerlei klinische Tat- 



Zw psyoioanalytisdien Gcnitaltheorle iS^ 

sache zu recht feitigeii de Annahme vor, denn die Taginal-masochistischen 
Patientinnen sind ausnahmslos in hohem Grade sexualscheu und an ästhe- 
tisch, wenn es zum Akt kommt, und wir meinen doch, daß der Höhe- 
punkt des Sexual genusses auch für das Weib im Sexualakt (im vagi- 
nalen Orgasmus) liegt. 

Solchen Deutungen von Tatbeständen liegen neben den methodischen 
Ungcnauigkeiten zweierlei Fehler zugrunde. Ejfstens werden allzuleicht 
Zusammenhänge, die man bei schwer Kranken antraf, zur Deutung von 
normalen Funktionen herangezogen, ohne daß auf Ausmaß, Intensität 
und Form des Trieblebens geachtet würde. Zweitens wird häufig von 
einer bloßen Analogie auf Identität geschlossen; so wird in der Psycho- 
analyse häufig das Wort „ist" oder „bedeutet" ungenau gebraucht, und 
wenn es in dem einen Zusam.men hange nicht viel ausmacht und bloß 
als üngenauigkeit zu werten ist, so kann es in einem anderen eine 
Quelle falscher Behauptungen und unentwirrbarer Verwicklungen werden. 
Der normale Koitus z. B, soll eine Regression in den Mutterleib „sein" 
oder „bedeuten". Daß er es tatsächlich ist, kann nicht möglich sein. 
Daß er es bloß bedeutet, kann heißen, daß der Betreffende bewußt zwar 
den Koitus wünscht, aber unbewußt die Rückkehr in den Mutterleib 
meint. Hebt man bei solcher Deutung nicht hervor, daß man das ar- 
chaische Unbewußte meint, so liegt offenbar eine Übertragung vom 
Gebiete des Pathologischen in das des Normalen vor. Der Impotente 
meint vielleicht auch die Rückkehr in den Mutterleib, wenn er vom 
Koitus träumt, aber er meint sicher den Koitus, wenn er im Traume 
2. B. in eine Höhle hineinkriecht, oder er flieht vor der vermeintlichen 
Kastration beim Akte in den Mutterleib. Was dabei übersehen wird, ist 
die wichtige Tatsache, daß er eben deshalb impotent ist, weil für ihn 
der Koitus nicht bloß oder überhaupt nicht die Befriedigung der auto- 
chthonen Genitalität in der Vorlust und Endlust ist, sondern eben nur 
oder hauptsächlich die Be&iedigung seiner Mutterleibssehnsucht, seiner 
oralen Libido, seines Sadismus usw. Es ist nun eine gesicherte Annahme, 
daß die genitalen Wünsche regressiv durch prägenitale Wünsche 
und Mutterleibssehnsucht ersetzt werden, wenn infolge der 
Kastrationsangst die genitale Befriedigung abgelehnt wird. 

Ferenczi setzte in seiner „Genitaltheorie" die „bioanalytische" Deu- 
tung des Koitus an die Stelle der individuell-psychologischen. Das ist 



l^o Tjik Funktion des Orgasmus 

methodisch einwandfrei. Einen Teil seiner spekulativ gewonnenen Auf' 
fassung, daß nämlich die Ejakulation der bialogischen Autotomie eines 
Schmerz oder Spannung verursachenden Organs entsprechet konnten 
Mvir klinisch bestätigen. Dadurch wurde das heuristisch Wertvolle mancher 
„Spekulation" erwiesen. Allerdings bedeutet die Ejakulation für das 
gesunde Individuum keine Kastration; der Orgasmus bedeutet bloß für 
manche neurotische Menschen eine Gefahr (Kastration) und wird eben 
dadurch gestört. Das normale Gefühl des „Sich-Verlierens" im Orgasmus 
kann nur zustande kommen, wenn man von Kastration sangst frei ist. 

Ein anderer Teil der Annahmen Ferenczis, der die Zusammensetzung 
der Genitalität betrifft, bedarf eingehenderer Besprechung. Ferenczi 
versuchte den Vorgang der Friktion und Ejakulation als Resultat einer 
Amphimixis analer und urethraler Triebkräfte verständlich zu machen. 
Die Ejakulation wäre ein urethraler, das Verlängern der Friktionszeit 
durch Zurückhaltung des Samens ein analer Vorgang. Im Kampfe zwischen 
Hergeben- und Behalten- Wollen siege normalerweise schließlich die Ure- 
thralerotik. Bei der ejaculatio praecox überwiege von Anbeginn die ure- 
thrale, bei der impctentia ejaculandi die anale Strebung und es sei ein 
Ausgleich dieser beiden Tendenzen notwendig, damit die normale ejaku- 
lative Potenz zustande komme. Dem muß entgegengehalten werden, daß 
die Ejakulation sich restlos aus dem reflektorischen Vorgang am spinalen 
Zentrum erklärt, der durch die Friktion als sensiblen Reiz in Gang ge- 
setzt wird. Und die Friktion seihst kann psychologisch wohl ebensowenig 
erklärt werden, wie das Kratzen einer juckenden Hautstelle, wenn man 
nicht Physiologisches psychologisch deuten wiU. Für Fere nczi war diese 
Deutung allerdings bloß der Ausgangspunkt seiner vielversprechenden 
„bioanalytischen Hypothese. Im allgemeinen lehrt die Erfahrung, daß 
die Genital funktion durch nichtgenitale Tendenzen nur gestört werden 
kann. Es muß also, wenn die Annahme Ferenczis richtig ist, etwas 
zur Verschiebung analer und urethraler Qualitäten auf das Genitale hin- 
zukommen, damit die normale Genitalfunktion zustande komme. Sollte 
nicht beim Manne die phallische Libido selbst, die ihren eigenen ero- 
genen Ursprung hat, eine solche Veränderung bedingen? 

Untersucht man analytisch die normale Genitalfunktion bei Männern, 
die im Sinne unserer Definition orgastisch potent sind, so trifft m.an 
neben der phallischen Objektliebe, die sich eindeutig äußert, zahlreiche. 



Ztix p^ydioanälytisdieii Genitaltlieotie i^i 

mehr oder weniger imensive Tendenzen an, die uns aus den Analysen 
von Impotenten so gut als prägenitale sowie sadistische Wünsche und 
als Mutterleibssehnsucht beltannt sind. Kann man aus solchem Vorhanden- 
sein allein schon einen Schluß auf die Genese des V'organgs oder den 
„Sinn" einer Funktion ziehen? Gewiß nicht, denn es könnten ja manche 
Tendenzen sekundär hinzugekommen sein, nachdem sich die Funktion, 
spezifisch determiniert, bereits gebildet hatte. Wenn sich in Analysen 
Gesunder z. B. die sadistische oder orale Tendenz verstärkt, so leidet die 
genitale Funktion, und zwar unanzweifelbar aus diesem Grunde; dagegen 
ändert sich nichts, wenn die genitale Lust oder die Erlebnisse im Or~ 
gasmus analysiert werden, sofern dabei nicht alte In/.estvviinsche rege 
werden. Normalerweise unterliegt die genitale Erotik keinerlei Einschrän- 
kung durch das Über-Ich, von dessen Staudpunkt aus die Genitalität 
entweder nur geduldet oder sogar gebilligt, aber keineswegs abgelehnt 
wird. £s läßt sich durch Vergleich leicht feststellen, daß sogar der feine 
Unterschied zwischen der bloßen Duldung und der Billigung der geni- 
talen Befriedigung durch das Über-Ich sich in der Intensität der End- 
befriedigung und in der Gesamthaltung zum Sexualobjekt sowie zu Fragen 
der Geschlechtlichkeit überhaupt ausdrückt. Die prägenitale Erotik hat 
sich individuell verschieden stark sekundär hinzugesellt und wird in der 
Vorlust und Endlust mitbefriedigt; das macht die Differenziertheit 
der normalen Genitalität aus. Werden solche prägeiritale Ansprüche durch 
Verdrängung oder auch bloße Abwehr von der Teilnahme an der Genital- 
befriedigung ausgeschlossen, so leidet darunter auch diese mehr oder 
weniger, je nach der Intensität der betreffenden Kegung und der Ab- 
wehr, die sie erföhrt. Was ist das Motiv dieser Ablehnung? 

Es ist unwahrscheinlich, daß die prägenitalen und die anderen nicht 
zur Genitalität gehörenden Ansprüche unverändert, d. h. unbeeinflußt 
durch die genitale Tendenz an der allgem einen Sexualbefiiedigung teil- 
haben dürfen. Das wird sofort klar, wenn man an ihre eigentlichen 
Triebiiele denkt, die beim normalen Sexualalct irgendwie abgeändert 
werden müssen, sollen sie nicht störend auf das Ich wirken. Der den 
Sexualakt einleitende Kuß befriedigt gewiß orale Libido; ihr ursprüng- 
liches Triebziel war das Saugen; als Küssen wird es auf die genitale 
Stufe der Befriedigung gehoben. Die Abänderung vom Saugen zum 
Küssen kann ohne Bedenken dem Einfluß der genitalen auf die orale 



i^it Die Funlction des Ot^asmus 

Erotik zugeschrieben werden; das zeigt sich am besten beim Zungenkuß. 
Eine gegenteilige Beeinflussung ist gewiß auch anzunehmen, wenn der 
Mund tei den Vorlustakten mit den Genitalien des Partners in Berührung 
tritt. Von hier zur Fellatio oder zum Cunnilingus als Perversion mit 
ausschließlichen Absichten gibt es alle Übergänge; dabei nimmt die 
Impotenz mit dem Überwiegen der prägeaitalen Ansprüche zu. 

Die Analität T»ixd als Tendenz zum Koitus a tergo oder als Geruchs- 
erotik auf die genitale Stufe gehoben. Ebenso der Sadismus des Mannes 
und der Masochismus der Frau, jener als spezifische männliche Aktivität, 
dieser als weibliche Passivität. Die [jrethralerötik scheint ganz im Sinne 
Ferenczis wegen der genetischen Beziehungen zur Genitalität in der 
Ejakulation restlos mitbe&iedigt werden zu können. Das pathologische 
Extrem ist die ejaculatio ante portas bei schlaifem Gliede, bei der die 
Uiethralerotik das Genitale ausschließlich besetzte. 

Die „Unterordnung der prägenitalen Ansprüche unter den genitalen 
Primat" in der phallischen Phase der Libidoentwicklung bedingt also 
auch eine qualitative Abänderung der Parüaltriebe, die dem phalli- 
schen Charakter der Libido und den Einflüssen des sich nunmehr for- 
mierenden Über-Ichs zuzuschreiben ist. Es kann der Fall eintreten, daß 
die eine oder die andere prä genitale Regung auf Grund einer partiellen 
Fixierung und isolierten Verdrängung von der Genitalisierung ausge- 
schlossen bleibt oder im Laufe der Entwicklung der Sexualbetätigungen 
zur Zeit der Pubertät oder später wieder erniedrigt und zur Teilnahme 
an der genitalen Befriedigung nicht zugelassen wird. Eine solche Iso- 
lierung, beziehungsweise partielle Verdrängung, birgt zweierlei Gefahren 
in sich. Erstens wird dadurch ein mehr oder weniger großer Libido- 
betrag von der Befriedigung ausgeschlossen und gestaut und die not- 
wendige Gegenhesetzung schwächt die Harmonie des Sexualerlebens. 
Zweitens wirkt die verdrängte Regung ständig anziehend auf andere 
Tendenzen und wird dadurch ein Schlupfwinkel für verpönte Wünsche ; 
so bildet sich der Keim, aus dem sich bei entsprechenden Anlässen eine 
Neurose entwickelt. So sieht man z. B. bei erektiv potenten zwangs- 
neurotischen Charakteren ein strenges Tabu jeder anderen als der „nor- 
malen" Koituslage. Wir haben an Beispielen gezeigt, wie sehr nicht 
genitalisierte Analerotik den Orgasmus der Frau stören kann. Der ver- 
drängte Triebanspruch könnte wohl allein keine Neurose erzetigen, wenn 



Zlit psy^^^^^^ly*"™** Gcttitaltheorie i^5 

nicht die allgemeine Schwächnng der genitalen Befriedigung uad als 
deren Folge die Libidostauung hinzukämen. In dieser Hinsicht ist das- 
jenige Tatin besonders gefährlicli, das Mauiptilationeii 'betrifft, die irgend- 
ejnmal mit der onanistischen Betätigung des Betreffenden zusammen- 
hingen. Als besonders typisch sei das Tabu der gegenseitigen Berührung 
der Genitalien hervorgehoben. In solchen Fällen ist ein wichtiges Stück 
der Genitalität seihst von der Befriedigung ausgeschlossen worden; das 
beeinträchtigt aber nicht bloß die Befriedigung, sondern ruft bei Frauen 
überaus leicht vaginale Anästhesie hervor und bedingt bei Männern 
weitgehende Lustlosigkeit beim Akte, wenn nicht Schwächung der 
erektiven Potenz, 

Nach diesem Versuch, die Entwicklung der Triehziele und deren 
Wechselbeziehungen zu klären, kehren wir zur Frage der Objektwahl 

zurück. 

* 

Die heterosexueUe Objektwahl des Knaben steht in keinerlei Wider- 
spruch zu den Triehiielen der verschiedenen Entwicklungsstufen der 
Libido; die Ziele der oralen sowohl wie die der sadistischen, urethralen 
und phallischen Libido sind dem Objekt, das dem Knaben von der 
Geburt an am nächsten steht, der Mutter, angepaßt im Sinne einer 
individuell und biologisch zweckdienlichen Sexual ein Stellung im späteren 
Lehen, Daß der Wechsel der exogenen Beziehungen zu diesem Objekt 
kein Problem mehr ist, haben wir früher durch Zusammenfassung der 
bereits bekannten Entwicklungsbedingungen der Libido und durch die 
Klärung der die „Genese der Genitalität" betreffenden Problemstellung 
nachgevriesen. Wenden wir uns nun der Frage der Objekt wähl des 
Mädchens zu. 

In der psychoanalytischen Literatur stehen zwei zum Teil gegen- 
sätzliche Ansichten einander gegenüber. Die eine wird von Freud und 
H. Deutsch vertreten und geht dahin, daß die Weiblichkeit in der 
Pubertät und deren Vorstufe, die Liebeseinstellung des kleinen Mädchens 
zum Vater, reaktiv zustande kommen, daß sich also das Mädchen zu- 
nächst auf der Linie der Aktivität tmd Männlichkeit entwickle und erst 
sekundär zur weiblichen hinüberschwenke. Karen Horney^ vertrat als 

i) Zur Genese des weiblicheii Kattrationskomplexes. Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse, X, 1924.. 



I 



%^^ Die Funktion ics Ot^asmui 

erste auf Grund ihrer Analysen den Standpunkt, daO der Versagung des 
Kindes Wunsches in der Genese des weiblichen Kastrationskomplexes, 
Penisneides und Männlichkeitswunsches eine hervorragende Bedeutung 
ZukomniB und die männlichen Haltungen des Weihes als Beaktions- 
bUdungen und Resultate falscher Identifizierungen aufzufassen seien. 
Ich mußte mich dieser Ansicht in meiner Untersuchung der Fehl- 
identifizierangen heim trieb gehemmten Charakter anschließen/ In seiner 
letzten Arbeit stellt es Freud (a. a. O.) selbst nicht als gesichert hin, 
daß seine Erklärung der weihlichen Objektwahl allgemein zutreffe. Hin- 
gegen gewinnt man heim Studium der Arbeit von H, Deutsch den 
Eindruck, als meinte sie, daß der Penisn eid der ursprüngliche Motor 
aller wesentlichen Haltungen des Weibes sei (das Kind als Ersatz des Penis, 
die weibliche Sexuallust beim Koitus als Resultat der Identifizierung mit 
dem Manne). Es ist nun gewiß nicht* möglich, in der Frage, ob der 
Kindeswunsch und die weibliche Passivität oder der Peniswunsch und 
die männliche Aktivität zuerst zur EntwitJtlung kommen, eine allgemein- 
gültige Entscheidung zu treffen. Wenn man jedoch auch in der Frage 
der weiblichen Sexual entwicklung Triebziel und Trieb oh jekt auseinander- 
hält, so kann man einige scheinbare Widersprüche beseitigen, die der 
weiteren Klärung des Problems entgegenstehen. 

Für die Annahme von Freud und H.Deutsch spricht die Tat- 
sache, daß es eine vaginale Organisation, wie sie später die Grundlage 
bejahter Weiblichkeit wird, in der Kindheit nicht gibt; die Klitoris- 
onanie im Ödipus-Alter und in der Pubertät gehört zu den typischen 
Befunden und der Peniswunsch ist immer anzutreffen, wenn er auch 
nicht in allen Fällen eine primär pathogene RoUe spielt. So ßndet man 
ihn z. B. hei den charakt erologisch weiblichsten und mütterlichsten 
Frauen, was auch von Horney_ 0- c.) hervorgehoben wurde. „Penis- 
wunsch" und „Männlichkeitswunsch" sind also nicht identisch; es gibt 
zwar diesen niemals ohne jenen, aber nicht umgekehrt. Der Männ- 
lichkeitskomplex der Frau ist die charakterologische Ä ußerung 
des Penis Wunsches und kann nur zustande kommen, wenn eine 
Identifizierung mit dem Manne (Vater) im Ich stattgefunden hat. Das 



i) Kapitel über die Pehlidentifiaieriiii^en in «Der triebhafte Charakter", 19s 5. 
{Neue Arbeiten lur äritlichen Psychoanalyse, Nr. IV.) 



ZiLT psymoanalytisaien Genitaltheone i/f5 

ist zumeist bei weiblichen Zwangsneurosen der Fall. Bei Hysterien hin- 
gegen blieb der Peniswunsch gewöhnlich ohne wesentlichen Einfluß 
auf die weibliche und mütterliche Haltung und äußert sich isoliert in 

einzelnen Symptomen, 

Die Analyse der Entwicklung der heterosexuellen Objektliebe bei ver- 
schiedenen Typen ficigider Frauen ergibt, daß sie weniger von der Klitoris- 
erotik und vom Peniswunsch abhängt als von den außeien Bedingun- 
gen, denen die Identifizierungen unterworfen sind. 

Bei manchen Frauen, die den Mann und die Heterosexualität ab- 
lehnen, sowie ein betont männliches Gehaben zur Schau tragen, hat 
das Verhalten des Vaters zu einer frühzeitigen und vollständigen Identi- 
fizierung mit ihm geführt:' Sie haben zu wenig Liebe und Entgegen- 
kommen vom meist strengen, abweisenden, kalten oder auch gelegentlich 
brutalen Vater erfahren. In ihren sadistischen Phantasien erscheinen sie 
selbst als Träger dieser Eigenschaften, was in seltsamem Widerspruch 
steht zu der Verachtung, die sie für die „brutalen Männer" allein übrig 
haben. Ist bei solchen Frauen die positive Übertragung in der Analyse 
stark geworden, so tauchen aus tieferen Schichten des Unbewußten, die 
einem früheren Stadium der Libidoentwicklung entsprechen, Kindes- 
wünsche und die Tendenz zur weiblichen Hingabe an den Arzt (Vater) 
auf. Solche Fälle, deren Analyse bis an die Grenze des noch erinne- 
rungsfahigen Alters geführt wurde, hatten die Urszene in voller Mutter- 
identifizierung erlebt und es ließ sich auch das Alter nachweisen, in 
dem die VateridentiEzierung entstand, die die Mutteridentifizierung über- 
lagerte und von der Gestaltung des Charakters ausschloß. Bei der Her- 
stellung der Vateridentifizierung spielte die Urszene insofern eine wichtige 
Rolle, als das brutale Verhalten des Vaters am Tage vöUig zur „Rauf- 
sjene paßte, die das Mädchen in der Nacht belauschte, so daß sie zur 
Auflassung kommen mußte, daß die Mutter geschlagen, verletzt, kastriert 
werde. Mit der Abwendung vom Vater, die das Aufgeben der 
Mutteridentifizierung und die Introjektion des aufgegebenen 
Vaters zur Folge hatte, schloß die Ödlpus-Einstellung ab. Da 
sich das Mädchen mit der Mutter in der Urszene identifizierte, kann 



i) Vgl. den Bericht aber die Patientin mit der vasomotorischen Neurose im 
m. Alschnitt. 



Reich: Bie PünJctioin dei Orgasmui. 



•x^S Die Funktion des Orgasmus 

nur die Kastrations angst das Motiv der Abwendung vom Vater gewesen 
sein. Das zeigte sich auch bei der positiven therapeutischen Keaktion 
solclier Patientinnen. Wenn sich nämlich ihre mütterliche Identifizierung, 
veranlaßt durch die positive Übertragiing, zu regen begann, tauchten 
in Nacht- und Tagträumen masochistisch gefärbte Koitusphantasien auf, 
die zunächst mit einer aJcuten Verstärkung der Männlichkeit und des 
Männerhasses abgewehrt wurden. Das tiefste Motiv dieser Abweiu* ist 
deutliche Genitalangst, So vertragen solche Frauen, wenn sie bisher den 
ehelichen Akt bloß erduldeten, den Koitus nicht mehr und fürchten 
mit oder ohne Angstaffekt, daß ihnen dabei etwas geschehen könnte. Das 
Verständnis der Angst vor dem Verlust des Penis begegnet hier keinen 
Schwierigkeiten, denn nach der Herstellung der Vateridentifizierung 
verwandelte sich der Wunsch, einen Penis zu besitzen, in eine unbe- 
wußte Phantasie, einen solchen wirklich zu besitzen, (Eine Patientin 
mit solcher Phantasie urinierte immer nur stehend über der Klosett- 
öfßiung.) Was man aber zu besitzen glaubt, muß man auch zu verlieren 
fürchten. Schwieriger ist das Verständnis der Kastration sangst vor der 
Herstellung der Vateridentißzierung. Damals bestand doch nur ein Penis- 
wunsch. Das schließt wohl die Kastrationsangst im engeren Sinne aus, 
nicht aber die Angst, an dem bereits beschädigten Genitale noch weiter 
beschädigt zu weiden; denn ein Rest verblieb; die Klitoris, von der 
manche Mädchen glauben, daß sie noch nachwachsen werde, und die 
doch auch Lust verschafft. Trotzdem entspräche den psychologischen 
Tatbeständen beim Weibe eher der Ausdruck „Genitalangst" als „Kastra- 
tionsangst , 

Die Vateridentifizierung im Ich, die charakterologisch den Männlich- 
keitskomplex herstellt, war also Folge der Liebesversagung, die das Mädchen 
vom Vater erfuhr, und nicht (wenigstens nicht tuamittelbar) die des 
Penis Wunsches. Dieser bestand zvmachst für sich allein und unabhängig 
von der Mutteridentüizierung und geriet mit ihr erst in Konflikt, als 
sie auf die Schranke der äußeren Versagung stieß. Erst durch die Vater- 
identifizierung, welche die Folge von rein äußerlich bedingten Erlebnissen 
war, erlangte er die Macht, die wir später in Charakter und Symptomen 
wirken sehen. 

Daß der Peniswunsch nicht immer zur Männlichkeit führt, geht aus 
dem Vergleich solcher Patientinnen mit den anderen hervor, die nie 



Zur psydioanaiYtisdien Genitaltneorie ^-47 

einen männlichen Charakter entwickelt haben, sondern von jeher weih- 
liche, ja trotz der Hysterie gelegentlich auch mütterliche Eigenschaften 
zeigten, die auf einer Mutteridentifiziening im Ich beruhen. Der von 
H. Deuts ch (1. c.) beschriebene „Attivitätsschub" in der Pubertät war 
eine vorübergehende Erscheinung ' und vermochte nichi, den femininen 
Gmndzug der Persönlichkeit in bemerkenswerter Weise zu verändern. 

Die Analyse der Entwicklung der Objektbeziehungen zeigt auch hier 
die groÖe Bedeutung, die das reale Verhalten und der Charakter des 
Vaters für die Entwicklung und Erhaltung der Weiblichkeit hat. Ohne 
selbst weiblich und der Mutter unterlegen zu sein, brachte der Vater 
dem Mädchen viel zielgehemmte Liebe entgegen, so daß zur inneren 
Versagung keine so groben äußeren hinzukamen wie beim früher be- 
schriebenen Typ und daher auch der Anlaß zu einer totalen Vateriden- 
ttfizierung wegfiel. Die Mutteridentifizierung konnte auch noch ans dem 
Grunde bestehen bleiben, daß die Objektliebe wenigstens in zärtlicher 
Hinsicht befriedigt war. Was ihr zur restlosen Festigung fehlte, war die 
vaginalerotische Grundlage, die wegen neurotischer Konflikte nicht zu- 
stande kommen konnte. Unter diesen spielt im Gegensatz zum zuerst 
beschriebenen Typ, dessen heterosexuelle Sinnlichkeit an der Genital- 
angst scheitert, die Inzestscheu und das Schuldgefühl der Mutter gegen- 
über die vrichtigste Kolle. Bei schwereren Hysterien kommt freilich 
auch eine heftige Koitusangst (Genitalangst) hinzu. 

Klitorisonanie und Peniswunsch gehören jedoch auch in diesen Fällen 
zu den typischen Befunden. Was macht also den Unterschied dieser zwei 
Typen aus? Es läßt sich nun durch Vergleich feststellen, daß beim 
zwangsn eurotisch^männlichen Typ die Klitorisonanie mit 
sadistischen und aktiv-homosexuellen Phantasien, beim 
hysterisch-femininen mit heterosexuellen, sehr häufig auch 
masochistischen Koitusvorstellungen einhergeht. 



l) Doch kann der Aktivitäts chub als Vorläufer der feminmen Passivität nicht 
als typiscb hingestellt werden. Ich behandelte eine Patientin mit chronischer Depres- 
sion und männlichem Chai-akter, bei der äer entgegengesetzte Vorgang festzustellen 
wair. Zur Zeit der ersten Menstruation waren zuerst hingebende weibliche Fhanta- 
sjen, die dem Vater galten, aufg-etaucht, Sie erschrak heftig, als sie merkte, daß 
sie die Küsse de* Vaters anders empfand als bisher, zog sich zurück und war von 
da ab betont männlich. 



ijf8 Die Funktion des Orgasmus 

Aus diesen Tatbeständen erklärt sich die scheinbare Differenz der 
Ansichten von Freud und H. Deutsch einerseits, Horney und mir 
anderseits. Jene Autoren meinen die phallisch-männUche Libido, die sich 
zuerst entfaltet, wir meinen diejenige psychische Einstellung des kleinen 
Mädchens zum Vater, die die Vorstufe der späteren weiblichen Haltung 
ist und sich unserer Auffassung nach zuerst entwickelt. Die weibliche 
Sexualent Wicklung wird dadurch kompliziert, daß das kleineMädchen 
den Vater zunächst mit einem männlichen Organ begehrt 
(Koitusphantasie mit Klitorisorgasmus). Es steht derzeit der Auffassung 
nichts im Wege, daß die Organlibido des Weibes im Beginne mäimlich, 
ihre psychische Haltung (mit einer Ausnahme') normalerweise stets 
weiblich oder der spateren Weitlichkeit ähnlich ist. 

Es mag ganz auf den Zufall ankommen, ob das Mädchen zuerst den 
Penis an Spielkameraden oder Geschwistern entdeckt oder z. B. an- 
läßlich der Geburt eines Kindes zuerst den Kindes wünsch akquiriert. 
Es steht auch noch sehr in Frage, ob der Vergleich der Genitalien vor 
der genitalen Phase überhaupt im Sinne des Kastrationskomplexes wirk- 
sam wird ; denn dazu gehört doch zweifellos, daß das Genitale als Lust- 
quelle bereits entdeckt und narzißtisch besetzt wurde. Wichtiger ist, daß 
der Penis wünsch und der Kindeswunsch, beide als Wurzeln extremer 
Einstellungen, sich so lange gut vertragen und ohne gegenseitige Beein- 
flussung nebeneiinander bestehen, bis individuell sehr verschiedene Schick- 
sale in der stürmischen Ödipuj-Periode die Gleichung: Penis — Kind 
in dieser oder jener Richtung herstellen und das Mädchen aus dem 
ödipus -Konflikt mit dem Männlichkeitskomplex oder mit der Mutter- 
identifizierung hervorgeht; dabei spielt die stets bereits aktivierte 
Klltoriseiotik keine spezifische Holle. 

Wurde die Ödipus-Phase des Mädchens charait erologisch mit einer 
Mutteridentifizierung abgeschlossen, so verträgt sich diese mit der Klitoris- 
erotik nur bis zur Pubertät; hier geht sie, nachdem die alten Konflikte 



i) Wenn nämlich das Mädclien durch einen brutalen Vater an der Entfaltung 
ihrer Mutteridentifiiierung von Torjiherein verhindert wird, so bleibt sie entweder 
dauernd oral an die Mutter fixiert nnd wird später eine völlig infantile Persön- 
lichkeit, oder sie identifiiiert sich wiit dem Vater, noch ehe sie ihn Heben lernen 
konnte. Diesen Talbestand fand ick bei triebhaften masochisti sehen Psychopathen 
mit schwerem Infantüismn». 



ZuT pÄydioanalytiäaien Genital theorie ij|g 

wieder akut wurden, lugunsten des Männlichkeitskomplexes endgültig 
unter, -wenn sie nicht auf die Basis des vaginalen Primats gestellt wird. 

Die Frage, wie der vaginale Primat zustande kommt, ist ein in wich- 
tigen Punkten noch ungeklärtes Problem, In den „drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" meinte F reud , die Klitoriserotit werde normalerweise 
in der Pubertät auf die Vagina verschoben, ohne sich naher über die 
Art und die Bedingungen solcher Verschiebung zu äußern. Vergleichende 
Untersuchungen haben nun ergeben, daß die wichtigste Bedingimg der 
Verschiebung die chaxakterologiscbe Mutteridentifirierung im Ich ist. Es 
ist jedoch trotz dieser seelischen Haltung zu fragen, wie sich die phallische 
Klitoriserotik in die rezeptive Erotik der Scheide zu „verwandeln" vermag j 
denn eine bloße Verschiebung ohne solche Umwandlung wäre schwer 
vorzustellen. 

Nun hat meines Wissens Jekels^ als erster die Analität mit der 
vaginalen Erotik auf Grund der rezeptiven Qualität (Höhle), die sie ge- 
meinsam haben, in kausale Beziehungen gebracht. Die gleiche Ansicht 
vertraten später auch Ferenczi^ und Lou Andreas-Salomö. Neuer- 
dings fand H, Deutsch 0- c-). daß die Vagina neben ajialen auch orale, 
also wieder rezeptive Qualitäten, übernimmt. Die saugende Tätigkeit der 
Vagina ist auch phänomenologisch feststellbar. Ich kam in meiner Unter- 
suchung der Entwicklung des weiblichen Über-Ichs Q. c.) zum Ergebnis, 
daß sich die „Mutteridentifizierung im Ich" über analen tmd oralen 
Qualitäten aufbaut und daß „zur normalen Entwicklung der Frau ein 
partielles Zurückgreifen auf frühere Stufen der libidinösen Entwicklung 
nach der phallischen Versagung" gehört. Beim Studium der Störungen 
des weiblichen Orgasmus ergaben sich nicht nur weitere Bestätigungen 
für die zitierten Ansichten, sondern es war auch der Schluß unabweis- 
bar, daß erst die Verschiebung analer und oraler Libido auf die Vagina 
die unerläßliche „Verschiebung" der Klitoriserotik, als Schlußstein im 
Aufbau des vaginalen Primats, ermöglicht. Bei diesen Verschiebungen 
handelt es sich nur um Umstellungen psychisch-Iibidinösen Interesses, 
nicht etwa um physiologische Vorgänge. Die Scheide hat ihre eigene 

i) Einige Bemerkungen zur Trieblehre. (Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse, I, 1915.) 

2) Versuch einer G«nit«ltheorie. (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, 
Bd. IV.) 



l5o Die Funktion des Orgasmus 

physiologische Erogenität, die nur nicht in Erscheiming treten kann, 
solange ihr die Klitoris mit ihrer starken psychischen Besetzung und 

physiologischen Erogenität vorgelagert ist. Hat aber oral-rezeptives und 
anal-passives libidinöses Interesse den Vaginaltrakt besetzt, was eben auf 
Grund der Mütteridentifizierung möglich ist, so büßt auch die Klitoris 
mehr oder weniger an psychischem Interesse ein. Dabei geht aber ihre 
physiologische Erregbarkeit nicht unter, sie hat vielmehr in den Vor- 
lustakten und beim Koitus eine wichtige Rolle zu spielen ; es verringert 
sich bloß das Interesse für die Hervor ruf ung der Erregung an diesem 
Organ, sobald die neue Lustquelle der Scheide entdeckt wird, die allen 
Ansprüchen der Libido genügen kann, der biologischen Sexualrolle ent- 
spricht und im Gegensatze zur Klitoriserotik keinerlei seelische Kon- 
flikte schafft. 

Zusammenfassend müssen wir am Begriffe der Genltalität drei Grund- 
elemente unterscheiden: 

i) Die lokale Erogenität der Genital zone (genitale Reiz- 
barkeit), 

2) Die am Genitale zentrierte somatische Libido (genitaler 
Drang) . 

}) Die psychogenitale Libido (genitale Sehnsucht). 

Sie stehen in engster Wechselbeziehung, obgleich sie verschiedene 
Grundlagen haben. Die genitale Erogenität beruht auf der speüfischen 
Irritabilität der genitalen Wollustkörperchen. Die psychogenitale Libido 
als Spezialfall der psychischen Sexualenergie fußt auf der genitalen Ero- 
genität und ist ihrem Wesen nach Ausdruck einer Zuwendung des all- 
gemeinen psychischen Sexualinteresses zur genitalen Zone. Die 
somatische Libido, die allgemeine körperliche Sexualerregung, hat ihren 
Sitz im vegetativen Nervensystem, ihre Quelle in iimer sekretorischen 
Vorgängen (im hypothetischen Sexualchemismus). Der Orgasmus (und 
mit ihm die Regelung des Ubidinösen Haushaltes) ist nur dann ge- 
währleistet, wenn eine wohlausgebildete psychogenitale Stre- 
bung die somatische Sexualerregung ungestört an der genitalen 
Zone konzentrieren kann. Es muß am physiologischen Aufbau der 
verschiedenen erogenen Zonen liegen, daß nur der Genitalap parat orgastische 
Befriedigung zu vermitteln vermag. 






Zur ptyJioanal^jJieii Gemtaltlieoric 



Jede Störang an irgendeinem der drei Elemente dex Genitalität bedingt 
orgastische Impotenz und somatische Libidostaumig; so etwa wenn die 

Wahmehmung det genitalen Reize verdrängt wird oder ■wenn die psychi- 
sche Genitallibido auf eine andere erogene Zone verschoben wird oder 
wenn infolge mangelhaft entwickelter Psych ogenitalität prägenitale Libido 
das Genitale besetzt usw. In allen diesen Fällen leidet der Ablauf der 
somatischen Sexualerregung. 

Unter den vielen Möglichkeiten, die der gestauten Libido offenstehen 
(Bildung von Stauungsangst, Konversionssymptomen, Zwangssymptomen), 
hat die der Verstärkung des Destrtiktionstiiehes eine bisher wenig ge- 
würdigte Bedeutung. Ihrer Besprechung wenden wir uns nunmehr zu. 



vn 

Die Abnängigkeit oes JjestruKtionstrieDes von der 

Jjibioostauung 

In Paul Bourg^ets Novelle „Le disciple"^ beschließt ein Liebespaar, 
das ans neuTotischen Gründen den Geschlechtsakt ablehnte, gemeinsam 
Selbstmord zu begehen. Sie beschließen jedoch auch, einander vor dem 
Tode noch körperlich zu besitzen. Er ist befriedigt: „La plinitude de 
la vie volontaire et refUckie affhudt en moi maintenant, com?ne l'eau 
d'une rivikre dornt ort a lev4 l'ectuse." Der Entschluß, den Doppel Selbst- 
mord zu veTeiteln, steht mit einem Male fest bei ihm ; die Geliebte 
aber, die kalt blieb, hat sich unterdessen das Leben genommen. 

Liegt hier nur eine dichterische Phantasie vor oder wurden bedeut- 
same Zusammenhänge gesehen? Im Zustande des sexuellen Unbefriedigt- 
seins wird ein Selbstmord beschlossen, der Befriedigte gibt den Entschluß 
auf, der Unbefriedigte führt ihn aus. Theoretisch : Wird der Sexualtrieb 
nicht befriedigt, so kommt der Destruktionstrieb zur Geltung, im gegen- 
teiligen Falle büßt dieser an Energie ein. 

Freud hat in seinem Buche über „Das Ich und das Es** die zwei 
Grundtriebe: den Eros tmd den Todestrieb (Sexualtrieb — Destruk- 
tionstrieb, Liebe — Haß) als polare, den Organismus sowohl wie seine 
psychischen Reaktionen beherrschende Tendenzen aufgestellt. Auch in 
der Ambivalenz der meisten seelischen Haltungen kommt dieser Trieb- 
gegensatz klar zom Ausdruck. Die Frage ist, in welchem Verhältnis 
diese beiden Triebe zueinander stehen, ob und wie sie einander beein- 
flussen. Es ist nun leicht zu zeigen, daß die Intensität des Destmk- 

i) Auf diese wurde ich in einer Diakussion in der Ungarländisehen Psycho- 
analy tischen Vereinigung aufmerksam gemacht. 



Atliänglgkeit des Destruktionstriebes von der Ijibidosta-uung i53 

tionstriebes (d. h. seiner ETSchemun|;s formen, des Hasses und der 
Aggressivität, der Brutalität und des Sadismus) vom jeweiligen Zu- 
stand der sexuellen Befriedigtheit, beziehungsweise von der 
Stärke der somatischen Libidostauung abhängt. 

Unsere Beweisführung stützt sich auf gut bekannte klinische Erschei- 
nungen, so daß wir auf ausführliche Krankengeschichten verzichten 
können. Die genannte Abhängigkeit zeigt sich dem Beobachter sowohl 
auf körperlichem Gebiet als auch im Bereiche der seelischen Haltungen. 
In Wirklichkeit sind die seelischen Haltungen und die körperlichen Er- 
regungen natürlich nicht 7.u trennen. 

Schon hei der akuten Neurasthenie, die durch inadäquate Befriedigung 
entsteht und auf somatischer Libidostauung beruht, sehen wir ein An- 
schwellen der Erscheinungen des Destiuktionstriebes : Reizbarkeit und 
Ausbrüche des Ärgers über nichtige Vorkommnisse, sowie eine starke 
motorische Unruhe. Nun wissen wir aus den libidotheoretischen Unter- 
suchungen Freuds, die durch Abrahams, Sadgers, Federns und 
anderer Ergebnisse gestützt wurden, daß ebenso, wie der Genitalapparat 
und die erogenen Zonen Fun ktions gebiete des Sexualtriebes sind, der De- 
struktionstrieb sich der Muskulatur bedient. Motorische Unruhe kommt, 
wie die Analyse einschlägiger Fälle zeigt, bei Neurosen so zustande, daß 
unbefriedigte sexuelle Erregung den Muskelapparat erfaßt; sie erscheint 
aber hier nicht mehr als Sexualphänomen, sondern als Zerstärungsantrieb. 
Wir müssen also annehmen, daß die unterdrückte Sexualerregung 
sich dem Destruktionstrieb mitteilt, wenn sie nicht sympto- 
matisch gebunden wird oder als Stauungsangst erscheint. 

Wir sehen z. B. bei sadistisch -triebhaften Charakteren, daß die moto- 
rische Unruhe, die Antriebe, zu zerstören oder zumindest den Muskel- 
apparat zu betätigen, sowie die allgemeine Aggressivität um so stärker 
werden, je länger sie abstinent leben, und daß diese Impulse schwächer 
werden, wenn die Abstinenz auch nur für kurze Zeit aufgegeben wird. 

Auch die motorische Unruhe, die sich als Wandertrieb oder im 
Fuguezustand äußert, beruht, wie die Analyse eines einschlägigen 
Falles zeigte, auf einer auf den Muskelapparat übertragenen sexuellen 
Erregtheit; das WandemmÜssen, das Durchgehen, entsprach hier einem 
unbewußten Suchen nach einem Sexualobjekt und nach der Sexual- 
befriedigung. 



/ 

/ 



%5^ Die FutiJttion des Ot^a.siaua 

Beweisend ist ferner, daß der Säugling zu beißen anfängt (oral- 
sadistisch wird), wenn er entwöhnt wird. Das Überspringen der Eiregung 
vom erotisch-sensiblen auf das motorisch-destruttive Gebiet können wir 
auch noch bei Kindern beobachten, die im Begriffe sind, den ödipus- 
Komplex zu verdrängen. 'Es kann kein Zufall sein, daß die motorische 
Agilität, die Bewegungslust und die Grausamkeit durchschnittlich im 
fünften Lebensjahre so sehr anschwellen. 

Im Beginne der Pubertät, der körperlichen und seelischen Sexualevolution, 
ist der Charakter normalerweise anders geartet als beim Abschluß dieser 
Phase. Im Beginne herrschen vor; Vextraumtheit, Sentimentalität, Neigung 
zu weltumfassender Menschenliebe; spater, wenn die neuerliche Verdrän- 
gung des Ödipos-Komplexes und der Kampf gegen die Onanie einsetzen, 
entwickelt sich der Charakter der „Flegeljahre ": Boshaltigkeit, Trotz, 
die Neigung, Eltern und Erziehern Schnippchen zu schlagen, Bauflust 
oder auch Neigung zu muskulöser Betätigung im Sport. Man erinnert 
sich noch aus seiner Gymnasialzeit, daß die fünfte und sechste Klasse 
(seltener die vierte) den Schrecken der Lehrer bildeten. 

Auch auf anderen Gebieten sehen wir, daß unbefriedigte sexuelle 
Erregung leicht in Aggressivität, ja Brutalität umschlägt, so wie ent- 
täuschte Liebe sich leicht in Haß verwandelt. 

Neurotische Frauen sind zur Zeit der Menstruation, am stärksten 
knapp vor ihrem Beginn, in hohem Grade gereizt und aggressiv, oder 
deprimiert. Bei meinen triebhaften Psychopathinnen, die sämtlich frigid 
waren, konnte ich auf Grund des Anschwellens ihrer Aggressivität den 
Eintritt der Menstruation erraten. Die Psychiatrie erblickt in der men- 
struellen Verstimmung eine direkte Folge des somatischen Menstruations- 
prozesses und versucht dementsprechend, sie organo-therapeutisch zu 
beeinflussen. Die Analyse zeigt dagegen, daß die Gereiztheit und die 
Aggressivität psychische Reaktionen auf die genitale Blutmag sind, und 
daß die Depression teils der narzißtischen Kränkung (die meisten Frauen 
fühlen sich durch die Menstruation gegenüber den Männern benach- 
teiligt), teils der Verdrängung der destruktiven Tendenzen entspricht 
(Schuldgefühl), Daß aber diese Beaktion nicht rein psychisch ist, wird 
dadurch erwiesen, daß in vielen Fällen die Aggressivität und die sadisti- 
schen Phantasien sich verstärken, noch ehe die Frau weiß, daß die 
Menstruation eintreten wird, wie das bei der Unregelmäßigkeit der 



AtLängigkeit des Destrwktionstrieli es von der LiliJostauung i55 

Menses neurotischer Frauen meist der Fall ist. Erlangen solche Frauen 
durch die Analyse die genitale Sensibilität oder gar die orgastische Potenz, 
so maciien die Verstimmungen einer lokalen und allgemeinen sexuellen 
Erregtheit Platz; ist doch auch normalerweise die weibliche Libido knapp 
vor und während der Menstruation gesteigert. Die von ihrer Frigidität 
befreite Frau leidet eben nicht an Libidostauung, die die Aggressivität 
steigert, wenn sie nicht Stauungsangst erzeugt. Sie hat das penislose 
Genitale akzeptiert und die Erwartung der Sexualbefriedigung erzeugt 
nicht Haß oder Angt wie bei der neurotischen Frau, die ja auch die 
Erwartungslust verdrängt, sondern sie steigert die Liebesbercitschaft, 

Die Analyse von Ehegatten, die einander quälen oder roh behandeln, 
ergibt als wesentlichste Ursache sexuelles Unbefriedigtsein. Darüber wird 
im letzten Abschnitt noch eingehend gesprochen werden. 

Kastrierte Tiere (Kapaune, Ochsen, Hunde usw.) sind gar nicht ag- 
gressiv. Dagegen sind Hengste und Stiere um so aggressiver, je seltener 
sie zum Weibchen gelangen. Nach der Kohabitation flaut nicht nur die 
Libido sondern auch die Aggressivität ab. Will man Wachhunde recht 
scharf erhalten, so legt man sie an die Kette und hält sie von läufigen 
Hündinnen fern. Das phlegmatische Wesen des vor der Pubertät kastrierten 
Eunuchen zeigt nicht nur, daß die Libidostauung eine wichtige Energie- 
quelle der Aggressivität ist, sondern auch daß der Destraktionstrieb nach 
außen machtlos ist, wenn die Quelle des libidinösen Zuschusses fehlt. 

Eine Ausnahme davon bilden die Vorgänge im Klimakterium und 
Senium. Im Beginne der klimakterischen Involution empört sich der 
Klimakterische zunächst durch erhöhte sexuelle Aktivität, später wird er 
mißmutig, zänkisch, gelegentlich grausam, und das um so mehr, je weniger 
befriedigt er in seinem Leben war. Nicht selten werden auch im Klimak- 
terium sadistische Triebe, d. h. sexuell-grausame Antriebe, wach. Das 
alles ist eine Vorstufe zur senilen Involution, bei der sich nach der 
Hypothese Freuds der Todestrieb, mit anderen Worten, der biologische 
Destruktionstrieb, nach innen voll entfaltet. Es mag kein Zufall sein, 
daß m.it dem Versiegen der individuellen Quelle des Eros (des Lebens- 
triebes) die Involution einsetzt, die zum Sterben führt. 

Die Abhängigkeit des Destruktion striebes vom Zustand der Libido 
zeigt sich ferner darin, daß (^uäleriache und aggressive Neigungen nach 
einem befriedigenden Akte spontan scbv\rinden. Durch den genitalen 



i56 Die Funktion des Orgasmus 

Orgasmus werden dem Muskelsystem also offenbar Energien entzogen. 
Daß enragierte Sportsleute, um Höchstleistungen lu erzielen, abstinent 
leben, beruht auf richtiger Beobachtung dieser Zusammenhänge. 



Wie verhält sich nun der Sadismus zur Libidostauung und zum 
Destruktionstrieb einerseits, zur Angst andrerseits? 

Sämtliche den biologischen Gesetzen unterliegenden Triebe sind in 
der Anlage gegeben und nur der Zeitpunkt, die Art und Intensität 
ihres Erscheinens hängen von den Erlebnissen ab. So sehen wir die ero- 
genen Partialtriebe In bestimmter Eeihenfolge und In enger Abhängigkeit 
von den Erfordernissen der Pflege und Erziehung in Erscheinung treten. 
Gewährung und Versagung der Libidobefriedigung stehen in jeder Phase 
der Libidoentwicklung eine Zeit lang nebeneinander, bis schließlich die 
Versagung überwiegt. Das hat zweierlei zur Folge: Erstens tritt ein 
anderer Partialtrieb, den die V^ersagung bisher nicht betraf, stärker in 
den Vordergrund (z. B. die Analität nach der Entziehung der Mutter- 
brust, die genitale Masturbation, nachdem die Erziehung zur Keinlichkeit 
gelungen ist) ; zweitens ruft jede Versagung Haß und Ambivalenz 
gegen das Objekt hervor, das dieTriebbefriedigungeinschränkt, 
Je stärker die Versagung ausfällt, desto breiteren Raum nimmt die Haß- 
einstellung ein ; je rascher und brutaler die Erziehung zum Triebverzicht 
erfolgt, desto intensiver wird der Haß . Eine dritte Folge der Versagung 
und der daraus hervorgegangenen Ambivalenz ist die mehr oder minder 
vollständige Identifizierung mit dem versagenden Objekt. Es klingt 
paradox, aber es ist nichts daran zu ändern: Man gleicht sich dem- 
jenigen charakterologisch an, den man hassen muß, weil man 
ihn nicht lieben darf. Die Triebkraft, deren sich die Identi- 
fizierung bedient, ist die Liebe, der Anlaß zur Identifizierung 
ist der Haß wegen der erlittenen Versagung; so wird das Objekt, 
das man zu lieben nicht aufhören konnte und hassen mußte, weil es 
die Befriedigung nicht gewährte, zum Vorbild bei der Charaktergestal- 
tung des Ichs und der Ichideale. 

Bei triebhaften Charakteren ist dies er Zusammen hang am augenfälligsten. 
Menschen, die im späteren Leben ungehemmte aggressive und im beson- 
deren sadistische Neigungen entwickeln, gelangten typisch erweise schon 



AtnängiglLcit Jes Destruktionstriefces von Jer Libidostauung 1617 

in sehr früher Kindheit im Gegensatze zu triebgehemmten Chaiafcteren 
zu imgehemmter Befriedigung der Libido; die Aggressivität erwachte 
vollends erst dann, als die brutale Unterdrückung der Sexualbefriedigüng 
durch die Eltern oder deren Stellvertreter einsetzte. Die brutale Ver- 
sagung der Inzestliebe wurde um so härter empfunden, als sie durch 
die reale Sexualbefriedigung mächtig gesteigert war. Dabei zeigte es sich, 
daß die gesetzmäßige Aufeinanderfolge in der Entvricklung der Partial- 
triebe fehlte und die infantile Sexualität im vollsten Sinne äes Wortes 
„polymorph pervers" war; die Genitalität wurde ganz entfaltet und, 
soweit die physiologischen Umstände es erlaubten, auch befriedigt. Die 
frühzeitige Introjektion der brutalen Liebesobjekte schafft ein nach innen 
und außen sadistisches Ichideal. Solche Kinder werden liebesun fähig 
und dessenungeachtet in hohem Maße liebes durstig; der Haß hat jede 
Liebesregung überwuchert. Sie hassen später dort am stärksten, 
wo sie am meisten liebe fordern, nämlich im Elternhaus, Da sie überdies 
die liebest endenzen verdrängt haben, verstehen sie ausgezeichnet, sich 
Enttäuschungen auszusetzen; sie begehren immer nur unerreichbare 
Objekte tmd benehmen sich so, daß sie auf jeden Fall eine strenge 
Zurückweisung erfahren müssen. Sowohl ihr sinnliches Begehren als 
auch ihre Reaktion auf die unausweichliche Enttäuschung ist unge- 
hemmt, triebhaft. Die Reaktionen sind überdies ausgesprochen sadistisch, 
d. h, aggxessiv-destruttiv im sexuellen Sinne, tmd die Analyse der Ent- 
stehung dieser Reaktionen zeigt, daß in der Art der Aggression und in 
dem Gegenstand, dem sie gilt, die versagte sexuelle Regung wieder zum 
Vorschein kommt. Die Versagung der Sexualbefriedigung hat 
also die Aggressivität hervorgetrieben; durch die Mischung 
des Racheimpulses mit dem versagten sexuellen Triebanspruch 
entstand die sexuelle Destruktionstendenz, der Sadismus. 

Für diese Auffassung der individuellen Entstehung des Sadismus gibt 
es auch im Bereiche der triebgehemmten Zwangsneurose und Hysterie 
reichlich Belege. Wir erinnern an unsere Beschreibung der Reaktions- 
weise der zwangsneurotischen Frau auf ihre in der Übertragungssituation 
hervorbrechende Liebestendenz: Sie haßt den Analytüer, weil sie von 
ihrer Liebe nichts wissen darf tmd ihn wie jedes Liebesobjekt fürchtet; 
dabei überwuchern ihre sadistischen Phantasien, deren sexueller Charakter 
unverkennbar ist. Was hier unbevmßt vor sich geht, rollt beim Trieb- 



i58 Die Funation des Orgasmus 

menschen offen ab : ei fordert rücksichtslos Lieheshezeugungen und droht 
etwa, den Arrt zn vergiften, wenn er zurückgewiesen wird; als Motiv 
seiner Mordatsicht gibt er aber niemals _ die. Zurückweisung an; das 
verbieten ihm. sein so leicht verletzbarer Stolz und sein Schuldgefühl; 
sondern er findet bald eine nichtige Rationalisierung oder er erklärt 
ein&ch, das Töten, Kastrieren oder Brandlegen würde ihn sicherlich 
heilen, nur darin könnte er restlose Befriedigung finden, er müßte sich 
nur einmal tüchtig austoben. 

Die Beziehungen des Destruktionstriebes zur neurotischen 
Angst sind nicht so einfach wie die zur Libidostauung, 

Adler leugnete seinerzeit die lihidinöse Quelle der neurotischen Angst 
und vertrat den Standpunkt, daß die Angst eine Reaktion auf aggressive 
Impulse sei. Bei oberflächlicher Betrachtung stimmt diese Auffassung. 
Wenn nämlich triebhafte Charaktere ihre sadistischen Impulse bremsen, 
tritt Angst auf. Sie schwindet aber nicht, wenn die Impulse duTchgeführt 
werden, wie die Stauungsangst nach der Semalbefriedigung vergeht, 
sondern sie tritt im Gegenteil verstärktauf. Es könnte nun der soziale 
Sinn der „Aggression sangst den qualitativen Unterschied gegenüber der 
libidinösen Angst atismachen. Das kann aber nicht stimmen, denn unsere 
Untersuchung hat die Abhängigkeit der Intensität der Aggressivität von 
der Libidostauung klinisch nachgewiesen. Und wir haben dazu bloß 
nachzutragen, daß aggressive Psychopathiimen zur Zeit der Menstruation, 
ob sie nun tatsächlich aggressiv werden oder nicht, die Gewissens-, 
beziehungsweise Aggressions angst am stärksten entwickeln. 

Welches ist nun der genetische Unterschied zwischen der Sexual- und 
der Aggressionsangst (Gewissensangst)? 

Freud hat uns verstehen gelehrt, daß das Ich im Beginne der Ent- 
wicklung nur die Tendenz hat, den Ansprüchen des Es zu gehorchen, 
sich aber bald auf die Seite des ihm aufgedrängten moralischen Über- 
leb s schlagen muß, wenn es nicht rbkieren will, inmitten der sozialen 
Gemeinschaft, in der es zu leben gezwungen ist, unterzugehen. Auf die 
Triebeinschiänkungen der Außenwelt, bei deren Nichtbefolgung Strafen 
zu befürchten waren (z. B. Kastration als Strafe für Onanie), reagierte 
das Ich mit Angst vor dem Objekt, und da es seinen Triebanspruch 
nicht bewältigen konnte, mußte es ihn verdrängen. Diese Strafangst 
geht aber nicht unter, sondern besteht als Schuldgefühl fort, da ja das 



Äthan gigkeit des Destruktionstriebes von der Libidostatlunj iSq 

gefürchtete Objekt als Über-Ich introjiziert, d. h. als innere Hemmung, 
als ein inneres „du darfst nicht" ins Ich aufgenommen wurde. Das 
Schuldgefühl ist seinem Wesen nach Gewissensangst (Freud)j das Wort 
„Gewissensangst" trägt der Herkunft des Schuldgefühls aus der Strafangst 
vollauf Rechnung : Das Schuldgefühl ist bloß ein tJberbau der Kastration s> 
angst, die ja das Vorbild jeder Strafangst ist (Freud). Man glaubt zu- 
tiefst moralisch zu sein und hat im Grunde doch nur Angst; das zeigt ' 
sich in der Analyse jeder Zwangsneurose. 

Untersucht man aber das Wesen des Schuldgefühls, der Gewissens- 
angst, genauer und vergleicht man sie mit der infantilen. Strafangst, so 
zeigt sich ein wesentlicher Unterschied: Die Kastrationsangst ist die un- tt-/ 
mittelbare Reaktion des Ichs auf die Wahrnehmung eines verbotenen ^ 
sexuellen Triebanspruchs, Die Gewissensangst hingegen ist in erster ff ,' 
Linie die Reattion auf die VVahrnehmung einer verdrängten destruk- 
tiven — sadistischen Tendenz und muß daher — rein deskriptiv — 
Aggressionsangst genannt werden. Ihr Sinn ist die Befürchtung des 
Individuums, selbst zerstört zu werden, wenn es sich egoistisch, grausam. 
oder antisozial benimmt. Der Sinn der Kastrationsangst ist hingegen 
die neurotische Befürchtung, am Genitale "beschädigt zu werden, wenn 
es einer libidinösen Triebregung nachgibt. j 

Es Tnuß also zur Kastrationsangst etwas hinzukommen, damit sie sich 
in Schuldgefühl verwandle. Das, was hinzukommt, ist die aggressiv- 
destruktive Reaktion auf die Kastrationsgefahr (beriehungsweise 
auf die Versagung einer libidinösen Befriedigung). Der Vorgang, 
den man bei Zwangsneurosen am besten studieren kann, ist der; Das Kind 
erlitt eine Versagung einer libidinösen Regung; es reagierte darauf teils 
mit Kastrationsangst, teils mit aggressiven Impulsen gegen denjenigen, 
der die Versagung zufügte, Ist doch der Haß die natürliche Reaktion 
auf eine Versagung oder Einschränkung des Luststrebens, Mit diesem | 
Haß gehen Todes wünsche tmd in extremen Fällen Mordimpulse einher; 
da aber das gehaßte Objekt auch geliebt wird, entwickelt sich eine Angst i 
vor der Durchführung des Mordimpulses am geliebten Objekt; diese 
Aggressionsangst verknüpft sich nun mit der Kastrationsangst, muß man 
doch fürchten, selbst kastriert zu werden, wenn man den Vater seines 
Gliedes berauben will. So ist die Gewissensangst (Aggressionsangst) zwar 
unmittelbar Ausdruck eines gehemmten Racheimpulses, aber sie könnte 



l6o Die Funktion (Jes Orgasmus 

' nicht aits der Tatsache: Haß — Rache, allein entstehen; Haß alleinfuhrt 
( zur Tat ohne Schuldgefühl. Erst die Liebe, sowohl die zum Objekt als 

auch die zum eigenen Ich, schaffe die Gewissensangst. 

So sehen wir auf beiden Seiten des Geschehens das Gleiche: Der Haß 
' hängt von der Stärke der Liebesversagung, der Destrulttions' 
( trieb von der Intensität der Libidostauung ab. Auch der Gesunde 
, hat Aggressionsangst; sie erscheint aber hier nur als affektlose moralische 

Hemmimg: hier fehlt auch die Libidostauung, So ist erst zu verstehen, 
' warum die Gewissensangst beim Kranken mit allen Zeichen des Angst- 
/ affektes auftauchen kann: Am Grunde all dieser komplizierten seeli- 
■' sehen Reaktionen wirkt die aktuelle Quelle aller neurotischen Phänomene, 

die Libidostauung. 



vin 

XJ Der oie soziale 3eoeutung der genitalen ptreDungen 

Wir konnten im letzten Abschnitt feststellen, daß die Neigung zu 
aggressiver Haltung gegen die Außenwelt sich steigert, wenn die geni- 
talen StrebYingen auf äußere oder innere Hindemisase stoßen. Bei der / 
Zwangsneurose wird das Glied in der Phantasie zum Instrument des 
Hasses, die genitale Erotik hat sich in den Dienst des Destruktionsiriebes ( 
gestellt. Wir fanden, was wir durch Beispiele aus dem Tierreiche erhärten 
tonnten, daß die genitale Befriedigung die Aggressivität bindet, daß , 
Fehlen der Befriedigung oder ihre Mangelhaftigkeit sie hervortreibt und 
der Wegfall der Quelle der sexuellen Antriebe ihre dauernde Inafctivität i 
bedingt. 

Wenn nun die Verdrängung der Genitalität, im besonderen der Mangel > 
genitaler Befriedigung, die sadistischen Antriebe steigert, so muß man 
annehmen, daß die allgemeine kulturelle Ablehnung der Sexualität und 1 
die Tendenz, sie zu unterdrücken und zu spalten, bei der Entstehung 
des menschlichen Sadismus eine entscheidende Rolle spielte. ^ 

a/ Ijie Opaltitng der genitalen Tendenzen in der Gesellschaft 

Beim Tiere kommt der Destruktionstrieb nur als oraler Venüchtungs- 
trieb im Dienste der Selbsterhaltung zum Vorschein oder er dient der 
Verteidigung des Lebens, Das fleischfressende Raubtier vernichtet geeignete 
Objekte, wenn der Hunger es fordert. In der Menagerie lebende Raub- 
tiere sind ungeKhrlich, wenn sie völlig satt sind. Ihre Aggressivität 
Fiemden gegenüber entspricht einer instinktiv geahnten Gefahr; das 
beweist ihr gegenteiliges Verhalten gegen den Dompteur. Etwas dem 
phallischen und analen Sadismus des Menschen (Erstechen, £rschießen, 

Reich: Die Punktion d» Ocgnama. i> 



Die Funktion de« Ocgasmuji 



/ 

/ 



Durchbohren; Schlagen, Zerquetschen, Zertreten) Ähnliches kommt 
nicht vor.' 

Der Destruktionstrieb des Menschen 7eichnet sich tot allem dadurch 
aus, daß seine Ziele nicht biologisch notwendig sind, und er gleicht 
in dieser Hinsicht ganz der Wildheit mancher Tiere, die nicht zur Sexual- 
befriedigung gelangen können. Insofern ist er das Gegenstück (und die 
Folge) der menschlichen Zivilisation und Kultur, die sich ihrerseits auf 
der Unterdrückung und Sublimierung der Sexualität aufbauen. Seine 
weiteren Schicksale werden von der soiialen Uragehung und von der 
Anpassungsfähigkeit des Individaums entscheidend bestiiam.t. Faßt man 
die Extreme ins Auge, so wird er entweder als dissozialer, grausamer 
Charakter (LustmÖrderl) oder als zw angs neurotische Hypermoral zum 
Vorschein kommen, die in ihrer Unduldsamkeit und Härte ihre Her- 
kunft selbst deutlich verrät. Man denke etwa an die Härte des katho- 
lischen Dogmas, insbesondere an die Grausamkeit der Inquisillonszeit, 
die die religiöse Hypermoral begleitete und sie zu verteidigen vorgab. 
Die religiöse Forderung und Durchführung der Askese selbst war der 
Erfolg eines tiefen Schuldgefühls; die Erbsünde im Mythos von Adam 
und Eva war ein genitaler Akt, der von Gott-Vater verboten war. Die 
äußere Versagung wurde va einer inneren, genau so wie bei der Zwangs- 
neurose; Freud und Reik^ haben ferner nachgewiesen, daß die religiösen 
Zeremonien ganz den gleichen Gesetzen folgen wie die zwangsneurotischen. 
Es ist aber meines Wissens der Gesichtspunkt noch nicht gewürdigt 
worden, daß es die Unterdrückung der genitalen Triebkräfte war, die 
die Brutalität hervortrieb. Es entstand ein Sadismus, der in religiösen 
Masochismus verkehrt wurde. Die masochistischen Orgien des Mittel- 
alters und die maßlose Brutalität der Inquisition waren so im Grunde 
Abfuhr er scheinungen libidinöser Energien, De Coster, der geistvolle 
I Scbilderer der Inquisitionszeit, hat diese Tatbestände in den Gestalten 
' Philipps Tl. und Till Ullenspiegels erfaßt: Till Ullenspiegel, der Prote- 
' stant, der das Prinzip der Askese negiert und verhöhnt, dabei oder gerade 
I deshalb als Vorbild des grundgütigen Menschen (im Gegensatz zum neu- 

i) Die g'enitale Aggression tut Bewältigiuig des Weibchens kann nicht Sadis- 
mus geninnt werden. 

3) Eciträge zur Reli^onspsycholet^«, ig>i. (Intemati<male Psych oanal^rtische 
Bibliothek, Nr. V.) 



TJtcr die sosiale Bedeutung der genitalen Stretungeu ifiS 

rotischen und grausamen Phüipp) erscheint, ist ein Sinnbild des wohl- f 
tuenden Einflusses, den die AufhelJung des Prinzips der Askese auf den ) 
Protestantismus geübt hat: er unterschied sich zumindest im Beginne i 
vom Katholizismus durch seine Güte und Toleranz. 

Gehen wir nun über zur Betrachtung der Sexualmoral von heute,* 
die vom, traditionellen und vom kapitalistischen Bürgertum vertreten wird. 
Dabei fallen Elemente auf, die völlig analog sind der zwangsneurotischen 
Ideologie : 

l) Der außereheliche Geschlechtsverkehr wird ganz allgemein als 
tierisch (sadistisch) und schmutzig (anal) hingestellt, 2) Ohne Rück- 
sicht auf physiologische und biologische Tatsachen wird, nicht am j 
wenigsten von Äiiten, die vor- und außereheliche Askese propagiert, 
j) Die Onanie wird, obgleich an der Tatsache nicht zu rütteln ist, daß j 
sie ein bestimmtes EntwicMungsstadium normalerweise beherrscht, 
als das Übel aller Übel angesehen, auch von Ärzten. 4) Die Liebes- 1 
strebungen sind gespalten: Dem jungen, unverheirateten Manne wird der 
Geschlechtsverkehr zugestanden und da man das Mädchen derselben ' 
Klasse schützen will, duldet man die Prostitution, die als „schmutziges", 
aber notwendiges Übel gilt. Die Auffassung des Geschlechtsaktes als einer 
tierischen und schmutzigen Angelegenheit bringt es mit sich, daß er 
nicht als ein biologisch, physiologisch und seelisch notwendiger Vorgang, 
sondern als 'ein Entleerun gsvorgang gleich der Defäkation bewertet wird. 
Die sinnliche Komponente der Genitalität wird von der zärtlichen ab- 
gespalten; der junge Mann befriedigt seine Sinnlichkeit in einem „Ver- 
hältnis" mit einem Mädchen, die er als Gatün nie akzeptieren würde, 
eben weil sie sich ihm ohne Trauschein hingegeben hat, oder bei Prosti- 
tuierten, und „verehrt" daneben ein Mädchen seiner Klasse; je größer 
die Verehrung ist, desto entrüsteter wird er den Gedanken an ein intimes 
Verhältnis mit ihr zurückweisen, oder er würde die zärtliche Strebung 
verlieren, wenn sie seinen sinnlichen Ansprüchen nachgäbe. 

Die Aufteilung der Liebesstrebung und die Abspaltung der Sinnlich- 
keit begründen ihre anale Auffassung. Beide sind phylogenetisch aus 
^ . ^_^^ ( 

i) Die folgenden zwei Abschmtte haben iwei Arbeiten Freuds („Beiträg-e zur 
Psycholagie des Liebeslehens" «nd „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne 
Nervosität", G«s. Schriften, Bd. V) »ur Grtuidla^e, ohne sich mit ihnen im Gegen- 
stand der Betrachtung' zu decken, 

«• 



/' 



/ 



ao^ Die Funktion des Orgasmus 

der Summation individueller Verdrängungsleistungen hervorgegangen; 
diese können wir in der Analyse neurotischer Menschen genau studieren. 
IMe hehre Frau repräsentiert die Mutter, der vom Kinde keine Sexualität 
zugemutet werden kann; war sie es doch, die die lustvollen autoeroti- 
schen Betätigungen als schmutzig verhot. Viele Neurotiker zeigen daneben 
eiae tiefe Verachtung für die Frau; eines der Motive ist eine bitlere 
Enttäuschung, die das Kind erfahren mußte: Es konnte sich überzeugen, 
daß die Eltern, speziell die Mutter, ähnliches tun wie das, was ihm ver- 
boten wurde. Das Ganze wird verdrängt vmd es bleiben nur Zweifel an 
der Gerechtigkeit Gottes und der Menschen im allgemeinen, extreme 
Über- oder ünterschatzung der Frau, zwangsneurotische Religiosität oder 
forcierter Atheismus und last not hast die Unfähigkeit, die zärtliche und 
die sinnliche Strebung zu vereinigen, übrig. An den Sexualerlebnissen 
kann nur mehr die Hälfte der Persönlichkeit teilhaben ; das bringt stets 
eine Schwächimg der psychogenitalen Befriedigung mit sich samt allen 
ihren Folgen. Die sozial bedeutsamste ist unstreitig das Anschwellen der 
sadistisch-aggressiven Strebungen. 

Außer den irrationalen Motiven, die die doppelte Geschlechtsmoral 
begründeil, spielen bei der verschiedenen Auffassung des weiblichen und 
des männlichen außerehelichen Geschlechtsverkehrs (einschlieBlich des 
„Ehebruches ) auch rationale Motive eine wichtige Rolle.- Es sind Ge- 
fühle, die auf der tatsächlichen Unkultur und Widernatüriichkeit in den 
sexuellen Beziehungen der Geschlechter beruhen. Die herrschende Ge- 
schlechtsmoral erniedrigt zuerst- das sexuelle Empfindungsleben, im speziel- 
len den Geschlechtsakt, tmd beruft sich dann auf die Niedrigkeit der von 
ihr erniedrigten Sexualgefühle, wenn man ihre Forderungen für un- 
natürlich und gesundheitsschädlich erklärt/ 

So wird etwa die außereheliche Hingabe des Weibes gefühls gemäß 
auch von Vorurteilsfreieren anders gewertet als die des Mannes. Schon im 
Sprachgebrauch drückt sich der Unterschied aus : Die Frau hat sich „weg- 



l) Diese Geschlechtsmoral wuraelt iivar iji den Anschauung-en und Interessen 
der ökonomisok Gut^esteHten und der Feudalen, reicht aber weit über diese Kreise 
hinaus und Mülit besonders in den Kreisen der kleinen Beamten, Angestellten und 
Kleinbürger. Aber auch das städtische l^oletariat ist davon nicht frei und man 
kann he oh achten, daß sich die Proletarier in dem Maße die bürg-erliche Geschlechts- 
moral aneignen, als ihre Lebenshaltung sich der des Kleinhürg-ets angleicht. 



über die souale BeJeutwng der genitalen otrenungen 



i65 






geworfen", der Mann hat „die Frau besessen , Niemals „besitzt die Frau 
den Mann. Niemals „wirft" ein. Mann „sich weg". Das kommt daher, 
daß für das Gros der Männer der „Besitz" einer Frau eine Eroberung 
und der Besitz einer Verheirateten überdies einen Triumph über den 
„betrogenen" Gatten bedeutet. Es handelt sich also in erster Linie nicht um 
ein Sexualerlebnis, sondern um „Besitz", „Verlust", „Betrug", „Triumph", 
„Jlache". Dem bürgerlich Fühlenden ist es daher unvorstellbar, daß etwa | Jv (,V'^ 
der Gatte, der sich vorübergehend anderweitig gebunden fühlt, es dem * 'i/..„v(f''' 
andern vertrauensvoll mitteilt, | 

Es ist klar, daß unter solchen Bedingungen das orgastische Erleben 
zurücktreten muß hinter der Freude am Erobern, Betrügen, Heimlichtun 
nnd „Stehenlassen". Sowie die bürgerliche Moral die orgastische Potenz 
schwächt, so führt dies wieder zur Vorbildung der genitalen Objektliebe 
und festigt die doppelte Geschlechtsmoral, — Dem orgastisch potenten t 
Menschen ist der Akt weder ein Potenzbeweis, noch ein Akt der Er- i 
oberung, noch ein Racheakt gegen einen Dritten, sondern ein tendenz- I 
loses und notwendiges lustvolles Erleben. Hier „nimmt" das Weib ebenso 
wie es „gibt", in gleicher Weise wie der Mann, und die nicht frigide 
Frau hat aufgehört, lediglich Sexualwerkz«ug zu sein. Es ist ohneweiters 
klar, daß eine Bejahung der Genitalität die Erniedrigung des Sexual- 
lebens aufhebt. 

Was den biirgerlich Fühlenden in seinen Auf&ssungen der Sexualität, 
deren rationale Grundlagen ■ — das wollen wir nicht aus den Augen 
lassen — er selbst geschaffen hat, mit Recht bestärkt, ist die sexuelle 
Lüsternheit des bürgerlichen Durchschnittsmannes und der in unehrlichen 
Prinzipien erzogenen, sexualgehemmt«n bürgerlichen Frau. Diese Lüstern- 
heit ist ja selbst eine Folge der bürgerlichen Sexualmoral, weil diese in 
die natürlichen Geschlechtsbeziehungen jenen verderblichen Hauch von 
Niedrigkeit hineinträgt durch die Erklärung, der Geschlechtsakt sei etwas 
Schmutziges und Tierisches, was, gemischt mit dem starken, natürlichen f 
Sexualverlangen, eben Lüsternheit ergibt. 

Diese sozialpsychologischen Tatbestände werden durch eine merkwürdige 
l'atsache kompliziert, die uns in der biologischen Unterschiedlichkeit der ■' 
Geschlechter begründet erscheint-. Das Weib wird dem Manne, der sie 
zum Orgasmus gebracht hat, hörig, sie mag vorher noch so männlich j 
und emanzipiert gewesen sein; nach dem befriedigenden Sexualerlebnis 



/ 



^6€ Die Funktion des Orgasmus 

wünscht sie den starken, führenden Mann; ja, bei weniger intelligenten 
Frauen taucht ein eigenartiger Wille zur Unselbständigkeit und Sub- 
ordination auf. Beim gesunden Manne ist es anders ; der phallisch-aggressive 
Charaltter seiner Geschlechtlichkeit bewahrt ihn vor Hörigkeit. (Nur der 
unbefriedigte oder der feminine Mann kann einer Fiau hörig werden 
und wird von ihr dafür im geheimen verachtet.) 

Aus diesem biologischen Wechselspiel hat die herrschende Moral sexuelle 
Herrschsucht beim Manne, als Reaktion darauf Vennännlichung der Frau 
und orgastische Impotenz hei beiden Geschlechtem gemacht. Es steht 
außer Frage, daß die natürliche Reaktion des Weibes auf ihre Penis- 
losigkeit ganz hedeutend, vielleicht sogar ausschlaggebend verstärkt wird 
durch die in der doppelten Geschlechtsmoral begründete Geringschätzung 
der Frau. Das kleine Mädchen bekommt fortwährend ru hören, daß sie 
nicht so viel könne und dürfe wie der Bub, So entsteht ein Zirkel von 
Wirkungen: Der unsuhlimierte Penisstolz des bürgerlichen Durchschnitts- 
mannes führt zur Geringschätzung der Frau; diese wieder macht die 
Frau männlich, sexual^heu und frigid ; durch ihre Frigidität verliert sie 
als Sexual objekt an Wert, denn gerade die gefühllose Frau erweckt im 
Manne während des Aktes das Empfinden, bloß ein Werkzeug der Be- 
friedigung vor sich zu haben; dieses Empfinden stärkt seine naännliche 
Überhebung und die Geringschätzung der Frau, 

Die Anschauung, daß die Frau den Akt „erleide , daß er für sie etwas 
Erniedrigendes habe, läßt sich m^it der ^sadistischen Auffassung vom 
Koitus" allein nicht erklären, denn erstens geht diese auch dahin, daß 
die Frau dem Manne beim Akte etwas antut, zweitens findet man jene 
Anschauung auch bei solchen, die keine sadistische Auffassung des Ge- 
schlechtsaktes haben. Sie dürfte vielmehr in der allgemeinen Erniedrigung 
des Liebeslebens und in der sadistisch-herabsetzenden Art des Mannes 
der Frau gegenüber begründet sein. 



Man muß auch fragen, in welchem Zusammenhange die Gebräuche 
der akademischen Burschenschaft mit dem Geschlechtsleben des ein- 
zelnen Mitgliedes stehen. Und da ragen zwei Tatbestände hervor: eine 
zielgehemmte Homosexualität, die sich schon im männerbündleriscben 
Prinzip der Burschenschaft kundgibt, und ein weniger verhüllter Sadis- 



üLer die soziale Bedeutung der genitalen Otrebungen 167 

mas. Es ist ein großes Verdienst Blüh«rs,^ die durchgreife!! de Bedeu- 
tung der Homosexualität für die Konstituierung des Mäimerstaätes und 
der Männerbünde nachgewiesen zu haben, niiig man auch manche seiner 
wissenschaftlichen und weltanschaulichen Ansichten nicht teilen. Im 
besonderen hat B oehm^ nachgewiesen, daß der Verkehr mit Prostituierten 
der Befriedigung verdrängter Homosexualität dienen kann. Man verkehrt 
durch die Prostituierte auch mit allen anderen Männern. In der Tat 
pflegen Offiziere, Matrosen und Burschenschafter unter dem Drucke 
unerledigter Homosexualität mit Voiliebe in Gesellschaft das Bordell zu 
besuchen. Daß zwei oder mehrere Männer nacheinander mit einer Frau 
verkehren, ist in diesen Kreisen ebensoweit verbreitet wie die manifeste 
Homosexualität. Hieher gehört auch die meist ziel gehemmte innige Freund- 
schaft, die den „Bursch" mit seinem „Leibfuchs" verbindet. 

Man sieht es in der Analyse von Neurotikem immer wieder, daJÖ 
durch die Spaltung der genitalen Strebungen gleicherweise hei Mann 
und Frau die Homosexualität verstärkt und der Sadismus hervorgetrieben 
wird. Beim Burschenschafter werden beide in der Mensur und im Duell 
befriedigt. Die Freude an „Keilereien sowie die überscharfe Trennung 
von Freund und Feind sind ihre charakteristischen Erscheinungsweisen. 
Bei manchen Patienten, die unaufhörlich gegen ihre Homosexualität 
anzukämpfen haben, z, B. bei Erythrophoben, bricht diese Triebregnng 
in Träumen unter dem Bilde eines Kampfes mit Messern, Säbeln, Re- 
volvern durch. Diese Darstellung trägt ebenso der Abwehr der Trieb- 
regung wie der Befriedigung Rechnung. Man imjß, nimmt man die 
Gesamthaltung des Burschenschafters hinzu, die Mensur unter Freunden 
als den sadistischen Ersatz einer mutu eilen Masturbation auffassen; sie 
schließt gleichzeitig die Bestrafung der Tat in sich. Das Bestreben, recht 
viele Mensurnarben aufzuweisen, imd die Tatsache, daß junge „Füchse" und 
hervorragende Schläger sich schämen, wenn sie keine Duellnarben haben, 
läßt nur die eine Deutung zur daß es sich um Selbstbestrafungstendenzen 
handelt, die im Duell befriedigt werden. Ein zweites Motiv ist die Kom- 
pensation von Minderwertigkeitsgefühlen, ein demonstratives Zur-Schau- 
Tragen der Tapferkeit. 



1) Die Rolle der Erotik in der männHclien Gesellschaft, Jena 1519, 

a) Beiträge zur Psychologie der Homosexualität (Int. Ztscbr. f. PsA. TUI, 1922). 



/ 



/ 



I 



l(»8 Die Funktion des Orgasmus 

Wir müssen annehmen, daß etenso wie beim Individuum auch in 
der Masse die Verbildung der Liebesfähigkeit bei der Entfaltung der 
Grausamkeit hervorragend beteiligt ist. Die Brutalität des Weltkrieges 
(und vielleicht er selbst) wäre unmöglich gewesen, hätte nicht das Macht- 
hedürfiiis einiger weniger Führer den Anschluß an die latente Grausam- 
keit des Einzelnen gefunden. In einem Aufsatze: „Zeitgemäßes über 
Krieg und Tod", ^ der leider gerade in Kreisen, die er am meisten inter- 
essieren sollte, wenig Beachtung gefunden hat, vermochte Freud die 
KriegsbegeisteruDf zu erklären : Der Krieg bedeutete eine kollektive Auf- 
hebung der Verdrängungen, insbesondere der grausamen Antriebe, mit 
Erlaubnis einer idealisierten Vaterimago, des Kaisers, Man durfte endlich 
ohne Schuldgefühl morden. Man konnte nun während des Krieges die 
Beobachtung machen, daß diejenigen, welche starke heterosexuelle Bin- 
dungen oder vollwertige Sublimierungen aufwiesen, den Krieg ablehnten ; 
dagegen waren diejenigen die brutalsten Draufgänger, die das Weib als 
Klosett betrachteten und latent oder manifest homosexuell waren. Auch 
der sadistische Psychopath und der dissoüale Charakter bewährten sich 
gut im Sinne der Kriegs! deologie. Jeder, der den Krieg mitgemacht hat, 
weiß, welche Rolle die beiden Attribute verbildeter Genitalität, die anale 
Zote und das anale Schimpfwort, im Kasino, in der Kaverne, auf dem 
Exerzierplatz und in der Offiziersmesse spielten. Gespräche über Huren 
tmd Koitus bildeten fast ausschließlich das Thema der Unterhaltungen. 
Wer die militärischen Kraftausdrücke für die genitalen Funktionen kennt, 
wird uns gewiß nicht die Berechtigung absprechen, eine kollektive Re- 
gression zum Analen und Sadistischen anzunehmen; sie griff im Kriege 
weiter um sich, aber der Kasernenton der Vorkriegszeit bezeugte eindeutig 
die Krankhaftigkeit der genitalen Konstellation der Massen und ihrer 
Führer, 

Es gilt allgemein der Satz, daß, wo Macht und Gewalt herrschen, 
die Liebe keinen Platz finde. Das ist gewiß richtig, doch nicht alles. 
Denn es erhebt die Tatsache in der Neurosenlehre wie in der Soziologie 
Anspruch, beachtet zuMverden; wenn die genitale Obiektliebe nicht 
einheitlich zur Wirkung kommen konnte, entfalten sich Macht- 
bedürfnis und Brutalität über das biologisch und soziologisch not- 

t) Ges. Schriften, Bd. X. 



über die soziale Bedeutung der genitalen iStrebungen 169 

wendige Maß hinaas/ Ja, wir dürfen auf Grund der klinischen Erfahrungen 
über die Einflüsse, die von gehemmter Liebe auf die Bereitschaft zu 
hassen ausgeübt werden, behaupten, daß auch hei den wenigen Führern, 
die die Entscheidung über Krieg und Frieden hatten, nicht das Macht- 
bedürftiis allein und nicht in erster Linie wirkte. Wohl war es der un- 
mittelbare Motor und addierte sich zur sozial-ökonomischen Machtfrage 
hinzu. Aber sollten denn die sexuelle Gebundenheit und die Einschränkung 
der freien Objektwahl fanz ohne Einfluß auf die Mentalität des Ein- 
zelnen geblieben sein? Sie waren nirgends so kraß und streng wie 
in den Kreisen der Dynastie, des Geburts- und des Geldadels. Klassen- 
Torurteile, Standesbewußtsein, angeblich auch Staatsinteressen forderten 
die Hintan Stellung der individuellen Sexualbedürftiisse hinter die Inter- 
essen der eigenen Klasse. Gatten wähl und Ehe waren durchwegs, und 
je näher dem regierenden Oberhaupt desto betonter, Angelegenheit der 
Politik. Diese Versagungen, welche Wirkungen sozialer Einflüsse waren, 
konnten nicht ohne Folgen bleiben. Mochte es auch das Standesbewußt- 
sein des Einzelnen gebieten, den Zwang in der Gatten wähl und das 
Verbot der Mesalliance ohne offenen Protest hinzunehmen ; das Ünbewußt- 
Tnfantile mußte revoltieren. Und wenn der Panier der höfischen Gesittung 
revolutionäre Ausbrüche im eigenen Heime nicht zuließ, in den sexuellen 
„Skandalaffaren" und im Kriegssadismus konnten sie sich Luft schaffen. 
Wirtschaftliche Interessen brachten es also mit sich, daß zu den indi- 
viduell bedingten GenitaJhemmungen äußere Einschränkungen hinzu- 
kamen. Von solchen wirtschaftlichen Einschränkungen der Genitalität 
ist das Proletariat nicht beschwert, und da auch der Druck der kulturellen 
Ansprüche ein niedrigerer ist als in den besitzenden Klassen, treten die 
Neurosen, im Verhältnis zur Zahl der Individuen, weniger hervor und 
die Genitalität ist um so ungebundener, je schlechter die materiellen 
Lebensbedingungen sind. Man wird des großen Unterschiedes erst ge- 
wahr, wenn man Kranke aus den ärmsten Schichten des Proletariats 
analysiert. Der weit geringere Verdrängungsdruck in der Kindheit, Ver- 
wahrlosung, sexuelle Frühreife im ^wahrsten Sinne des Wortes, brutale 
Versagungen und ähnliches mehr sind die Attribute proletarischer Not. 

1) Ohne auf diese Pitige einzugehen, bemerkte Bathenau in „Von kommenden 
Bingen", „daB seltsame Zusammenhänge zwischen Machtgier und schwacher Männ- 
lichkeit zu finden sind." i^Gesamtaiisgabe, Bd. III, S. 185). 



/ 



17° Dit^ iunktioti tlcs Orgasmus 



/ 



Nun kommt die Brutalität in den armen Schichten des Proletariats 
in Form von Totschlag, Messerstecherei, Alkoholexzessen usw. gewiß 
reichlich zum Vorschein. Wie vferhält sich diese Tatsache zu der seiner 
j relativ ungebimdenen Genitalität? Dazu ist vor allem zu bemerken, daß 
I die Erscheinungen der Brutalität in der Masse in keinem, nennenswerten 
I } Verhältnis zur Zahl der Individuen stehen. Zieht man den größeren 
l oder geringeren Mangel wirksamer kultureller Hemmungen, die prole- 
^ tarische Not und den Zvrang zur schweren Arbeit in Betracht, so muß 
I man sich vielmehr fragen, warum denn die Brutalität der IVIassen so 
/ wenig zum Vorschein kommt. Die Soziologie konnte das Problem, daß 
f sich Massen von Einzelnen niederzwingen lassen, nicht lösen. Unter den 
. Lebensbedingungen, denen die Massen bis vor wenigen Jahren unter- 
' worfen waren (und vielfach noch heute sind), hätte es zu chaotischen 
' Kevolten kommen müssen, wenn die Individuen der Masse denselben 
f sexuellen Einschränkungen unterworfen gewesen wären wie die der 
j * herrschenden Klasse. Die relative psychische Zahmheit der Masse, die 
[ auch dem einsichtigen Kapitalisten unbegreiflich erscheinen muß, ist 
I unter anderem auch aufs Konto der relativ ungebundenen Genitalität 
zu setzen, weil deren Befriedigung den sadistischen Antrieben Energien 
I entüeht. Allerdings, wenn die Brutalität im einzelnen aus der Masse 
erwacht, so ist sie viel ursprünglicher, unbedachter, als die der besitzenden 
Klassen, weil die Passade der verschleiernden Ktdtiviertheit fehlt. Sie 
j ist infantil im Gegensatz zur gut maskierten, dafür auch unbarmherägeren 
, und relativ weiter verbreiteten Brutalität der ökonomisch besser Gestellten. 
Gewiß; diese Brutalität ist leicht zu begreifen als Mittel zum Schutze 
des Besitzes ; doch wäre es sehr wichtig, der Frage nachzugehen, ob die 
/ ökonomische Übermacht dieser Minderzahl erst möglich wurde durch ihre 
Brutalität, die durch Separation und Einschränkung der sexuellen Freiheit 
innerhalb und außerhalb des Kreises gefördert wurde, Oder verhält es sich 
umgekehrt? War die Ökonomische Machtstellung Einzelner auf Grund 
rein äußerer Bedingungen, wie die marxistische Lehre behauptet, zuerst 
da? Hat sie erst sekundär, um den Besitz zu schützen, \mter anderem 
durch Einschränkung der genitalen Freiheit zur Separation der Besitzenden 
und dadurch zur Entwicklung der besitzerhaltenden Brutalität geführt? 

Wir meinen, daß die Soziologie mit Hilfe der Theorie vom Unbe- 
wußten und an Hand der analytischen Sexualpsychologie wichtige Fragen 



Üter die soziale BeJeutung der genitalen otreliungen 171 

lösen können wird, die ihr ohne diese Hilfsmittel verschlossen bleiben 
müssen. Unser gewiß sehr lückenhafter Versuch sollte nichts Endgültiges 
ermitteln ; er bedeutet bloß eine Anregung auf Grund einiger Analogien 

in der seelischen Dynamik des neurotischen Menschen und der der 
Masse, die sich ja aus Individuen zusammensetzt. 

b/ Die Folgen der Spaltung der Geschlecktltchkeit für die Ehe 

Ein wichtiger Umstand im vorehelichen Geschlechtsleben des Mannes 
spielt in der Ehe eine verhängnisvolle Rolle, Es ist bekannt, daß Pro- 
stituierte entweder total frigid oder nur bei ihren Geliebten, den soge- 
nannten Zuhältern, orgastisch potent sind. Jüngere Prostituierte pflegen 
gelegentlich den Orgasmus vorzutäuschen; auf den erfahreneren Mann 
macht das aber bald keinen Eindruck mehr, ja es kann sogar ekelerregend 
wirken. Er versinkt sehr bald in Apathie gegen die Frau und der 
Geschlechtsakt sinkt zu einem autoerotischen, onanisti sehen Akt herab, 
der nicht mehr durch das Weib, sondern ntii mehr durch Phantasien 
angeregt wird. Die Einstellung zur Frau im allgemeinen, die sich daraus 
ergibt, ist am besten durch Aussprüche za kennzeichnen, die in Offiziers- 
und Studentenkreisen oft zu hören sind: „Loch ist Loch", „In der 
Nacht sind alle Kühe schwarz" u. ä. m. Manche Männer versuchen für 
die Lust, die aus der Mitlust der Partnerin erfließen sollte, Ersatz in 
diversen, unter solchen Bedingungen wenig befriedigenden Koitusvaria- i 

tionen zu finden. / 

Sehr bezeichnend ist die Tatsache, daß viele Männer und Frauen gar 
nicht wissen, daß es einen Orgasmus bei der Frau gibt, ja, viele halten 
ihn für schimpflich, IHe Geringschätzung der Frau und die Apathie, 
die am „analen und onanistischen Verkehr mit bezadilten Frauen er- 
worben wurden, bringen es mit sich, daß solche Männer nach dem Akte, 
sehr oft auch schon während der Ejakulation, Ekel empfinden, DieseReaktion 
wird dann in der Ehe nur schwer überwunden. Die genitale Sinnlichkeit 
ist derart anal belastet, daß sie den Anschluß an die zärtliche Strebung 
nicht finden kann. Der Verkehr mit der zärtlich geliebten Frau, voraus- f 
gesetzt, daß die zärtliche Liebe noch aufgebracht werden kann, wird 
bewußt oder unbewußt als ein Beschmutzen der Frau aufgefaßt. Erlischt 
die zärtliche Strebimg, so wird der Akt zu einer lästigen Pflicht und 



Ba 



17* Die Funktion des Orgasmus 

bleibt nur mehr ein Entleerungsvorgang. Erlischt sie tiicht, so besteht 
für den Mann die Gefahr, an fakultativer oder totaler Impotenz zu er- 
kranken. Darunter leidet natürlich die Genitalität der Frau, die sie bis 

zur Verheiratung unterdrücken mnßte, und es bedarf gerade in der ersten 
Zeit der geschlechtlichen Beziehungen großen l'aktes und Verständnisses 
von Seiten des Mannes, damit ihre Sexualscheu weiche. Solche Inter- 
essen an der Befriedigung der Frau hat er aber nicht erworben, oder 
er würde an die Vorspiegelung sexueller Erregung durch die Prostituierte 
erinnert, wenn seine Gattin ihrer Erregung freien Lauf ließe. So muß 
die soziale Spaltung der Geschlechtlichkeit, die sich im Kontrast: Ehe — 
Prostitution, ausdrückt, als eine der wesentlichsten Ursachen der bleibenden 
Frigidität von Frauen angesehen werden, die nicht besonders neurotisch 
disponiert sind. Das mangelnde Interesse an der Befriedigung der Frau 
hat frühzeitige Ejakulation und Erschlaffung des Gliedes zur Folge; Der 
Mann strebt der Endbefriedigung zti, ohne sich der Frau anzupassen, die 
besonders im Beginne der Ehe nur schwer oder gar nicht zum Orgasmus 
kommt. Das gibt dann für die Frau den Anlaß ab, regressiv alte Phan- 
tasien neu zu beleben, und legt so den Grund zur psychoneurotischen 
Erkrankung. Bei der Heilung frigider Frauen begegnet man dieser sozial 
bedingten Form der frühzeitigen Ejakulation des Mannes als letztem, 
aber unüberwindlichem Hindernis. Die Genitalität der Frau wurde durch 
die Analyse frei, kann sich aber nicht entfalten, weil der Gatte nicht 
genügend potent ist, d. h. die Spaltung seiner Sexualstrebung nicht über- 
wunden hat; er verhält sich weiter egoistisch wie früher bei der Pro- 
stituierten oder beim bezahlten Verhältnis. 

In anderen Fällen fehlt dem Manne in der Ehe die Möglichkeit, die 
früher geübten Variationen des Aktes auszuführen oder extragenitale 
Befriedigungen zu erzielen, weil er seiner Gattin „derartigen Dirnen- 
brauch" nicht zumutet und sie viel zu gehemmt ist, um selbst aktiv 
zu sein; jede extragenitale Geschlechtlichkeit ist mit der Idee „ver- 
kommene Dirne assoziiert. Nun zeigt aber die Analyse verheirateter 
Frauen, — und die Kenntnis der Sexualentwicklung überhaupt läßt eine 
andere Annahme nicht zu, — daß die prägenitalen Triebkräfte, soweit 
sie nicht sublimiert wurden, individuell verschieden ausgeprägt Befrie- 
digung in den Vorlustakten beanspruchen. Die Zurückweisung jeder 
nichtgenitalen Befriedigung beruht somit auf Verdrängung, Auch dem 



übet die «oiiale Bedeutung der genitalen, otrebungen 1^3 

Manne, der seine unsublimierten prägenitalen Bedürfnisse unter drückt, 
droht nevirotische Erkrankung; immer aber führen solche Einschrän- 
kungen zu einer Gereiztheit in der Ehe, deren eigentliche Motive ge- 
wöhnlich unbewußt bleiben oder verdrängt werden. Befriedigt der Mann, 
indem er seine Sexualität wieder spaltet, seine Genitalität in dem von 
der Gesellschaft gebilligten ehelichen Akt und seine prägenitalen Be- 
dürfnisse auBerhaib der Ehe, so können die Folgen für die Ehe nicht 
minder nachteilig sein. 

Die Hemmungen oder Aufteilungen der Bedürfnisse bedingen eine 
zunehmende Abstumpfung der geschlechtlichen Anziehung, die orgastische 
Entladung büßt immer mehr an Intensität ein; Phantasien, die den 
unerledigten Antrieben entstammen, drängen sich während des A^tes 
störend vor und schließlich schwillt die Aggressivität an, die sich vor 
allem gegen den vermeintlich schuldigen Ehegatten richtet. Die polygamen 
Wünsche, die sich demzufolge ebenfalls einzustellen pflegen, bedingen 
überdies bei moralisch gehemmten Gatten ein Schuldgefühl, das den 
Haß nur noch verstärkt. Wenn sich dem Manne in seinem Berufe keine 
Möglichkeit bietet, das Unterdrückte zu sublimieren, oder ist seine Sub- 
limierungsfähigkeit eine geringe, so holt er seine Homosexualität hervor 
und wird Spieler oder Trinker, 

Der Frau steht nur der Weg zur Neurose offen, wenn sie libidostark 
und triebgehemmt ist. Die Enttäuschung, die sie am Manne erMiren 
hat, braucht nicht immer bewußt zu werden; je stärker die Ver- 
drängung ist, desto sicherer wird die Befriedigung in Phantasien ge- 
sucht vverden ; es muß 7,u Regressionen und zur Libidostauung kommen. 
Oder die Sehnsucht nach der Befriedigung kommt als Verbittertmg 
und Streitsucht zum Vorschein. Darüber wird die Stärke der morali- 
schen Hemmung entscheiden. Manche schlechte Ehe beruht darauf, daß 
sich die Gatten genital (im engeren und weiteren Sinne) nicht finden 
konnten, und der eheliche Kampf ist dann nichts anderes als eine ver- 
kappte Neurose. 

Der frigiden Frau ist der Akt immer lästig und erscheint ihr brutal. 
Er wird für sie und den Gatten, der ihren Abscheu ~ mit Recht — 
auf sich bezieht, zu einer lästigen Pflicht, In solchem Falle kann auch 
keine Sublimierung helfen, ■weH die Zerrissenheit des Geschlechtslebens 
auch die schon bestehenden Sublimierungen zersetzend angreift. Manche 



1 74 T)ie^ Funktion tles Otgasmiis 

Aibeiuunfähjgkeit ist so zustande gekommen. Es bleiiht dann nur mehr 
die Wahl zwischen fTeurose und ehelicher Untreue. 

Unter hestimmten Bedingungen können Kinderreichtum und große 
materielle Not einen Ausweg aus der Schwierigkeit bieten, indem sie 
psychische Energien absorbieren, die sonst zur Bildung einer Neurose 
herangezogen worden wären. Speziell die Frau vermag bis zu einem 
gewissen Grade in den Kindern einen Ersatz für die ausgebliebene Seiual- 
befriedigung za. finden. Es wäre gewiß fruchtlos, etwa im Dienste einer 
religiösen oder weltanschaulichen Idee die Sexual befriedjgung durch Arbeit 
oder Kinderreichtum restlos ersetzen zu wollen; unter bestimmten 
Bedingungen, die zur Neurosenbildung gehören, wird trotz der Not, des 
äußeren Zwanges zur Arbeit und des Kinderreichtums eine Neurose 
entstehen. 

Ohne das wirtschaftliche Moment zu unterschätzen, möchten wir 
hervorheben, daß die inneren Konflikte auch die Kraft schwächen, die 
nötig ist, um sich in der rauhen Realität durchzusetzen. Die innere 
Zerrüttung summiert sich zu den äußeren Schwierigkeiten hinzu und 
beide verstärken einander wechselseitig. Sozial- und Bevölkerungspolitiker 
pflegen den subjektiven Anteil an der sozialen Not zu übersehen oder 
ihn nur insoweit in Betracht zu ziehen, als er sich aus den äußeren 
Schwierigkeiten ableiten läßt. Durch. Analyse Einzelner kann man sich 
dagegen überzeugen, daß neurotische Menschen die gegebenen Hinder- 
nisse ins Maßlose zu steigern imstande sind. Wer diese innere Bereit- 
schaft, die wirtschaftliche Not als einen Ausweg aus den inneren Konflikten 
zu akzeptieren und zu steigern, kennen gelernt hat, kann an eine 
durchgreifende Lösung der sozialen Probleme mit den üblichen Mitteln 
allein nicht glauben. In sozial-ökonomischer Hinsicht stehen diese ver- 
kappten Neurosen, was den Schaden für die Volksgesundheit anbelangt, 
etwa der Tuberkulose in keiner Weise nach. Davon überzeugt man sich 
im Getriebe eines psychoanalytischen Ambulatoriums für Mittellose sehr 
bald. Das hätten auch die maßgebenden yersönlichkeiten in der sozialen 
Fürsorge längst entdeckt, wären sie nicht einseitig in dem Irrglauben 
befangen, daß die Neurosen — wie angeblich alles Ideelle — nur ein 
„Überbau" ökonomischer Verhältnisse seien. 



Dbcr die soaiale Bedeutung der geiiitalen Strebungen -ijB 

Die Ehe ist einer der vielen Punkte, an dem sich die sozialen Probleme 
schneiden; und gerade sie wird offiziell nicht als das angesehen, was 
sie wirklich ist; als eine sexuelle Gemeinschaft, deren Grundlage in 
erster Linie die genitale Objekitiebe sein muß; man denkt gern daran 
vorbei und faßt sie nur als wirtschaftliche Einheit oder als Fortpflanzungs- 
institution auf. Nun werden aber die wenigsten Ehen aus wirtschaftlichen 
Motiven oder zum Zwecke der Fortpflanzung geschlossen; Ehe bedeutet 
imter den heutigen Bedingungen nur Einschränkung und bringt die 
Gefahr der wirtschaftlichen Not mit sich. Es ist unpsychologisch an- 
zunehmen, daß jene objektiven Ziele der Ehe jemals ein subjektives 
Motiv der Eheschließung oder -erhaltung sein oder werden könnten. 
Wenn trotz wirtschaftlicher und persönlicher Einschränkung, ja trotz 
der Gefahr der Not Ehen geschlossen werden, so geschieht es, weil 
mächtige individuelle Bedür&isse, in erster Linie sexuelle, es fordern. 
freudfiät einmal die seimelle Lust als Prämie aufgefoi3t, die die Natur i 
dem Einzelnen für die Erhaltung der Art auszahlt. Die Kultur mit ihrem 
Zwange zur Verdrängung und ihr Attribut, die wirtschaftliche Not, haben 
zuwege gebracht, daß ein ganz beträchtlicher Teil der MenscJiheit, ins- 
besondere der weiblichen, um die Lustprämie betrogen wird. Zumeist 
ist es HUT mehr die Hoffnung, die Lustprämie zu erhalten, oder bei 
der Frau die geringe Aussicht, aBeiii wirtschaftlich zu bestehen, die die , 
Fortpflanzung sichern. 

Gewiß ist die biologische Fortpflanzungstendenz als Kindeswunsch, ; 
beim Weibe aus individuellen Gründen bedeutend ausgesprochener als 
beim Manne, auch psychisch repräsentiert. Doch geht der Sexualwunsch 
in der individuellen Entwicklung dem Kindes wünsch immer voraus. 
Man denke bloß an die Pubertät. Die Versagung der Sexnalbefriedigung 
hemmt auch den Kindes wünsch. Nur bei Frauen überdeckt gelegentlich 
der Kindeswunsch den Sexualwunsch. Die Analyse weist in solchen Fällen 
nach, daß eine neurotische Hemmung der genitalen Antriebe besteht; 
solche Frauen fürchten unbewußt den Geschlechtsakt oder sie haben 
schwere Enttäuschungen am Manne erlebt und wünschen nun ein Kind 
auf partheno genetischem Wege (H. Deutsch). Die kinderreiche frigide- 
Frau hat, auch wenn sie die beste Mutter ist, die Kinder ursprünglich 
gar nicht oder nicht in erster Linie gewollt. Erst als sie da waren, er- 
setzten sie die Sexualbefriedigung durch Absorption libidinöser Energien,. 



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»7^ Die Funktion des Orgasmus 

d. h. durch die Arbeit, zu der sie verpflichteten. In der Analpe kommt 

die Auflehnung gegen die mütterlichen Pflichten und gegen den Verzicht, 

der zu leisten war, sehr bald zum Vorschein. ^ 
I In Telatir guten Ehen pflegt sich der Wunsch nach einem Kinde 
. erst einzustellen, wenn eine gewisse Sättigung der genitalen Ansprüche 

platzgegriffen hat. 
' Es besteht die Ansicht, daß die EJie erst durch das Kind gefestigt 
f werde. Das trüTt nur unter bestimmten Voraussetzungen zu. Eine der 
' bedeutsamsten ist die psychogenitale Harmonie der Eltern , Wenn sie nicht 

zustande kommt, werden die Kinder im Gegenteile zu einer neuen Quelle 

/ehelichen Verdrusses und zu einem drückenden Band, dessen Lösung nur 
wirtschaftlich sehr gut Gestellten möglich ist. Sind mehrere Kinder da, 
so ergießt sich auf sie die ganze in der Ehe ungesättigte Liebe; von den 
Eltern wird je nach Geschlecht Partei genommen und jeder Gatte spielt 
. seine Lieblinge gegen die des anderen aus. Das muß die nachteiligsten 
/ Folgen für die seelische Entwicklung der Kinder haben, die teils unter- 
einander, teils mit den Eltern in schwere Konflikte geraten. Manche 
„multiple Persönlichkeit*', die Freud auf konträre, miteinander unver- 
einbare Identifizierungen zurückführt, entstammt solcher Ehe. 

cj Zur Frage der M.b^tumpfung dei (renitalitäf in der monogamen Ehe 

IKe herrschende Sexualmoral fordert die monogame Geschlechtsheziehung 
in der Ehe. Es ist nicht unsere Aufgabe zu entscheiden, ob sie darin 
Recht hat oder nicht. Ethische Forderungen lassen sich nicht beweisen; 
sie sind, da sie auf Wertungen beruhen, der Wissenschaft, die nur be- 
schreibt und erklärt, nicht zugänglich. Diese kann bloß entweder die 
Forderung selbst, beziehungsweise die Motive des Fordernden, zum Gegen- 
stäiid der Untersuchimg machen oder die Hesultate prüfen, die sich bei 
Befolgung oder Nie htbe folgung des moralischen Gesetzes einstellen. Die 
Moral sah zu verschiedenen Zeiten verschieden aus und pflegt auch unter 
Zeitgenossen konträre Forderungen zu stellen, die von den Gegnern mit 
gleicher Leidenschaft und Überzeugung verteidigt werden. Die Wissen- 

i) Baliac hat in „Zwei fYauen" diesen Konflikt der Mutter mit imübertreff- 
licher Klariieit gescbildert. 



üter die sosiale Bedeutiing der genitalen iSttebungen x-ij 

Schaft pflegt trotz der oft betonten Amoralität an der Grenze der Sexualität, 
sicher nicht zum Vorteil der Objektivität ihter üntersuchtängsergebaisse, / / 
moralisch zu werden. ^ 

Manche Selbstverständlichkeiten müssen wiederholt betont werden, 
solange ernste und einflußreiche Sexuologen, wie etwa Für bringer, in 
wissenschaftlichen Abhandlungen moralisch entrüstet schreiben ; „ Wenn mit 
bemerienswerter Häufigkeit ohne zwingende Gründe (Fettsucht, Schwanger- 
schaft, Unterleibsleiden) abnoinae Stellungen — Ruckenlage des Mannes, 
Seitenlage, Koitus cum lucore inversa., Stehen, Sitzen, Knieellenbogeiilage — ■ 
gewählt werden, so soll sich der Arzt vor der Geneigtheit hüten, sie durch- 
i^egs als harmlose, vorübergehende Unarten (!) aufzufassen. Oft genug 
verbergen sich hinter ihnen Ausgeburten raffinierten Sinnenkitzels und 
zynischer (l ?) Phantasie. ^ Von hier zur gesetzlichen Vorschreibung der ^' 
„normalen" Koituslage ist nur ein Schritt. ' 

Sehen wir von dem, was die Moral sagt, ab und betrachten wir die 
Tatsachen. 

Jahrelange Monogamie bringt eine Abstumpfung der genitalen An- ^ 
Ziehung mit sich, die nur selten in stille Resignation ausläuft; viel 
häufiger führt sie zu schweren Konflikten in der Ehe. Diese Kernfrage 
der ehelichen Geschlechtlichkeit war von jeher ebensowohl Gegenstand 
des Witzes und der 2x>te, wie sie Geister von der Bedeutung eines Balzac 
oder Strindberg dauernd beschäftigt hat. Nur die Wissenschaft versteht / 
es, sich diesen Fragen zu entziehen. , ' 

Die Gatten entdecken Fehler aneinander, die sie &üher nicht sahen 
oder nicht beachteten, sie „verstehen einander nicht mehr, gleichgültig 
ob die Persönlichkeit sich verändert hat oder nicht. Sie kennen in den 
seltensten Fällen die eigentlichen Gründe oder sie erblicken in der 

i) In Marcuses HancIwörtErbucli der Sexualwissenscliaft, Sk 578. — Worauf 
man gefaßt sein muß, wenn man in diesen Dingen die Wahrheit sieht und aus- 
spricht, leigte sich in Form einer Anmeikung, die die Schriftleitung der Münchner 
Medizinischen Wochenschrift (NoTemher 1926) dem lohenden Referat üher das 
mutige Buch Yon Vau der Velde: Die vollkommenie Ehe (Konegen -Verlag 
igaB, Ref. Nasa auch) anfügte: „Es wäre unseres Erachtens heaser gewesen, das 
Bucli auf Äritekieise zu beschränken; in der Hand von Laien kann es schädlich 
wirken. Gewisse ,Variationeii', die hier beschiiehen und empfohlen werden, 
brauchen in die deutsche Ehe keinen Eingang in finden (!)." — Auf 
dieses Buch konnte hier leider nicht mehr Rücksicht genommen werden, weil es 
nach AbachlaS des Manuskripts erschien. 

ReIcIi; Die Funktion des Orgasmus. 13 



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178 Die Funktion. Jes Orgasmus 

sexuellen Abstumpfvmg eine Folge der Disharmonie. Das Gegenteil 
trifft zu ; Die Herabsetzung der geschlechtlichen Anziehung steigert Eigen- 
schaften, die zur Zeit der genitalen Haunonie zurücktraten. 

Nehmen wir den günstigsten Fall vor: Die Ehegatten sind körperlich 
und seelisch annähernd gesund, die Anforderungen der wirtschaftlichen 
Schwierigkeiten sind nicht an sie herangetreten, der Gatte war imstande, 
die wirtschaftlich und sozial bedingte Spaltung der Liebe rückgängig zu 
machen. Für die unberührte Frau bedeatet nun die Defloration immer 
einen Schock (neuerliche Kastration)/ den sie nur unter günstigen Be- 
dingungen überwinden kann. Verliert sie ihre Frigidität nicht sehr bald, 
so entwickelt sich Haß gegen den Gatten. Eine begreifliche, aber vom 
ärztlichen Standpunkt nicht zu. rechtfertigende Scheu, sowie die Furcht, 
in den Ruf eines Fomographen zu kommen, haben es verhindert, daß 
au die Psychologie der Hochzeitsnacht herangetreten wurde. Ernste Schrift- 
steller haben behaiiptet und die Psycho an alj'^se Verheirateter beweist, daß 
sich das spätere eheliche Glück oder das Eheunglück letzten Endes auf 
die Erlebnisse beim ersten geschlechtlichen Beisammensein zurückführen 
lassen. Daß es die Bezeichnung „Flitterwochen" für die ersten Wochen 
der Ehe gibt, sagt bereits, daß die, die ihn geschaffen haben oder gern 
verwenden, die Abstumpfung erfahren haben und das Scheinhafte an den 
ersten Eheerlebnissen hervorheben wollen, die nur vom Standpunkt der 
späteren Stumpfheit schön erscheinen. In Wirklichkeit wirken sie schock- 
aitig und werden entweder bewuBt mit Enttäuschung erlebt oder verdrängt 
und durch übertriebene, kurzlebige Illusionen dem Bewußtsein fern- 
gehalten. Die Frau steht einem neuen Erlebnis, das seit der Kindheit 
tabu war, angstvoll gegenüber. Wo Angst herrscht, gibt es kein lust- 
volles Erleben. Auch der Mann steht vor einer neuen Tatsache, wenn 
er vorher seine Liebesstrebungen hatte spalten müssen, und muß viel 
Takt und Feingefühl aufbringen, um seine Sinnlichkeit der Situation an- 
zupassen und keine Unvorsichtigkeit zu begehen. Ein lu st voll-harmonisches 
Erleben kann also nicht zustande kommen. Was vielen Männern die Er- 
lebnisse der ersten Zeit schön erscheinen läßt, ist die Neuheit des Erleb- 
nisses, der umstand, zum ersten Male eine Frau der eigenen Klässe zu 
„besitzen", die bisher verboten war. 

1) Vgl. hieiu Freud: „Tabu der Virginität.** Ges. Schriften, Bd. V. 



üter die aosiale Bedeutung der genitalen otrctungen 17a 

Die Frau, die wirtschaftlich und sozial schlechter gestellten Kreisen 
entstammt, muß ebenso angstvoll reagieren, wenn sie unberührt in die 
Ehe tritt. Der Mann ihrer Klasse hat vielleicht nicht die Spaltung der 
liebesstrebungen, verfügt aber durchschnittlich nicht über das Maß an 
fernerer Sinnlichkeit, das nötig ist, damit die Defloration nicht schock- 
artig wirke. 

Die Aufklärung der Ehegatten über die Schwieiigkeiten, sich körper- 
lich und seelisch anzupassen, müßte in den Eheberatungsstellen an erste 
Stelle gerückt werden. Die Untersuchung des körperlichen Gesundheits- 
zustandes macht nur einen Teil der Attfgabe aus. Die Aufklärung allein, 
daß die genitale Harmonie sich erst einstellen kann, wenn die sexuellen 
Rhythmen beider sich aufeinander abgestimmt haben, kann schwere Ent- 
täuschungen ersparen. Der Mann müßte wissen, daß die Frau im Anfang ) 
gewöhnlich frigid ist und ihre Frigidität sich von selbst verliert, wenn 
sie im Kern gesund und er nicht ungeschickt ist; bei neurotischen Frauen I 
wird wohl nur eine Psychoanalyse die Schmerigkeiten beseitigen können. 1 
Seitdem es psychoanalytische Ambulatorien für Mittellose gibt, können ' 
auch Ärmste spezialärztliche analytische Beratung und Behandlung ge- | 
nießen. Man darf die sexuellen Ansprüche der proletarischen Menschen ' 
nicht unterschätzen. In der Analyse neurotischer Arbeiterfrauen hört naan ' 
häuGg, sie hätten Vorwürfe zu hören bekommen, daß sie kalt wären. 
Von. diesen elementaren Schwierigkeiten auch der proletarischen Ehe / 
erfahrt weder der in somatischen Vorurteilen befangene Arm.eiiarzt, noch / 
der in psychologischen Fragen unkundige oder befangene Eheberater 
etwas. ^ / 

1) Hier nur ein Beispiel: In der D, M.W. Nr. 47, 192S, berichtet Schwalbe 
über die E hell eratung's st eile in Berlin vom Bezirksamt Pens lau Berg- (in „Gestuid- 
heitliche Beratung vor der EieschlieBung"). Im authentischen Bericht heißt es, 
daß n&ch einem Formular untersucht werden: Größe, Gewicht, Brustumfang, 
Habitus, Urin, Menstruation, Fettpolster, Muskulatur, Schleimhäute, Knochenhau, 
Sinnesorgane, Augen, Ohren, Lunge, Hen, Blutdruck, GefäStonus, Hb-Gehalt, 
Geschlechtsorgane; besonders hervorzuhebende Befunde: Leistenbruch, Leistea- 
boden, Mißhildung, — und es wird hiningefiigt: „Niu- in geeig-neten Fällen wird 
der vollst an dig-e Befimd erhohen." Wer will glaubhaft machen, daß sich die An- 
schauungen geändert haben, oder annehmen, daß die Frage nach der Psycho- 
sexualität (Potenz, Liehesfahigkeit, aktuelleii Lieheskonflikten) als so selhstverständ- 
lich erachtet wird, daß sie nicht ausdrücklich hervorgehoben wird? Der lese einige 
Zeilen weiter den Bericht über die ^^Ehe- und SexualberatungssteUe" des Bundes 

12? 



l8o Die Funktion des Otgasmtis 

Kehren wir zum Hauptthema zurück. Hat sich nach Überwindung 
ailer Schwierigkeiten die genitale Harmonie eingestellt, so drohen neue 
Gefahren. Die Leichtigkeit, mit der die Befriedigung zu erlangen ist, 
/ der Fortfall der Notwendigkeit, das Ohjekt zu erohern, beide führen zu 
allzu häufigem Geschlechtsverkehr, der in doppelter Hinsicht nachteilig ist. 
Es kommt nie zu größeren Spannungen der Libido ; schon die geringsten 
I Stauungen werden abgeführt, Ferenczi^ hat die Gefahren dieser ehe- 
f liehen ^Sexualgewohnheit" meines Wissens als erster im Rahmen einer 
wissenschaftlichen Arbeit behandelt. Der Koitus wird dann wie zwangsartig 
ausgeführt und es stellen sich Ekelempfindungen ein. Im Geschlechtsakt 
wird auch ein Stück aggressiver Eroberungslust erledigt. Bei manchen 
Männern, deren Hauptziel vor der Ehe das Erobern vieler Frauen war, 
schwindet das Verlangen nach der Gattin, wenn das Erobernmüssen ganz 
wegfällt. Was hier kraß zum Ausdruck kommt, trifft wohl in den meisten 
Ehen mehr oder weniger zu. Diis hat seine tiefen Gründe in der Eigen- 
art der kindlichen Sexualentwicklung. Das Sexuelle war immer verboten 
und behält im Unbewußten diese Assoziation bei. Das Verbotene, d. i. im 
Kern das Sexuelle, wurde besonders hegehrt. So bekommt das Verbotene 
auch auf nichts exuellem Gebiet einen verborgenen sexuellen Sinn, z.B. das 
Stehlen bei der Kleptomanie. Bei manchen Menschen festigt sich nun der 
Sexual wert des Verbotenen pathologischerweise derart, daß sie das Nicht- 
verbotene nicht begehren können. Je mehr der Mann im vorehelichen 
Sexualleben „erobern" und „besitzen" wollte, desto rascher wird er in 
der Ehe abstumpfen. Der narzißtische und der sadistische Anteil 
der Genitalität bleiben in der m.onogam.en Ehe unbefriedigt. 

ßär Mutterschutz und Seiualreformj „daß in diesen Stellen die Eheberatung- nicht 
als einzige Aufgabe an^eselien, sondewi darüber liiflaus auch in allen sexu- 
alen Fragen (von mir hervorgehoben') Rat erteilt wird, leider nicht nur zur 
Konieptionsverhiitung, sondern anscheinend auch nir Fruchtaitreibung", Also es 
stimmt, was wir iihcr die gewöhnliche Auffassung der Ehe, sie sei keine sexuelle 
Gemeinschaft, t^en, sonst wäre das „darüber hinaus" sinnlos. Ganz in diesem 
Sinne handelt die Eheberatung sat eile in Prankfurt ^Prof. Raeke): „Ist einmal die 
Ehe volliogen, wiid keine Beratung mehr zuteil. Damit scheidet das Problem der 
, Geburtenbescliränkung vSllig aus" — für den Eheherater! Daß die Beratung erst 
) nach der Eheschließung ihren eigentlichen Sinn gewinnt, scheidet ebenfalls aus. 
£s erübrigt sich selbstverständlich auch jegliche Kritik. 

i) Psychoanalyse von Sexualgewobnheiteu, Intetnaticmaler Psychoanalytischer 
Verlag, 1925. 



über die soziale Bcdetituiig der genitalen Strebungen 



i8] 



Dazu kommt ein Moment aus der frühinf antuen Sexualbeziehung des 
Sohnes zur Mutter. Behält das Verlangen nach der unerreichbaren Mutter 
seine urEprüngliciic Intensität, so kommt es nach Hank entweder zu einem 
ständigen Nichtverharrenkönnen (Don Juan) oder es entsteht die Liebes- 
bedingung, daß die Frau einem Dritten angehöre und verbotenerweise 
erobert werde (Freud). Die Ehefrau hat dadurch, daß ihr Besitz legitim 
wurde, für solche Männer aufgehört, die begehrte Mutter zu sein. Dem 
kann, nur eine analytische Lösung der inzestuösen Fixierung abhelfen. 

Es ist viel darüber diskutiert worden, ob dem Menschen die Polygamie 
oder die Monogamie wesenseigen sei. Je nach dem incIiTidiiel3en welt- 
anschaulichen Interesse entschied man sich für diese oder für jene. Bia- 
sichtSToUere ließen die Frage offen, da für beide gleich viel ethische 
Argumente vorgebracht "werden konnten. Die Psychoanalyse der infantilen 
SexualentwicHung zeigt, daß die polygamen und die monogamen Ten- 
denzen gleichwertig nebeneinander stehen und entwicklungs gemäß gleich 
tief verankert sind. Die monogame Tendez leitet sich aus der Tatsache 
ab, daß man nur die Mutter, beziehungsweise nur den Vater begehrte. 
Das Inzestverbot, welches ebenso allgemein ist, begründet die polygame 
Tendenz. Wer keine echte Übertragung zustande bringen kann, sucht 
entweder das verbotene Objekt, ohne es je zu finden, oder er befindet 
sich auf ständiger Flucht vor ihm. 

Wie weit der Mann seine polygamen Tendenzen in der Ehe beherr- 
schen kann, hängt auch davon ab, in welchem Ausmaße er sich von 
den Liebesbedingungen der Ödipus-Einstellnng freimachen konnte und 
inwieweit es ihm gelang, in seiner Gattin die Mutter wiederzufinden. 
Dasselbe gilt mutath mutandis für die Frau. Es gilt auch für beide Ge- 
schlechter, daß die polygamen Wünsche um so weniger hervortreten, je 
besser es die Gatten verstehen, ihre sinnlichen Ansprüche gegenseitig zu 
erkennen und zu befriedigen und je verständnisvoller sie den polygamen 
Neigungen beim anderen begegnen. 

Polygame Tendenzen werden immer geweckt, wenn wichtige libi- 
dinöse Ansprüche nicht befriedigt werden. Es zeigt sich aber ein be- 
deutsamer Unterschied zwischen den Motiven der weiblichen tmd denen 
der männlichen Polygamie, wenn wir von der Abstumpfung der monogam 
befriedigten Genitalität absehen. Es gibt viele Prauen, die polygame 
Wünsche haben, weil sie aus dem weiblichen Minderwertigkeitsgefühl 



/ 



/ 



i8» Die Funktion <Jea Orgasmus 



/ 



/ 



heraus sich von recht vielen Männern bewundern und erobern lassen 
■wollen. Dieser narzißtische Hintergrund läßt sich allerdings auch durch 

die Zurückweisung begründen, die das Heine Mädchen vom Vater erfuhr. 
Der Objekttypus der Polygamie (Suchen des unerreichbaicn Liebes- 
objekts) kann durch schärfere Reaktionsbildung zum narzißtischen Typus 
werden. Daß mehr Frauen als Männer diesem Typ angehören, ist auf 
die anatomische Basis des weiblichen Minderwertigkeitsgefühls, die Penis- 
losigkeit, zurückzuführen. Hier spielen gewöhnlich, im Gegensatze zum 
Ohjekttypus, auch Rachetendenzen als Motive der Polygamie eine be- 
trächtliche Rolle: Es kommt das Beherrschenwollen der Sexualobjekte 
hinzu. Die genital befriedigte Frau pflegt im allgemeinen nur sehr 
wenig polygam zu sein, während die vaginal-an ästhetischen Frauen mit 
starker Klitoriserotik gewöhnlich unstet sind. 

Jede unsublimierbare Tendenz, die im ehelichen Geschlechtsverkehr 
unbefriedigt bleibt, hat genitale Abstumpfung und teilweise Abkehr vom 
Gatten zur Folge, so vor allem auch die Homosexualität. Es ist hier 
nicht die neurotische Form der Homosexualität gemeint, sondern die 
physiologische homosexuelle Komponente in der Bisexualität, Wenn die 
polygamen Tendenzen in der Ehe zwanghaft werden, kann man auf 
Grund der analytischen Erfahrungen voraussetzen, daß die homosexuellen 
Streb ungen in der Ehe nicht untergebracht werden konnten. Davon kann 
man sich leicht überzeugen: Solche Männer pflegen nicht eine andere 
naonogame, sondern polygame oder homosexuelle Frauen zu begehren; 
sie stellen dem Dirnentyp Weininge rs nach. Bei Frauen tritt das ge- 
legentlich noch deutlicher hervor in Form einer Zuwendung zu homo- 
sexuellen Frauen. 

Wird an der „normalen Art der Kohabitatton dauernd festgehalten, 

ist jede Abwechslung tabu oder finden die Partialtriebe in den Vorlust- 

akten keine Befriedigung, so stumpft die genitale Streb ung sehr bald ab; 

korrekter ausgedrückt: sie gerät in Konkurrenz mit den unbefriedigten 

Ansprüchen. In solchen Fällen liegen immer neurotische Hemmungen 

und Verdrängungen der prägenitalen Triebansprüche und der Homo- 

j Sexualität vor. Bei einer gewissen, individuell verschieden weitgehenden 

1 Freiheit des Kohabitationsmodus wird diese verhängnisvolle Rivalität ver- 

; mieden und viele Quellen der Abstumpfung werden unschädlich gemacht. 

In der Analyse frigider Frauen erfährt man, daß ihre Phantasie oder 



mmmam 



* 



ül>er Jie soziale Bedeutung der genitalen Strebun^en i83 

Vorliebe, beim Akte oben zn liegen, dem Wunsche Mann zu sein ent- 
spricht. Ebenso phantasieren Männer, die einen stärkeren femininen Ein- 
schlag haben, unter der Frau zu liegen, wehren aber, wenn sie neurotisch 
sind, solche Wünsche als unpassend und weiblich ab. Das führt unter 
bestimmten Bedingungen zu pathologischen Ergebnissen, ist aber normaler- 
weise beim männlichsten Mann und bei der -weiblichsten Frau gegeben. 
Die Vertauschnngen der Lage (Coitus inversus) sind also sehr gut imstande, , ' 
solche Wünsche wenigstens zum Teil zu be&iedigen und dadurch im- / 
schädlich zu machen. Die aktive Homosexualität des Mannes wird am ' 
ehesten durch den Koitus a tergo befriedigt. Bei der Frau dient er eher 
der Befriedigung uralter Wünsche, die entweder der analen Auffassung 
des Aktes entsprechen oder frühinfantilen Beobachtungen an Tieren ent- ( 
stammen. 

Für viele Menschen, die in der Kindheit an sexuellen Spielen an den 
Genitalien Gefallen fanden, ist die Betastung des Genitales vor dem 
Akte ein Bedürfiiis, Manche Frauen mit protrahiertem Orgasmus können 
nur zur Befriedigung gelangen, wenn sie vorher manuell gereizt wurden,' 

Man darf, will man den Tatsachen Rechnung tragen, nicht außer 
acht lassen, daß sämtliche prägenitalen Organisationen, individuell ver- i 
schieden stark, das genitale Primat ständig begleiten (Freud). Sie greifen 
störend ein und drängen zur ausschließlichen Befriedigung im Sinne 
der Perversion, wenn sie nicht befriedigt werden. Ein stärker betonter 
oraler Antrieb wird daher in Form einer Fellatio oder eines Gtmnilingus 
befriedigt werden müssen. 

Der Geschlechtsakt selbst ist geeignet, den verschiedenen psycho- 
sexuellen Ansprüchen zu genügen, wenn die drängende infantile Sexua- 
lität von Verdrängungen wenig beeinflußt ist und sich, soweit sie nicht 
Charakter ologisch oder in Sublimierungen verarbeitet wurde, in den 
Strom des aktuellen Sexualerlebens ergießen darf. Das Verhalten des 
Mannes und der Frau vor und nach dem befriedigenden Akte legt 
Zeugnis ab für die erfolgte Erfüllung sämtlicher Wünsche. Der Mann 
verhält sich vor dem Akte gleichzeitig zärtlich und phallisch aggressiv, 
die Frau erwartet gewöhnlich passiv die genitale Aggression, Während 

i) Die Ansicht Kehr er s, daS mamielle Friktion schädlich sei, können wir nicht f 
teilen. Die Betreffende erkrankt nur infolg:« ihrer Onanieangst; das geschähe aber j 
auch ohnedies. 



iS^ Die Funktion des Orgasmus 

1 des Aktes ändert sich ihr Verhalten, sie wird ebeiifalls aktiv, bis ihr 

Orgasmus mit dem des Mannes zusammentrifft. Der Mann kommt nicht 
) xux vollen Befriedigvmg, wenn die Frau frigid oder anästhetisch ist. 

Selbst diejenigen, die mit Prostituierten verkehren, fordern, daß die 
1 Partnerin wenigstens zum Scheine „mitkomme". Es handelt sich zweifellos 
1 um. ein intensives Miterleben des Orgasmus des Partners, um eine volle 

Identifikation, die sich zum eigenen Erleben hinzuaddiert. Diese Identi- 
' ükation ist geeignet, die weiblichen Tendenzen im Manne und die 
'' männlichen in der Frau zur Befriedigung zu bringen. 

• Nach dem befriedigenden Akte kehrt sich das Verhalten gewöhnlich 
. um : Die Frau kehrt ihre ganze zärtliche Mütterlichkeit hervor und der 

Mann wird zum Kinde. Das Bewußtsein der Möglichkeit, gerade ein 

f Kind konzipiert zu haben, bewirkt, daß die Frau im Manne das Kind 

vorwegnimmt und so seiner infantilen Haltung entgegenkommt. Verhält 

sie sich vorher kLadlich-passiv, nachher mütterlich-aktiv, so er umge- 

• kehrt: vorher väterlich-aggressiv, nachher kindlich-passiv. 

Die genannten Schwierigkeiten und Motive der Abstumpfung in der 
monogamen Geschlechtsbeziehung sind zwar derzeit nicht zu beseitigen, 
können aber prinzipiell vermieden werden, sofern es die Beteiligten 
vorziehen, die Durchführung ihrer moralischen Prinzipien nicht mit 
einer Neurose oder ihrem Äq^uivalent, der unglücklichen Ehe zu erkaufen. 
Ein weiterer Grund der Abstumpfung dürfte sich jedoch nicht beseitigen 
lassen. Die Libido ist ebenso labil wie klebrig (Freud). In der Befrie- 
digung selbst ist, von allem anderen abgesehen, die Abstumpfung ge- 
geben. Sie kann durch Variation des Befriedigungsmodus nur hinaus- 
geschoben, nicht aber aufgehoben werden. Aber diese physiologisch 
gegebene Abstumpfung unterscheidet sich von der durch neurotische 
Hemmungen bedingten vor allem dadurch, daß sie weniger qualvoll 
empfanden wird, weil sie nicht auf Unterdrückung von Trieb an sprächen 
sondern auf Absättigung beruht. Und je später sie auftritt, desto mehr 
steht sie auch mit der Abnahme der Leistungsfähigkeit des somatischen 
Sexual apparats in Zusammenhang; die gefährlichen somatischen Libido- 
} Stauungen fallen weg. Es gehört voUe Bewußtheit der Gefahren, die mit 
, allzu häufigem Geschlechtsverkehr verknüpft sind, dazu, um auch in 
' der Ehe zeitweise freiwillig Abstinenz za üben. Darauf hat Ferenczj 
I 0. c.) mit Nachdruck hingewiesen. Die intime körperliche Nähe, die die 



Uter die soziale Bcdeutting uer genitalen Stretuugen i8S 

eheliche Gemeinschaft mit sich bringt (gemeinsames SchlaMmmer u. ä.), 
erschwert die Durchführung der so notwendigen Abstinenz. Wird sie / 
nicht beachtet, so stehen die Ehegatten, selbst wenn weitgehende sexuelle 
Harmonie bestand, eines Tages erschreckt vor der Tatsache der Libido- 
abnahme. Sie fühlen sich schuldig mad versuchen es, sie zu verschleiern . 
oder durch ein übertriebenes Maß an Zärtlichteit zu kompensieren. In / 
weiterer Folge treten polygame Neigungen auf, denen sie mit Fassungs- ' 
losigkeit begegnen; sie wird um so stärker aus&llen, je intensiver die 
Bindung an den Gatten war, und kann dann zu zwanghaften polygamen < 
Phantasien oder Akten treiben. Zufolge der Tradition, daß die Untreue / / 
in der EJie unmoralisch, sündhaft und vertrecherisch sei, entstehen f 
schwere Schuldgefühle. Bleibt die Tendenz zum Ehebruch als „ver- 
brecherisches Geheimnis unausgesprochen, wird sie verdrängt oder wird // 
dem Gatten das Gegenteil vorgespiegelt, so droht gerade dem Gewissen- / 
haften die neurotische Erkrankung. Weniger Skrupulöse begehen den 5 
Ehebruch und halten ihn geheim. Nur Wenige haben den Mut, sieht 
dem Gatten zu eröffnen, was an sich befreiend wirkt, wenn es auch 
nicht immer die Schwierigkeit selbst beseitigt. Eine vorübergehende 
„Untreue" kann für eine gute Ehe gelegentlich sogar von Nutzen sein. 1 
Das gehört aber zu den günstigen Ausnahmsfällen und setzt volle Be- 
wußtheit der Gefahren voraus, die in. solchem Falle den Bestand der 
Ehe bedrohen. Ob aber eine Treue, die nicht auf Befriedigtsein, sondern / 
auf Zwang oder Hemmung beruht, der Ehe förderlich ist, muß sehr / 
bezweifelt werden. Daß sie der seelischen Gesundheit unzuträglich ist. 



t 
steht aufler Frage. 

Man staunt angesichts dieser Schwierigkeiten nicht mehr über die 
Fülle von Eheunglück, mag es sich nun als GattenmoTd, als Verbitte- 
rung und stille Resignation oder als Neurose äußern. Auch die weit- 
gehendste ökonomische Regeltmg der sozialen Verhältnisse wird allein nur 
den äußerlich bedingten Anteil der Not mildern. Individuelle Bedürfnisse 
lassen sich nur bis zu einem gewissen Grade ah ändern, aber gewiß durch 
kein Ehebruchs gesetz und auch nicht durch soziale Achtung ans der' 
Welt schaffen. Am allerwenigsten wird die ärztliche Hilfe von Erfolg- 
sein, wenn man die Beurteilung der Tatsachen mit subjektiv begründeten. 
oder übernommenen moralischen Wertungen vermengea wird, mögen 1 
sie anarchisch oder konservativ sein. Als Arzt trägt man dem Kampfe- 



/ 



±86 Die Funktion äes Otg&snxvs 

] zwischen Triebansprüchen und sozialen Forderungen am besten Kecbnung, 
' wenn man sich im Sinne der Freudschen Therapie absolut tolerant 
I verhält und dem Patienten die Entscheidtmg überläßt, nachdem man 
ihm die Kenntnis seiner Wünsche und die Fähigkeit, sich zu entscheiden, 
verschafft hat. Man wird dann aber folgerichtig einen in der Ehe 
Unbefriedigten, ebensowenig vom Ehebruch oder von der Scheidung 
abhalten, wie man ihm dazu raten wird. 

Hier zweigt eine der sozial bedeutsamsten Fragen ab : die Psychologie 
des „Kampfes der Geschlechter". Die oft genug brutale Geringschätzung 
der Frau durch den Mann, die von Grete Meisel-Heß zutreffend 
iritisierte Bestrebung der Frauenbewegung, die Frauen zu Männern zu 
machen, statt ihre eigenen, geschlechtsspezifischen Anlagen sublimierend 
zu entwickeln, die zunehmende Verweiblichnng der Männer, der von 
Strindb er g unübertrefflich geschilderte eheliche Kampf, der auch im 
Liebesverhältnis Unverheirateter selten fehlt, und alle übrigen der Liebe 
disparaten und doch derzeit mit ihr einhergehenden Haltungen, Miß- 
gunst, Neid, Brutalität, Geringschätzung, Überwältigen gesucht und Rück- 
sichtslosigkeit, gehörten in diesen Abschnitt, weil sie nicht sowohl Ur- 
sachen als Folgen der orgastischen Impotenz des heutigen Menschen, 
des Kulturmenschen, sind. Das Thema verdient jedoch infolge seiner 
nmfiissenden sozialen Bedenttmg eine eigene Untersuchung, 

dj Der etottscke und der soziale yvirkhchkeUssinn 

Die Funktion des Orgasmus beeinflußt in entscheidender Weise auch 
die differenzierten Punktionen der sozialen und kulturellen Leistungen 

des Einzelnen. „Auch wo nicht Kran kheits erfolg, sondern Charakter- 
gestaltung in Betracht kommt, erkennt man leicht, daß sexuelle Ein- 
schränkung mit einer gewissen Ängstlichkeit und Bedenklichkeit Hand 
in Hand geht, während Unerschrockenheit und kecker Wagemut ein 
freies Gewährenlassen der sexuellen Bedürfnisse mit sich bringen" 
(Freudig ^ Beim Vergleich der sozialen und sexuellen Leistungen von 
Kranken mit denen Gesunder zeigen sich einige typische Beziehungen 
zwischen den primitiven und den höher entwickelten Funktionen, die 

i) Vorlesiuig-en lur Einführung- in die Psychoanalyse. Ges. Schriften, Bd. VTI. 



üter die soziale Bedeutung der genitalen iStrelmngeii 187 

bei der Beurteilung der therapeutischen Aufgabe nicht übersehen werden 

dürfen. 

Die prägenitalen Triebe sind ihrem Wesen nach autoerotisch, d, h, i 
asozial, der Destruktionstrieb und sein erotischer Abkömmling, der Sadismus, • 
sind antisozial. In die soziale Gemeinschaft hineingezwängt, muß das 
Individuiun die eigentlichen Triebziele aufgeben und die entsprechenden 
Energien dem. geliebten Objekt zuliebe oder dem Zwange der Erziehung 
folgend auf sozial mad kulturell wichtige Ziele ablenken. Diesen Prozeß 
hat Freud „Sublimierung" genannt. Eine der wichtigsten Vorbedin- ] 
gungen der SnWimiermig ist, daß die zu verwendenden Triebkräfte nicht . 
der Verdrängung erliegen, die ja nicht bloß die Triebbefriedig ung sondern | 
auch jede andere Verwendung der Triebe verhindert. In diesem Siime I 
sind die moralischen Forderungen, von denen die Verdrängungen aus- 
gehen, und die sozialen und kulturellen Anpassungsleistungen, durch die 
sie vermieden werden, Gegensätze. Die Verdrängung bedingt gelegent- 
lich den Sublimierungen ähnliche soziale Leistungen. Diese sind jedoch von 
den echten Sublimierungen durch ihren reaktiv- übertriebenen Charakter 
xmd durch den Eindruck ^ex Krampfhaftigkeit, den sie erwecken, leicht zu 
unterscheiden. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist der, daß der echte \ 
soziale Wirklichkeitssinn sich mit dem erotischen gut verträgt, i 
ja, wie wir zu beweisen haben werden, diesen zur Voraussetzung hat, 
während der unechte, zwangsartig-reaktive Wirklichkeit s sinn den eroti- 
schen nicht neben sich duldet. f 

Unter sämtlichen Trieben kann den psychologischen, physiologischen, \ 
sozialen und biologischen Lebensbedingungen zufolge nur die Genitalität - 
die Funktion des erotischen Wirklichkeitssinnes erfüllen. Den Ausdrudt \ 
„erotischer Wirklichkeitssinn" verdanken wir Ferenczi. Seine Berechti- 
gung ist leicht nachzuweisen; psychologisch- der Impotente fühlt sich 
minderwertig und ist auch auf nichtsexuellen Gebieten mehr oder weniger 
lelstungsimfähig; physiologisch: die genitale Befriedigung gewährleistet ; 
die orgastische Lösung der somatischen Libidospannung \md ist dadurch '< 
eine der Bedingungen für die Erhaltung des seelischen Gleichgewichts ; 1 
sozial: die Genitalität (im Sinne unserer Definitiotn) fordert den Sexual- ; 
partner und begründet somit zumindest die Gemeinschaft zu zweit; sie < 
ist femer die einzige von der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade j 
gebilligte und zur Befriedigung zugelassene Tendenz, was nicht viel zu / 



Mf 



1 



/ 



i88 Die Funktion des Orgasiniis 

besagen hatte, wenn sich der „Perverse" nickt geächtet fühlte; bio- 

i logisch: unter allen Trieben dient allein die Genitalität auch der Er- 
haltung der Art, 

Der Gesunde, d. h. der arbeits- und liebesfähige Mensch, 
hat seine Genitalität hauptsächlich sexuellen, seinen Destrut- 
tionstrieb und die prägenitalen Ansprüche sozialen und kultu- 
rellen Zielen zugewendet. Beim Kranken verhält e* sich um- 
gekehrt: Seine sozialen Leistungen sind sexualisiert und der 
Destruktionstrieb und die prägenitalen Triebe beherrschen 
sein Liebesleben. 

Die Analyse zeigt, daß Arbeitsstörungen unter zwei Bedingungen 

zustande kommen. Die eine besteht darin, daß der Kranke nicht fähig 

ist, sein Interesse auf die Arbeit zu konzentrieren, weil er von sexuellen 

Phantasien in Anspruch genommen ist; oder sadistische Zwangsphantasien 

stören das vorhandene anderweitige Interesse. In einer anderen Gruppe 

von Arbe.itsstöiungen, wie z. B. beim Schreib- oder Violinspielerkrampf, 

kann die Betätigung nicht ausgeführt werden, weil sie den Wert einer 

verpönten sexuellen Handlung angenommen hat (Jokl). Der „Ubidinöse 

Zuschuß" (lung) zur sozialen Leistung ist nicht mehr frei verfügbar. 

i Vergleichen wir damit die Verhallungs weise des sexuell befriedigten 

Menschen, so sehen wir, daß nach dem befriedigenden Sexualakte er- 

'hölite soziale Leistungsfähigkeit utid Arbeitsfreudigkeit platzgreifen und 

, das sinnliche sexuelle Interesse eine Zeit lang gar nicht vorhanden oder 

nur gering ist. Dieser Sachverhalt erklärt sich aus der Umsetzung der 

. Energien im Orgasmus : Die Libido hat sich nach der Akme auf den 

ganzen Körper verteilt, was körperliche Frische und erhöhtes Ichgefuhl 

bedingt;' ihr Gegensatz sind die Müdigkeit und die Leistungsunfähigkeit 

des Neurasthenikers. 

. Man kann also sagen, daß die Sublimierungen jeweils durch 

I libidinöse Energien, die durch den Orgasmus abgeändert 

j wurden, neu angefacht werden. Ihre eigentliche Quelle haben sie 

1 in den dauernd desexualisierten Tendenzen und in den von den ur- 

i) In einer Diskussion über diesen Gegenstand meinte Ferenczi, daß nach 
der Sättigung der sinnliclien Objektliebe die vom Genitale auf den Körper rück- 
I flutende Erregmig sich in nariifltische Libido iferwandle und dadiirch mittelbar 
den psychischen Narzißmus stärke. 



I 



üter die soziale BecJeutung der gemtalen, otretungen i8q 

sprün glichen Zielen abgelenkten Destruktionstrieben. Die Verdrängung 
des Überschusses an libidinöser Energie hat sowohl eine neuerliche 
Sexualisierung der ursprünglich libidinösen Tendenzen als auch eine 

Zuwendung der Aggressivität lu ihren ursprünglichen Zielen zur Folge. 
In schematischer Übersicht wären somit an jeder Sublimierung dreierlei 
triehhafte Elemente zu unterscheiden: 

1) Von der Objektzerstörung dauernd abgelenkte destruktive 
Aggressivität (Gemeinschaftsgefühl, allgemeines Interesse m sozial 
wichtigen Leistungen, soziales Gewissen, soziale Aktivität). 

2) Von den auto erotischen Zielen dauernd abgelenkte prägeni- 
tale Antriebe (bestimmte Arten sozialer Tätigkeit, kulturelle Interessen, 
Wissenschaft, Kunst, Geldinteresse, Ehrgeiz usw.), 

ß) ünsublimiertes genitales Interesse, das dauernd zärtliche 
Objektbeziehungen unterhält, periodisch abwechselnd zur orgastischen 
Entladung drängt und nach der Umsetzung im Orgasmus sich den suh- 
limierten Tendenzen beigesellt. 

Die Bedeutung des libidinösen Zuschusses für die Haltbarkeit einer 
Sublimierung lernt man richtig einschätzen, wenn man serienweise be- 
obachtet hat, daß die soziale Leistungsfähigkeit um so mehr eingeschränkt 
'wird, je länger die Abstinenz dauert und je vollständiger sie ist. Fehlt 
der lihidinöse Zuschuß, so vfitä. die Sublimierung überdies dadurch ge- 
schwächt, daß infolge der Stauung und Regression der Libido auch 
sublimlerte Triebe, gleichsam verlockt durch das böse Beispiel, die im 
Grunde auf g ez wungen e soziale Leistung verweigern .Sublimierung und 
Scxualbe friedigung sind keine Gegensätze, wohl aber Subli- / 
mierung und unbefriedigende Sexualbetätigung. 

Katm die Sublimierung durch die Befriedigung der Genitalität ge- 
fährdet werden? Ist der befriedigende Sexual genuß etwa imstande, alle 
Interessen dauernd zu absorbieren? Diese Fragen sind schon auf Grund j 
der Tatsache, daß die genital befriedigten Menschen die dauernd leistungs- 
fähigsten sind, zu verneinen. Die Fähigkeit der genitalen Libido, vorüber- j 
gehend gesättigt zu werden — ■ prä genitale Reizungen können nur die ' 
Spannung erhöhen, niemals lösen — und sich im Zustande des Gesättigt- 
seins den Sublimierungen beizugesellen, schließt die Gei^idung der 
Sublimierungen durch die genitale Sexualbefriedigung aus. Wo man solche 
Störungen der sozialen Leistungsfähigkeit infolge allzustarken sexuellen 



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190 Die Funktion des Orgasmus 

Interesses beobachtet, wie bei der Nymphomanie, Satyriasis, Nemasthenie, 
Pubertätsonanie usw., liegt eine Störung der Funktion des Orgasmus vor, 
die keine Ruhepause im sexuellen Verlangen eintreten läßt. 

Bei den Menschen, die in den großen Kulturzentren die allgemeine 
Geschlechtsmoral bestimmen, ist die Idee dieser Gegensätzlichkeit zwischen 
körperlicher Sianlichkeit und geistiger Kultur von indiskutabler Selbst- 
verständlichkeit. Der wissenschaftliche Beobachter hat nur zu prüfen, ob 
eine solche Gegensätzlichkeit wirklich besteht oder ob die Idee irrational 
begründet ist. Und da kann man leicht feststellen, daß ntir wenigen 
besonders Begabten die Flucht vor der bloß geduldeten Körperlichkeit 
in die — in solchem Falle vorwiegend kompensierende — Geistigkeit 
gelingt. Die Vielen, die dem Gleichen zustreben, ohne geistig vermögend 
genug zu sein, werden zu dem, was man als „neurasthenischen Groß- 
stadtmenschen" bezeichnet, Ihre mit Furcht gefühlte, daher bloß geduldete, 
/ zersplitterte und daher unbefriedigte Sinnlichkeit rächt sich, indem sie, 
Abwehrkräfte bindend, auch auf geistigem Gebiete zur Resignation zwingt ; 
ihre intellektuelle und geistige Kraft ist infolgedessen nicht frei, sondern 
verkrampft, nicht kernig, sondern von ständiger Hut vor der Triebhaftig- 
keit getragen, von Sexualangst erfüllt. Auch bei den wenigen Begabten 
\ erhebt sich die Frage, ob sie nicht über den tatsächlich erreichten End- 
1 pimkt ihrer geistigen Entwicklung und sozialen Leistung weit hinaus- 
wüchsen, vermöchten sie ihre Sinnlichkeit nicht bloß zu dulden, sondern 
( auch zu bejahen. „Soziale Leistungsfähigkeit" ist ein relativer Begriff; 
das zeigt sich bei leistungsfähigen Individuen, die nach einer gelungenen 
Analyse ihrer Sexualstörungen in weit höherem Grade sublimieren als 
vcürher, eben weil sie dann keine ideologische Schranke zwischen Sinn- 
lichkeit und kultureller Strebung mehr aufrichten. Gerade bei genialen 
Naturen vom Format eines Goet he v errät sich die Kraft des nicht kom.- 
jfpensierenden sondern sublimierenden Geistes, der, innerlich stark, nicht 
fürchten muß, sich auch dem primitiven Rhythmus des sinnlichen Er- 
I lebens passiv hinzugeben; denn gerade diese Furchtlosigkeit be^bigt ihn, 
' sich aus der momentanen Besinnungslosigkeit des orgastischen Erlebnisses 
wieder in die beherrschte und beherrschende Aktivität des intellektuellen 
^ und geistigen Tuns aufzuschwingen. Es läge daher nur im Interesse aller 
derjenigen, die aus kultureller oder religiöser Ideologie Askese predigen 
und dadurch das Gegenteil des Beabsichtigten erzielen, an der Kulti- 



r 



über die soziale Sedcutung der genitalen jStrettingen igi 

Tierung der sinnlich-körperlichen Sexualität raitzuaibeiten, d, h. 

allgemeiner, die „Erniedrigung des Liebesletens (Freud) und die Devise; 
„Sinnlichkeit oder Kultur", durch „Kultur in der Sinnlichkeit" zu 
ersetzen. Wenn die Kultur eine Sublimierung und keine kollektive schwere 
Neurose ist, dürfte sich alles Übrige von selbst ergeben. 

Das Problem besteht fort, was das Schicksal der Genitallibido jener 
abstinent Lebenden ist, die psychisch anscheinend gesund sind. Das 
AusmaB der libidinösen Bereitschaft und die Rhythmik des Beiiirfnisses, 
die libidinösen Spannungen zu entladen, sind gewiB individnell sehr ver- 
schieden. Aber da der somatische Sexualapparat seine Funktion nicht auf- 
gegeben hat, — sonst würden die Erscheinungen der Eunuchoidie nicht 
ausbleiben, — müssen auch libidinöse Spannungen vorhanden sein j und 
es wäre sehr wichtig zu erfahren, welchen anderen Ausweg die organisch 
gespeiste Libido findet, wenn sie nicht orgastisch befriedigt wird und 
auch keine neurotischen Symptome erzeugt. Darüber könnte man nur 
auf Grund von Analysen gesund bleibender Menschen, die völlig ab- 
stinent leben, ohne darunter zu leiden, Bindendes aussagen. Es wäre zwar 
nicht absolut falsch zu behaupten, daß, wer dauernd abstinent lebt, ohne 
durch körperliche Gebrechen beeinträchtigt zu sein, nicht seinem be- 
wußten Willen folgt, sondern Hemmungen oder Pixierungen unterliegt ; 
ist doch kaum wahrscheinlich, daß eine so wichtige biologische Funktion 
wie die sexuelle anders als durch Verdrängungen gehemmt werden kann.^ 
Es würde nur ein Wortspiel bedeuten, wollte man sich auf eine „Hypo- 
funktion" des somatischen Sexualapparats ausreden; pflegen doch post- 
puberal kastrierte Eunuchen ihre psychische Libido zu behalten, ebenso 
wie die Libido nach dem Klimakterium eine Zeit lang persistieren kann. 
Zugegeben, daß intensive Arbeit und alle echte Sublimiemng Stauungen be- 
seitigen kann: daß dies auf die Dauer und über eine gewisse Grenze 
hinaus mögUch sein sollte, ist nach aU dem, was wir von der Trieb- 
energetik wissen, nicht ohne weiters anzunehmen. Wir lassen aber diese 
nur theoretisch wichtige Frage lieber offen. 



Man mag der Individualität im Seelischen noch so breiten Spielraum 
lassen: wie es eine Physiologie des normalen Körpers gibt, obwohl nicht 
zwei Menschen körperlich gleich gebaut sind, wie sich in der Anzahl 



193 Die funiction de^ Orgasmus 

der Knochen, in ihrer Lage za einander, in Form und Lage des Nerven- 
systems, in der Schichtung der Haut usw. eine zivectentsprechende 

f Grund struktur ungeachtet aller individuellen. Verschiedenheiten fest- 
stellen läßt, so gibt es auch im Seelischen eine zweckentsprechende 

. Grundstruktur, die sich in einer bestimmten Triebkonstellation ausdruckt, 
Sie schließt die seelische Differenzierung keineswegs aus. Die Grundstruktur 

' verhält sich zu den individuellen Verschiedenheiten etwa so, wie die 

' Struktur, die wir „Baum" („Eiche", jiBuche" usw.) nennen, zu den 
Unterschieden in der Größe und Stellung der Äste zweier Bäume (Eichen, 
Buchen usw.). Damit erledigt sich der Einwand, daß man im Seelischen 
nicht „schematisieren , d, h. das Gemeinsame suchen dürfe. Patholo- 
gisch nennen wir nicht die Abweichung bei vorhandener normaler 
Grundstruktur sondern nur die Verzerrung der Grundstruktur selbst. 
Die Psychoanalyse erstteht eine Neuordnung der Triebe im 
Sinne der normalen Giundstruktur. Dabei stellt sie sich im Ein- 
verständnis mit dem bewußten Willen des Kranken auf den Boden des 
Realitätsprinzips und beurteilt seine Haltungen nicht danach, ob sie gut 
oder böse sind, sondern sie hat nur die Frage zu beantworten, welche 
seiner Haltungen seiner Realitätsföhigkeit entsprechen und welche 
sie stören. Durch die analytische Aufklärung und durch das Wieder- 
erleben uralter Konflikte ordnen sich die Triebe neu, autoniatisch, ohne 
unser Dazutun, und lassen dabei die latente realitätsgerechte Grund- 
struktur, die ja bloß verschüttet war, in Erscheinung treten. Die Ana- 
lyse ist also, wie Freud seinerzeit nachgewiesen hat,' gleichzeitig eine 
Synthese, nur daß sie sich dem Wesen des Patienten gemäßer voUrieht 
als die Erziehtmg („Psychagogik") ohne Analyse, weil jede Überredung 
oder Idealsetzung wegfällt. 

Es gibt also zweifellos ein Ziel in der analytischen Therapie, 
das ohne erzieherische Mittel erreicht werden kann: Herstellung der 
Arbeits- und der Liebesfähigkeit; um es noch deutlicher zu sagen: 
der Fähigkeit zur sexuellen Befriedigung. 

Wenn man nach viel jähriger Ausübung der psychoanalytischen Praxis 
sagen kann, daß sich in keinem Falle, bei noch so weitgehender Be- 
hebung der Verdrängungen, Hemmungslosigkeit gezeigt, noch bestehende 

i) Weg* der psychoanalytischea Therapie, (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



üter die «osiale Bedeutung der genitalen Stretungcn i gS 

Triebhaftigkeit dauernd verschärft hat, so bedeutet das, daß die Freud- 
sehe Methode die „explosiblen Stoffe", mit denen sie operiert, zu be- 
herrschen vermag, sofern sie von Kundigen ausgeübt wird, und daß der 
Eros jedes Menschen die soziale Anpassung gewährleistet. Der psycho- 
analytisch Geheilte erljuigt mit der Bewußtheit auch die Herrschaft über ! 
die Triebe. Die Beherrschung ist ireiUch keine neurotisch -lähmende mehr, | 
sondern eine bewußt-zielvolle. i 

Es ist leicht zu zeigen, daß die Zielsetzung; Herstellung der orgasti- 
schen Potenz, keine Überschreitung der ärztlichen Befugnisse bedeutet. 
Wir ewarten nämlich einen derartigen Einwand und kommen ihm gerne 
zuvor. Das Ziel: Herstellung der Arbeitsfähigkeit, gilt als selbstver- 
ständlich. Ich habe mich überzeugen können, daß die Herstelltmg 
der vollen Liebesfähigkeit für manche Analj'tiker als weniger selbst- 
verständliches Ziel gilt. Der Grund dieser Parteinahme ist eine gewiß 
begreifliche Scheu, mit der herrschenden Sexuahnoral in Konflikt zu ' 
geraten. ^ 

Die Frage des Eingriffes in die persönliche Selbstbestimmung, die zu 
wahren die Psychoanalyse im Gegensatze zu sämtlichen anderen psycho- 
therapeutischen Methoden für notwendig hält, erledigt sich von vorn- 
herein für die überwiegende Mehrzahl der Kranken, die den Arzt ent- 
weder ausdrücklich wegen der gestörten Genital ftinktion aufsuchen oder 
sehr bald zur Einsicht ihrer Impotenz gelangen und selbst davon befreit 
werden wollen. In der Minderzahl befinden sich diejenlgeD, die entweder 
die Impotenz kompensieren oder zufolge tieferer, charakterologischer Eigen- 
heit sexualablehnend sind. Nun gibt es keine Ausnahme von der Regel, 
daß auch der se^cualablehnende Patient früher oder später in der Analyse 
auf seine genitalen Ansprüche stößt. Wurde die Analyse lege artis durch- 
geführt, so bekennt er sich zu seinen Wünschen und erkennt selbst, 
welche Bedeutung dieser Funktionshemmung iu seiner Neurose zukommt. 
Allerdings müssen die onanistiscben Manipulationen und Phantasien, 
sowie die Verhaltungsweisen während des Aktes mit der gleichen Gründ- 
lichkeit besprochen werden wie etwa die Details eines Zwangszeremoniells. 
Scheut man davor zurück, hält man ,es für überflüssig oder für einen 
Übergriff, den Kranken — im richtigen Zeitpunkte — über die Vorgänge 
beim Geschlechtsakte aufzuklären, so ist das ein Zeichen eigener Hem- 
mungen, und man läuft dabei Gefahr, gerade das für die Lösung des 

B.elcli: Die Funktton d« Orgaimiu. 15 



t9'4 tii^ Funktion des Orgasmus 

neurotischen Konfliktes und die Behebung der litidostauung wichtigste 
Material zu vernachlässigen. 

Es tann nicht länger verhehlt werden, daß äer Suhlimierung als 
Ausweg aus der Neurose bei der Mehrzahl unserer Patienten nicht die 
Bedeutung zukommt, die ihr im allgemeinen zugeschrieben wird. Das 
Abreagieren ist nur eine momentane und keine umfassende Konflikt- 
lösung; es kommt femer nur bei der geringen Anzahl traumatischer 
Hysterien als Heilungsfaktor in Betracht. Auch das Bewußtwerden der 
unbewußten Konflikte ist nm' eine Vorbedingung der Konfliktlösung und 
die intellektuelle Entscheidung, mag sie noch so vollständig sein, reicht 
nicht aus, um' die endgültige Um Ordnung der Triebe zu erzielen, d. h, 
die charakterologische Reaktionsbasis, auf der sich die Neurose 
aufbaut, zu besei tigert. Ein. vielleicht das wesentlichste (weil aktuellste), 
Stück dieser Reaktionsbasis ist die Aktualneurose. 

Dazu kommt die durch systematische Erhebung von Katamnesen ge- 
sicherte Erfahrung, daß die] en igen Fälle, die schon während oder bald 
nach der Behandlung zu einem geordneten Sexualleben kamen, eine weit 
größere Stabilität ihres durch die Analyse gebesserten Zustandes aufweisen, 
als die, die wegen noch tmgelöster genitaler Konflikte oder wegen äußerer 
Schwierigkeiten (Milieu, Alter, körperliche Defekte usw.) ihre libido- 
stauung nicht völlig verloren haben.' Die Fälle von Symptom- und 
Charakterneurosen, die rückfallig wurden, rekrutieren sich aus solchen, 
deren Impotenz nicht behoben wurde oder die, zumeist aus ungelösten 
neurotischen Motiven, fortfuhren, abstinent zu leben. 

Obgleich das Problem der neurotischen Reaktionsbasis in der Haupt- 
sache noch ungelöst ist, kann bereits als sicher angenommen werden, 
daß die somatische Libidostauung und die Angsthereitschaft dabei die 
wichtigsten Stücke sind. Fraglos ist die Befreiung von der Angst vor 
der Triebbefriedigtmg eines der unerläßlichen Mittel zur Erreichung des 
therapeutischen Zieles. Und da die Angst vor den vermeintlichen Ge&hren 
der Triebbefiriedigting die Libidostauung und diese die Staun ngsangst und 
die Symptome schuf, ist, ungeachtet aller individuellen Variationen des 
neurotischen Prozesses, der Verlauf des Heilungsprozesses bei der kausalen 



i) Vgl meinen Aufsatz „Über Genitalität ¥om Standpunkt der psychoanalytischen 
Prognose und Therapie", (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, X, 1924.) 



üter die soziale BedeKtung det genitalen 5tretungen igS 

Therapie vorgezeichnet : Die Beseitigung der Angst vor der Trieb- 
befriedigung befreit die Triebe aus der Verdrängung, die teils 
sublimiert werden, teils zur Befriedigung drängen. Mit der Behebung 
der Verdrängungen und den schon während der Behandlung zustande- 
gekommenen Subhmieningen, ist der erste Teil der Aufgabe, die Befreiung 
von den Beschwerden, erfüllt. 

Gehäufte Beobachtungen lehren, daß keine Analyse als gelungen be- 
trachtet werden kann, in der nicht die in den Sjinptonien gebundene 
Angst frei wurde, was sich durch Auftreten vorübergehender Angstzustände 
kundgibt. Auch das Schuldgefühl muß sich wieder in Angst zurückver- 
wandeln. Erst jetzt lassen sich die Quellen der Angst analytisch 
bearbeiten. Als solche kommen der Narzißmus des Ichs, von dem die 
Kastration sangst ausgeht, und die gestaute Libido, die die Stauungsangst 
bedingt, in erster Linie in Betracht. Da die Aggressivität und die Mutter- 
leibssehnsucht, beziehungsweise Geburtsangst, wie wir gezeigt haben, von 
der Intensität der Libidostauung und der Kastration sangst abhängen, 
spielen sie als Angstquellen eine sekundäre Rolle. Das zeigt sich auch 
hei der therapeutischen Reaktion; sie ist nämlich bei der Erledigung 
der verschiedenen Angstquellen verschieden. 

Bei gelungener analytischer Lösung der Neurose werden die Mmter- 
lejbssehnsucht und die Aggressivität aufgegeben, beziehungsweise anderen 
Tendenzen untergeordnet oder „sublimiert ; die Genitalität hingegen gibt 
nur ihr inzestuöses Objekt auf, behält aber ihr Sextialziel bei. Warum 
hat hier die Befreiung von der Angst automatisch ein verstärktes Hin- 
streben zum Gegenstand der Strebung, dort eine Abkehr zur Folge? 
Man pflegt dieses Besullat als Erfolg der Therapie im stillen vorauszu- 
setzen, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, -wie derselbe therapeu- 
tische Prozeß, die Befreiung von der Angst, so Gegensätzliches leisten 
kann. Das ist gewiß nicht selbstverständlich. Die Erfahrung lehrt aber 
weiter; i) Die Mutterleib ssehnsucht tmd die Aggressivität werden trotz 
aller analytischen Einsicht nicht aufgegeben, wenn die Kastrationsangst 
nicht analysiert wurde (B,efraktärbleiben), oder es strömt die zum 
Teil befreite Libido nach einem schwachen Vorstoß zur Genitalposition 
zu den früheren Fixierungsstellen zurück (Rezidive). ^Es gibt Falle, 
die, ohne vollständig analysiert worden zu sein, auch dauernd symptom- 
frei bleiben. Das sind diejenigen, bei denen die Analyse zuerst an den 

IS* 



1^6 Die Funktion des Orgasmus 

genitalen Fixierungen angriff und sie vollständig zvl lösen Teimochte, 

ehe tiefere Fixierungen die Cbertragiingssituation komplizieren konnten. 

Die von der Kastrationsangst befreite GenitalÜbido konnte automatisch 

andere Wünsche außer Kraft setzen,^ Indem die orgastische Lösung der 

Libjdostauung die Bereitschaft zu regredieren praktisch beseitigte. }J Wenn 

der genitale Primat in der Kindheit unvollständig zur Ausbildung kam, 

so überwiegt trotz der Analyse sämtlicher Angstquellen „der Zug mm 

Mutterleih", beziehungsweise die Xeigimg zur prägenitalen Befriedigung. 

\ Die befriedigte genitale Objektliebe ist somit der mächtigste Gegner 

des Destruktionstriebes, des prägenitalen Masochismns, der Mutterleibs- 

I Sehnsucht und des strafenden Über-Ichs. Ihre Befriedigung beseitigt die 

, Libidoetauung und bindet dadurch den Destruktionstrieb. Diese Über- 

' legenheit des „leben erhalten den" Eros über den Destruktionstrieb ist 

die objektive Rechtfertigung unserer therapeutischen Bemühungen. 

In dieser Hinsicht begegnet die analytische Therapie manchen un- 
über windbaren äuBeren Schwierigkeiten, die im günstigsten Falle an 
die Stelle der Neurose reales Unglück setzen, im ungünstigen eine Rezidive 
bewirken, der mau machtlos gegenübersteht, weil sich die äußeren Be- 
dingungen nicht ändern lassen. Hat z. B, eine Frau, getrieben von ihren 
Männlichkeitstendenzen, einen femininen, womöglich mit einer leichten 
ejaculatio praecox behafteten Mann zum Gatten gewählt, den sie be- 
herrschen und quälen konnte, hat dann die Analyse Erfolg gehabt, 
indem sie die Umstellung von der Männlichkeit zur Weiblichkeit be- 
wirkte und die vaginale Bereitschaft die Klitoriserotik ablöste, so findet 
sich die analytisch Geheilte mit dem jetzt inadäquaten Gatten nicht mehr 
zurecht, denn sie begehrt entsprechend ihrer neuen Einstellung einen 
starken, führenden, in jeder Hinsicht über ihr stehenden Mann. Oder 
die Fähigkeit zum Orgasmus zu gelangen ist freigelegt worden und harrt 
der Aktivierung durch den Gatten; der bringt aber entweder nicht das 
nötige erotische Verständnis auf oder er ist nur wenig potent. Es kaim 
vorkommen, daß eine Ehe unter den ungünstigsten Bedingungen, aus 
neurotischen Gründen geschlossen wurde und durch materielle Umstände 

l) Die Dauerheilimgen durch palliative Psychotherapie, Über die g'elegEntlich 
berichtet wird, dürften auf einer ermöglichten Überwindung' der genitalen Hem- 
mungen, beruhen. Die Spontanheilungen v«n Hysterien, a. B. nach eiaer Heirat, 
lassen sich so eiHären, 




über die sosmie Bedeutung der genitalen ötrctuagen ^97 

unlösbar geworden ist. Aus diesem. Grinide haben Unverheiratete oder 
kinderlose Ehegatten eine bessere Prognose. 

Die Auswege aus diesen äußeren Schwierigkeiten sind unsicher genug. 
Einzelne Patienten, die speziell begabt sind, retten sich in irgendeine 
Arbeit, ihr Znstand bleibt jedoch labil und sie sind den Anforderungen 
der Außenwelt nie voll gewachsen. Sexuelle Resignation birgt stets die 
Gefahr der Rezidive in sich, denn völlige Abstinenz ist auch einem von / 
Anbeginn Gesunden nicht zuzumuten, geschweige denn einem Menschen, / 
der neurotisch war und gerade an, seiner starken Libido erkrankte. 
Onanistische Befriedigung kann Rezidiven aufhalten, birgt aber, auf die 
Dauer als einziger Befriedigungsmodus betrieben, wegen der Phantasien 
und der unvollständigen seelischen Befriedigung auch bei völligem Mangel 
von Angst und Schuldgefühl die Gefahr der Rezidive in sich. Es bleibt 
noch die eheliche Untreu©; hier hört der Einfluß der Analyse auf, die 
Entscheidung hat das Ichideal des Patienten, das ja durch die Analyse 
auch trieb bejahende Elemente aufgenommen hat und infolgedessen im / 
Staude ist, zwischen der von der herrschenden Moral diktierten Pflicht ' 
zur Treue und dem nicht unmoralischen Recht zur Sexualbefriedigung 
zu wählen. 

Rückblickend müssen wir eingestehen, daß die praktisch wichtigen 
Ergebnisse relativ geringfügig sind in Anbetracht des sexuellen und sozial- 
ökonomischen Elends unserer Zeit. Da die Sexualbefriedigung und die 
Sublimierung, die zwei allein vollwertigen Auswege aus der Neurose und 
ihren Äquivalenten, auch voni sozial-ökonomischen Milieu abhängen, ist 
das Gebiet der therapeutischen Arbeit von vornherein beträchtlich ein- 
geschränkt. Die Fähigkeit, bei Konflikten ohne Rezidive auszuhalten, deren 
Herstellung der zweite Teil der analytischen Aufgabe und das ideale Ziel 
der kausalen psychoanalytischen Therapie ist, wird durch die analytische 
Beseitigung der genitalen Hemmungen und durch die Befreiung der zu 
sublimierenden Triebe bloß angebahnt; eine bessere Widerstandsßhigkeit 
gegen die Enttäuschungen des Lebens ist bei sachkundiger analytischer 
Behandlung in den allermeisten Fällen zu erzielen. Den Rest der 
Immunisierungs arbeit haben die reale Sexualbefriedigung und das Milieu 
zu leisten, das der von seinen infantilen Wünschen und masochistischen 
Regungen befreite Mensch allerdings auch zielbewußter zu gestalten 
vermag, ^ 



/ 



1 



198 Die Funktion des Orgasmus 

Während wir die Funktion des Orgasmus und seine Beziehungen zum 
neurotischen Prozeß behandelten, stand abseits, aber nicht unbeachtet, 
die groBe Frage: „Ja, wenn der Kern der Neurose ein somatisches Ge- 
schehen, die Energiequelle des Symptoms und des neurotischen Charakters 
ein pathologischer körperlicher Erregungsvorgang (die Libidostauung) 
ist und wenn die psj choanalytische Heilung der Neurosen letzten Endes 
auf Abänderung, beziehungs-weise Beseitigung dieser somatischen Grund- 
lage der Neurose beruht, soll man da nicht lieber gleich auf organischem 
Wege zu heilen erstreben, was im Kern organisch fundiert ist, statt den 
umständlichen und langwierigen (weil gründlichen) Prozeß der Psycho- 
analyse einzuleiten? Haben also nicht doch diejenigen Recht, welche der 
Psychoanal3'se Einseitigkeit vorwerfen und nur an die somatische Beein- 
flussung etwa durch Organotherapie glauben?" 

Dieser Frage stellen wir die übersichtlichere entgegen: y,Hat der Haus- 
arzt, der der Mutter eines hysterischen Mädchens dringend dessen Ver- 
heiratung empfiehlt, Recht oder nicht? Urteilt der Nervenarzt, der einem 
abstinenten und neurotischen Menschen den Geschlechtsverkehr anrät, 
richtig?" Prinzipiell ja; denn da die Libidostauung die Energiet^uelle des 
KrankheitspTOzesses ist, kann nur ihre Beseitigung radikal heilend wirken. 
De facto haben beide einen schlechten Rat erteilt, denn das be- 
treffende Mädchen wird höchstwahrscheinlich eine hysterische, sexual- 
scheue Gattin bleiben und auch noch Mann und Kinder in die Neurose 
jagen, der junge Mann wird sich sicher als impotent erweisen, andern- 
falls wäre er selbst längst auf die gleiche Idee gekommen. Sie könnten 
durch die empfohlenen Maßnahmen gesunden, wenn sie seelisch intakt 
und ßhig wären, dem normalen Ablauf der Sexual erregung freien Lauf 
zu lassen. Dadurch, daß die Psychoanalyse gewisse Sexualtriebe zur 
Sublimierung bringt, durch Wandlung der Aggressivität die soziale An- 
passung ermöglicht und utmötige Sexualhemmimgen beseitigt, ermög- 
licht sie auch eine spontan und organisch von innen her quantitativ 
und qualitativ wirkende „Organotherapie": die Sexualbefriedigung, die 
die Stauung der Libido aufhebt. Die Störung der Genitalfunktion hält 
zwar die Neurose aufrecht, indem die gestaute Libido den neurotischen 
Prozeß kontinuieTlich speist (aktuelle Ursache), aber sie selbst ist 
doch erst auf rein seelischern Wege zustandegekommen (historische 
Ursache). 



über die soziale Bedeutung der genitalen dtreliiingen ^99 

Gesetzt, es gäbe wirklicii Jibidosteigemde Präparate: Würde man sie 
einem neurotischen Menschen, der keine bewußten Sexualwünsche hat, 
verabreichen, seine seelische Hemmung, die die Erregung vom Genitale 
fernhält, würde dadurch nicht im mindesten geringer; im Gegenteil, 
er würde sicher eine Verstärkung seiner neurotischen Angst zeigen oder 
er bekäme neue Symptome. Oder ein libidosch wachendes Mittel, das 
gleichzeitig natürlich herabsetzend auf die Angst wirken würde. Gewiß, 
das würde seine neurotische Reaktionsbasis Terringern, aber nie beseitigen, 
und auch der ganze seelische Überhan des Impotenzgefühls würde höchstens 
seine Fassade ändern; die Sublimierungsfähigkeit bliebe so gering wie 
zuvor, weil ja keine qualitative Abänderung vor sich ginge wie nach 
einer Analyse, sondern bloß eine quantitative Herabsetzung der seelischen 
Energie, Ein zur Erhaltung Arbeitsunföhiger verpflichteter Staat würde 
gegen eine derartige Therapie gewifl protestieren. Wir sehen also, daß 
auch eine noch so voUkommene Organotherapie die Psychoanalyse nicht 
wird entbehren können, weil jene nur etwas hinzufugen oder wegnehmen 
kann, diese hingegen die Energieverteilung im seelischen Apparat Be- 
eiöflui3t und ihn durch die Abänderung des Ichs erst fähig macht, 
solche qualitativ wirksame Energieverteilungen zuzulassen und quanti- 
tative Änderungen zu ertragen. 

Aber das Alles ist derzeit noch utopisch. Leider stecken heute die 
Versuche auf dem Gebiete des Sexualchemismus teils im Reiche der 
Phantasie, teils in der Sackgasse affektiv begründeter Vorurteile: Der Weg, 
den die Psychoanalyse der Physiologie der Neurosen weist, unterliegt 
einem Tab«. Es bleibt noch die Hoffnung auf gründliche Beseitigung 
der gesellschaftlichen Vorurteile, die die Sexualität betreffen. In beiden, i 
in der Organotherapie und in der Durchdringung des Volkes mit einer 
niöht ethisch sondern -wissenschaftlich begründeten Sexualaufklärung, die 
auch auf die Krziyhung und Wissenschaft rückwirken würde, könnten /' 
der individuellen Psychoanalyse mächtige Hilfomittel erwachsen. Es ist ^ 
aber nicht anzunehmen, daß wir uns in absehbarer Zeit dieser Erleichte- 
rungen unserer schwierigen Arbeit erfreuen werden. 



/ 



%f^f fi'^^tyt 



R 



egister 



A.basie 105 

AbraKam, K. 103, 105, 110, llgf, 129, jgs 

Abstinenz, neuro tische lojff; asketische 
Ideologie io8; n. Ehe 184; u. Geni- 
tallibido itji; u. Impotcnzaugst 104; 
Ration all sierimgeu it>4fj totale u, 
Onanie 105 

Adler, A. Gl, 158 

AfTekt; u, Triebe g5f; u- vaso vegetatives 
System 95 

Aggressivität; u, Angst 158; destruktive 
M. Snblimierung i8g; u. kastrierte 
Tiere 155; im Klimali teriam n. Se- 
nium 155; 11, Libidostauung 355; n. 
Menstruation 154,, 158; u. Spaltung 
der Sexualität in der Ehe 171 ff; w. 
psa, Therapie 195; u. Versag-ung 137 

Aggressioiisojigstju. Gewissensangst xgg; 
u. Sexualangst 158 

Aichhom, Aiig. 11 

Aktivität, soziale 189 

„Aktivitäts Schub" 147 

Akme 70; Bewußtsein bai s5; genito- 
Aigaler u. genitopetaler Erregungs- 
ttUaTif 25; Identifiiierung hei 25 

Aktualangst; Ätiologie 66; u. Kastra- 
tionsangst 77; u. Libidostauung 88; 
u. Realangst 90 

Aktualneurosen 9, 55; u. Neurastkenie 
38; psychische Ätiologie 73 ff; tu 
PsychoueiiroSK 78f; u. Störung der 
Genitalftinktion 79 

Alexander, P. 5S 

AmbiTaleni 152; u. Versagung u, Haß 156 

Amenorrhoe 101 

Amnesie, hysterische 12 

Amphimixis 140 

AKästhesie, vaginale 51 

Analität 110; u. Urethralerotü 142 

Andreas'Saloni^, Loa 14g 

Angina pectoris iz. Angst 67 f 



Angst u. Aggressivität 158; «. Angina 
pectoris 6j j als biologisches Phä- 
nomen 97-, u. Deslniktionslrieb 158; 
u. Herineurose 8Sf; u, Herziiritation 
GG; u. Kastrationsangst 88; u. Libido 
58 f; u. Libidoabwehr 59 f; u. Onanie 
50; u, Onanieahwehr 82: vor Orgas- 
mus 43f, 46f; u. Reaktion avd Ge- 
fahr 9a; u. Schuldgefühl 195; u. Se- 
xualerreguiig 72; vor Strafe n. Or- 
gasmus 56; bei triebhaftem Charakter 
g8; u. Verdrängung 88; bei Zwangs- 
neurose g8 

Angstaffekt; u. Befürchtung 87 If, ggf; 
u. gesperrte Motorik gßf; Hertuuft 
92 ff; w. Kastra-tions angst 95, 96; u, 
somatische Irritation ^4 

Angsthysterie 59; mit hypochondrischen 
Befurch Limgen 92 f 

Angstneurose 79; Ablenkung vom Psy- 
chischen 71 f; Libido Stauung 6g; u. 
Neurasthenie ^8; u. vasomotorische 
Neiu'ose Ggf; vasomotorische Sym- 
ptome bei 66 

Angstpollution 69 

AniuHnieren 130 

Aphonie 102 

Arbeltsstörung; u. Orgasmus 188 

Are de cercle 100 

Arrhythmie 63 

Astasie 105 

Asthenie, genitale 51, 41, 125 ff; der 
cliTouisohen hypochondrischem Neur- 
asthenie ii5ff 

Asthma hrnndiüile g8, 10z 

Asystolia 63 

Autoerotik, anale 132 

Autonomes Nervensystem u, Sexual- 
erregimg 68 ff 

Autotomie; u. Ejakulation 144; u. Erek- 
tion 4g 



Register 



901 



JOakac irBi 
Bartolinische Drüsen 69 
Basedow £5 

BcfiireUtung u. AngstaSekt 8^ ff 
Berahruugsangst 85 
Bewußtsein u. Sexualen-egimg 72 
Bleichsucht 7* 
Bloch, I. 50 
Blüher, H. 167 
Boehm, F, 167 
Braun 67 f 
Bris Sand 67 
Bonrget, Paul 15» 
Brutalität u. Masse 170 
Burschenschaft, akademische; Homo- 
sexualität u. Sadismus bei 166 f 

l^oitus inversus 185 
CuimilingTis 142, 185 
Cy clothy mi e 44, f 

JUe Goster 16» 

Defloration u. Kastration 178 

Depression 154 

Destniktionstrieb ; u. Angst 158; u. akute 
Neurasthenie 155; u. Eros 196; u. 
Genitalität io8, 196; u. Libidostauung 
152!^ 160; heim Menschen u, Kultur 
i6z; 11, Muskulatur 155; u. soziale 
GemeiBsühaft 187; b. Stauungsangst 
153; beim Tier 161 f; u. tmterdrückte 
Sexualerregung 157; n. Ödipuskom- 
plex 154; und Versaguag 160 

Deutsch, H. 24, 105, 154, i45f, 147!!, 175 

Diarrhoe Ggf, io£ 

Dimitreiiio G7 

Dimentyp i8z 

Don Juan 181 

Duell 10. SelLstbestrafungstendemz 167 

Dystnenorrhoe 101 

-Cfhe; B. Ahstineni 184; Abstumpfung 
in der 184; u. extragenitale Ge- 
schlechtiichkeit 173 ; u. genitale Har- 
monie iSo; genitale Objektliebe 175; 
n. Kinderreichtum 174; Kindes wünsch 
u. Sexual wünsch i75f; u. Libido- 
abnähme 185; LustprÜmie in der 175 ; 
monogame u, Homosexualität 18z; 
u. Prostitution 172; u. Realitätsfähig- 
keit 174; Spaltung der Sexualität 
171 ff; Sublimierung », Frigidität in 



der 173t; imglückliohe u. ärztliche 

Hilfe i85f; u. Untreue 185; u. ver- 
kappte Keuiose 175 

Eisler IUI 

Ejaculatio ante portas laG, izSf; u. üre- 
tkralerotik 142 

Ejaciilatio praecox i^S, 25,54, lii, »25 ff; 
der analen Stufe liSff; u. Angst 128 £; 
u. Anurinieren 150; der genitalen 
Stufe 105, 127 f; u. Genitallibido 127; 
u. Hypochondrie igi; u. Kastrations- 
angst gg ; Mutteridentifiiiemng j agf ; 
U. Penishypästhesie 110: u. Phantasie 
126; u. Samenerguß 126, igo; u. Uri- 
nieren 125, 128; u.Urethralerotik 140, 
»42; Vorlus takte 151 

Ejaculatio retardata 11, Analität 110 

Ejakulation; u.Autotojnic i4D;ii.Friktion 
140; u. Kastration 49 

Ejakulationsstömngen 14 ff 

Eklem am Genitale 101 

EUis, Havelock 50 

Endlust, Stolpern 55, 40 

Epilepsie 35 

Erbrechen, hysterisches loa 

Erektion aa; u. Autotomie 4g: kalte iiD 

Erus ; u. Destniktionstrieb 196; u. Todes- 
trieb 152 

Erregung, SückstrSmen der 25 

Erwartungsangst 68, 7g, 96 

Erwartungslust 68 

Erythrophobie 15, ig, 33; Erröten bei 
63 f, 102; Exhibition 64; u. Homo- 
sexualität 167; u. Onanie Sg 

Eunuchen 155, 191 

Exhibition 64 

Jtedem, P. 39, 153 

Fehltdentifizierungen 123 

Feldmann loi 

FeUatio 142, 183 

Feminismus 122 

Ferenczi 25, 5a, 40, 49, 95, log, 105!, 
HO, 129, igg, 180, 184, l87f 

Plegeljahre, Charakter der 154 

Flitterwochen J78 

Forel, Aug. 30 

Frauenbewegung 186 

Freud 7 ff, 10 ff, ig, iG, 2g f, 32, 35 ff, 
44, 58f, 6iff, G4, 66, GS, 7jf, 90,94^, 
98, 100, io3, io5f, igi, igj, 136, 138, 
143 f, 148 f, 15g ff, 158, i6af, 168, 
175 f, 178, 181, i83f, i86f, 192 



Rcgiste 



Frigidität u. FhanUsie 182; u. Sulili- 
mieniiig- in der Ehe 175?; Therapie 
4a ; bei weiblicheia Zwangschajrakter 
>iif 

Frikticiu 25 j u. Ejabulation 140 

Fnistrane Erreg img 78 

Fürbiing-er eS, 17^ 

Fugueiustand 153 

Punkt i onshemmuiig u. Genitalfuiiktion99 

Furckt u. narzißtiache Ich-Besetiun^ q6 

vrebttrtsangst 89 

GeburtspliaiitaEie 83 

Gefahr ; motürische u, vegetative Re- 
aktionen 90; Reaktionen auf — u. 
Angst 92; reale Besetiimgen bei gi 

Geg^eubesetiung lä 

Genital u. sexual 13 f 

Genitalangst 146 

Genitale Stufe; u. Urethralerotik 143; 
u. Analität 14a 

Genitalfunktionsstörungen ; u. Neurose 
14 ff; u. Funttiojishemmujig gg 

Genitalität; Abstumpfinif»" der u, Mona- 
gamie ijßf; W. DeBtrnklJmjstrieb 158; 
u, erotischer "Wirklicbkeitssinn 187; 
der Frau u, Potenz des Gatten ija; 
Genese der (Rant) 137 f; Grund- 
elemente 150 f; u. Kastrationsangst 
159; normale 141; u. Orgasmus i5of; 
des Proletariats 1 69 f; u. Über- Ich 14 

Genitallibido ; u. Abstinent 191; u, De- 
struktionstrieb 196; u. Kastrations- 
angst 196; u. orale Libido (Rank) 156 

Genitaltheorie, analytische ijsff 

Genitalzone u. Leitzone 1135 

Gewissensangst 158 f 

Globus hysteiicus 102 

Goethe igo 

Grofistadtmenscb, neurastfaenischer 190 

xXamtränfeln 56, 115 

Hemmung 78 f 

Herz, Symbolik 6g 

Heriaffektiom bei Angst u, vegetatives 

Nervensystem 67 
Herzangst u. Realangst 8 g 
Heriirritation. Tl. Angst 66 
Heraieurose; u. Angst 88 f; u. Libido- 

staunng 6£ 
Hitschinann, Ed. 15 
Hit'iegefülilc S4f 
Hodiieitsnacht, Psychologie der 1^8 



Homey, Karen I45f, 148 
Homosexualität 51 ; u. Btirschenscbaft 

i€6f;ii. genitale Spaltungen 167, 175; 

in der monogamen Ehe 182 
Hjpästhesie 140; vaginale 51,41 f, 105, 110 
HyperästKetiiismas :o8 
Hypermoral 108; religiöse 162 
Hypochondrie 95; Libidostauung Gg 
Hysterie; mit hypochondrischer Angst 

81 ff ; Kastrationsangst hei 109; u. 

Peniswunsch 145: Sadismus bei i57f 

-Ich -Besetzung, narzißtische u. Furcht 96 

Ich-Ideal, sadistische» »57 

Identifizierung 156; u. Akme S5 

Immiasio 2g; 11. Klitoris 33 

Impotentia ejaeiilandi 40!; u. Analität 140 

Impotenz 14, gg; hysterische 103 IE; or- 
gastische 25 f, 30 f, 41 £, 105; partielle 
erettife 105, loS^ u. Phantasie l6f; 
iwangsnenrotische 106 ff 

Impoteniangst 104 

Individxialpsychologio 61 

Infantilismus 122 

Inreti Sekretion n. Libidotheovie 67 

Irrigation 115 ff 

•/ekels, L. 149 
Jokl, R. H. 18 
Jones, E. 59 
Jimg, C. G. 1B8 

JVälteiittem S5 

Kampf der Geschlechter x8S 

Kastration; n, Defloration 178; a, Eja- 
kulation 49; n. Orgasmus 45, 14« 

Kastration sangst 139; u. Aktualangst 77; 
u. Angstaffekt 95, 96; u. Genitalangst 
146; u. GenitsJlibido 196; u. Libido- 
stauung 88; u. neurotische Angst 88; 
u. Peniswunsch 8g, 146; u. Schuld- 
gefühl i59;Ti.Vat«rideiiti{izier\mg 146 

Kastrationskomple:if; des Mädchens u. 
Kindeswnnscb 144 f; u, Ödipuskom- 
plex beim Mädchen 135, 144 

Katantnesen nach Analysen 194 

Kehrer 18 j 

Keimplasma tl Außenwelt 62 

Kephalie 1« 

Kinderreichtum, u. Ehe 174 

Kindeswunsoh u. Sexualwunsch 175 f 

Kleptomanie 180 



Registe 



Klimakterium 14; u. A^gressiTität 155; 
u. Libido 71, 191 

Klitoris u. Immissio 23 

Klitoriserotik; u. Mutteridentifiiierung 
148 f; u, Objekttyp der Polygajnie 
i8s; u. Pubertät 148 f; ii. vaginales 
Primat 149; Verschiebung' der 149 f 

Klitorisoname ; 11. Peniswunsch 144; u. 
weibliche Zwangsneurose 147 

Koitus; anale Auffassung 45; Angst vor 
32'; bioanalytisclie Deutung 159!; 
Dauer 34; intenuptus 85, 58, 71 ; 
Muskelk ontrakti onen, un w illkürliche 
24; normaler u. Abstumpfong 18*; 
onanistischefr 22, 3 1 f, 41 ; Phänomeno- 
logie des 21 ff; Reiisteigemng 25ffj 
Retraktion 23 f; Schlafbedürfnis nacli 
26; sensorisches u. motorische» Er- 
lebnis 26 j Sprechen während 23; 
a tergo l8g; Unterbrechen 24f; Ver- 
halten, während iSjf 

Kcinflikt, neiirotischer 1 1 ff ; u. somatische 
Libido Stauung 63 

Konversion 91, looj tu Genitalsymbolik 
loi; orale tu anale Zone bei 102; 
u. Muskulatur 105 

Koiiversionshysterie u. Angsihysterie 100 

Kovics, V. 103 

Krafft-Ebing 30 

Kronfeld 13 

Kultur;ti. Destruktionstrieh des Menschen 
162; U. Siimlichk eil 191 

Iflbido; u, Angst 58 f; Absättigung 184; 
11. Deslruktionstrieb 155 f; Klebrig- 
keit der 184; u. Klimakterium 191; 
Labilität der 184; nariißtische 91; 
jisychogenitalc 150; somatische 150 

Lihidostauung gf; u. Aggressivität 155; 
u. Aktualangst 88; bei Angstneurose 
63; n. Befriedigung 1 8 ; u. charaktero- 
logische Hemmung jSf; \i. Destruk- 
tions trieb 152 f; Entstehung fjff', u. 
Herzneurose 66; bei Hypochondrie 63 ; 
u. Kastrationsangst 88; u. Klimak- 
terium 75; bei Neurasthenie 65; u. 
Ödipuskomplex 79; tuPsychoneurose 
79; u, Reiidivefähigkeit 76; somati- 
sche 6if; u. Zwangsneurose 106 

Libidotbeorie tu Inneasekretion 67 

Liebermann 150 

Liebesleben; Erniedrigung des 166; der 
Gesunden u.. Kranken 188 



Löwenfeld 26 
Lust-Unlustpiinzip 6i 
Lustprämie 62, 175 
Lutemhacher 67 

jVl-ädchen ; Mutteridentifizierung u. Kli- 
toriserotik i48f; Objektwahl 145 f; 
Penis wünsch u. Kind eswun seh 148 ; 
u. vaginales Primat 149 

Männlichkeitskomplex i44f; u. Penis- 
wunsch 144 f, 146 f; u. Vateridenti- 
fizierung 145; u. Mutteridentjfizie- 
rung 145 f 

Männer Staat 167 

Magische Geste 150 

Masochismus, religiöser 162 

Masse u. Brutalität 170 

Meisel-Hefl, Grete 186 

Menstruation; u. Aggressivität 154, 158; 
u, Depression 154; u. Libidosteige- 
mng 155 ■ 

Meteorismus 36 

Minderwertigkeitsgefühl u. Polygamie 
182 

Moll 50 

Monogamie; u. Abstumpfung der Geni- 
talität 176 ff; Folgen der 177 f; «. 
Narzißmus n. Sadismus 180; u. Poly- 
gamie 181 

Müller 70 

Multiple Persönlichkeit 176 

Muskulatur n. Destruktionstrieb 15g 

Mntismns 102 

Mutteridentifiiierung; tu Vateridentifi- 
zierung 146; im Ich 14g 

Mutterleib =phaTitasie 89 

Mutterleibsregression 25, 49 

Mutterleibsselmsucht 195 

Narzißmus; u. Polygamie 182; u. Ure- 

thralerotik 125 f 
Nassauch 177 
Neurasthenie; hei Abstinenz 38; akute 

55ff; u, Angstneurose 58; chronische 

35 f; u. Destruktionstrieb 153; u. 

Libidostauung 6g; u, Onanie g6 
Neurose; u, Geni talfunk tionsstörungen 

14 ff; u. Potenzstörung I4ff; u. Sub- 

limierung 194, 
Nikotinintoxikation Gg f ; u, Angst 65 f, 88 ; 

Tachykardie 65 f 
Nymphomanie 51, 50 ff 



204 



Registet 



ObjektUebe, genitale; u. Brutalität iS8f ; 
n. Ehe 175 

Objektwahl, Heterosexuelle; des Knaben 
143; des Mädchens 1431, 147; n. Po- 
litik. 169 

Obstipation 56, 102, 114, 122 

ö ä iptiskomplex ; u. Destruktionstri eb 1 54 ; 
u. Kastrationskomplex beim Mädchen 
155; u, Libidos tauun^ 79 

Onanie 51, 63; u. Angst 50; Erregun^s- 
ablaüf 19; exzessive 38 f; u. Hypo- 
cbondrie 40; Irritation de» Nerven- 
systems 40; an der Klitoris 41; lar- 
vierte 105; n, Neurasthenie 56; ti. 
Phantasie ij; u, Sclmldgeiühl 59 f; 
II. totale Abstinenz lag 

Oaanieahwehr u, Angst 82 

Onanieäquivalente 105 

Organlibido, nariißtiscTie u. Schreck- 
situation QU 

Org-anotlierapie u. Psychoanalyse 198 f 

Organspracbe loo 

Orgasmus; u. Aktualneurose 9; u. Angst 
vor Strafe 56; Angst Tor 431, 46 f; 
u. Arbeits Störung iS8; der Pra« 165, 
171 f; n. Hemmung 55; Hinnnterfallen 
beim 47; n. Genitalität i5öf; u. Ka- 
stration 45, 140; Miterleben des Part- 
ners 148; als physiocbemiiche Auf- 
frischung Ji; tt. Prostituierte 1:71: 
protrahierter 185; n, Sexualspannung^ 
21; u. Sublimierung i88f; vaginaler 
u. Sexualgenuß 139; Veränderung der 
ErregungskonieiitratJou 70; Verspät 
tung beim Weibe &S f ; Zersplitterung 
31. 3+ 

■Irans ejcualismus 12 

Partiallriebe; u. genitales Primat 142 f; 
u. Libidoent Wicklung 156; u. Ver- 
drängung 144 f 

Penise Brust 12s, lagf 

Penishypästhesie 110 

Penisneid 144, 

Penis wünsch 85; bei HjTSterie 145; u. 
KastratioMs angst 85, 14,0; u. Kindes- 
vrmiscK 148; u. Klitorisonanje 144; 
u. Männlichkeitskomplex 144, 146 f', 
bei Zwangsneurose 145 

Pballische Phase 15g 

Phantasie; -n. cjaculatio praecoi 126; u. 
Frigidität 182 f; u. Impotenz 16 f ; 
U.Onanie 17,44 f;u. orgast. Poteni 27 f 



Phobie 59 f 

Politik IL Objektwahl 16g 

Polygamie; in der Ehe 181 f, 186; u. In- 

lestverbot 181; u. Klitoriserotik 182; 
u, Minderwertigkeitsgefülvl 182; n. 
Monogamie i8i; u, NarziiJmiis 18» 

Potenz, fakultative; n. Geschlechtsakt 
20; orgastische 18 ff, 27 f; Herab- 
Setzung 51, 10g; u. erektive Impo- 
tenz 3a f; «. Phantasie 37 f; vagi- 
nale 4z fF 

PotenzstÖrurjg ii. Neurose 14 ff 

Primat genitales u. Partialtriebe 142 f 

Prägenitale Anfriebe u. Sublimierung 
189 

Proletariat; Brutalität tjo; Genitalität 
169 f; sexuelle ATisprüche 17g 

Prostituierte ; u. Orgasmus 1 7 1 ; u. bürger- 
liche Sexualmoral 165 

Psych agogik 193 

Psychoanalyse; u. Organotherapie 198 f; 
als Synthese 192 

Psychoneurose; und Aktualneurose 78 f; 
lt. Libido Stauung 7 g 

Fnbertät 175; Charakter 154; u. Klitoris- 
erotik 148 

Pubertätsonanie 32 

Pulsbeschleunigung; u, Herzdilatation 
68; beim Sexuälait 69 

Pyloro Spasmus 102 

JVaekc 180 

Rank 89, 135 ff, igSf, j8i 
Rathenau 16g 

Kealangst; u. Aktualangst 90; u. Herz- 
angst 89 
Realitütsfäbigkeit u. Ehe 174 
Realitätspriuiip 6ä 

Reich, W. 7, 11, 30, 35, 102 f, 133, 134 
Reik. Tb, 162 

Beligion u. Zwangsneurose 162 
Resignation, sexuelle u. Rezidive 197 
Rezidive u. sexuelle Resignation 197 
Re^idvvefähigkeit 11. Libidostauung 76 
Rotbberger 6*7 

Oadger 153 

Sadismus; Entstehen 157; u. Homo- 
sextLalitSt i6fif ; u. Zwangsneurose u. 

Hysterie i57f 
Satyriasis gl 
Saugen tt. Küssen 141 f 
Sclilafbedür&iis nach Koitus 2S 



Itegicter 



Schilder, P. 95, 151 

Sclur«cksitua.tion u. narzifitiscbe Organ- 
libido 92 

Scliuldgefiihl; lu Angst 195; u. Kastra- 
tionsangst 159; o, Onanie ggfjiuStraf- 
ang«t 158 f u. Strafbediirfiiis 57: u. 
Zwangsneurose 10g 

Schwalbe 179 

Seif 51) 

Sekuniifirer KTarkheitsyewiim 6of 

Selb Stil estrafung 56 

Senium u, Aggressivität 155 

SexualaiTekt 91], f; ti. Oj-j; an Sensation 95 

Sexualakt, Deutung (Rank) 138 

Sexualb efriedigung ; u. Sutlimierung 18 g ; 
u. analytische Therapie I97f 

Sexualchemismus 197 

Sexualen- egiiiig; u. Angst 7a; u. auto- 
nomes Kej-vensy Stern 68; U. Destmk- 
tionstrieb 1J7; u. genitales Organ- 
system 69; u. kardiales System 69; 
Phasen der 70; u. System Bw 72; 
u. vasomotorische Erscheinungen 68f 

„Sexualgewolmhnit" 180 

Sexualität ; Spaltung der in der Ehe 171 ff; 
u. Aggreasivität 17g 

Sexualmoral; bürgerliche u. Askese i6g; 
u. Prostitution 1. 65 ;u. Ehebruch i64f; 
u. Orgasmus iG5;u. Monogamie 176; 
U, Verm ännlichung der Frau 166 

Sexualneurosen (Kronfeld) 15 

Sexualpsychologie «. Soiiologie.i7of 

Sexualwunsch u. Kindcswunsch 175 f 

Sinnlictkeit u, Kultur 191 

Somatisclies Entgegenkommen B^ 

Soziologie u, Sexualpsychologie 170 f 

Spaltungen, genitale u. Homosexualität 
167 

Spermatorrhoe 36, 115 

Stekel,W. iG, 32, 55, 59, 10g 

Sterilität 101 

Stiegensteigen, Symbolik 48 

Stigmata, hysterische 105 f 

Strafangst u. Schuldgefühl ijSf 

Strafbedürfnis u. Schuldgefühl 56 

Strindberg 177, 186 

Sturxträume 48 

Sublimienmg; n. analytische Therapie 
197 f; u. destruktive Aggressivität 189; 
n, Frigidität in der Ehe 173!; u. Neu- 
rose 194; u. prägenitale Antriebe 189; 
u. Sexualbefriedigung 189; triebhafte 
Elemente der 189 ; u. Verdrängung 1 87 



Symptom; in&ntile Wurzel 6c; Konflikt 

98; Minus- u, Plusfunktionen 99; 
psychischer Sinn 60; Quelle 61; 
Zweck 60 f 

J.abu; der Berührung 145; der Erektion 
108 

Tachykardie 63, 65 

Therapie, analytische; u. Aggressivität 
195; Beseitigung d. Angst u. d, Schuld- 
gefühls 195; u, Libidos tauung 195; 
Neuordnung d. Triebe 192; u. orga- 
stische Potenz 19g; K, äußere Schwie- 
rigkeiten igGf; u. Selbstbestimmung 
iggf; u. Scxualbefriedigung 197 f; u. 
Sublimierung i97f; u. sexuelle Resi- 
gnation 137; Ziel 192 f 

Tic, psychogener 105 

Tiere, kastrierte 155 

Todestrieb; u. Eros 152; u. senile Xnvo- 
Intion 155 

Trieb; u. Affekt gsf; u. Erlebnis 15g 

triebhafter Charakter; Angst bei 98 f; in- 
fantile Sexualität i$j', Versagung, 
HaQ u. Ambivalenz 156 f 

Triebmiscliung, oral-genitale 10g; anal- 
genitale 10g 

Triebobjekt 6if, 133 

Triebpsychologie 61 

Triebziel 61 f, igg 

Üler-Ich u. Genitalit&t 14 

Unruhe, motorische 15g 

Untreue u. Ehe 185 

ürbact 26, 30 

Urethral erotik ; u. Analität 142 ; u. eja- 

culatio praecox 140, 142; t. ejaculatio 

ante portas 142; u. NarzLQmus izg 
Urinieren u. Analität 139; u. ejaculatio 

praecox izsf 
Urtikaria 85 f, lao, 102; u. Angst 87; u. 

genitale Erregung 86 
Umarzifimus, Regression zum 90 

V aerting 50 

Vaginismus xoi 

Vasomotorische Neurose 7g il; u. Angst- 
neurose 65 f, 71; u. hysterische Me- 
chanismen S4 

Vaterideatifizierung; u, Kastrationsangst 
146; n. Mutter identifiiierung 146; 
positive 12g 



Register 



Vegetatives Nervensystem; ii. Affekt 95; 
u. Herzaffektion bei Angst 67; u, 
coitus interruptus 71 

Velde, van der 177 

Verdrängviiig la; n. Angst 88 j u. Partial- 
triebe 1+2 f; u. SublJmierung 187 

Vergewaltigungspliantasien az 

VermäunLicliitng der Prau w. Seiaal- 
moral 166 

Versagung; u. Ag^essivität 157; u. De- 
struktion str Leb iGa; u. Haf] n. Ambi- 
Talent 156; u. Mentifiiierung 156 

Verweiblichtmg des Mannes 186 

Vorlust 34, 

Vorius takte 15, aif; u, Munderotik 143 

AAraaidertrielj 153 
Weininger, Otto i8s 
Weltkrieg; Brutalität des n. verbildete 
Genitalität 168 

WirMicbkeitssinn ; erotischer 18G ff; so- 
zialer 186 II; u. Genitalität 187 



Windverhalten n. anale HiecMu^t 118 

WÜEScbe; genitale u. prägenitale 159: 
u. Mutterleihsselmsucht 15g 

■Wahlzwang 110 
Zittern 65 

Zwaags Charakter, weiblicher; Angst bei 
11*; XL. Frigidität »11 f; u, Hysterie 

US 

Zwangsgrübeln 5g f, 80, 110 

Zwajigsnpi]rosc 35 ;u. aggressive Abwehi 
108; u, Angst g8, log; u. Depression 
107; u. ejacultttio letaidata 110; u. 
genitale Gefahr 108; u. erektive Im- 
poteni 108 f ; u. Kampf gegen Impo- 
tenz 109 f; u. Lihidustaunng 106; u. 
orgastische Impoteni 110; u. Penis- 
wunsch 145; ÄeaktionsbUdungen 106 ; 
Religion 162; Sadismus 157 f; Schuld- 
gefühl log, 159; weibliche u. Kli- 
toris onanie 147 

Zwangssymptome u. Plusfunktionen 106 



JSIeue Arbei 



tlicnen Jrs veno anal" 



eiten zur arztltcnen JTsycJioanalyse 

Heraujgegeoen von Prof. JJr. Si.^xn. Freud 



Früte 



r ersc 



hie 



uen: 



I) S. FERENCZI und OTTO RANK, Zntwickluns^^UU der 
Psycnoanalyse. Zur W^ecnseltezieliuivg Ton TLeorie una Ptaii*. 
Geheftet M 2'So 

Atu dem Bilde, das beide Autoren in gemeinsamer Arbeit entworfen, wird sich nicht nur dem ausübenden 
Analytiker, sondern m hohem Maße auch dem ■vv-issenschaftLich und allgemem an der PsychoHnalyse Inter- 
essierten eine Fülle yaii Hinweisen ergeben . . . Die eingehende kritische Darstellung dessen, was luater einer 
Analyse verstanden wurde und wird, kann van fraDem Interesse sein. (Zeli$daift für Sexaslaiitttw^ft) 

nj KARL ABRAHAM, Versuct ^iner Entwictlitn^sjesctichte Jet 

Ijiijido aul Grund der Piycnoanalyse iceliscnei' Störungen. Gehefiet 31 yjO 

Jeder Sati der in pra^antem Stil geschriebenen Abhandlung trägt die XeicheTi langjähriger und mühsamer 
praktischer Arbeit an sich; die eingestreuten Bruchstücke ans Krankengeschichten üheraeugeji nicht nur völlig 
vofn der empirisch-klinischen Natur aller Be-hauptungcn, sondetn sind in ihrer Kürae und Prägnanz aucb 
Meisterstücke psychoanalytischei Darstellungskunst (IniimatimtaU ZttUchrift für PsyduHouäytti 

m) OTTO RANK, Eine Neurosenanalyse in Träumen. Geheftet Mf — 
Diese „Heilungsgeschlchte" einer ZwangsneuroSB ist -wohl die detailUerteste Psycho analyse, die publiziert 
worden ist, und als solche ein wichtiges Dokument (Prof. Blailtr in der Münshner Mei. Wachmsch!^} 

Einen so ausgezeichneten Traomforscher und Symholikkenner wie Kank sieht man hier in virtuoser Welse 
der Kranken in »50 Stunden ihre Xräumc nur hinsichtlich ihrer SymbcLtk und der „psychoanalytischen 
Situfttton" deuten. ' (Hüithmarm In der InieTtatUinaXtn ZäistSrFifi für Piychoioullyse) 

IV) HELENE DEUTSCH, PsycKoanalyse der -vcitliclien 5exual- 
i unkt Ionen.. Geheftet M y^O, Garudeinen M J' — 

Inhalt: I. Einleitung. — II. Infantil« Sexualität des Weibes. — ITL Der MMnnlichkeltikomplex des Weibe«. ~ 

IV, Differenzierung von Mann und Weib in der FortpflanÄUngäperiode. — V. Psychologie der Pubertät. Die 
erste Menstruatinn. Typische Menstruationsbeschwerden. Schwierigkelten der Pubertät. Typische Pubertät»- 
Phantasien. Triebschicksal in der Pubertät. — VI. Der Deflorationsakt — VIL Fsycholcgie des Seitualaktes. — 
VIII. Frigidität und Sterilität. — JX. Schwangerschaft und Geburtsakt. — X. Psycholcgie des Wochenbettes. — 
XI. Laktation. — XII. i>as Klimaktetium. 

V) ^WILHELM REICH, Der trletKafte CKaraltter. Eine psyclio- 

analytisclie Studie z\iT Patliologic des Icli, GeheftetM4'jO, Ganzleinen M 6' ^- 
Aii Hand eines recht seltenen lytatcrials von triehhaften Psyidiopathen gelang es Reich, in die Entwicklung 
ihres Ichs, speziell in die genetischen Bezfehnneen Vom IisJt Hnd Übfir-Icb, interessante Einblick« zu gewinnen - . . 
Die Beschreibung dieser Beobachtungen und der Gedankengang, der aus ihnen theoretische Schlußfolgerungen 
zieht, wird durch zahlreiche erläuternde und interessante Exkurse auf Nebenthemen unterbrochen, die wjfr 
etwa dl« Beschreibung der geschlechtlichen rtFehlidenllfisierungcn'', an Bedeutung hinter dem Hauptinhalt 
des Buches nicht zurückstehen. (Intsrnatienale Zeitschrift für Psychaartätysi) 



Internationaler Psycnoanalytiscker Verlag 

^en VII